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„Nur ausgeglitscht! Da seht doch die Näß am Boden. Untern Tisch trink lw euch grünes Volk, noch allzusammen."
Und würdevoll schritt er zur Tür, aber hielt sich doch vorsichtig nahe der Wand.
Ein paar Minuten vergingen wieder in Lachen und .Schwatzen. Doch da rief Uebach ungeduldig:
„Wo bleibt denn der Hannes mit seinem Burgunder? Geht doch mal eins Nachsehen!"
Einer der Kumpane verschwand. Nicht lange darauf kam er wieder und winkte lachend schon von weitem:
„Dunnerlittchen, den Hannes hat's gepackt! Der liegt im Keller — voll wie 'ne Haubitze."
Ein brüllendes Gelächter. Dann schlug Uebach auf den Tisch.
„Kerls, das müssen wir sehen/' Er sprang auf und mit ihm die ganze Runde. Lärmend polterten sie hinaus, auf den Flur und die Kellertreppe hinab. Die Hunde hatten sich mit ihren Herren erhoben. So auch Diana, Reuschs brauner Setter. Mit den ersten lief sie nun die Stufen hinab.
Ein Halbdunkel herrschte in dem weiten Kellerraum. Nur schwach gelichtet von der am Weinverschlag aufgehängten Laterne. Aber jetzt hatten sie den Hannes entdeckt. Da lag er ja, gerade vor ihnen — unterhalb der letzten Stufen. Und wieder dröhnte ihr wildes Lachen auf. Dumps scholl es in dem kahlen Gewölbe zurück. Fast schauerlich.
„He — Hannes! Altes Weinfaß — sollen wir oich etwa raufrollen die Trepp'?"
Und in seiner wüsten Zecherlaune wollte Uebach dem guten Kumpan scherzend einen Stoß mit den: Fuß geben. Aber Diana, die inzwischen an den daliegenden Herrn nahe herangekommen war, mit vorgestreckter Nase, heulte plötzlich auf und wich zurück — den Schwanz zwischen die Beine geklemmt.
Der schrille Anastlaut des Tieres fuhr allen durch Mark und Bein, selbst in ihrer Trunkenheit. Uebachs schon erhobener Fuß zuckte zurück.
. „Gebt doch mal die Laterue da her!" befahl er. Aber ferne Stimme klang merkwürdig unsicher. Totenstill war es mrt eurem Schlage geworden. So umdrängterr sie den Hannes, der stocksteif lag, ohne sich zu rühren. Ganz unheimlich war es. Und dazu immer das leise Heulen des sagend ~ langgezogen, im höchsten Ton. So schauerlich
Einer hatte jetzt die Laterne drüben vom Nagel gehoben und brachte sie her. Aber er leuchtete nicht selber. Dem Uedach-Fvitz gab er sie weiter. Der nahm sie und beugte sich über den Liegenden. Nun fiel der Lichtschein voll auf sein Antlitz. Im selben Moment ein Klirren der Laterne. Jäh streckte sich die Linke Uebachs aus.
„Da!"
Aller Augen folgten der weisenden Harid und rissen nn gleichen Moment sich weit auf: Dort an der unteren Schlafenseite des Hannes eine kleine, dunkelrote Spur — hinab zu den Steinfliesen des Kellers.
Aschfahl stand Uebach da, das Kinn schlaff herabgesunken. Verflogen wie Dunst aller wilder Zecherübermut Statt dessen ein dumpfes, zu Boden schmetterndes Gefühl, das ihm jeden palt nahm. Und so ging es ihnen allen. Wie ein grauenhaftes Warn- und Strafgericht lag da der starre, leblose Leib des Mannes, der noch vor wenigen Minuten gelacht und gescherzt. ^
Und scheueschlichen sie sich davon, aus dem Keller und
dem Hause. Als wäreii sie mitschuldig an dem ver- ^ - en c en P c - k°- rt ' K^run, daß der Uebach-Fritz noch ihrer zwer fand, die ihm halfen, den Verunglückten hinaufzutragen. Er war doch nur ein kleiner Mann, der Reusch- Hannes, aber was er schwer geworden war mit einem Male, nun er ihnen so steif und reglos in den Händen lag, mit niederhangenden Armen. ^
So schassten sie ihn ins Gastzimmer und betteten ihn auf dem Sofa. Dann standen sie eine Weile und sahen sich an, verstört und ratlos.
„Es müßten's wohl wer den Frauensleuten sagen."
Einer meinte es endlich, aber sie sahen einander nur an. Keiner mochte derjenige sein. So blieb es bei Uebach . ß?“) "Es übernehmen — aber nicht jetzt, mitten in
o^^Nacht. Ich will's ihnen schonend beibringen — morgen
g«w°nn-n°zu^be!t^' Wenisftenä bie f e Galgenfrist, noch
Da gingen auch diese letzten drei noch. Ganz allein und verlassen lag der Reusch-Hannes in dem weiten Raum§ in dessen Winkeln es rwch hing wie ein jäh abgerissenes. Lachen. Nur die Diana hatten sie bei ihm gelassen. Die aber verkroch sich unterm Sofa, ganz weit nach hinten, und winselte kläglich vor sich hin. Sonst war es still in dem plötzlich verödeten .Hause — totenstill.
Drüben, in ihrem Zimmer, lag Marga Reusch. Lange hatte sie am Abend noch wach gelegen. Das lvilde Lärmen aus der Gaststube vorn verscheuchte den Schlaf. Aber end-, lich war er der Uebermüdeten doch gekommen, und um so tiefer nun.
Erschrocken fuhr sie daher jetzt von ihrem Lager empor, als eine Hand sie berührte, ihr mitten in das Gesicht tastete.
„Wer ist da?"
Und sie griff zum Licht aus dem Nachttischchen, nrit bebenden Fingern.
„Ich bin's."
Aufatmend unterschied sie die Stimme der Großmutter^ und das entflammte Zündholz zeigte ihr die alte Frau^ angekleidet, im Morgengewand.
„Was ist denn, Großmutter?" Die Augen halb schließend vor dem plötzlichen Licht, sah Marga zu der Blinden hin. „Ich hatte gerade fest geschlafen — endlich!" „Geschlafen? So warst du es also nicht, die klopfte?" „Klopfte? Wo denn?"
„Bei mir an der Tür. Eben vor ein paar Minuten." Ein Kopfschütteln Margas.
„Ich habe mich nicht aus dem Bett gerührt."
„Aber ich hörte es doch. Dreimal klopfte es — ganz laut und deutlich." °
„Dn wirst geträumt haben, Großmutter."
„Ich hatte ja noch kein Auge zugetan. Wegen des Lärms drüben. Also warst du es doch nicht! Aber was war es dann? Magri — ba3 Pochen war so eigen."
„Ja, du lieber Gott, was soll es denn nur gewesen sein?"
Und mißmutig drehte sich Marga Reusch vom Licht ab, nach der Wand zu. Sie schloß wieder die Augen.
(Fortsetzung folgt.)
ker vrief.
Von Ann etteLang er - Ulm.
Erst hatte sie wochenlang auf eine Antwort gehofft, war jedesmal unruhig geworden, wenn die Zeit kam, wo der Briefträger anläutete, hatte dann bei dem ersehnten Glockenzeichen die Tür zum Vorzimmer aufgerissen, bis sie erst geneckt, dann gescholten worden war. Da hatte sie dann nur noch mit ängstlich erwartungsvollen Augen von ihrer Arbeit aufgesehen, wenn jemand, nach dem bewußten Klingeln ins Zimmer trat.
Dann hatte sie geglaubt, er müsse krank sein, und hatte zu vergehen getrachtet, dav schon früher die Intervalle zwischen ihren und seinen Briefen immer länger und länger geworden waren.
Und dann hatte sie nichts mehr gehofft und nichts mehr gefürchtet und war mit diesem schmerzlichen Krampf in der Brust, me, me aussetzte ruhelos durch Tage und Nächte gegangen, hatte gefühlt, wie ihre Liebe imrner mächtiger unter diesem schmerzlichen Krampf wuchs, und hatte sich vor den andern so geschämt.
Vor allem hatte sie die qualvolle Angst, daß jemand etwas davon merken wurde. Tagsüber kümmerte män sich, Gott sei Dank nicht um einander, jeder dachte nur an seine eigenen Angelegen- heiten, und während der Mahlzeiten wurde sie ungeheuer gesprächig, so daß nieniand bemerkte, daß sie kaum etwas aß. Es tchtete jie wttlhe, das wenige hinunterzuwürgen, es war, als säße ihr ganzer Jammer in der Kehle und hielte sie fest zusammen- ge krampst.
, .. m i x ihre Natur wehrte sich gegen diese uferlose Trostlosigkeit und schuf ftch in ihrer Einbildung eine Insel, auf der sie nun Tag und Nacht lebte. Sie begnügte sich nicht mehr damit, wieder und wieder das Stückchen Weges zu betreten, das sie zu^ sammen gegangen waren, ganz gegenwärtig, wie körperlich seine *“?8 en ' J e i ne ,a & en Kopfbeweaungen vor sich zu sehen, es zu suhlen, datz er m chre Nähe kam, darunter zu erschauern, wenn er ihr m die Jacke half und seine Finger ihre Wangen streiften. Sie sah sich allem iM dunkeln Zimmer, fühlte unter schwerem! Pochen, wie er in der Türe stand, hereintrat, hörte ihrer beider, befangene Stimmen, empfand das langsame widerstandslos zw- einander gezogen werden, fühlte seinen Arm um sich geschlungen, seinen Mund auf den ihren, zitterte und glühte darunter, und eI war doch me gewesen. Oder: er würde sie aus dem Theater nach Dause begleiten, wett das Dienstnrädchen lieber eigene Wege ging, als sie abzuholen, und er, wie von einer Glücksahnung getrieben.


