Ausgabe 
17.11.1915
 
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Sie waren gerad' der rechte Mann für sie und sollten sie heiraten."

Nun, Mutter Rcusch haben Sie denn solche Be­denken gegen mich?"

Nicht gegen Sie, lieber Herr Bertsch. Aber gegen eine Ehe zwischen ihnen beiden."

Und warum das?"

.Ja, sehen Sie die Marga hat gar so ihre eigenen Ansichten über das Heiraten. So ganz anders, als Mädchen sonst. Was sic sucht in der Ehe, das ist ja nicht das Glück."

Was denn sonst?" Und er horchte auf.

Ihr Leben möcht' sie genießen, so recht nach Herzens­lust. Dazu soll ihr die Ehe taugen."

So dazu also?"

Ja, und darum spreche ich offen zu Ihnen. Und weil ich es gut mit Ihnen meine, lieber Herr Bertsch. Die Magri hat ja wohl etwas an sich, das; sie einen Mann leicht an sich ziehen kann. Aber es war' nicht Ihr Glück. Sie brauchen eine andere Frau. Und die Magri einen andern Mann. Denn so einen gehorsamen Sklaven, lvie sie ihn sich wünscht, den täten Sie doch nimmer abgeben."

Allerdings wohl nicht."

,,Das weis; ich doch. Und so gäb's denn eine Ehe voller Unfrieden, von früh bis spat. Das Hab' ich der Magri auch schon alles gesagt; aber sie hat's sich einmal in den Kopf gesetzt. Und das Mädel hat so was ich fürchte manchmal ordentlich für sie. Sie könnt's fertig bringeil mit ihrem heißen Blut, mit irgendeiner Unüberlegtheit ihren Willen dnrchznsetzen. Es geradezu abzulegcn daraus!"

So trauen Sie ihr das zu?"

Leider Gottes ja. Und darum, lieber Herr Bertsch, sage ich Ihnen das alles. Sie sind ein ruhiger, verständiger Mann. Wenn's jemand anders war', ich tät's ja nimmer Denn es könnt' dem leihen jungen Ding dann erst recht zum Schaden sein. Aber Sie "

Mja -"

Bertsch wandte den Kopf, trotzdem die lichtlosen Augen vor ihm ihll ja nicht zu erkennen vermochten. Aber dann erhob er sich unvermittelt und tat ein paar Schritte. Ein Gedanke kam ihm plötzlich. Hohnvoll grausam. Wenn das gestern abend vielleicht gar kein Zufall war?

Wild schlug sein Herz aus.

Doch da vernahm er wieder die Stimme der Greisin.

Nicht wahr? Sie verstehen schon alles recht, lvas ich Ihnen gesagt habe?"

Gewiß gewiß."

Aber ein Beben war in seinem Ton. Und null drehte er sich um, mit einem Ruck.

Das beste ist, ich spreche einmal selber mit ihr gleich!"

Wie - mit der Magri?"

Doch! Es ist entschieden das Richtigste. Das gibt Klarheit zwischen uns mit einem Schlage!"

Und noch ehe die alte Frau ein Wort erwidern konnte, war er schon aus denk Zimmer.

Drunten auf dem Flur traf er aus das Mädchen und fragte nach Marga. Die Magd verschwand und kam wieder. Das Fräulein werde gleich kommen. und sie ließ ihn schon mmer ins Familienzimnier ein treten, wo sie Licht machte, -l.n nur schlecht verhehltes Lächeln, zudringlich und ahnend. Vielte ihr dabei um den breiten Mund. Eine Röte rrat hm da auf die Stirn. Scharf schallten seine Schritte durch das stille Gemach. Am Fenster blieb er stehen, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

..Dann verließ ihn die Magd. Draußen war es in­zwischen völlig dunkel geworden. Doch der Mond war sicht­bar, zwischen dunkeln Wolkenschleiern. Sein Silber rieselte in den Garten. Weiß schimmerte es dort ans dichtem Busch­werk auf. Da zuckte Bertschs Auge zusammen: die Bank unter dem Jasminftrauch an der Mauerbrüstung. Mit einem Ruck warf er sich wieder herum.

Dann nahten leichte Schritte im Nebenzimmer, die Tür öffnete und schloß sich wieder. Ein leises, seidiges Rascheln, und nun Stille. Ein Abwarten bei ihr. Kühl, wortlos. Vor­wurf und Strafe zugleich.

Da kehrte er sich ihr zu. Seine Brauen waren lief herabgezogen und verdeckten fast seinen Blick, der nun zu ihr kam, langsam wie zu einem Feinde.

Ich hatte eben eine Unterhaltung mit deiner Groß­mutter. Sie suchte mich auf."

Rauh klang es zu ihr hin.

War das dieselbe Stimme, die gestern abcub so weich und dunkel flüstern konnte? Erschrocken blickte sie aus ihn. Verständnislos. Doch nun sprach er weiter:

Die alte Frau ev^dljüc mir allerhand. In bester Absicht

sie konnte ja nicht ahnen. Nun ganz gleich auch Bloß eins muß ich wissen. Willst du mir eine Frage beantworten

auf Ehre und Gewissen'?"

Ihre Augen, die ans ihn gerichtet waren, groß und wett, bekamen etwas Starres.

Frag'!"

Also ist es wahr? Du lmttest es dir vorgesetzt, mit allen Mitteln dein Ziel zu erreichen, mir gegenüber?"

Ein flammendes Rot schoß ihr ans dem Ausschnitt des Kleides, an dem weißen Hals empor.

Hat dir das meine Großmutter gesagt?"

Deine Antwort! Mit allen Mitteln? Nötigenfalls auch

mit dem letzten?"

Der heißen Glut folgte ein ebenso jähes Erblassen. Mer ihre Lippen preßten sich auseinander zu eiltet schmalen, harten Linie. So stand sie regungslos, die Augen ge­schlossen. Und erlitt in diesem' Moment tiefste Frauen- schmach.

Wohl war es ja sv gewesen, wie er sagte. Mer sollte sie ihm bekennen, daß du noch etwas anderes sie getrieben hatte? Stärker uwh! noch ausschließlich a:s alle kühle Ver­nunft und drängender Ehrgeiz. Dies bekennen ihm der vor ihr stand, eiseskalt, nur ihr Ankläger und Richter?

Da warf sie den Kopf in den Nacken zurück.

Nimm an, was du willst! Es ist unter meiner Würde, dir auf diese Frage etwas zu erwidern."

So " Ein harter Glanz war in seinen Augen, wie sie nun in die ihren drangen, gleich zwei unbarmherzigen Schneiden.Diese Erwiderung ist mir allerdings Aniw-ort genug. Ich weiß jetzt, ums ich zu halten habe - von dein Zufall gestern."

Gerhard!"

Sie taumelte fast zurück. So blieb sie an der Tür stehen, beide Hände hinter sich ansgebreitet, wie einen .Halt suchend, und den Kopf weit vorgestreckt, zu ihm hin, der jetzt sortsuhr in dem gleichen, grausam lallen Tou.

Sei ohne Sorge, du hast dein Ziel erreicht. Heiraten werde ich dich natürlich, aber"

Wie ein Peitschenhieb traf sie dies letzte Wort, mit seiner abgrundtiefen Verachtung. Da riß sie sich empor. Fiebernd brannten ihre dunkeln Augen in dem blutleeren Antlitz, wie sie nun die Hand gegen it/n ausstreckte mit einer befehlenden Gebärde.

Genug! Du hast keinerlei Verpflichtung mir gegen-- über keine. Und wenn ich in dieser Minute etwas bedaure, so ist es nur, daß ich kein Mcum bin um dir die Antwort zu geben, die du verdienst."

Zitternd am ganzen Leibe stieß sie es hervor. Dann war er allein.

(Fortsetzung folgt.)

Der Vater.

Von Kriegsberichterstatter W a l d e in a r B o n s e l S.

Gibt cs wohl ein Flecken Erde ans der Welt, bo£ mehr Blut getrunken hat, als der Boden Galiziens? Wer will es ermesse:!, und was würden Zahlen, der puc-purnen Allmaäü jener Ströme gegenüber, bedeuten, die dort geflossen und versiegt sind, die die Erde m ihrem barmherzigen Schoß b^rgt, die die allmächtige Sonne m ihr Lichtbercich zurückgesogen hat? Die Kreuzeswälder aus Höhen und Wiesen dieses weiten, vorher so wenig gekannten Lan- de.s! decken nicht allein die Leiber der gefallenen Männer und ihre Schmerzen, ..sondern sie verkünden eine Welt von Gram, den die ^'.^"digen ertragen, die Lebendigen deutsckLr Erde in Nord urib Sud. West niid Ost, die Lebendigen aus Rußlands weiten Land­strichen, auf Oesterreichs Marken bis tief in die Tiroler Berge hinein und in die bosnischen Hochebenen.

Was bedeutet diesem Meer zerbrocheirer Hvsfmmgen mid un­genannter Kümmernisse gegenüber ein einzelner Fall des Erleidms, und doch will rener graue Morgen mir nicht aus dem Sinu, an denk cm altes Marmchen mich um meine Hilfe bat. um meine Hilfe, die Statte zu finden, an der die Liebe und der Glanz seines ver-, sinkenden Daseins eingebettet lagen.

Jener eine Fall, in dein das Leid der Heimat wie durch -einen Boten zu nur trat, ist mir lange im Gemüt und in vielerlei Be­trachtungen nachgegangen. Die Heimat erlebt den Krieg anders als die Kämpfenden und sie erleidet ihn anders. Ein volles Verstehen ist schtver berzustellen, die Faust des Krieges schließt eherne Riegel vor, und der tiefere Grund einer gerpissen fcltiamcn