Ausgabe 
17.11.1915
 
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Fremdheit mag darin liegen, daß Stolz und Sckwm beiden Seiten die Lippen schließen. Ich habe wenig der kämpfenden und leidenden Männer an der Front getroffen, die auch nur von ihren Taten oder Leiden erzählen, am wenigsten dann, wenn ein hohes Ehren­zeichen ihre Brust schmückt.

Um die Bedrängnisse und daS Geleistete anzuhören, sind die Kameraden da, die (Afährten dieser rauhen Taten, die alles ersetzen müssen, Vater, Mittler, Gattin und Kinder. Aber der Heimat gegenüber gibt niemand gern zu, wie hart sein Los mar, mit den Grenzen der vertrauten Gefilde, die zloar nicht viele schon heute- wiedergesehen haben, setzt in der Brust der Mannestrotz der Verant- wörtlichen und der Stolz der Handelnden ein, uift> die Magen ver­stummen, oder iljr Angcsiclst bekomnrt die grausame Heiterkeit der siegreiclien Kraft.

Und so empfindet die Heimat, und vielleicht ist es ihr heiliges Recht, von dem großen Krieaselend in fremden Ländern haupt­sächlich iiub zuerst nur die Kraft, den Ruhm, Erfolge und den Geschmack eines fernen, ehrenvollen Todes. Mer das Gesühl für jene seltsame Verschiebung aller Werte, die das Kricgslcben mit sich dringt, drängt sich ihr nur selten auf, vielleicht einnral dann, wenn die besck-eidene Freude eines Heiingekehrten über eine sonst nie beachtete Nichtigkeit sie rührt, oder wenn ans einem Angesicht das merkwürdige und kindliche Entzücken strahlt, nur darüber, daß die Brust mxf) im Licht atmet, daß die Hände sich noch regen, die Füße noch schreiten und der Mund noch spricht.

Und so verstehen auch die Känrpfenden draußen die Menschen der Heimat in ihrem Getriebe, ihren Ansprüchen, ihren Vergnü­gungen und ihren Worten nicht mehr ganz, am wenigsten in ihrem Gleichmut gegen die Güter eines ruhigen, arglosen Daseins. Nur die Liebe schlagt ihre Hellen Brücken, im ansgleichenden Glanz ihrer gött!>en Allmacht.

Ich dachte an diese Einzelheiten, als ich au jenem grauen, regnerischer! Sommermorgen mit dem alten Mann durch die ver­ödeten Straßen eines kleinen galizischen Ortes schritt. Der Fremde hatte die weite, mühevolle Reise vom Norden Deutschlands bis vlcht an die rnffi[cf>e Grenze Galniens in Tagen und Nächten gemacht, um eine kurze, traurige Weile am Grab seines Sohnes stehen zu können, und wir gingen nun miteinander hinaus, um es zu^ juchen.

Tic grausam nützliche Sachlichkeit und der eherne Gleichnrut des Kriegshandwerks, wie es sich nahe hinter der Front oft so ernüchernd darbieten kann, erschütterten den alten Mann zu An- fang fast h.-stiger, als der Gedanke an das Grab seines Sohnes. Ihm mochte zumute sein rvie einem, der crivartet hätte, in das fi'ierliclre und großzügige Ruhmesdämmern einer im Orgelklang erbrausenden, alten Kirche zu kommen, und der sich Plötzlich in die grausame NüchlernlM eines modernen Fabrikbetriebes versetzt sieht. Das liegt daran daß der Krieg alt ist, uralt, sein kaltes dröhnendes Getriebe übertrifft alles, was wir von Fabriken, Warenhäusern, Bahnen oder Maschinen je in der Heimat auch nur geahnt lmben.

Und in diesem Lärm der Sachlichkeiten haust der alte Tod? Der Ta-d der Blumen und der schwermütigen Lieder, der Tod stiller Gebete rnrd andächtig geschmückter Gräber? Das alte Männ­chen an meiner Seite tat mir innig lei), aber ich verstand es wohl, denn and), mein Vdund ist verstummt, als ich die ersten Ein­drücke dieser verwirrenden und erschütternden Lebens- und Todes­formen empfing. Es gehört viel Gleichmut, viel Oberflächlichkeit cazu, dort draußen draufloszuschwatzen.

Es regnete ohne Aufhör, die grünlich schimmernde Ebene ivar weithin verhängt, unsere Füße sanken tief in den durchweichten Lehmboden, ein paar armselige Bmierngefährte begegneten uns, die Leute grüßten tief, uns mit großen, angstvollen Augen musternd.

So haben sie sich auch vor den Russen verbeugt," sagte ich, um die qualvolle Oedc des bedrückenden Schweigens zu brechen.

Ter alte Mann sah auf uird suchte meinen Blick.

Sie wissen nicht, vor wem sie sich beugen," sagte er langsam, sie neigen sich vor der Majestät des Krieges und vor dem Leid oer Menschheit."

Seine Worte sanken nrir tief ins Herz. Dir hat der Schmerz die kleine Parteilichkeit im Urteil genommen, dachte ich. du fühlst, daß die ehernen Sckwanken, die die Völker im Zbriege trennen, einen wehen Ausgleich in einer ganz neuen Gemeinschaft Hervor­rufen, in der Gleichheit ihres gemeinsamen Leids. Ich betrachtete meinen Begleiter heimlich und aufmerksam. Er war mir so fremd, wie nur ein Mensch dem andern sein kann, ich krnitte nicht einmal seinen Namen. Aber nach seinen letzten Worten war er mir seltsam nahe genickt, und zum erstenmal empfand ich, daß wir hier zu Zweien, in einem fremden Land, an einem traurigen Morgen, zwei lebendige Mensckwn, einen Verstorbenen suchten.

Der Kirchhof war weit draußen. Wir betraten ihn endlich, naß und ermüdet. Er bot, rvie die galizischen Friedhöfe fast alle, unserm deutsch Anspruch wenig Erhebendes, der Blech- und Steinschmuck der Gräber, die fast alle kahl und zum größten Teil vernachlässigt waren, berührte nüchtern und lieblos, ich dachte an die durchsungenen Totengärten meiner rwrddeutschen Heimat, und ein Frösteln der Fremde befiel mich.

Ein Feld hinter dem Kirchhof war der neue Begräbnisplatz. Dort lagen Deutsche, Oesterreicher, Tscheck)en, Russen, jede in. rhrcin Teil bestattet, und beim Anblick di.-ser glnchinähigeu Reihm,^

die wie neue Beete eines frisch angelegten Gartens wirkten, erschien mir das Bild des Todes in der Gestalt eines Gärtners, der sein Land in liebevoller Ordnung uird bedachter Bereittchaft zu einer großen Ernte bestellt hat. Wie sorgfältige Anpflanzungen zogen die Kreuzreihen sich dahin, ihr hellgLlbes Holz über den, LclMcküden gegen den grauen Himmel ist mir unvergcÄiÄ ge­blieben. Ein jedes dieser schlichten Denkmale trug einen Namen, den Todestag, eine yttimmer und das Regimertt seines Schläfers. Das war ein trauriges Suchen.

Ich sah, daß inein Nachbar zitterte. Er ging mühsam und ge­beugt, und sein Mantel war durchnäßt. Im Hintergrund des Feldes bewegte sich ein Bauerngefährt mit einern Holzsarg. Ter Priester und ein paar österreichische Soldaten sckmtten hmterli-er. Es wurde Halt gemach, es bildete sich eine Gruppe im Nebel...

Hier ist er begrirben...," sagte eure rauhe Stimme leise neben mir,hier liegt er." Es Nang seltsam sack/ich. Nach einer Weile atmete der alte Mann tief auf und sagte olMe Schmerz und ohne eine Klage tm Ton:

Ich hatte ihm, als er ein kleiner Junge war. eine Sckmukel bauen lassen, hinter meinem Arbeitszimmer im Garten, und von meinem Schreibtisch aus sah ich seinem Spiel zu. Das war eine Freude für mich, von der er nichts wußte. Da sah ich, wie er es trieb, was sich m ihm regte und was ihn beglückte. Hierzu hatte er Gxscl-ick, dies wreder ließ ihn gleichgültig. Und eigentlich ist es immer so geblieben: ich sah ihm zu. und er wußte nicht «sar m viel von dem. was mich bewegte. Heut scheint es mir, als habe kt nicht unrecht daran getan. blieb ich mir auch treu, als er

in den Krieg wollte. Ich habe niclsts getan, was seine heiße» Freude schmälerte, und nun stet/ ich hier wieder, schail ans ihn nieder, und er weiß nichts davon... Mer was denn nun?" fuhr er fort und sah mich an,sott ich imeder mit Ihnen umkehren, icki. Mter? Ja, ich wwde es tun," antwortete er sich selbst,ich bin zu alt geworden, um dem Leben nicht gehorsam zu sein. Schauen Sie über die weiten Gräberreiheu hin, alle »reiht ihr großer heiliger Gehorsanr, und je tiefer er aus dem eigensten Wesen und innersten Witten dringt, umso edler ist er. Oft meine ich, der Gel^rsaru gegen alle und ich Wohl und die wahre Freiheit, die 'haben viel miteinander gemein, aber ich kann Ihnen nicht sagen, inwiefern, denn meine Gedanken vermögen meinem Herzen nicht immer zu. folgen, wohl aber ich selbst, und es scheint mir das Beste."

Wir gingen sckümigend l-eim, und der Alte trat noch in der plncfjcn Nacht die beschwerliche Heimfahrt am Ich gedachte seiner rn einer wehmütigen Erhabenheit, bis in meiner Erinnerung lang­sam' ein seltsames, heimliches Glühn aus seinem einfachen Worte erwachte, dessen Glanz und Wärnre mich begleiteten »vie ein Licht aus der Henna t. _

Vermisstes.

D i e Entsteh» na de« Bußtages. Bußtage gibt es feit dem Jahre 1546. Ter verzog nutz Nursinst Moritz von Sachsen, der in der Schlackt bei Sieoeröhausen gegen Albrerbt ")llc>btades vou Brandenbur -Enlmbacb am 9. Juli 1553 schwer verwundet wurde und zwei Taae später starb, war der Veranlasser dieser Ciu- ricbtu'nq. Wegen der damaligen gefährlichen volltischen lind kirch­lichen Zerwürfnisse traf er die Anordnung, und Fürst Georg vor, Einhalt, "oadpitor in geistlichen Euchen zu Merseburg, schrieb den ersteil Bußtag nir den 6. Juli 154«; aus. Zinst eich wurde den Psarrherren voraeschrieden, wie sie stch dabei zu verhallen Hütten. Tie Bußtage sollleu wöchentlich zweimal. Dienstag und ilrenag, stattsindeu lind au« jeden! HailSbalt »nußlen Personen in der Krrcbe elscheiuen. Später wurden uaiürlich die Bußtage vermindert und schliei lieh ans drei im Jahre, mit vorgeschriedenein Text für die Predigt, reduziert. Bet geiäbrli ben Zeiten lvurden auch noch wöchentliche Bunverinabnuugen angeorduet. Tann gab r§ in den verschiedenen deutschen Bmldesstaaleu verschiedene Bußtage, bie nun in den meisten auf einen zurück, e'ührt sind.

* Der Zucker Hunger in Petersburg. Die Knapp­heit der Lebensmittel verändert imnler mehr das Petersburger! Straßcnbild. Ganz besonders groß ist der Andrang zu den Zucker- Verkaufsstellen, beim es scheint, daß der Mangel an Zucker die Petersburger am empfindlichsten Punkte getroffen hat. Tie nach­stehende, anschauliche Schilderung, die derRußkvje Slowo" iviederglbt, beleuchtet die zähe Ausdauer, mit der in der russi- sck>en Hauptstadt um den Zucker, und zwar inn denechten" Jucker, gekämpft loird. eine Standhaftigkeit, die auf wichtigeren Kriegssck)Änpläpen" Wunder verrichten könnte:Ter Laden ist geschlossen. Die Lampen sind ausgcläscht. An der Türe draußen kündet ein Plakat:Der ganze Zucker ist ansverkauft!" Ungeach­tet dessen sammelt sich eine Menge an und bildet unwillkürlich eine Kette. WtÄer der Regen, noch der Wind, noch die spötti­schen Bemerkungen der Vorübergehenden üben eine Wirkung aus die Harrenden aus. Ihre Gesickster versteinern sich gleichsam'. Ihr Blick spricht von fester Entschlossenheit. Jeder v-on ihnen denkt:Eher sterben, als jemandem den Platz räumen!" Die Kette wird fast ausschließlich von Frauen gebildet, aber nkfjt nur von einfachen mit dem Tuch auf dem Kopfe, sondern auch von solchen, die Spitz eichcruben und selbst nwderue Hüte tragen. Was wollen sic eigentlich? Sic wollen Zucker! Aber zwei Schritte weiter von diesem Laden wird in einem mächtigen Fruchtkctter