Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
In einem Gefühl des Geborgenseins wollte Eke sich zu ihm flüchten. Aber da trat er von ihr zurück.
Kalt griff es ihr ans Herz. Ihre Augen drangen durch die Dämmerung in seine Züge.
„Du hast meinen Brief doch erhalten?"
Er neigte das Haupt. Langsam und schwer. Dann kam es von seinen Lippen:
„Ja, ich erhielt den Brief. Und ich danke Dir dafür — aber es ist zu spät."
,Lu spät?" Still stand ihr plötzlich das Herz. „Wie meinst du das?"
„Eke," noch tiefer sank ihm der Kopf, „ich — bin deiner nicht mehr wert."
Nichts. Keinen Laut.
Da suchten seine brennenden Augen sie.
„Du sagst gar nichts —?"
Ein langsames Regen. Ein Erwachen aus furchtbarer Erstarrung.
„Was soll ich sagen?"
Wieder das Schweigen, so todesbang in den Schauern der dämmernden Einsamkeit, und dann ihre Frage, kaum vernehmbar, tonlos:
„Mit wem?"
„Marga Reusch —"
Ein Zusammenznrken Ekes, als wolle sie zu Boden stürzelt. Seine Hand streckte sich ihr helfend entgegen. Doch da stand sie bereits wieder vor ihm, fest und aufrecht. Nur bläst war das Antlitz, das ihm durch die Dämmerung entgegenleuchtete.
Es würgte ihm in der Kehle. Sein Leben hätte er hingegeben, hätte er damit die Stunde gestern ungeschehen machen können. So bohrten sich seine Angen ins Dunkel, daß es schmerzte.
Und immer drüben bei ihr dies inarternde, lautlose Schweigen. Doch nun ein leises Rauschen ihres Kleides. Sic kehrte ihm den Rucken. Da fuhr er auf:
„Eke — hast du kein Wort mehr für niich?"
„Ich habe dir nichts mehr zu sagen, als das: Tn deine Pslicht, wenigstens bei der anderen."
Eine fremde Stimme sprach es zu ihm aus dem Dunkel. Dann war er allein.
Er stieß die Fäuste von sich, die Adern zum Zerspringen gestrafft. In seinen Ohren gellte ein ungelachtes Lachen. Wild und zerrissen. Da ging etwas zuschanden in ihm, in dieser Minute — das konnte ein ganzes Leben nicht wieder heilen.
Aber dann war es vorbei. Ein finsteres, entschlossenes Antlitz hob sich ins Dunkel. Dem Weg entgegen, der ihm
nun vorgeschrieben war. Es hätte ihrer Weisung nicht bedurft. —
Zu Haus angelangt, trat Bertsch in sein Schlafzimmer. Das kühle Wasserbad tat (einen heißen Schläfen wohl. Dann machte er sich fertig, hinunterzugehen. Noch heute wollte er mit Margas Vater sprechen. Ins reine komme« auch damit. Und dann wieder seine Arbeit, nur noch seine Arbeit! Das andere war vorüber. Der törichte Glückstraum wie der unsinnige Rausch seines fiebernden Blutes, der ihn gestern in Margas Arme getrieben hatte. Was war sie ihm heute? Ein wilder Zorn packle ihn, wenn er nur an sie dachte. An ihre verführerische Schönheit, die ihn betört hatte. Er haßte in ihr seine eigene Mannesschwachheit.
Aber dann kämpfte er auch das noch nieder. Sinnlos und ungerecht war das. Wollte er ihr die Verantwortung zuwälzen, die er selber zu tragen hatte? Und er zwang sich, anders an sie zu denken. Gelassen wollte er ihr gegenübeo- treten. Beherrscht und ruhig. Wie es nun immer sortab zwischen ihnen sein sollte. Auch nachher in ihrer Ehe. Mit völliger Ruhe begann er sich dies Zusammenleben vor- zustellen. Aber auch ganz gleichgültig. Als ginge ihn daS im Grunde gar nichts an. Was auch weiter? Es würde eben eine Ehe werden, wie so viele. Nur daß er den Launen seiner schönen Frau sehr energisch Zügel anlegen würde. Dachte sie etwa das Regiment zu führen, so hatte sie sich stark verrechnet.
Geflissentlich gab er sich diesem Gedanken hin. Wie um das andere zu überrönen, daß er noch immer in der Tiefe zucken fühlte. Doch ein leises Anpochen an seine Wohn- zimmertür ries ihn jetzt ins Nebengemach.
„Sie, Mutter Reusch?"
Erstaunt begrüßte er den ungewöhnlichen Besuch.
„Ja, ich must Sie einmal sprechen. Herr Bertsch. Schon seit Wochen warte ich auf die Gelegenheit, aber ich trefs' Sie ja nimmer allein an."
„Nun, was haben Sie denn, liebe Frau Reusch? So — hier ist das Sofa, und jetzt erzählen Sie mir."
„Es ist wegen des Mädels, meiner Enkeliw"
„Margas wegen?"
„Ja — es geht mir nicht mehr aus dem Kopf, seitdem mir neulich so allerlei Gedanken gekommen sind. Es ist ja wunderlich, daß ich gerad' mit Ihnen darüber sprechen soll — aber es geht doch auch Sie an."
„Auch mich?"
Sollte Marga etwa schon von gestern gesprochen haben hier im Hause? Seine Stirn zog sich zusammen.
„Gerad' Sie. Herr Bertsch," sagte leise die Blinde. „Und darum bin ich's Ihnen sogar lvohl schuldig, daß ich rede. In Ihrem wie in Margas eigenem Interesse.
„Sie sehen mich wirklich verwundert, Frau Reusch. WaS ist's denn nur?"
„Ich bin eine alte Frau, die Ihre gute Mutter noch gekannt hat, da darf ich ja wohl frei zu Ihnen sprechen. Also: Das Kind, die Marga, hat's sich in den Kopf gesetzt,


