Ausgabe 
15.11.1915
 
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Eben deswegen geht's doch nicht, du Tummkopf," belehrt« ihn Kowaleff, der die größere Autorität von beiden besah,in dieser Liste stehen schon dreimal soviel als wir aufnehmen dürfen. Hast du vielleicht eine gmtd Ausrede, wenn die Kommission kommt?"

Swinka wiegte bedauentd den Kopf und krabbelte mit den dicken Fingern in seinenr Schnurrbart. Es war so schrde, daß das nicht mehr ging. Ueberhoupt diese Listen trzreri ein Elend! Früher lieh man sie einfach verschwinden, falls eine Kommission kani iUird lvas nicht da war, komite nicht kontrolliert werden , aber da war neulich diese verfluchte Verfügung gekonnnen, daß dle 'Sekre­täre für ihre Bücher verantwortlich seien und daß das bloße ein­facheVerschwinden" von vornherein ein Jahr Kerker einbringen würde.

Ter Teufel hole die Deutschen' die waren mit ihren fort­währenden Siegen nur daran schuld, daß die hohen Herren da oben schlechter Laune wurden und dann allerhand ekelhafte Ver­fügungen ansheckten.

Sekretär Pawel Swinka seufzte aus seinen Gedanken tief auf. Dann wandte er sich an seineil älteren Kollegen:

Was macht man da bloß. Bruderherz?"

Weiß nicht," knurrte der andere,das will überlegt sein, was will er denn geben?"

Er hat sich nicht geäußert, ich Hab' ihn aber merken lassen, daß es unter 1000 Rubel nicht gehen wird."

Grigor Gawrilowitsch Kowaleff stöhnte.

Pawel, du bist ja ein Tier, ein Ochse bist du! Für 1000 Rn- bel den Pillenmacher von: Dienst befreien bist du ein Droschken­kutscher, daß d-n eine so billige Taxe hast? Ist der Apotheker ein Hund, daß du ihn so billig einschätzest?"

Er sprang vor Empörung aus. Da ging die Tür zunl Aller- ' heiligsten, zum Arbeitszimmer des stellvertretenden kommandieren­den Generals und seine Exzellenz selbst, General Graf Timitrefß erschien im Vorzimmer.

Das zornige Aufspringen von Grigor Kowaleff wurde zu einer liefen Verbeugung, auch Swinka erhob sich, eilfertig und pusteiid; und die beiden sagten wie im Chor:

Wünscheil gehorsamft guten Appetit, Euer Exzellenz, wohl m speisen. Euer Exzellenz!"

Der General nickte wohlwollend und klirrte durch das Zinrmer, plötzlich blieb er stehen.

Hören Sie mal, Kowaleff, was ich sagen wollte da sind ja Mäuse in meinem Zimmer, ekelhafte Mäuse!" schnarrte er.

Koivaleff klappte wieder zusammen.

Aber Exzellenz," ries er enrpört,wie wäre das möglich, da inuß sofort etwas geschehe?"

Ja. bitte veranlassen Sie, daß die ekligen Tiere entfernt werden, die laufen ja am Heller: Tage in meinem Papierkorb 'mm. .Also schnellstens beseitigen Mahlzeit!"

Er hob einen Finger an die Mütze und stelzte zur Tüir; Kowaleff und Swinka richteten sich tvieder auf.

Was der sich einbildet," sagte Kowaleff mit einem Kopf­nicken nach der Tür zu,m der ganzen Kommandantur sind M^iuse, da sollen ausgerechnet bei ihrn keine sein!"

Ja. aber was macht man da?" fragte Swinka.

Garnichts." entschied Kowaleff,meinst du ich werde mich hinstellen und Mäuse fangen?"

Nein aber man könnte." wandte Sekretär Swinka ein, man könnte vielleicht einen Kammerjäger und der müßte na­türlich" er stockte und sah den Kollegen an.

Du meinst, er müßte uns natürlich 'was abgeben?" fragte Kowaleff,ach was. was könnte er schon berechne, zehn oder viel­leicht zwanzig Rubel, das ist in dieser Zeit die ganze Arbeit nicht weN."

Die Uhr schlug die Mittagsstrmde.

Es ist übrigens auch für uns Zeit, zu Tisch zu geheirj", fuhr er fort und setzte die breite Tellermütze auf.

Ja, willst du tvirklich gar nichts gegen die Mäuse nrachen?" fragte Swinka noch einmal ällgstlich.

Fang' du sie doch am Schwanz," antwortete der Aeltere un­geduldig,ich kann nichts tun. Wer soll sie denn tvegjagen? Das heißt ich Hab' eine Idee!" Er schob die Hände in die Taschen mrd pfiff vor sich hin.

Halt, das geht! Sag mal, Pawel Jwanotvitsch, wo wohnt der Apotheker, der gestern da war?"

In denr schöner großen Hans an der Petersbrücke, die neue Wpvthebe von Alexei Gitschin," sagte Swinka verständnislos, warum? Was willst du von ihm?"

Grigor Garilowitsch lachte:

Mir ist eingefallen, wie matt dem- Apotheker und unserM General zugleich helfen kann. So ein Apotheker ist doch ein Giftnnscher, da kann er auch gegen Mäuse Gift legen. LU so be­kommt er einen Schein, daß er im Dienst des Korpskommandos fielst ^md ist daranfhin ntilitärfvei."

Swinka klatschte seine dicken Hände bei mindernd zusammen.

Bruderherz, wie dn das wieder gedreht hast," rief er be­geistert," du bist doch eür Teufelskerl! Soll ich gleich zum Apo­theker gehen?"

»Nein, laß," wehrte sein Kollege ab,du holst mir nicht genug Stickelchen heraus. Ich tverde ine ine Mittagspause opfern und lreher selbst hingehen. Wie hnßt der Mann?"

Mexei Scrgewitsch Gitschin."

Na gi't, ich werde das gleich erledigen. Wenn ich mich etwas verspäten sollte, so sage der E^ellenz, daß ich nrich rrr- sonlich wegen seiner Mäuse bemüht hätte!"

Ter Apotheker Gitsckstn, ein kleiner hagerer Mann mit einem fckMcirzen Mffselbart und goldener Brille, die tief in dm Nasen­rücken ernschurtt, saß bei Tisch, als das Dienstmädchen einen Herrn von der Kvmmandarttur meldete, der dm Apotheker sprechen wollte.

Eilfertig und erschreckt erhob- sich Gitschin und fand in der guten Stube den Sekretär Kowaleff vor, der mit weltmännischer Gewandtheit die Unterhaltung begann und auf den gestrigen Beinch des Apothekers zu sprechen kam. Gitschin errötete und ffng an, zu stottern; Kotvaleff wehrte mit rnhiger gütiger Hand­bewegung ab.

rr .; 2 *dj Herd Gitschin," sagte er.Sie wollen dem teuern russischen Vaterlande uiid den, Zaren Gott erhalte ihn in dieser schweren Zeit Ihre Tienste widmen!"

Ja bitte, aber ich wollte" unterbrach ihn der 9lpo- theker.

Ihre Tienste," fuhr Kowaleff energisch fort,die ja nicht unbedingt tut Schützengraben zu leisten sind. Oh neür. es gibt viele Männer, denen es in der Seele iveh tut. daß sie infolge» ihrer korperlicheri Beschaffenheit nicht das Gelvehr in die Hand nehmen können."

Gitschin fühlte sich zu einem keuchenden Husten verpflichtet, um ec airch zu dieser Kategorie schitrerz-

erfüUter Mämrer gehörte.

Jtmi haue iaj ei len Dienst, Herr Gitschin." sprach der Sekretär weiter,der Jhnrn das beruhigende Bewußtsein geben wird, den: Lande auf Ihre Art zu dienen, indem Sie ei nein hohen Herrn Ruhe verschaffen, die er für seine verantwortliche Arbeit so sehr nötig hat."

. Gitschin setzte sich auf die Stuhlkante und spielte nervös arr semec Brille:Ja, dürfte ich fragen ich bin gern bereit" sagte er.

handelt sich um Se. Exzelleirz den konrmandieren Genera! Grafen ^imitresf, der in seinem Arbertszintmer eine Unzahl Mäuse hat, die voll Zeit zu Zeit zu beseitigen lvären."

Mäuse?" fragte Gitschin gedchnt und halb ohne Verständnis.

Jawo'bl, Mäuse." sagte der Sekretär ruhig.Mäuse. Herr Apotheker, die Sie beseitigen sollen. Es ist ja nicht anzunehmen, daß me Mäuse gleich auf einmal verschwinden, deshalb würde ich Ihnen einen Schein ausstcllrn, der Sie für Kriegsdauer ziun! Dienst tu der Kommandantur beruft."

Er sah den Apotheker mit kühlen Augen abwarteiid an. Gitschin rutschte auf seinenr Sitz hin und her. Tos lvagte man chm zu bieten, dein zweiter: Vorsitzenden desVerbandes zur Hebung des Apothekerstandes", einem studierten Manne? Aber Jj. Apoll sein Zorngefühl ailfgestiegen tvar, so rasch verflog es. Gitschin spürte, daß er dem Sekretär nichts entgegnen konnte, ronn ..biue Ablehnung bedrntete die sichere Einberufung zum Vcckitärdiensr und lieber wollte er Mäuse fangen oder sonst etwas tun. Und schließlich war die Idee gar nicht schlecht, er brauchte ja nicht selbst auf die Mäusejagd zu gehen. Er erhob sich also und "streckte Kowaleff die Hand hin:

Ich darrte Jhrren Herr Sekretär, ich werde dieses Amt sehr gern übernehmen!"

Auch Kowaleff erhob sich.

Gut, das ist erledigt. Nun noch eine Kleinigkeit. Ans

die geringe Bezahlnrrg rverden Sie wohl verzichten ivvllen, es sind ia nur ein paar Rubel!"

Gitschin »ickte erfreut, er hatte gar nicht gedacht, so billig davon zu kommen, da fuhr der Sekretär fort:Und außerdem bitte ich Sie, für die WoWätigkeitskasse, die Ihre Exzellenz, die Frau Generalin. leitet, einen Beitrag zu stiften. Ter Ge­

neral legt ^größten Wert darauf, daß die Herren vom Dienst der Kommandantur sich stets wohltätig zeigen."

Aha, das dicke Emde", dachte Gitschin kummervoll und

erwog, »velche Summe er dem Sekretärzur Weitergabe" an diese geheimnisvolle Kasse anoieten sollte. Eigentlich wolle er 1000 Rubel geben, aber der Sekretär sah so imponierend aus also 2000 'Rubel und die Bemerkung von den Herren der Kominandantnr hatte ihm doch so schön geklungen also noch 500 Rubel Mehr. ' _

.Ich würde Sie bitten, Herr Sekretär, wenn es Ihnen

keure Umstünde nracht, Meinen bescheidenen Beitrag gleich mit­zunehmen."

Bei dem Wortebescheiden" runzelte Kotvaleff die Stirn, schwieg aber und machte nur eine zustimnrcnde Bewegung.

,^d) dachte - ich dachte 2500 Rubel", sagte Gitschin zö­gernd. Kotvaleff knöpfte rvortlos den Rock zu und wandte sich zur Tür. '

3000 Rubel," rief der Apotheker ihm angstvoll nach. Koiva-- lesf drehte sich um. Seine salbungsvolle Ausführlichkeit vort vorhin war wie weggeblasen. In Geldsachen liebte er knappe, klare Erledigung.

-4000," sagte ^cr trocken,nicht eine Kopeke weniger!"

Mer Herr Sekretär, mein bester Herr Sekretär," ffrhr Gitschin ans.