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Aber plötzlich fuhr er eurpvr. Seine Augen starrten ins Leere.
Daun war-f er den Arm vors Gesicht, als wollte er einen schrecklichen Anblick abwehren, und schwer sank er in die Kissen zurück.
So lag er lange. Geschüttelt wie von Fieberschauern, Abwechfeliid ein Rasen gegen sich selber, daß er die geballten Fäuste sich hätte gegen die Stirn schmettern mögen, und dann wieder völlige Gebrochenheit. Verpfuscht hatte er sich sein Leben in dieser unseligen Stunde gestern.
Er selber! Mit grausamer Klarheit übersah er es heute, wo sein blinder Zorn ans Eke verrauscht war. Der Zwist mit ihr war an sich nicht unheilbar gewesen. Er erst hatte ihn dazu gemacht. Denn darüber, ums dann nachher geschehen, kam sie natürlich niemals hinweg. Und selbst, wenn sie es vermocht hätte — es half nichts mehr. Marga Neusch hatte ein Recht aus ifyn seit dieser Stunde gestern. Es gab kein Zurück mehr, wollte er nicht wie ein (Äjrloser handeln. Also vorbei!
In stumpfer Bewegungslosigkeit lag Bertsch so. Endlich aber mahnte ihn das Schlagen einer Uhr im Hause; das Leben ging weiter, trotzdem — seinen gewohnten Gang. Da erhob er sich und kleidete sich an.
Gerade als er fertig war, Üopfte es an seiner Wohnzimmertür. Er ging hin und öffnete. Der Briefträger mit der Morgenpost. Gleichgültig nahm er die Eingänge und warf sie auf den Tisch Aber da fiel ein einzelner- Brief zu Boden. Er hob ihn aus, und seine Hand zuckten zusammen — Ekes Handschrift.
Eine Weile stand er, das geschlossene Kuvert in der Hand, als enthielt es eine Entscheidung über Leben und Tod. Dann riß er es mit einem Ruck auseinander und las nun den Bries:
„Lieber Gerhard!
Schwere Stunden liegen hinter mir. Aber nun ist es wieder ruhig und klar in mir. Es fällt mir nicht ganz leicht, an Dich zu schreiben. Was sich zwischen uns gestellt hat, das ist so etwas Besonderes, daß es mir schwer wird, Dir davon zu sprechen.
Ich bin eine eigene Natur, Gerhard. Vielleicht weil sch so ganz anders als Mädchen sonst hier aufgewachsen bin, einsam und mir selber überlassen. Ich weiß wohl, es ist manches Schroffe an mir, und mein Selbstbewußtsein lehnt sich leicht aus. So ging es mir auch in diesem unglücklichen Augenblick. Und überdies — ich war so verwirrt, erschreckt. Du wirst das gewiß schwer begreifen; aber vielleicht rechnet auch das zu den Besonderheiten meiner Natur.
Nun, wie dem auch ist, ich sage mir nun, wo ich wieder ruhiger geworden bin, selber, daß ich zu schroff gegen Dich gewesen bin. Besonders mit jenem einen häßlichen Wort. Es tut mir jetzt aufrichtig leid, Gerhard. Verzeih es mir! Es war nur in-ber Erregung gesprochen, und gern niachte ich es ungeschehen. Und ganz besonders schmerzt mich bei allem der Gedanke, daß gerade der Tag, wo Du mich teilnehmen ließest an dem Höchsten, das Dich
S bewegt, wo ich Dir nah kam, wie noch nie, daß dieser wne, große Tag nun einen solch trüben Ausgang ge- nden hat.
Aber wir müssen darüber hinwegkommen, Gerhard. Uno sobald wie möglich, nicht wahr. Heute nachmittag will ich noch einmal hinauf zum Buchenhof. Den Rückweg nehme ich über den Fischbacher Weiher. Dort kannst Du wich also treffen. Laß uns bann alles vergessen!
Herzlich Deine Eke."
... ^krtschs Rechte, die das Schreiben hielt, begann zu zittern Noch emmal brach es los. Ein rasendes Wüten gegen sich selber. Der Brief in seiner zusammen gekrampften Faust ward zu einein festen Knäuel.
Dann aber kam eine starre Ruhe Mer ihn. Eine eisige, hohnvolle Selbstverachtung. Was sollte das Tvben? Nun hinterher!
Da strich er den Brief in seiner Hand wieder glatt und zerriß ihn dann in hundert winzige Fetzen. Langsam flatterten sie in den Papierkorb — zu spät.
Und er machte sich zum Ausgehen fertig. Er hatte nun gerade genug Zeit aus feine Privatangelegenheiten verwandt. Droben ans oem Bureau wartete die Arbeit.
So trat er aus dem Hause und schlug beschleunigten Schrittes den Weg zur Zeche ein. Aber unwillkürlich streifte vorher noch ein Blick zu dem Hause hin, das er verließ. Zum
Erdgeschoß. Dort war noch ein Fenster verschlossen. Als einziges. Der rote Vorhang drinnen war tief herabgelassen, trotz der vorgeschrittenen Tagesstunde. Da glonnn es aus in seinen Augeil. Wie ein wilder Haß. —-
Marga Neusch hatte mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht. Sie trug jenes fliederfarbene Batistkostüm, das Bertsch damals im Auto so entzückt hatte. Ihre dunkle Schönheit hatte heute etwas Sieghaftes, säst Uebermütiges. Sie scherzte und lachte mit jedem im Haus. Die alte blinde Frau hob in ihrer Ecke verwundert das Haupt. Was hatte das zu bedeuten? Und wie so oft schon seit jener Gewitter- stunde kamen ihr Gedanken, drückend schwer. Ein Gefühl oer Verantwortung. Wenn sie doch nur einmal Gelegenheit fände, Bertsch allein zu sprechen. Es wurde Zeit — hohe . Zeit.
Aber die Rensch-Mntter wartete auch diesen Mittag wieder vergeblich auf eine solche Gelegenheit. Gerhard Bertsch erschien überhaupt nicht zu Tisch.
Mit ihr überkam da Marga Enttäreschung. Eine starke Verstimmung. Ließ er sich so viel Zeit bis zuni Wiedersehen? Sie hatte.erwartet, daß er heute mittag mit ihrem Vater sprechen würde. Abends sollte es ja schon jeder hier im Ort wissen, daß er ihr war — auch, die drunten (intl Adligen Hanfe!
Aber er kam nicht. Selbst am Nachmittag und nun auch znnr Abendessen nicht. Da wandelte sich ihre Gereiztheit in eine dunkle Unruhe. —
Es war überhaupt ein grauer Tag gewesen. Auch draußen in der Natur. Früh schon spann jetzt die Dämmerung im Tat. Zwischen den schwarzen Tannenwänden lag schweigsam der Fischbacher Weiher. Düster strich das Abendgewölk darüber. Wie ein Seufzen ging es durch die Wipfel.
Ans der altersmorschen Bank unter dem tief überhängenden Schutzdach der Eiche sah Eke von Grund, den Kopf in die .Hand gelehnt. Ihr Blick hing auf dem Wasser, über dessen dunkeln Spiegel ein helles Gekräufel hinglitt.. Wie von einer Geisterhand aufgerichrt.
Wer mochte hier alles schon gesessen und gleich ihr so ins Wasser geblickt haben? Heimliches Sehnen wie ratlose Verzweiflung, die ihren letzten Trost suclste —-'auf dem geheimnisvoll schwarzen Grund da drunten.
Unheimlich huschend strich es ihr am Haar vorbei. Als wollte es nach ihr greifen. Sie schrak auf. Nur eine Fledermaus, die jetzt weiter baumelte in ihrem Zickgack- flug. Doch ein Bangen blieb in Ekes Seele zurück. Dunkel und ahnungsvoll.
Wie anhaltend das Käuzchen drinnen in ben Tannen klagte! Und nun ein jähes Aufzucken weit hinten am düsteren Himmel. Ein fernes Wetter.
Der schwefelgelbe Schein blendete ihr das Auge. Für ein paar Momente senkte sie die Lider. Als sie wieder anssah, stand eine Gestalt vor ihr, die unhörbar auf dem weichen Boden herangekommen sein mußte. Dunkel und groß. Erschrocken fuhr sie von der Bank empor. Doch nun erkannte sie den Mann.
„Gerhard — du!"
(Fortsetzung folgt.) '
VK WÜU)C.
Eine russische Gaunergeschichte.
Pon Martin P roskauer.
Im Amtszimmer des XII. Generalkommandos in Kobynsk saßen die beiden diensttuenden Sekretäre und unterhielten sich leise n , t&Q' n . TaI ' P"wel Jwanowitsch, was wollte eigentlich der Apotheker gestern abend noch von dir?"
. Pmvel Jwanowitsch Swinka iüiff das linke Auge zu, schnansto Idurch die Nase und sah seinen Amtsbruder und Freund, den wirklichen expedierenden Sekretär Grigor Gawrilowitsch Kvwalesf schmunzelnd an:
„Nun Brüderchen, was wird er gewollt haben?" fragte cp zurück.
„Lieserungen?" rief Kowaleff. ,,'gibt's nicht. Das geht ja letzt alles durch das Zentralbnveau in Moskau — leider!" setzte er seufzend hinzu.
Pawel Swiuka aber schüttelte dm Kopf.
„Falsch, er will keine Lieferung." —
„Also Militärbefreiung." nickte Kowaleff vÄ-stündnisinni^ „das wird auch nicht zu machen sein." —
^ -'Warrmi niäp?Setz' ihn doch etil fach auf die Liste der für Sauttalsdu'ust vorgesehenen Apotl-eÜ'r, da kommt er nie dran. Ilwiele ,ind schon vorgemerkt!" —


