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Und nun war es plötzlich, für alle so grausam bedeutungsvoll und wichtig geworden.
Die stattliche, junge Frau des Vorstehers begegnet mir auch Und ich frage sie, ums sie denn zu den Franzosen sagt.
„Ser sünd alle so rang," sagt sie lächelnd. („Sie sind alle so mager.") i
Ich gehe lacherrd weiter und sehe förmlich das gute, dampfende Mittagessen vor mir, das die Rothosen auf dem Vorsteherhofe, nein, rm ganzer: Dorfe bekommen werden. Hier denkt niemand daran, sich in würdeloser Weise mit den Franzosen anzubiedern, aber sie sind Arbeiter, sie sind willkommene Helfer und schließlich sind sie „doch auch Menschen, die ihre Pflicht getan haben wie unsere auch," sagt der Schmied, und sie haben nun das Unglück oder Glück gehabt, in Gefangenschaft zu geraten und unfreiwillig unsere Helfer und Gäste zu werden. Ich sage absichtlick), —: Gäste. Denn eine der liebenswertesten Eigenschaften der Deutschen, der Landleute zumal, die Gastfreundschaft, regt sich auch diesen Gefangenen gegenüber, die so „lang sind", und ohne daß es mir eine der Frauen versichert, weiß ich, daß auf allen Höfen, wo Gefangene arbeiten, besonders gut „zugekocht" werden wird. „Mit Gefangenen Muß man immer Mitleid haben," sagt mir eine Alte, und die anderen nicken. Keine denkt mehr daran, daß die Rothosen» Feinde sind, daß sie auf „Unsere" geschossen haben, und daß es leicht möglich ist, daß gerade diese Gefangenen hier diesem Dorfe Trauer und Leid zugefügt haben, das sie jetzt so gastlich aufnimmt. . . .
Nach zwei, drei Tagen haben sich alle, sogar die Kinder, schon an die fremdartige Erscheinung der Franzosen gewöhnt. „Das Neue ist davon," sagt der Vorsteher und lacht: „Und das ist auch man gut." Aber allgemein werden sie als höfliche, anstellige Menschen, als fleißige Arbeiter gelobt. „Wenn sie mal ein Butterbrot oder 'ne Flasche Bier extra kriegen," sagt der Schmied, „dann springe,! sie so hoch." Einer der Gefangenen, ein Landwirt, der durch Geberden zu verstehen gegeben hat, daß er selbst 12 Kühe und 4 Pferde hat, und Schweine und Hühner und Gänse auch, hat sich schon als Mäher beinr Kleeholen Ruf und Anerkennung erworben. . . .
Sie sind schon fast eine Woche da, unsere rothosigen Gäste, als mich der Vorsteher eines Nachmittags zum Dolmetscher holen läßt —: in der Wiese, wo ein Graben verlegt werden soll, wo Gitter umgestellt werden müssen, wo eine Tränke angelegt werden soll, kämen sie nicht recht „überein".
Ich finde den kleinen Trupp mit zwei Wachsoldaten dabei in ziemlicher Aufregung über einige Weidenstümpfe, die sich im Boden gefunden haben und ihrer Entfernung hartnäckigen Widerstand entgegensetzen. Den beiden deutschen Soldaten geht die Sache nicht geschwind genug. Ganz erfüllt von ihrer deutschen Sachlichkeit wissen sie nicht, daß Franzosen nur dann Lust zu einer schwierigen Arbeit haben, wenn die Arbeit zur Haupt- und Staatsaktion verwandelt wird . . . Ich schlage also eine kleine Schwatz- und Rauchpause vor, und während die Rothosen eine Zigarette rauchen, die sie jubelnd als französische begrüßen — es sind aber elsässische! — reden wir erregt und gewichtig über diese Weiden- stümpse da, steigern uns in einen rechten Zorn gegen sie, und jeder nimmt alle Kräfte zu einem neuen Angriff zusammen, bei den, sie denn auch schon ganz hübsche Erfolge haben.
Die Zigarette und die französische Ansprache hat die Herren Rothoscn in die beste Laune versetzt. Zwei stämmige Riesen, die durchaus nicht „lang" waren, und in denen ich gleich Arbeiter aus der Pariser Halle ahnte, tauschten im schönsten Pariser Jargon Vermutungen darüber aus, wer und was ich denn nun wohl sein könnte. Und als ich mich dann zu ihnen stelle und gleich in ihrer Tonart ein Gespräch über Paris mit ihnen anfange, steigen Neberraschung und Hochachtung ins Grenzenlos, und als ich ihnen erzähle, daß ich viele Jahre in Paris gelebt habe, freuen sie sich wie die Kinder .... Dann suche ich mir einen heraus, dem ich klarmachen kann, was hier denn nun alles gemacht werden soll, und meine Wahl fällt auf den Eigentümer der zwölf Kühe und der vier Pferde. Er ist ein Landwirt aus dem Norden, ein hübscher Mann von dreißig Jahren ungefähr, unverheiratet und ganz unbekümmert über das Schicksal seines Hofes, der im deutschen Besatzungsgebiete liegt.
Während )vir ganz allein über die Wiese gehen, haben wir schnell ein kleines halbpolitisches Gespräch.
Mein Bauer drückt aus, wie sehr er sich über den Wohlstand, die Sauberkeit, die Schönheit der Dörfer wundert. „Und das außerhalb Frankreichs!", sagt er. „Wir haben uns Deutschland und die Deutschen ganz anders vorgestellt."
Ich will vermeiden, vom Kriege zu sprechen, aber er fragt mich, wie es steht.
„Frankreich wehrt sich tapfer . . .", sage ich.
„Verzweifelt," fällt er mir ins Wort: „Aber das wird nichts helfen. Früher habe ich unfern Ofsizieren geglaubt, die uns erzählt haben, man könnte Deutschland besiegen. Jetzt glaube ich das nicht «mehr, denn ich sehe ja, wie stark und reich Deutschland ist."
^Und die andern?"
Er zuckte die Achseln: „Sie glauben immer noch, wir wären obenauf . . . Ein paar wenigstens. Sie belügen sich selbst. Andere sehen auch, ivie es steht . . . Und deir meisten, den Verheirateten, ist alles einerlei, ob wir siegen oder nicht, wenn sie nur erst wieder bei ihrer Frau sein könnten. Das ist ihnen die Hauptsache. Sie
fragen nach Frankreich nichts, und nichts danach, wer uns regiert. Und da haben sie eigentlich recht, denn unsere Regierung hat noch nie etwas getaugt."
Aber das sagte er lachend und ganz vergnügt —: einen großen Schmerz hat er sicher nicht darum. Und da gerade die Körbe mrt dem Kaffee auf die Wiese kommen, lieche ich schnell das Gespräch ab, und wir kehren zu den andern zurück, die sehr aufgeregt srnd und sich sehr zu freuen scheinen: und zwar über die Nachricht, daß wieder ein großes englisches Schiff torpediert sein soll.
Dieser neue Beweis der Herzlichkeit des englisch-französischen Bündnisses freut mich sehr, und während ich nach Haus gehe, fällt mir das weise Wort aus dem Rasenden Ajax des Sophokles ein, das die Kämpfenden mahnt, nicht zu vergessen, daß der
f eind von heute der Freund von morgen sein kann, und daß sich ampsgenossen leicht in Feinde verwandeln.
Ich bin sicher, daß uns Franzosen und Engländer dieses Schauspiel geben werden — und ich muß sagen, daß ich mich darauf freue.
Die erste deutsche Aerztin.
Zum 200. Geburtstage von Dorothea Christiane Erxleben,
13. November.
Es ist in weiteren Kreisen nicht genug bekannt und beachtet, daß es in Deutschland im 18. Jahrhundert eine recht rege Frauenbewegung gegeben hat. Gottsched hat sich dieser Frauenbewegung verständnisvoll angenommen; eine ganze Reihe deutscher Frauen (darunter auch Gottscheds eigene Gattin) waren damals bestrebt, die Bildung der Frau zu heben und ihr im deutschen Geistesleben eine selbständige und bedeutende Stellung zu erringen. In diesem Kreise von Frauen ist nun auch, und nicht an letzter Stelle- Dorothea Christiane Erxleben zu nennen, die als die erste deutsche Frau die medizinische Doktorwürde erlangt und als erste deutsche Aerztin eine ausgedehnte und segensreiche Wirksamkeit entfaltet hat. Ihr Mädchenname war Leporin; als Tochter des Arztes Christian Polykarp Leporin wurde sie am 13. November 1715 Zu Quedlinburg geboren. Da Dorothea Christiane — wir folgen einer Lebensschilderung, die Ernst Edgar Reimerdes im jüngsten Hefte der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift" chr widmet — von Jugend auf geistige Anlagen und eine ausgesprochene Neigung für die Wissenschaft zeigte, beschloß ihr Vater, sie gleichzeitig mit ihrem Bruder in die theoretischen und praktischeil Anfangsgründe der Heilkunde einzuweihen. Das Mädchen war so lernbegierig, daß sie die Werke der damals berühmtesten Aerzte für sich allein las; nebenbei betrieb sie auch Sprachstudien, und doch hinderte sie alle wissenschaftliche Tätigkeit nicht, unter der Leitung der Mutter im Haushalte zu schaffen und sich tüchtige praktische Kenntnisse zu erwerben. Ungeachtet ihrer körperlichen Schwäche machte Dorothea Christiane in der medizinischen Wissenschaft so große Fortschritte, daß sie, lange bevor sie noch eine Prüfung abgelegt hcytte, ihren Vater in seiner Praxis vertreten und seine Patienten behandeln konnte, wenn er, etwa durch Krankheit, verhindert war. Die außergewöhnliche Begabung seiner Tochter veranlaßte Leporin 1741, sich an den König von Preußen mit der Bitte zu wenden, ihr zur Erlangung der Doktorwürde und des Rechtes der Ausübung der Praxis die Ablegung der Prüfung vor der medizinischen Fakultät zu Halle zu gestatten. Diese Erlaubnis wurde auch wirklich erteilt, aber da Dorothea Christiane sich inzwischen mit dem Prediger Johann Christian Erxleben verlobt hatte und diesen ein Jahr später heiratete, so machte sie von der Erlaubnis vorläufig, keinen Gebrauch. Ihre Ehe war ungetrübt glücklich; vier Kinder entsprossen ihr, und sie hat ihre Pflichten als Gattin und Mlltter mit einer für eine gelehrte Frau ungewöhnlichen Gewissenhaftigkeit erfüllt. Aber jeden freien Augenblick widmete sie ihrer Lieblingswissenschaft, der Medizin. Ihre umfassenden Kenntnisse erregten bereits die allgemeine Aufmerksamkeit. 1742 veröffentlichte sie eine kleine Schrift „Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten", in der sie die so moderne Frage des Frauenstridiums behandelte. Später entschloß sie sich nun doch, in aller Form die Doktorpromotion zu machen. Die Erlaubnis wurde ihr zum zweitenmal erteilt; sie verfaßte eine Dissertation, die später unter dem Titel „Abhandlung von der gar zu geschwinden, aber eben deswegen öfters unsicheren Heilung der Krankheiten" auch in deutscher Bearbeitung veröffentlicht worden ist, und so erschien sie am 6. Mai des Jahres 1754 zur mündlichen Prüfung vor der Hallenser Fakultät. Sie war damals bereits 40 Jahre alt, das Ereignis machte in ganz Deutschland, namentlich in Gelehrtenkreisen, ungeheures Aufsehen. Sie erwies bei der Prüfung gründliche Kenntnisse in der Heilkunde und sprach zugleich, wie der Dekan der Fakultät sich äußerte, ein so schönes und zierliches Latem, daß wir glaubten, eine Römerin rn ihrer Muttersprache reden zu hören." Sie bestand die Prüfung und nachdem die Fakultät die Erlaubnis zur Erteilung der Doktorwürde in diesem Ausnahmefalle eingeholt hatte, erhielt am 12. Juni 1754 Dorothea Christiane Erxleben als erste Frau in Deutschland im Hause des Dekans, Professor Junker, feierlich die medizinische Doktorwürde, ein Vorgang, dem zahlreiche angesehene Persönlichkeiten und Studenten der Medizin beiwohnten. Sie hat nachher in ihrem Wohnsitze Quedlinburg noch lange die ärztliche Tätigkeit fortgesetzt und sich in allen Kreisen großer Beliebtheit erfreut. Hochangesehen verstarb die merkwürdige Frau am 13. Juli 1762 im Alter von nur 47 Jahren


