Ausgabe 
13.11.1915
 
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Unb ein Stolz auf den geliebten Mann überkam Eke. War nicht auch in ihm etwas von dem Geist jener Titanen, die mit vermessener Faust hiri-aufariffen in die Sphäre der Götter? Was die Natur einst in Schöpfungswehen ge­bildet, was ungezählte Jahrtausende gedauert, was für alle Ewigkeit gefügt schien hier kam eine kühne Menschen- band und verrückte die Grenzen der Allmacht. Sie gebot den Wassern, und siehe Tal und Berge verschwanden!

Ein Schauer über kam sie. F ast scheu blickte sie auf zu der lichtumsluteten Stirn oes Mannes neben ihr.

Doch nun suhlte sie wieder in ihm den Geliebten ihres Herzens. Fest streckte sie ihm beide Hände entgegen.

Das Neue fordert immer Opfer ich will sie gern bringen an meinem Teil."

Mch einmal blickten sie, Haird in Hand, hinab ins Tal. Dann aber setzten sie ihren Weg fort, zum Buchenhof hin. 9Loch ganz im Bann dieser großen Stunde. Erst nahe dem Ziel ihres Weges kam Eke tvieder das Besinnen auf die Erfordernisse des Alltags. Sie blieb stehen. Es war bald am Waldrand. Die weißgetünchten Gebäude des Gehöftes schimmerten bereits durch die Bäume herüber. -

Du mußt nun um kehren, Gerhard."

Sie bot ihm die Lippen zum Abschied, wie gewohnt. Ein ruhiger, herzlicher Gruß. Schon wollte er sie mit einem Abschiedswort von sich lassen, da umschlangen ihn ihre Arme noch einmal.

Ich bin so stolz auf dich!"

Und eng schmiegte sie sich an ihn. Ganz Hingabe.

Es überraschte ihn. Noch nie hatte er ihr warmes, junges Weibesleben so nahe seinem Herzen gefühlt. Ein Glutstrom jagte ihm durch alle Adern. Seine Lippen zitter­ten. Lange Jahre war er an den Frauen vorübergegangen, ohne sie zu entbehren. Nun über, wo sein Herz gesprochen, erwacdte rn ihm wie unter einem Zauberschlage das Sehnen nach oem Weibe. U ebergewaltig. Und im nächsten Augen­blick riß er sie an sich. Seine Küsse seugteu ihr Lippen^ Wangen und Halsausschnitt. Seine Hände zuckten in fie­berndem Begehren an ihrem Leibe.

Wie gelähmt war Eke im ersten Erschrecken. So fühlte sie seine entfesselte Glut sie umlodern. Und ahnte plötzlich ein Dunkles, Ungekanntes, Elementares, vor dem ihr Herz stillstand. Aber dann schoß es ihr von dort auf, ein flam­mendes Rot, hoch hinauf bis in Hals und Wangcm Ber- wirrung, Scham, Enrpörung ihres herben Mädchentums. Iltoch schlummerte ja in ihr ungeweckt das Weib.

Gerhard!"

Und sie entwand sich ihm. Fast ein Fortstoßen war es.

^Jch Hab' dich ja so lieb!"

Mit heißen Worten flüsterte er es, noch ganz im Bann seiner Empfindungen. Cs war das erstemal, daß seinem Mund das Geständnis entfloh. Doch in zitternder Ent­rüstung traf ihn ihr Blick.

So küßt man keine Frau, die mau achtet! Das tut kein Mann von Ehre."

Eke!"

Er schrak zusammen. Seine Hand streckte sich zu ihr hin. Aber sie wich davor zurück, als wäre sie unrein. Da erblaßte er. Mit einem kurzen Schritt trat er beiseite. Der Weg war ihr frei.

Einen. Moment stand sie noch, wie wartend. Auf ein Wort der Abbitte. Doch als es nicht kam, trat sie an ihm vorüber.

Aus seinen Augen wich aller Glanz. Das konnte doch nicht sein! Denn wenn sie jetzt ging dann war es ja aus. Sein Stolz kannte kein Nachgeben. Lieber zugrunde gehen!

Wußte sie denn so wenig von ihm, daß sie das nicht ahnte? Oder ging sie mit vollem Bewußtsein dessen?

In einem flehenden Beschwören klammerten sich seine Blicke an sie. Aber seine Lippen blieben fest zusammen­gebissen.

Und Eke ging wirklich, ohne das Haupt auch nur um eines Haares Breite noch einmal nach ihm zurückzuwenden. Nun verschwand sie hinter den Stämmen.

Er preßte die Hände ineinander, daß jeder Bluts­tropfen aus den Knöcheln trat. Und nun endlich ein Laut von seinen Lippen. Hart und schrill wie springendes Glas. Dann wandte auch er sich ab, nach der entgegengesetzten Rich­tung, stürmte vorwärts, irgendwohin. So wühlte er sich tief hinein in die Einsamkeit des Waldes. Wie ein Tier, das den tödlichen Schuß empfangen.

Bis die Dunkelheit sich niedersenkte und ihm den Weg verlegte, lief Gerharo Bertsch hoch droben durch den Berg­wald. Da mußte er umkehren, notgedrungen.

Als die Lichter von Rödig endlich vor ihm aufleuch­teten, was es inzwischen völlig Nacht geworden. Vom Kirch­turm drunten im Unterdorf schlug es elf.

Die Rückkehr in die Nähe der Menschen, mit all ihrem Zwang, tat nun ihre Wirkung. Als ob er sich schämte, daß er sich so stundenlang seinem Schmerz hingegeben,; kam eine schneidende Bitterkeit über ihn uni- ein wilder Trotz. Ein orennendes Verlangen nach irgend einer Tat> um sich und ihr zu zeigen: Es war vorbei mit dem kurzen Narrenwahn.

So schritt er durch, das Dorf hin, das schon in tiefem Schlummer lag. Es reizte seinen grimmigen Hohn auf. Philisterseelen, alle miteinander! Jetzt ein paar rechte Kum­pane hier haben, Desperados wie die Kerls da drüben überm großen Wasser, und dann ein Bechern, voll bacchantischeri Raserei, mit grausigem Nervenkitzel. Wüste Erinnerungs­bilder schossen in seinem zuckenden Hirn auf: der kaltblaue Morgenschein über fahlen, trunkgedunsenen Gesichtern. Hallo, Jonny, die Wette gilt! Drei Schuß nach dem Pfeifenstummel in deinem Munde. Treff ich, hast du verloren eine Runde Whisky. Fehl ich auch nur einmal, zahl ich drei!

So brandete es in ihm, wie er durch die nachtdunkle Dorfstraße hinschritt.

Mm bog er ab in das stille Seitengäßchen, das von hinten her zum Hirschen fi'lhrte. An den Gärten mußte er hier vorbei. Von allen Seiten schlug ihm der warme, duftgeschwängerte Hauch der Sommernacht entgegen. .

Was das für eine Lust war! So seltsam schwül und schwer.

Er riß den Hut vom Kopfe, aber dennoch sog seine Brust den süßbetäubenden Atem der tausend Bluten ein. Gierig fast. Auf seine zuckenden Nerven legte es sich, sanft, schmeichelnd, wie eine weiche Frauenhand! Wohltuend, aber zugleich auch namenlos aufreizend.

(Fortsetzung folgt.)

Franzosen im Dorfe.

Von F. Künzelmann (Berlin).;

Das Vielbesprochene, Längstangekündigte, daß wir gefangene Franzosen zur landwirtschaftliehen Arbeit ins Dorf bekommen sollen, das ist nun endlich Ereignis geworden. Das kleine, hübsche Bauernmädchen mit den Ringelzöpfen über den Ohren, das uns morgens in aller Frühe die Milch ins Haus bringt, hat uns die große Neuigkeit gleich erzählt, ganz aufgeregt, mit roten Backen und glänzenden Äugen:Die Franzosen sind da, und sie wohnen im Kruge, im großen Saale, und der Vorsteher hat sich schon welche geholt, und sie schlagen den Bach aus. Ganz rote Hosen haben' sie an."

Ein paar Stunden später sehe ich von den oberen Fenstern unseres hochgelegenen Sommerhauses aus in der Feldflur schon hier und da die roten Hosen aufleuchten: die Franzosen sind also an der Arbeit. Das freut mich.

Unsere beiden Mägde erinnern sich im Laufe des Vormittags wichtiger, eiliger, gan^ unaufschiebbarer Einkäufe, die im Laufe des Vormittags beim Krüger gemacht werden müssen, der zugleich einen kleinen Kolonialwarenladen hat, und sie kommen beide sehr befriedigt mit vielen Neuigkeiten zurück: sie haben die Franzosen gesehen.

Nun weiß man doch wenigstens mal," sagt die eine,wie die Franzosen aussehen, rnit denenUnsere" sich herumschlagen müssen. Gott, was sind es doch nur für kleine Kerls, und man sollte gar nicht glauben, daß sie sich so wehren könnten."

Und die andere, die im Rufe steht, die beste Tänzerin inu Dorfe zu sein, sagt:Ich hatte sie mir überhaupt hübscher vor­gestellt."

Und damit sind die Franzosen erledigt.

Gegen Mittag, als ich zur Post gehe, finde ich die Dorf­straße lebhafter als sonst, und nicht nur Kinder, sondern auch Frauen und Mädchen stehen vor den Hoftüren. Sie wollen alle die Franzosen sehen, die gleich von der Arbeit wiederkommen! müssen. Selbstvefitäirdlich ist von nichts anderem als von den Rot- hosen die Rede. Eine jede will wissen, wie denn nun die Franzosen eigentlich aussehen, mit denen sich.Unsere" so he rum schlag an müssen. Unsere Bauern wußten ja bislang von Frankreich unge­fähr so viel wie der gebildete Franzose von Deutschlairdf also gar nichts. Frankreich war das Land, wo lvir 1870/71 ge­kämpft und gesiegt hatten, das Land der Nothosen und des roten Weins, den sich der Bauer selten genug leistet. Das war die ganze ländliche Wissenschaft von Frankreich. Im übrigen lag es ..iveit weg".