Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Die engen Schranken werden falten. Unser Rauher Grund wird kein toter Winkel mehr sein wie bisher. Aber mehr noch mehr! Vis weit hinaus ins flache Land werden dre Wirkungen dieser Sperre reichen. Du weißt's ja, wie's Mit unserm Fluß da draußen geht: Bei Wassermangel Dürre ringsum, Not und Sorge der Landwirtschaft. Bei Hochwasser aber Elend noch größerer Art — einfach Vernichtung der Saaten. Hier tut eine Wasserstauung wahrhaft Wunder, reguliert den ganzen Flußlauf ini flachen Lande. Wrr bringen denen draußen Hilfe und Segen. Nun — was sagst du dazu, Eke?"
Eine lichte Röte auf den Wangen, sah er sie an. Erwartungsvoll.
Eke von Grund stand wortlos. Erregt ging ihr die Brust. Doch jetzt ergriff sie seine Hände.
„Gerhard — das ist groß!"
... Sie verstummten beide, von der Bedeutung des Augenblicks hingerissen.
Dann aber forschte sie:
„Und der Plan wird zur Tat werden?"
Er nickte.
„Ohne Zweifel. Die Landesbank wie die Regierung Hab' ich hinter mir — da werden die übrigeir schon klein beigeden müssen."
„Die übrigen?"
„Nun ja, die Gemeinden im Rauhen Grund, die von der Sache betroffen wjerden. Hier Rödig, und die Ansiedlungen weiter drunten am Fluß."
Ein Staunen bei Eke. Ihr Auge wandte sich hinaib ins Tal.
„Ach ja — das Anstauen des Flusses!"
Doch dann stutzte sie.
„Da wird ja das Wasser - steigen, hoch empor — am Ende gar auch Häuser bedecken?"
„Häuser? Das ganz-e Unterdorf wird hier verschwinden."
„Gerhard."
„Nun ja, Kind. Es kann ja doch auch nicht anders! sein. Die Sperrmauer wird an fünfzig Meter hoch werden. Da lregt alles, was du hier siehst, unter dem künftigen Wasserspiegel. Selbst der Kirchtnrmknopf da drunten. — Du mußt dir das einmal richtig Vorstelten." Und eifrig wres er hinab. „Alles, was du hier siehst, das ganze weite Tal -- ein einziger, riesiger See wird es dann fern. Nur ore Bergrücken dort vom Jägerkopf und der Fuchskante werden als schmale Waldinseln hervorragen aus den Fluten."
Eke ward still. Erschreckt und zugleich gebannt von der Vorstellung dieser gigantischen Umgestaltung des ganzen Landschaftsbildes. Dock) plötzlich taten sich ihre Augen weit auf.
„Aber dann — verschwindet ja auch unser Hans da drunten!"
„Freilich, das fällt auch mit."
„Und das sagst du so, als ob es nichts wäre?" Ihre großen, erschrockenere Augen sahen ihn jetzt an, als wäre er ihr ganz fremd geworden. „Unser Haus — meine Heimat!"
Da kam es ihm wie ein Erwachen aus fieberndem
Rausch.
„Verleih!" Er legte den Arm um sie. „Ich war so gauz in meinen Plänen."
„Ja, deinen Plänen, mit denen du hinopferst, was andern lieb und teuer ist ■— ohne mit der Wimper jzu zucken."
„Eke!" Er zog sie näher an sich. ^Jch ermesse voll, was das für dich bedeutet, und für die andern da unten> die von Hans und Hof werden gehen müssen, 2lber dennoch —- muß es nicht sein?"
„Warum muß es? Wärst du nicht gekommen mit deinem Plan — alles würde bleiben, wie es ist."
„Bis ein anderer käme mit demselben Plan! Solche Gedanken liegen doch in der Luft. Glaubst du wirklich, dev ewaltige Entwicklungsprozeß, die Industrialisierung, -die ie Losung unseres Zeitalters ist, würde haltmachen, einzig und allein vor den Toren des Rauhen Grundes? Und nanntest du nicht selber vor ein paar Augenblicken erst dieser! Plan groß?"
Das Haupt sank ihr langsam nieder. Da fuhr er fort:
„Siehst du, du schweigst. Nein, Eke — du kannst auch nicht klein denken, und geschähe dir noch viel Schmerzlicheres."
Ein letzter Kampf, dann hob sie die Augen zu ihm auf.
„Ich danke dir, Gerhard. Es war nur so im ersten Moment. Leicht ist der Gedanke ja auch nicht."
Doch noch einmal glitt ihr Blick hinab zu den: Dorff drunten, goldüberflutet, im Mendfrieden, das noch nichts ahnte von seinem Schicksal.
„So Abschied nehmen von seiner Väter Haus, von der Scholle, auf der man seit Menfchengedenken gesessen -—! Aber du hast recht: die Zeit läßt sich nicht anfhalten. ^ie hat nun einmal angektopft hier bei uns, da müssen wir ihr auch die Tür öffnen — ganz, rückhaltlos."
Wieder aufleuchtenden Blickes nickte Bertsch ihr zu. Als er jetzt neben ihr stand, von dem letzten Hauch jdeü sinkenden Spanne überglüht, war etwas Verklärtes, Großes in seinen Zügen. Da sah ihn Eke von Grund an, und wie ein Abglanz dieses Leuchtens ging es über ihr eigenes Antlitz. Wohl sollte da unten eine Welt in Trümmer gehen^ aber würde nicht dafür eine neue erstehen? Eine größere, unendlich reicheres


