Ausgabe 
11.11.1915
 
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Weiter ist es aber wirklich nicht mehr ilötig. Wir sehen bcii Weg ja jetzt schon."

Ja, gerad' da, wo die Kinder Beeren pflücken. LH, da hat's furchtbarlich, gewaltig Erdbeern."

Glaub's schon, Vatter. Aber da nehmt Euch eine Zigarre."

Dank schön. Doch dat tut nit not. Wir sind ja deutsche Leute, da muß mau sich schon gegenseitig helfen. Also glückliche Reis' alsdann! Und wenn Sie nachher an die Bach kommen, so halten Sie sich immer stracks rechts zum Talkops hinüber. Alsdann"

Von da ab weiß ich schon."

Freundlich nickt5 Bertsch und schritt dann schneller mit Eke aus.

Wie treuherzig das Volk hier noch ist. Man muß die Leute doch liebhaben." Eke blickte noch einmal zu dem A ten zurück. 'Ich erkenne es so recht jetzt, wo ich zu ihnen in die Häuser komme. Wieviel Herzensfreude Hab' ich nicht schon da­von gehabt. Ich bin dir so dankbar, Gerhard!" Und sie hing sich zutraulich tn den Arm des Geliebten.Das will ich auch nie wieder aufgeben. Auch später nicht, wenn wir einmal verheiratet sind."

Wäreii wir's nur erst!"

Geduld, Liebster.'"

Ihre Rechte strich ihm weich über die Wange. Da hellte sich seine Miene wieder aus. Ein Glücksgefühl kam über ihn. War sie nicht sein, sanft und anschmiegend, die so stolz ihr Haupt vor den Meirichen trug.

Dann schritten sie durch den schweigenden Wald. Noch" nie hatte Gerhard Bertsch so das starke Gefühl ihrer Zu­sammengehörigkeit gehabt, wie heute. Nichts stand mehr zwischen ihnen. Eins waren sie. Um jeden Gedanken, jede Sorge des einen wußte auch der andere. Und plötzlich kam es ihm: Sollte sie nicht auch da von dem erfahren, was ihn beruflich, beschäftigt hatte in all dieser letzten Zeit? Bon seinem neuen Plan, dem letzten und größten? Es war zwar sonst nicht seine Art, über Dinge zu sprechen, ehe sie reif paren. Aber dennoch sie sollte es wissen, was ihn ganz aussiU'lte. Droben aus dem Talkops wollte er sich ih-r offen­baren.

Und dann waren sie auf jenem Bergvorsprnng an ge­langt, der fast senkrecht abstürzte zum Tal hin. Gerade über den letzten Ausbauten vom Unterdors drunten in Rödig, die sich wie schütz suchend an die Bergwand drängten.

Ein wundersamer Fernblick tat sich hier oben auf, über den ganzen Rauhen Grund. Weithin streckten sich die Wiesen­gründe, umrahmt von Laubgrün und dunkeln Tannen. Hell blinkte das Silberband des Flusses herauf, der den Ort drunten schmeichelnd umschlang.

Ans dem sattgrünen Rasen bauten sich freundlich die weißschimmernden Häuser auf, versteckt zwischen den dichten Lindenwipfeln. Bunt und lustig grüßten die kleinen Banern- gürten. Ihr süßer Levkojendust wehte herauf, erinnerungs­schwer. Dätnmerstunden aus fernen Kindheitstagen wurden wieder lebendig.

Träumerisch lehnte Eke von Grund über dem Schutz­geländer, Gerhard Bertsch stand neben ihr. Sie waren ja hier im üppig wuchernden Gesträuch den Blickeii drunten verborgen, während sie ihrerseits ungehindert hiuabschaiien konnten, gerade in die Gäßchen und Gehöfte hinein.

Goldner Abendschein wob da drunten um die Herd- patten. Mit hellem Ausjauchzen warfen sich die Schwalben ru die Luft. Ranch kräuselte sich aus jedem Schornstein. Aus deil Häusern scholl das helle Singeil der Mädchen bei ihrer Arbeit. Halüvergessene Lieder, schlicht und fromm. Vor der Tür, auf der Bank saßen die Alten. Geruhsam die laiige Pfnse un Munde. .Eine Frau ging mit dem Kuchenblech ans dem Kopse zum Backofen draußen vorm Dorf. Gelvichtig hielt sich die Aelteste ihr zur Seite, den Ginsterbesen in der Hand. Em Klernchen trippelte nach, am Rockzipfel der Mutter. Von der Arbeit droben auf der Zeche kam ein Mann heim. Froh sprang ihm sein slachsköpfiger Junge entgegen und hliig sich an den Vaters Hand.

U eberall auf den Gassen und aus dem Dorsaiiger trieben die Kinder ihr Wesen. Hochgeschürzt standen ein paar spreiz­beinig im seichten Wasser des Flusses und suchten Blutegel. Em winziges Kerlchen sah ihnen neugierig voni sicheren Ufer aus zu. nur mit einem Hemdlein bekleidet. Undere spielten Knüppches, und auf dem grünen Wiesenplan an der Dorf- Unde drehte sich ein Reigen. Ein Lufthauch trug die hellen Klnderstimmen deutlich beraui. Monotone Klänge, kindische

Worte, und doch lag ein seltsamer Reiz darüber in dieser Stunde versonnenen Abendsriedens. Aus der Jugendzeit, was stand da nicht alles aus!

Eke hob sich die Brust. Nie hatte sie stärker gefühlt, wie verwachsen sie war mit diesem Mutterboden ihrer Heimat. Und warm quoll es ans in ihrem Herzen. ~

Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter, daß sie auf­schrak aus ihrem Träumen. Gerhard neben ihr war es. Aber? sein Blick haftete nicht an dem Bilde traulichen Menschen- tiei ens zu ihren Füßen. Ueber das weite Tal schweifte er hin, mit einem erregten Leuchten, und nun wandte er sich iljr zu.

Eke ich möchte dir etwas sagen. Etwas, das mich sehr beschäftigt."

Ja, sag' mir's!"

Sieh" und er nahm ihre Hände, sie fühlte dabei ein fieberndes Zucken.Ich bin noch nicht am Ende hier mit meinen Plänen. Wie es so geht. Erst bringen wir den Stein ins Rollen, dann reißt die Lawine uns mit fort."

Was hast du denn noch vor?" Und Spannung trat in ihre Züge.

Großes! Aber höre, wie ich so darauf kam. Da drunten," er wies auf den Fluß hinab,das Wehr Hinternn Dorf' damit fing's an. Wie ich dort eines AoenoA vor-« .überging und das Rauschen an mein Ohr schlug, hielt's> rnid'4 plötzlich fest. In die nieder stürzen den Wassermassen mußte ich sehen, immerzu, und denken: Was für eine Kraft geht hier verloren völlig ungenutzt. Und mit eine in mal kam mir's: Wenn rmrn die dienstbar machen könnte> droben für das Werk, für unsere Krafterzeugung.und Be­leuchtungszwecke! Eine Riesensumme würde man jährlich sparen, die jetzt dvaufgeht für tzie teure Kohle droben von der Ruhr. Und der Gedanke ließ mich nicht mehr los seit-« dem. Die ganze Nacht ging's mir durch den Köpf: Warum sollte das nicht zu machen sein? Wenn mau die Stauung nur noch etwas vergrößerte. Gefälle irnb durchschnittliche Wassermenge waren sicherlich vollrömmen ausreichend. Kürz entschlossen setzte ich mich an: nächsten Morgen hin und! schrieb nach Köln an einen ^.kannten Wasserbautechniker. Der kam, ganz im geh ein len-machte er hier am Wehr seine Berechnungen, und das Resultat war glänzend, übertraf all meine Erwartungen. /Wasser haben Sie wenn Sie wollten, könnten Sie den ganzen Rauhen Grund mit Kraft versehen/ Scherzend sagte es mir der Mann, aber das Wort schlug bei mir ein. Wieder allein mit mir, erwog ich den Gedanken, ruhig und ernsthaft, und kam zu dem Schluß: Ja, warum nicht? Wenn man denn einnral schon daran ging, das Wasser auszumchen weshalb nicht in vollem Umfange? Und siehst du, da wuchs es in mir urid reiste zum Entschluß: Wenn man, statt bloß das Wehr hier am Dorf zu vergrößern, den ganzen Fluß staute, drunten am Tala.rs- gang, wenn mau bei uns im Rau Heu Grund täte, was man ja schon anderwärts gemacht, eine regelrechte Tal­sperre baute, Millionen von Kubikmetern Wasser ausfing und in Kraft umsetzte was für Ausblicke boten sich dal

Das würde natürlich weit hinausgehen über den ur­sprünglichen Rahmen. Nicht mehr bloß um unser Werk han- oelte es sich dann.'Eine Fernversorgung mit Kraft und Licht kam' in Frage für die ganze Landschaft, ihtb weiter, innner weiter zogen sich die Kreise. Ungehobene Schätze liegen hier noch im Laude: Erz, Holz, Basalt, wohl haben wir sie, aber keine Industrie, die sie voll verwertet an Ort und Stelle. .Haben wir aber erst hier die nötige .Mast, so kommt auch die Industrie. Und nmt ihr ein neues, ge­waltiges Leben. Die Scholle, die jetzt Hunderte nährt,, Tausenden wird sie Brot geben. Geld wird ins Land! strömen, Wohlstand und Kultur.

(Fortsetzung folgt.)

Lritzelcs großer Tag.

Eine Skizze von Josephin e«iebe.

Der kleine Junge tat eine Reise. Eine kurze Fahrt war öS nur, ein paar .Haltestellen weit, mit einem Bähnchen, das sein sacht durch bte Welt lief und nicht ime ein langer stolzer Schnellzug allen Nestlcin an der Nase oorbeirannte. Aber die mit dem Bähn­chen reisten, waren es zufrieden; man kam doch an sein Ziel, und unterhaltsam war es auch; Bekannte fanden sich leicht zusammen, man hörte dies und das aus der Umgegend, und nach einer Stunde batte man das behagliche Gefühl einer überstandenen Weltreise.