Professor Skobeleff war ein echter Russe mit allen Fehlern Uitb leidlichen Eigenschaften dieses Volkes behaftet; zu den letzteren gehörten zweifellos seine ganz bedeutenden mineralogischen Kenntnisse, die in einer von ihm angelegten und viele Hunderte verschiedener Mineralien umfasseirden Sammlung zum Ausdruck kamen. Ganz besonders bewandert war er auf dem Gebiete der Kristallographie; diesen trockenen und nicht leicht zu bewältigenden Zweig der geologischen Wissenschaft hatte er zum Gegenstände eingehender Forschungen auserkoren, und muß es zweifellos darin zu einer anerkannten Autorität gebracht haben, denn er zeigte mir wiederholt an ihn gerichtete Briese und ihm verliehene Diplome von allen möglichen gelehrten Körperschaften aus allen Teilen der Welt.
Nach meiner Abreise vom Ural korrespondierte ich mit dem Professor noch einige Zeit, bis der große Weltkrieg ausbrach. In seinem letzten Briefe äußerte er bereits Bedenken über die diplomatischen Treibereien, die gegen Deutschland gerichtet wären, dessen ausstrebende Macht in wissenschaftlicher und kommerzieller Hinsicht von den Konkurrenten mit Neid verfolgt wurde.
Skobeleff war durchaus im Banne der deutschen Kultur, wenn auch die geringe Sorgfalt, die der Professor auf seine äußere Erscheinung legte, eher zur gegenteiligen Annahme berechtigt hätte. Er trug einen wenig gepflegten, langen, schwarzen Bart, einen mit Fettflecken älteren und jüngeren Datums reichlich dekorierten schwarzen Gehrock, Hosen und Schuhe, die in ihrer Dürftigkeit einem Almosenempfänger als wirksame Empfehlung gedient hätten.
Seit Ausbruch des Krieges batte ich natürlich von dem Professor nichts mehr gehört; trotzdem sollte mir ein Wiedersehen unter ganz eigenartigen Umständen Vorbehalten sein. Das kam so:
Durch ein kleines polnisches Dorf, wo ich mich dienstlich aufhielt, wurde ein russischer Gefangenentransport gebracht; es waren zumeist Schwerverwundete, die von den deutschen Sanitätssoldaten und Schwestern des Roten Kreuzes gepflegt wurden.
Auf dem Wege zur Etappenstation erhielten wir jxdoch feindliches Feuer und mußten uns, so gut es ging, mit unseren Gefangenen durch Aufsuchen von Deckungen vor den einschlagenden Granaten schützen. Ungefähr zwanzig Schritte von mir entfernt warf sich einer der schwerverwundeten, gefangenen Russen Schutz suchend, zu Boden; zu meiner nicht geringen Ueberraschung erkannte ich in. ihm Professor Iwan Skobeleff.
Als der feindliche Kugelregen aufgehört und wir uns vorn Boden erhaben hatten, um unseren Marsch fortzusetzen, näherte ich mich dem Professor, um ihm aufzuhelfen. Er schien mich nun einerseits auch erkannt zu haben; ein müdes Lächeln glitt über ein Gesicht, das in der Umrahmung des mächtig verwilderten, rurch urrd durch mit Kotspritzern beschmutzten Bollbartes bleich und abgehärmt anzusehen war. Seine Arme hingen wie leblose Gewichte an seinem Körper; er konnte sich nicht erheben, obwohl ich ihm anmerkte, daß er mir die Hand zur Versöhnung entgegenstrecken wollte. Seine Verwundung war sehr schwerer Natur; er hatte nicht mehr die Kraft, sich aufrecht zu erhalten, weshalb ich ihn auf eine Tragbahre bettete, um ihn nach der nächsten Station zu bringen. Ich bemerkte jedoch, daß sich der Zustand des Kranken durch den Transport verschlimmerte und machte meinen Kommandanten auf die höhere gesellschaftliche Stellung Iwans aufmerksam, so daß mir erlaubt wurde, ihn in dem nächsten von den Einwohnern verlassenen Hause am Wege unterzubringen, umsomehr, als der Abend hereinbrach, und wir kaum vor den ersten Nachtstunden die nächste Etappenstation erreicht hätten.
Aus Gründen der Sicherheit wählte ich für mein Nachtlager den Keller, wo ich auch den Kranken auf seiner Bahre unterbrachte. Im Keller war es stockfinster. Ich verzichtete gerne auf den Luxus der Beleuchtung, da ich bald, nachdem ich mein Lager aufgesucht hatte, von Müdigkeit überwältigt, in tiefen Schlaf fiel. Tie jüngst überstandenen Schrecken des Krieges hatten sich aber tief in meine Seele eingegraben und ließen mein Gehirn nicht zur Ruhe kommeil. Bilder ungeheuerlichster Verwüstlmg wechselte:: blitzartig mit solcher: aller erdenklichen Zufälligkeiteil von Greuel und Verderben; alle Schauer und Schrecknisse des Krieges durchlebte ich im Traume, bis ich wie von einer mächtigen Explosion erschüttert, aus dem Schlafe emporfuhr.
Es waren Uebermüdung und Nervosität, die niich aus den:
Schlafe aufschrecken ließe::-oder hatte sich doch etwas in
dem stockfinsteren Raume bewegt?
Ich tappte in der undurchdringlichen Dunkelheit nach meiner elektrischen Taschenlampe, die ich neben mich an: Boden hingelegt hatte. Als ich mich von meinem Lager aufriichtete, bemerkte ich in weiter Ferne einen kleinen, leuchtenden Stern, der sich vom Boden erhob und im Raume umherschwebte. Donnerwetter -was war das —? ein winziger, leuchtender Stern,
der silberhelle Strahlen aussandte, flimmernde Kreise erze:igte, die größer und größer wurden und langsam bis an mich herankamen, dann aber in der pechschwarzen, undurchdringlichen Dunkelheit zerrannen. Ich starrte a::s hm Mern hin und war wie gebannt; kalt überlief es m:ch, denn ich wußte ganz genau, daß nur ich und der totkranke Iwan in den Raun: her ein gekommen waren. Die Wände hatte ich am Abend vorher sorgfältig mit der Taschen- lampe abgesucht: sie waren dicht und konnten kein Lebewesen! durchlassen — die Türe war von mir fest verriegelt worden — das alles fdgoirrte mir durch den Kopf — da erhob sich dev flimmernde Ster:: wieder und schwebte durch die FinsterlliS bis
dicht zu mir in greifbare Nähe — ich holle aus, griff mit deü Hand in die Luft — der Stern war entwischt — ich fiel vornüber auf den Boden und griff zu meinem Glück auf die Taschenlampe; nun erhob ich mich von meinem Lager, ging sachte an Jwaii heran und leuchtete ihm ins Gesicht. Er lag langausgestreckt — kreidebleich — und regte sich nicht — ich fühlte nach seinem! Herzen — es war still — der Mann war tot.-
Ich ging zur Türe und wollte hinaus; sie war aber so fest! verschlossen, daß ich nicht öffnen konnte — ich rüttelte und stemmte mich mit ganzer Kraft dagegen; die Türe bewegte sich nicht. —
Himmel — ich mußte also mit dem unheimlichen Toten allein in dem Raume blerben, bis der Tag anbrach, und meine Kameraden mich aus meinem unfreiwilligen Gefängnis befreien konnten.
Ich zog dem toten Iwan die Decke bis an den Kopf, weiter reichte sie nicht — dann legte ich mich wieder auf mein Lager hin, drehte mich mit dem Gesicht gegen die Wand und nahm mir vor, mich nicht zu rühren, um wiüier die Müdigkeit wirken zu lassen- die mir den Schlaf bringen sollte.-
Aber wie eine Schraube, die sich tiefer und immer tiefer in mein Gehirn einbohrte, plagte und quälte mich die Neugierde, was hinter meinem Rücken Vorgehen mag — ich spürte ein fortwährendes Greifen und Tasten am ganzen Körper und hielt es nicht aus — ich mußte mich umdrehen und starrte in die Finsternis — da war er wieder — der leuchtende Stern — größer^ Heller, silbriger, glänzender erschien er in der mich umgebenden tiefschwarzen Nacht — ich triefte vor Schweiß. Furcht und Entsetzen legten sich wie stählerne Reifen um meinen Körper — in? einsamer Nacht mit dem toten Iwan in einem sinsteren Raumej eingeschlossen zu fein — erschien mir schreckhafter als Nlitten auf dem Schlachtfelde de:n Walten der blindwÜttgen Kriegsfuria zu trotzen.
Wieder entflammte ich die elektrische Tascheirlampe und trat an das Lager Iwans heran. Er lag bewegungslos und grinste mich mit seinem toten, wächsern-weißen Gesichte an* das eine Auge war geschlossen, während das andere tveit offen stand. Wie kalter, unerschütterlicher Hohn lag es auf diesem geisterhastlM Gesichte. Ich packte den Toten, zerrte ihn hin und her, schrie von Furcht geplagt: „Iwan — Iwan —! er grinste und hatte das eine Auge starr auf mich gerichtet und fiel schwer wie ein Sach als ich ihn losließ, auf sein Lager zurück. Ich kauerte mich in! eine Ecke nieder, mit meinen Blicken auf den Toten gerichtet/ um ihn genau zu beobachten — und wollte den Morgen erwarten. Karnn hatte ich die Lampe wieder verlöscht, als sich zu meinem! Schreck der flimmernde Stern erhob, jetzt schneller an mich beran- kam — imb hinter ihm deutlich eine Hand mit einem spitzen; Dolch zu sehen war, die mein Lebei: bedrohte, zielsicher, imaufa haltsam — von magischer Kraft getrieben — die Waffe in mein Herz stoßen wollte — ich schrie auf — riß meinen Revolver? von der Seite und feuerte auf den helle:: Lichtkreis — — der Schuß verhallte dumpf in dem Kellergewölbe --meine Kameraden hatten ihn aber gehört und befreiten mich. —-
Am Morgen hatte ich Gelegenheit, imseri: Arzt zu sprechen, dem ich die Geschichte erzählte, :md den ich auf das eine noch immer? weit offenstehende Auge des toten Iwan Skobeleff aufmerksam! machte. Der Arzt betrachtete das Auge genau und erklärte mir, daß es das wrmdervollste, kitnstliche Auge sei, das er je gesehen habe. — — —
Da erinnerte ich mich, daß mir Iwan Skobeleff immer von einem seltenen Mineral, das er an: Ural gefunden hatte, erzählter und das in der Nacht unheimlich Helle phosphoreszierende Strahlen verbreite. _
vermischter.
* Englische Gewalttat gegen einen deutschen Forsch ungsreisenden. Von der deutschen Neu-Guinea- Exvedition, die unter der Leitung von Dr. W. B e h r m a n n sich die Erforschung des Kaiserin-Augusla-Stromes oder Sepik und seiner Nebenflüsse zur Ausgabe gestellt batte, war ein Mitglied, Tr. R. Thurnwald, während des Krieges zurückgeblieben und hat seine Arbeiten während dieser Zeit noch fortfetzen können. Wie Dr. G. Hornig auf Grund der Berichte des Gelehrten in der Naturwissenschaftlichen Wochenschrift milteilt, hat er dabei schone Ergebnisse erzielt. Er gelangte in: Sonnner 1914 von der Mündung des Oktober-- und Westflusses, in: Gebirge weiter vordringend, zu einen: Kessel von 20 km Brette und 40 km Länge, in den von allen Richtungen ber die Flüsse einmünden. Tiefer hohe Gebirgskessel, der sich 1500—2000 m emporhebt, liegt am Südwestsuße des als Viktor Emanuel-Gebirge bezerchneten GebirgSstockes, der aber in Wahrheit aus zwei verschiedenen Kelten besteht, von denen n::r die südliche den ursprünglichen Nan:en verdient. Ties Gebirgsland ist verhältnismäßig stark, mit etwa ^000 Seelen bevölkert. Der Ge- lebrte fuhr dann in: November 1914 den Sandfluß, einen Neben« fluß des Gelbflusses, hinauf und erforschte im Dezember den Nord- sluß bis z:i der Höbe des Küstengebirges hin. Auch dieses Land, das sich durch großen Reichtum an Kokosnüssen auszeichnet, ist in: Ober- und Mittellauf der Flüsse ziemlich stark bevölkert. Die Bewohner dieser Gebiete haben als charakteristische Tracht eine Art geknoteter Panzerhemden. Als Thurnwald in: Januar 1915 in das Lager der Expedition am Mäanderberg zurückkchrte, fand er dasselbe ausgeplündert vor und wurde auf der Reise stromabwärts


