684 —
Sie machte sich langsam auS seinem Arm frei. Klar blickten ihn ihre Augen an.
„Es hilft nichts, wir müssen warten."
„Wie lange?"
„Bis ihm Aufregungen nicht mehr so schaden können."
„Das kann lange dauern, sehr lange, Eke."
„Und wenn, es muß sein."
„Natürlich — die Rücksicht aus ihn geht ja vor!"
Seine Miene verfinsterte sich. Da sah sie ihn an.
„Gerhard, er hat mich an Kindes Statt genommen — ich bin ihm Dank schuldig."
Seine Hand griff nach dem stählernen Vriesbeschwerer neben sich aus dem Schreibtisch.
„Das heißt also: ich soll dich nicht mehr sehen?"
„Oh — das doch nicht." Aber es klang bedrückt. „Wir werden ja auch weiter zusammenkommen — gelegentlich — durch den Frauenverein."
„Genügt dir das?"
Keine Antwort, nur das Haupt senkte sich ihr.
Heftig warf er die Stahlplatte auf den Tisch.
.Eine Wolke trat auf ihr stolzes Antlitz.
„Es ist mir wider die Natur — alles Heimliche."
„Nun gut, so folge deiner Natur. Aber ich weiß genug."
Schroff wandte er sich ab. Da war sie bei ihm.
„Das darfst du nicht denken — Gerhard!"
Mit einer jähen Bewegung riß er sie an sich.
„Ich kann nicht mehr sein ohne dich!"
# Als sie sich aus seinen Armen löste, stand ein Entschluß in ihren Mienen. Aber ihre Augen blickten ernst.
„Gut, so sollst du mich sehen — hin und wieder."
„Ich danke dir, Eke! Ich weiß, was du mir damit gibst."
Und er neigte sich verehrungsvoll über ihre Hand.
*
Eke von Grund hatte ihr Versprechen gehalten. Schon mehrfach hatte sie sich mit Gerhard getroffen. Aber diese flüchtigen, dem Glück gestohlenen Stunden gewährten seinem sehnenden Verlangen nach ihr doch nur wenig Genüge. Es war, wie wenn sich bei ihm nach den langen Jahren seiner inneren Einsamkeit ein um so größeres Bedürfnis nach einem vertrauten Sichgeben angespeichert hatte. Eke fehlte ihm. Nur zu tief empfand er es.
Um sich darüber fortzuhelfen, stürzte sich Bertsch in seine Arbeit. Neue Pläne entstanden. Das Große zog noch Größeres nach sich — ganz Großes, Gewaltiges. Selbst in Köln war man betroffen. „Nun aber einmal halt!" hieß es. „Sie übernehmen sich, lieber Freund!" Doch sein Feuergeist rang mit ihrer kaufmännischen Bedachtsanikeit. Und bezwang sie schließlich. Ein Riesenprojekt — wohl wahr-. Aber doch nicht unausführbar. Und er hatte recht: Im Grunde nur die letzte Konsequenz des einmal Begonnenen. Gewissermaßen eine Notwendigkeit, wollte man nicht auf halbem Wege stehew- bleiben. So trat man denn dem kühnen Gedanken Vertschs näher, wenn natürlich zunächst noch mit aller gebotenen Zurückhaltung. Erst einmal handgreifliche Unterlagen haben für Durchführbarkeit imb Rentabilität!
Mit all seiner stählernen Energie warf sich Gerhard Bertsch auf diese Vorarbeiten und brach sich Bahn, Schritt für Schritt. Aber es konnte ihm dabei geschehen, daß ihm mitten in den schwierigen statistischen Berechnungen oder Kostenanschlägen plötzlich der Gedanke an Eke kam. Und mit solcher Macht, daß er aufsprang, die Arme weit vorgereckt. Aber die, nach der sie griffen, war ihm fern. Und war sie wirklich einmal mit ihm zusammen, so war das doch auch nicht genug für sein Sehnen.
Es hieß vorsichtig sein, stets beherrscht.
... . ®brachten Bertsch denn diese heimlichen Zusammenkünfte fast noch mehr Pein als Glück. Auch heute empfand er das, wie er mit ihr droben im Wald durch die Haus> berge ging. Als habe er sie zufällig getroffen auf ihrem Wege zum Buchenhof, einem abseits gelegenen Gehöft droben, wohin sie eine Fürsorgepflicht des öfteren rief. Diesmal kam ja auch noch etwas Besonderes hinzu, das ihn beunruhigte, schon seit mehreren Tagen. Sein verstimmtes Wesen siel Eke daher bald auf. Fragend sah sie ihn an.
„Was hast du, Gerhard?"
„Ach — nichts weiter."
„Sprich doch, bitte!"
. wenn du es willst — also, was soll eigentlich
der Besuch da bei euch im Hause? Der Vetter, oder was er ist."
„Natürlich ist's ein Vetter, der Eberhard. Meine Mutter war doch eine geborene Selbach. Aber ich glaube wahrhaftig —," und sie lächelte ihn plötzlich an. „Nein, Gerhard, daß auch du eifersüchtig sein kannst, das hätte ich im Leben nie gedacht."
Er blieb ganz ernst.
„Du irrst, Eke, Eifersucht kenne ich nicht. Aber trotzdem beunruhigt mich dieser Herr von Selbach."
„Wieso nur?"
„Hast du denn nicht auch das Gefühl, daß der Besuch deines Vetters einen bestimmten Zweck verfolgt?"
„Durchaus nicht. Eberhard kommt ja fast alle Jahre zu uns zu Besuch."
„Aber diesmal! Er ist doch auf Einladung deines Onkels gekommen?"
„Natürlich, aber —"
„Siehst du, das ist's ja gerade. Dein Onkel hat sicher seine Absichten dabei gehabt."
Eke wurde nun doch nachdenklich.
„Meinst du wirklich?"
„Ganz gewiß. Er hält offenbar etwas von diesem Vetter, der ja wohl der einzige Verwandte ist, mit dem ihr noch Beziehungen habt?"
„Das ist allerdings richtig."
„Nun, da liegt die Sache eben sehr einfach: Es ist vermutlich ein alter Wunsch von deinem Onkel, daß ihr beide euch einmal heiratet, und jetzt, wo er weiß, daß ich —, jetzt will er Ernst machen."
Eke schwieg betroffen. Endlich sagte sie zögernd:
„Wenn ich so nachdenke — du könntest am Ende doch recht Haben."
„Siehst du!"
Aber da warf sie den Kopf wieder hoch.
„Nun, und wenn's so ist? Ich habe doch auch noch ein Wort mitzureden."
„So — und die Rücksicht auf den Zustand deines Onkels?"
Eke von Grund zog die Brauen zusammen.
„Es gibt da auch Grenzen. Mich opfern deswegen tu' ich nicht!"
Erfreut fuhr es über seine Mienen. Llber gleich wurden sie wieder ernst.
„Du unterschätztest die Situation doch wohl etwas. Dein Onkel hat auch noch ein anderes Mittel, dich zu zwingen."
„Das möcht' ich sehen!"
„Er kann dich enterben, wenn du dich weigerst. Und er wird es!"
„So mag er!"
„Sprich das nicht so leicht hin. Besitz macht unabhängig, gibt Rückgrat."
„Das werde ich auch ohnehin stets haben, und wenn ich bettelarm sein sollte."
Er schüttelte den Kopf.
Da wandte sie sich ihm schnell zu.
„Oder — möchtest du etwa keine Frau heiraten, die ohne jedes Vermögen ist?"
„Eke!"
„Verzeih'." Und sie drückte seinen Arm. „Ich meinte es ja auch nicht so. Aber jetzt einmal im Ernst: Wenn! ich wirklich vor die Wahl gestellt werden sollte, es könnte doch gar kein Besinnen geben. Gewiß wäre es ein schwerer Schlag, müßte ich auf all das vernichten, das mir einmal sonst zusiele, aber — würden wir darum weniger glücklich werden?"
„Das ganz gewiß nicht," fest legte er den Arm um sie. „Nur — sieh, Liebste: ich habe noch nicht viel hinter mich gebracht. Passierte mir also einmal vor der Zeit etwas Menschliches — ich ließe dich schlecht versorgt zurück."
(Fortsetzung folgt.)
Das Auge des Iwan Sfobeleff.
Von Adolf Konti.
Vor ungefähr zwei Jahren weilte ich am Uralgebirge. Dort machte ich die Bekanntscl)ast eines Geologen, der sich Professor! Iwan Skobeleff nannte und behauptete, ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften in St. Peterburg zu sein. Die Wahrheit dieser Behauptung konnte ich nicht naäMüfen, denn so lange ich mit dem Professor in persönlichen und später in brieflichen Beziehungen stand, hielt er sich in dem kleinen Orte im Uralgebirge auf..


