Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
^ (Fortsetzung.)
>,9hm, Medizinmann, wie schaut's? Muß doch mal nach dir sehen/'
Gutgelaunt trat Bertsch bei Doktor Herling ein. Eine Ungewohnte Heiterkeit strahlte ihm von den Mienen. Auch nun, wo er dem Arzt, der auf der Chaiselongue liegen blieb, kräftig^ die Schultern rüttelte.
„Erhebe dich," du schwacher Geist. Es lohnt sich. Ich habe drüben im Hirschen einen guten Tropfen kalt stellen lassen! Na —> kann dich das and) nicht reizen?"
„Nee — meine Ruhe will ich haben."
„Die hast du nun lange genug gehabt. Schon fünf Uhr nachmittags."
„Hast du eine Ahnung! Vor zehn Minuten bin ich gerade erst nach Hause gekommen." Und Herling setzte sich nun auf der Chaiselongue aufrecht. „Ein netter Tag heute. Erst oben die Frau Ebner —"
„Ach richtig ,ja." Bertschs Züge wurden ernster. „Wie steht's denn?"
„Ein schwerer Fall. Lunge und Brustfell schönstens entzündet. Ich Hab' stundenlang Packungen mit ihr gemacht." Doktor Herling putzte sich mit dem Taschentuch bedächtig die Brillengläser. „Na, aber ich denke, es wird noch mal werden."
„Das freut mich für den Ebner. Ein zuverlässiger, ordentlicher Mensch."-
Der Doktor nickte und setzte sich die Brille wieder auf.
„Na schön, wie ich aber kaum aus dem Dicksten raus bin mit der F-rau, kommt ein Wagen ang-ejagt, drunten! vom Adligen Hause."
„Wie?"
Der Freund, der sich eben einen Stuhl heranzog, hielt inne. Mitten in der Bewegung.
„Ja — der Herr wäre erkrankt, schwer erkrankt."
Bertschs Brauen zogen sich zusammen.
„Was lag denn vor?"
„Wie ich hinkam, batten sie ihn schon ins Bett gepackt. Ein paar von seinen Leuten. Denn er selbst war unfähig, jich zu rühren. Völlig gelähmt, selbst die Zunge."
„Doch nicht — ?"
„Ja, ein Schlaganfall."
.„Schlaganfall? — Wie kam er denn dazu?"
. „Irgend eine Aufregung. Vermutlich wohl eine Familien angelegerch eit. Denn Fräulein von Grund verbarg nur schlecht eine starke Erregung,"
„So -"
Bertsch wandte sich langsam ab. Die Hände auf dem Rücken zusammen gelegt, tat er ein paar Schritte iüs Zimmer hinein, aus dem Licht fort. Dam: aber blieb er stehen.
„Und wie geht's jetzt mit ihm?"
„Ich habe ihn wieder so weit. Natürlich noch immer sehr schwach. Ueberhaupt — ich sagte es auch seiner Nichte — er muß sehr geschont werden. Denn so etwas kann wiedev- kommen."
„Hm — gewiß."
Und Gerhard Bertsch nahm seine Wanderung wieder auf. Die frohe Helle war von seinen Zügen gewichen.
„Ja — wie gesagt, es war ein recht angenehmer Somr- tag. Kannst nuit wohl verstehen, daß ich mich hier langgelegt habe für ein paar Minuten."
„Vollkommen. Und du sollst auch weiter ausruhen. Tut mir leid, daß ich dich störte, aber ich hatte ja feine? Ahnung. Also — bis nachher!"
„Aber unsere gute Flasche?"
„Die läuft uns ja nicht weg."
„Hast recht." Und der Doktor ließ sich gähnend von neuem auf sein Ruhelager fallen. Sich auf die Seite drehend, sunlmte er den Vers des Rodensteiners durch die Lippen: Acht jetzt, gut Nacht jetzt! Einst war ich nicht so brav, doch ehrbar wandeln ist das best! — Ich geh' ins Bett und schlaf."
„Recht so."
Mit einem flüchtigen Lächeln nickte Bertsch noch einmal dem Freunde zu und ging. Draußen aber wurde seine Miene gleich wieder ernst.
So kam er nach Haus. Hier setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb:
„Meine liebe Eke!
Eben höre ich von Herling, was geschehen ist. Ich mag nicht viel Worte machen. Das liegt mir nicht. Aber ich wünschte, ich könnte bei Dir sein. Dich in meine Arme nehmen!
Was soll nun werden? Kann ich Dich nicht sehen? Wenn auch nur auf ein paar Minuten. Wie es auch kommt, stets Dein Gerhard."^
Er selber brachte den Brief zur Post.
Er erhielt keine Antwort von Eke, auch am zweiten Tage noch nicht. Aber am dritten kam sie selber. Es war nichts Ungewöhnliches. Sie hatte ihn in Sachen des Frauenvereins schon wiederholt auf dem Werk aufsuchen müssen. Doch wie sie heute in sein Bureau trat, blieb sie an der Tür stehen.
Bertsch, der sich schon erhoben hatte von seinem Arbeitstisch, sah sie betroffen an. Da lief sie plötzlich auf ihn zu. Fest warf sie ihm die Arme um den Hals.
„Nein — ich lasse dich nicht!"
Er verstand und drückte ihr Haupt an seine Schulter.
„Es war wohl schwer?"
Sie nickte nur stumm und schmiegte sich dichter an ihn.
„Liebe, du."
Sanft drückte er seine Lippen auf ihr Haar. So hielt er sie eine Weile schweigend an seiner Brust, bis er ihren Herzschlag ruhig werden fühlte. Dann fragte er:
„Und nun?"


