Ausgabe 
6.11.1915
 
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Die vom Rauhen Grund.

Roman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.)

* (Fortsetzung.)

. Dem Hannes- Reu sch, der wiewohl ein heimlicher 'Spötter sich um des Ansehens in der Gemeinde willen doch hin und wieder im Gotteshause sehen ließ, und so» auch heute, ward es unbehaglich »bei diesen Worten. Mit unsicherem Blinzeln fuhr sein Auge Umher über Altar und Chor. Er war ja freilich gut versichert, aber immerhin! Bis ein Neubau stand, ging manche gute Einnahme ver­loren. Vielleicht auch, daß die Konkurrenz drunten im Unter- dorf die Situation ausnutzte. Wie iunr Beruhigung zu suchen, warf er da einen Seitenblick zu dem Sohn neben ihm, der ihn hatte begleiten müssen. Sehr zu seinem Verdruß, denn der Mannes war erst heute morgen in aller Frühe von einem Samstagbummel in Köln mit seinem Freunde Stein­siefen im Auto heimgekehrt. Nun saß er schläfrig und übel­launig neben dem alten Reusch in seinem Kirchenstnhl vorn in der ersten Reihe, wo die Honoratioren des Orts ihre Platze hatten, und hielt die Augen müde geschlossen. Man konnte es ja für Andacht halten.

Mit einem geheimen Seufzen wandte da der .Hannes Reusch seinen Blick wieder ab. Hier fand er keinen Beistand. Und dem sonst so beweglichen, munteren Mann kamen graue Gedanken. Wie das wohl einmal werden lnochte, wenn er nicht mehr da war? Die Tochter wie der Sohn Zusammen­halten hatten sie beide nicht gelernt. Vielleicht ging bald in alle Winde, was er in einem langen Leben vor sich gebracht. Aber war er schließlich nicht selber schuld daran? Was hatte er auch so hoch hinaus gewollt mit den beiden?

Ein Donnerschlag, daß die Fenster des alten Gottes­hauses erklirrten, -entriß den Hannes wieder diesen dunkeln Gedanken. Bei ihm daheim aber trieb er Marga Reusch, die bis dahin am Fenster gestanden und in das Toben des Gewitters geschaut hatte, aus ihrem Zimmer fort, nebenan ins Stübchen der Großmutter. Selten war es, daß^ie einmal dort, bei der alten blinden Frau, eintrat. Verwundert hob diese daher den Kopf.

Magri, .du?"

Ja, Großmutter. Ich bin ja sonst nicht ängstlich. Aber heute"

Und sie kam näher zu der Blinden. Diese nickte freundlich.

Komm, Kind setz' dich zu mir." Ihre .Hände suchten nach denen Margas und faßten, sie wie schützend.So und nun nicht bangen! Wir stehen alle in Gottes Hut."

Marga erwiderte nichts. 9lber die Großmutter sprach weiter. Ernst, doch gütig.

Mich freut's, daß du einmal zu mir kommst. Ich fühle es ja schon lange, daß etwas in dir vorgebt."

In mir?"

,^Ja, Magrl." Und die altem Hände hielten die wider­strebenden jungen Finger fest.Dar quälst dich heimlich mit etwas."

Marga Reusch war betroffen. Wie scharf diese licht­losen Augen doch sahen! Aber sie schwieg.

Willst du dich denn nicht einmal aussprechen?"

Aussprechen ? Worüber denn nur, Großmutter?"

Verstell' dich doch nicht, Kind. Ich sehe zwar nicht mehr, aber hören kann ich ooch noch. Und ich vernahm so manche Nacht, wie bu dich ruhelos im Bett warfst lvenn droben, im oberen Stock, noch die Tritte gingen zu später Stunde."

.Heiß schoß es in Margas Wangen, und nun fühlte sie den sanften Druck der alten Hand.

Du denkst an eine Heirat mit dem Gerhard Bertsckh Magri."

Da rissen sich Margas Finger mit einem Anfzucken los..

Und wenn es so wäre'?' ,

Ein kleines Schweifen, dann die Antwort:

Das gab' kein Glück weder für dich noch für ihn."

Großmutter!"

hast du's mir nicht selber gesagt? Du willst ja dem Manne, den du heiratest, nicht Opfer bringen, sondern nur Vorteile haben von ihm."

Marga Reusch senkte das Haupt. Ja, so hatte sie gesagt damals. Aber war da nicht etwas über sie gekommen, etwas Fremdes, nie Geahntes, und hatte von ihr Besitz ergriffen, mehr und mehr, trotz all ihrer kühlen Vernunft.

Aber gleich wieder warf sie den Kopf in den Nacken, als schämte sie sich solchen Eingeständnisses schon vor sich selber. Und der gewohnte Hochmutsklang war in ihrer Stimme, wie sie nun erwiderte:

Freilich Hab' ich das gesagt. Und denke auch heute noch so. Aber gerade darum glaube ich, daß Bertsch ein Manu für mich wäre."»

Tie Reusch Mutter wiegte still ihr Haupt. Dann wandte sie das Antlitz zu der Enkelin hin.

Wenn du schon möchtest weißt du denn aber, ob der Gerhard Bertsch auch dich will?"

Wie ein Stachel in eine offene Wunde fuhr das. Doch um so höher nur bäumte sich Margas Stolz empor.

Er wird mich heiraten!"

Bist du dessen so gewiß?"

Er wird denn ich wil l."

Magri!" Tie Blinde erschrak. Was schlug ihr da ent­gegen? Ihre alten Hände tasteten nach der Enkelin.Woran oenkst du?"

Ich weiß eS nicht, Großmutter, nur das weiß ichr Er soll mein werden, und müßt' ich!"

Sie sprach es nicht zu Ende. Derselbe rasende Donner- schlag, der in dem kleinen Gotteshause drüben alle Herzen znsammenzucken ließ, brach jäh ihre wirren Worte ab. Der zuckende Blitz, der ihn begleitete, bellte für einen Herzschlag