Ausgabe 
6.11.1915
 
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läng dos Nachtdunkel vor der Greisin auf. Me eine auf* züngelnde Glut, brennend rot stand es ihr vor dem Mick. Eine Glut, die vernichtete, was sie erfaßte die sich selbst zerstörte. Ihr erschrockenes Antlitz war der Enkelin zu- gekehrt. Die stand regungslos. Aber auf dem blassen, starren Gesicht flammte es. War es nur der schwüle Widerschein des Blitzes oder die Lohe eigener Gluten?

*

Zeche Christians glück lag heute in sonntäglicher Stille. Wie immer war Bertsch auch heute am Vormittag auf dem Bureau. Wenn der Betrieb feierte, hatte er die beste Ge­legenheit, allerlei wichtige Korrespondenzen in Ruhe zu erledigen. So tat er es auch jetzt. Vertieft in-seine Schreibe­reien achtete er nicht darauf, wie sich inzwischen draußen der Himmel bezogen hatte. Drüben über der Bergwand schwebte es unheimlich. Ein schwarzer Riesenvogel auf schwefelgelbem Grunde. Schnell wuchsen seine Schwingen im Näherkommen.

Erst wie jetzt das Telephon vor ihm auf dem Schreib­tisch schrill anschtug und er den Hörer abhob, bemerkte er durchs Fenster das drohende Unwetter. Aber seine Auf­merksamkeit galt gleich wieder dem Gespräch.

Hier Bertsch."

Hier Krastzentrale Maschinist Ebner."

Nun, was gibt's?"

Ach, entschuldigen Herr Direktor, hier bei mir ist das Fräulein vom Adligen Hause. Sie möchte Herrn Direk­tor gern selber sprechen."

Fräulein von Grund?"

Ja ich bin am Apparat, Herr Bertsch Im komme gerade von der Frau Ebner. Sie ist leidend, schon sei,t einiger Zeit, und in meiner Pflege. Ich hatte ihr wieder­holten den letzten Tagen geraten, den Arzt zu holen, denn die Sache schien mir nicht unbedenklich. Vermutlich eine arg verschleppte Influenza. Aber sie weigerte sich beharrlich!. Es würde auch so schon werden, dtun ist die Sache über Nacht aber sehr ernst geworden. Die Frau liegt in Fieberdelirren, und die Brust fliegt nur so. Anscheinend eine schwere Lun­genentzündung, wenn nicht noch Schlimmeres."

Oh das ist ja böse."

Ja, es muß, unverzüglich alles Nötige geschehen. Und darum rufe ich Sie an. Könnten Sie den Mann wohl sofort beurlauben, daß er zum Arzt läuft?"

sofort? Hm, das ist freilich. Die Zentrale kann ja doch nicht ohne Aufsicht bleiben. Es zieht auch gerade noch ein schweres Gewitter auf."

Aber es ist ernsteste Gefahr, Herr Bertsch. Es kann auf die Minute ankommen!"

1Gewiß, natürlich Zu dumm nur! Muß heut' auch grad' noch Sonntag sein. Kein Mensch hier auf dem Werk!"

Ware denn da -wirklich niemand? Es mutz sich! doch jemand finden lassen."

Gut ich komme selber! Sofort bin ich drüben."

Und schon legte er den Hörer zurück, nahm den Hut vom Haken und eilte über den menschenleeren Zechenplotz. zur Kraststation. Ganz dunkel war es inzwischen bereits geworden. Mit rasender Schnelligkeit war das Wetter her­aufgekommen. Das würde einen bösen Tanz geben!

Nun trat er in den weiten, hohen Raum ein. Sonst strahlend hell mit seinen weitzglänzenden Kacheln an Boden und Wänden, heute aber voll tiefer Dämmerung. Unheim­lich lagen in dem Dunkel die schwarzen Kolosse der Dynamo­maschinen 'da. Hinten auf dem erhöhten Absatz, wo die Schaltungen und Registrierapparate angebracht waren, zeichneten sich von der matt schimmernden Marmortäfelung Lchei menschliche Schatten ab. Ein Mann und eine Frau. Eke von Grund, die dort mit dem Maschinisten stand. Rasch kam sie ihm nun entgegen mit ausgestreckter Hand.

Wie gut von Ihnen, daß Sie kommen!"

Doch nur selbstverständlich. Also los, Ebner, machen Sie, daß Sie fortkommen. Und gute Besserung für Ihre Frau."

Aber Herr Direktor können doch nicht selber"

Los, los! Sie hörten ja, es könnte hier auf die Mi­nute ankommen!"

Ja, dann mutz ich wohl!"

Und der Mann lief zur Tür. Wie er sie öffnete, putz ihnr ein aufheulender Windstotz die Klinke aus der Hand. Schmetternd flog die Tür gegen die Wand. Im nächsten

Augenblick auch schon ein geradezu rasendes Hernieder- prasseln auf dem Zechenplatz draußen. Nicht zehn Schritt weit mehr zu sehen vor den niederknatternden Wassermassen.

Ein regelrechter Wolkenbruch. Wie irr den Tropen. So etwas Hab' ich hierzulande ja! überhaupt noch nicht erlebt."

Und Bertsch ging zur Tür, um sie wieder zu schließe^ Aber da merkte er, daß Eke ihm folgte. Erstaunt sah ^ sich! nach ihr um:

Sie wollen doch nicht etwa?"

Aber sie nickte entschlossen.

Ich mutz wieder zu der Kranken, bis der Arzt kommt."

Unmöglich. Sie haben ja keinen trockenen Faden mehr, ehe Sie halb über den Platz sind." ,

Was tut's?"

Aber Sie müssen doch, auch an sich denken." *

'Nicht in einem so ernsten Fall."

Und sie griff zur Klinke.

Divch seine Hand legte sich aus die ihre.

Fräulein von Grund. Es ist ja Unsinn Pardons Ich meine, es ist höchster Achtung inert, solche Gesinnung.> Aber es wäre wirklich verkehrt. Bitte, bedenken Sie: Sie können doch unmöglich mit triefend nassen Kleidern an das Bett einer Schwerkranken im höchsten Fieber!"

.Ihre Rechte, die sich zuckend aufgelehnt hatte gegen den Zwang der auf ihr liegenden Hand, entspanne sich. Ta fuhr er fort:

Nicht wahr, Sie müssen es doch selber zugeben. Und außerdem, es ist gewiß irgend jemand dort im Haus bei der Kranken."

Allerdings, als ich fortging nach hier, holte ich die Nachbarin."

Nun also. Die Frau ist doch nicht ohne Aufsicht."

Eke erwiderte nichts mehr. Aber ihre Rechte entzog sich nun seinem Griff. Wie eine Wolke stand es auf ihrer Stirn. Schweigend kehrte sie um in das Innere der Halle.

Völlig Nacht war es hier inzwischen geworden. Nur von Zeit zu Zeit jäh durchbrochen vom fahlen Anfzncken der Blitze. Und unheimlich klang das Krachen der Donner in dem hohen weiten Raum mit seinen glatten Kachel- Wänden wider.

(Fortsetzung folgt.)

wie Nepomuk Lchluckebier Patriot wurde.

Von Franz Reinhold Z e u z.

Nepomuk Schluckebier hatte es sich herausgerechnct, daß er unter der unglücklichen Konstellation der Jungfrau und des Wasser­mannes geboren war. Daraus erklärte er es, daß er trotz seines Namens Schluckebier, der ihm wie ein kategorischer Imperativ aus dem Nacken saß, eingeschworener Abstinenzler und dazu weltabge- wandten Gemütes blieb. Er kannte nur die Natur und was mit ihr zusammenhing, war Schriftführer des WanderklubsDurch dick und diinn", Vorsitzender des vegetarische!: VereinsRohkost und Pslanzenbutter" und ständiger Mitarbeiter dar von siebzehn Mitgliedern finanzierten und abonnierten VereinszeitschriftWas­ser ist das allerbest schon seit alter Zeit gewest".

Das war Nepomuk Schluckebier, der beit Paßvermerk Land­sturm trug und sich dieserhalb beim Bezirks-Kommando zu gestellen batte. Muß noch gesagt werden, daß Nepomuk Schluckebier, der schon so viel verdächtige Eigenschaften aufwies, antimüitariftische Gesinnung in sich trug? Nepomuk war Antimilitarist. Das heißt nur insoweit, als er in jeglicher Hinsichtanti" war, zumal wenn es galt, seine ihm liebwerte Persönlichkeit vor irgend etwas, wo­gegen er eineAntipathie" hatte, zu schützen.

Diesmal konnte sich seine Antipathie nur durch einen stummen Protest äußer::, unter dem lediglich die Margarineschachtel zu leiden hatte, in die d er Uniformierte nachh er seine Zivil bro cken! packen sollte: dem: als er unter militärischem Geleite mit hundert andern zur Kaserne geführt wurde und seine Nebenleute vergnüglich sangen:Soldatenleben, ja, das heißt lustig sein", ja, da schmiß Nepomuk die Schachtel in einem Wutansall zur Erde und sein singender Hintermann trat ein großes Loch hinein.

Also verärgert kam Nepomuk Schluckebier zur Kaserne. Was ihn: dort bevorstand, darauf hatte ihn selbst seine schwarz in schwarz malende Phantasie nicht vorzubereiten gewußt. Nach län­gerem Warten hieß es:Essen fassen". Einen Porzellankumpen m der Hand, trat er als Glied einer endlosen Menschenschlange in eine halbdunkle Küche, deren fleischliche Ausdünstungen ihm als Vegetarier allein schon den Atem benahmen. Ein Anranzer machte ihm klar, daß der Napsbodeu der Erde zugekehrt sein müsse, und kaum hatte er das Gesäß gedreht, so hatte sich schon mit eineny glucksenden Schwupps ein ungeheurer Löffel 'gelbe dampfende Brüh« hinein entleert.