Ausgabe 
4.11.1915
 
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Die vom Rauhen Grund.

Roman von Paul Gr ab ein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

,,0T? ich habe einmal vor Fahren einen Samariter- kursus mitgemacht in Siegen. Leider habe ich seitdem nur keine Gelegenheit gehabt, das Gelernte zu betätigen. Nun aber freut's mich, daß ich doch noch was davon verstehe."

Ihre Wangen batten sich lebhaft gefärbt. Etwas War­mes, weich Weibliches war in ihrem ganzen Wesen.

Mit stillem Verwundern bemerkte es Bertsch und ahnte plötzlich: In dem selbstsicheren Mädchen, das so helläugig und stark ins Leben schaute, war auch ent Unerfülltes, das heimlich Sehnen trug. Aber nach mehr wohl noch, als nur nach der Betätigung ihrer Hilfsbereitschaft. Das Weib in ihr, das der Blüte nahe war, mochte verlangen, in schmerz­lichem Entbehren, nach seiner natürlichen Bestimmung. Da sah er sie an, mit ganz anderen Augen.

Eke von Grund fühlte dies Forschen in senden Micken, das Schleier von ihr zu heben schien, und sie verlor ihre Sicherheit. Schneller schritt sie vorwärts unb mahnte schließ­lich, es sei mm Zeit für sie, wieder nach ober: zu kommen.

So gingen sie denn zum Schacht und stiegen wieder auf beit Förderkorb. Auswärts schwebten sie. Der erste bläuliche Dämmerschein brach von droben in ihre Nacht, und jetzt flutete das Sonnenlicht golden über sie. Wie das liebe Leben, voller Kraft und Froheit. Dankbar atmete Eke da auf, nach den langen Stunden drunten in der Tiefe.

Als sie ein erfrischendes Bad genommen und ihre ge­wohnte Kleidung wieder angelegt hatte und nun-hinaus­trat in den Vorraum, wartete dort Bertsch schon auf sie. Sic wollte sich verabschieden, aber er trat an ihre Seite.

Ich begleite Sie noch ein Stück, wenn Sie erlauben."

Und er führte sie noch durch die Tagesanlagen. Als sie an den neuen Röstöfen vorbeikamen, blieb Eke stehen. Gerade wurde auf einen frisch aus den: Ofen gezogenen Erz­haufen ein Wasserstrahl gelassen, der zischend zerstob. Weiher Wrasen wallte aus, unb dann bläulich, schweflig dunstender Rauch, der schon weithin die Aufbereitungsstätte ankündigte. Vor denl noch dampfenden Erzhaufen standen mehrere Mäd­chen, grobes Sackleinen als Schürzen vorm Leib und Tücher dicht um den Kops gewunden. Mit langen Haken suchten sie den Brand ans dem gerösteten Erz aus, die unbrauchbaren Stücke.

Nachdenklich blickte Eke zu ihnen hin und sagte plötzlich ernst:

Ein schweres Leben, und doch könnte ich diese Frauen beneiden."

Verwundert sah Bertsch sie an. Sie aber lieh die Augen nicht von den Arbeitenden. So sprach sie, halb zu sich selber:

Wenn die da ihr Tagewerk vollbracht haben, können sie stolz sein und zufrieden. Sie haben etwas geleistet. Aber unsereiner?"

Langsam wandte sie sich ab, und sie gingen weiter. Beide schweigend. Gedanken kamen Bertsch, die sich ihm schon vorhin aufgedrängt hatten, da drunten in der Grube, bei ihrem Samariterwerk. Er senkte beit Kopf. Ein Sinnen und Ratschlagen für sie. Und plötzlich hatte er, was er sucht».

Fräulein von Grund," lebhaft kehrte er sich zu ihr« Mir ist da vorhin eine Idee gekommen. Wenn Sie sich betätigen wollen, nützlich und segensreich ich glaube, ich wüßte einen Weg sür Sie."

Wirklich?"

Sehen Sie, es sind jetzt hier durch die Ausdehnung unseres Werks eine ganze Anzahl fremder Arbeiter her- gekommen, und noch mehr werden folgen, wenn der Betrieb erst voll auf der Höhe ist. Leuts, in ärmlichen Verhält nissen, meist von weither gekommen mit Weib und Kind. Not ist da vielfach im Hause, Mangel an Aufsicht und Pflege sür die Kleinen, oft auch bei den Müttern, zu Zeiten von Krankheit oder. Da meine ich, könnte eine Frau viel Gutes wirken. Indem sie selber angreift, aber auch andere interessiert zu solchem Hilsswerk. Vielleicht einen Frauen- verein gründen zur Hauspflege und Kindersürsorge. Was meinen Sie könnte Ihnen das nicht auch ztl der Befrie­digung verhelfen, um die Sie eben jene einfachen Arbeite rinnen beneideten?"

Eke von Grund hatte ihn schweigend bis zu Ende an- gehört. Doch ihre Augen hatten sich belebt, und nun brach es daraus hervor.

Das ist ein glücklicher Gedanke! Ja, wahrhaftig, Herr Bertsch," sie blieb stehen und sah ihm voll ins Gesicht,Sie wissen gar nicht, wie mich diese Idee packt! Da eröffnet sich mir ja ein Weg"

Sie verstummte; aber in ihren Mienen las er genug. Und sie wehrte ihm in dieser Minute das Eindringen in ihr Inneres nicht. Vielmehr streckte sie ihm plötzlich beide Hände entgegen.

.Sie haben mir heute so viel gegeben ich bin Ihnen herzlich dankbar!"

Fest erwiderte er ihren Druck.

Und ich freue mich, daß ich Ihnen ein wenig habe nützen können. Ich stehe Ihnen auch weiter zu Diensten bei der Verwirklichung dieses Gedankens. Verfügen Sie ganz über mich."

Das nehme ich herzlich gern atr. Ich werden Ihren Beistand ja sehr brauchen. Und bald! Denn es ist mir Ernst damit."

Das Hab' ich von Ihnen nicht anders erwartet. Also werden wir denn fortab gewissermaßen znsammenarbeit.cn !"

Und er suchte ihr Auge.

Ein frohes Leuchten antwortete ihm. Dann ging sie. Aber an der Biegung der Straße nach dem Ort hin nickte sic.ihm noch einmal grüßend zu. Seltsam warm stieg es