Ausgabe 
4.11.1915
 
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bei ihm da in der Brust auf. Als er dann zum Bureau zurückging und bei den Mädchen am Röstofen vorbeikam, sahen sie verwundert auf. War es nicht eben wie ein ver­gnügtes leises Pfeifen an ihr Ohr geklungen?

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Den linden Frühlingstagen mit ihrem ahnungsvollen Hoffen und Werden folgte die Zeit der sommerlichen Er­füllung. Hoch spannte sich das blaue Himmelszelt über dem Lalbett, in dem der Mutterhauch der Reife schwer und warm lagerte.

Erfüllung, Vollendung allenthalben. Auf den goldenen Feldern im Grunde, auf den Kornstreifen der Hauberge, wie droben am Hang, wo nun an all den hochragenden Kaminen des Bertsckschen Werkes die Rauchfahnen hingen. Weithin kündenb, dag die Herrscherin Arbeit hier ihr Panier errichtet hatte. Wie triumphierende Fanfarenstöß« gellten die Muschi nenpsi ff e und das dumpfe Ausgrollen der gichten- den Hochöfen weithin über den Rauhen Grund urrd brachen sich fern an den stillen Bergwänden.

Erfüllung hatte dieser fruchtschwere Sommer mich Eke von Grund gebracht. Der Gedanke war zur Tat geworden, der Fruuenhilssvecein unter ihrev Führung zustande ge­kommen. Rach anfänglick^em Kopfschütteln hatten sich doch die Mitarbeiterinnen au der guten Sache eingefunden, dank Ekes fester Beharrlichkeit und Bertschs tatkräftigem Bei- starld. Sein Werk hatte denk Verein einen namhaften Be­trag und einen Raum zur Verfügung gestellt, wo der Unterricht und die praktische Anleitung in Kranken- und Säuglingspflege wie in Hanshaltungsarbetten erteilt wurde.

Aber noch wichtiger war die Fürsorge draußen in den Arbeiterfamilien. Von Haus zu Haus, wo brütend die Sorge nistete, ging Eke und brachte mit ihren sanft und doch fest zusassenden Händen allmählich wieder Licht ins Dunkel. Nce hatte sie in ihrem Leben solch Glück empfunden, und das Bewußtsein, ihrem Leben Wert und Inhalt ge­geben zu haben, verlieh ihr eine strahlende Frische, daß manch staunender Blick sie ttas.

Dies Bewußtsein ließ sie auch mit heiterem Lächeln über die Mißgunst hinwegsehen, die sie offen oder heimlich aus ihren neuen Wegen begleitete. So daheim, wo der Oheim erst mit rauhem Widerspruch, dann mit beißendem Hohn auf ihr Tun hevabsah. Aber ebenso arcch draußen im Ort. Manch spöttischer Blick traf das Fräulein vom Adli­gen Hause immer noch, wenn sie in die ärmlichen Wohn­häuser draußen vorm Orte ging, in denen das hergelaufene Volk untergebracht war, das mrs dem neuen Werke sein Brot ;esunden. Besonders, wenn sie am Hirsch vorbeivam, wo etzt in den somnlerheißen Tagen Marga Reusch viel im ckjattigen Garten saß, aus dein erhöhteil Laubenplatz hinter >>er Mauer. Dann sandte sie, von ihrem Roman ausblickend, edesmal einen kalten, geringschätzgien Mick zu der Borüber- aeheirden hinab. Aber tvar sie vorbei, dann traf sie von hinten her ein heißes Ausglühen der sci-önen, dunkeln Augen Marga wußte ja nur zu gut, daß dieses Wohlfahrtsiverk Eke oft geiiug mit Gerhard Bertsch in Berührung brachte. Vielleicht irur darum Uberltzrupt dies alles! Ein klug er­sonnenes Manöver, um sich den einzufangen, der nun als der bedeutendst« Mann im ganzen Raichen Grund auch dem Fräulein vom Adligen Hause nicht unwillkommen ge­wesen wäre.

Margas tveisW Hände krampften sich bei denl Ge­danken. Wenn chr das wirklich angetail würde! Nein das durste nicht geschehen. Und wenn sie das Aeußerste wagen sollte!

Entfesselte Gedanken bestürinten sie und kehrten, ob wohl abgewicsen, immer wieder. Und tief auf dem Grunde ihres aufgewühlten Herzeiis barg sich, kauin sich selbem eingestanden, noch ein anderes: Sie liebte Gerhard Bertsch Nicht mehr allein ihr Ehrgeiz, ihre kühl planende Vernunf suchten rhii, auch ein leidenschaftliches Begehren nach feine: herrischen, harten Männlichkett. Dieser Männlichkeit, bi sie in Flammen gesetzt und nun doch so gleichmütig an ih- vorübersah, als wäre sie gar nicht da. Ailfschreien hättl sie mögen, io litt ihr Stolz, und doch hätte sie im gleicher «Augenblick die Arme breiten mögen, ihn an sich zu reißen Warum kam und kam er derrn nicht, nun. Ivo doch feit Werl vollendet war und er an sich denken durfte?

So wühlte sie in Ihren eigenen Wunden, und imme: wieder kehrten jene verzweifelten Gedanken: Ihn vor bi, Entscheidung stellen ^ ihn zwingen!

Masser und schuraler ivard Marga Mulchs schönes Antlitz in diesen helßen Sommertagen, die aller Welt die Erfüllung brackrten, nur ihr nicht. Aber das verzehrende Feuer in der Tiefe ihrer dunkeln, großen Augen lohte mvc um so urmebändigter.

Die Ä)mmerwärme über dein Talbett ward zur lasten­den Glut. Mensch und Tier schlichen schrveißtriefeird, matt einher in dieser Schwüle. Die Natur schmachitete. Ällles rief nach Erlösung, lind endlich kam sie. Unter Blitz und Donner. Gerade ein Sonntag war es, um die Kirchen­zeit. Ein Gewitter brach los, ein Wotkenbruch, wie ihn der Rauhe Grilnd seit einem Menschenalter nicht mehr gesehen.

Trotz der Mittagslunde ein Nachtdunkel. Nur ein schwefelgelber Höllenschein jedesmal, wenn die Witze das Firmament aufrissen. Dazu herniederpeitschende Wasfer- massen, die voller Gier alles Menschenwerk verschlingen! zu wollen schienen. In wenigen Minuten war der Fluß ein reißendes Untier, der aus seinem Lager uussprang und gurgelnd nach Beute heulte.

Sck)eu bargen sich die Menschen in ihren.Häusern. Bei jedem krackenden Donnerschlag duckten sich miwillkürlich oie 5^>äupter, und Hände falteten sich, die das Beten längst verlernt hatten. In den Ställen riß das Vieh in Todesfurcht an den Ketten. Sein dumpfes Brüllen jagte neue Schauer in die Menschenherzen.

In dem Gotteshause war ein großer Teil der Tal­bewohner versammelt. Das unvermittelte Losbrechen des Unwetters hatte sie verhindert, sich heimzuflüchten. harrten sie hier in zitternden Aengsten. Wohl hatte der weißhaarige Mann im Priesterrock da oben auf der Kanzel ihnen tröstend zugerusen:Seid ohne Furcht! Ihr seid hier in der Hut des Herrn!" Aber ein Blitz und ein entsetzlicher Donnerschlag, so furchtbar, daß die ganze Kirche in Flam­men zu stehen schien, hatte darauf geantwortet. Das hatte eingeschlagen sicherlich! Und jeder zitterte um die Settten daheim, um .Haus und Habe. Halb hörten sie nur noch auf die Worte des Alten droben hin, der doch mit so wuchtiger Stimme weiterpredigte.

Vernehmt ihr die Stimme Gottes, die da zu. euch spricht, aus dem Krachen seiner Donner? Versteht ihr wohl', was sie euch sagt? Ein Warmen ist es ein schweres, ernstes Warnen in letzter Sttmde? Ein böser Geist ist eiw- gezogen in dies stille Tal. Ein Cteift der Ueberhebung und Hoffart, der sich, vermißt, mit nichtigem Bdenschenwe'rk die Seelen zu locken urrd zu blenden, mit eitlem Wohlleben und Schätzen dieser Welt. Aber ein Atemzug des Ewigen droben und vom Erdboden geweht sind all die trnhigen Türme und Mauern da droben am Berge, die sich recht wie ein Bollwerk des Bösen erheben, urrd mit ihnen auch die Stät­ten unheiliger Lust, die schnöde Gier nach dem Mammorr, hier zum Aergeruis aller Frommen errichtet hat."

(Fortsetzung folgt.)

Das glückbringende Inserat.

Novelle von M. Ja n ko w skr.

Herr Professor, eine Dame möchte Sic sprechen wegen derSchreibmaschine!" Zerstreut blickte Professor Curtius von seiner Arbeit auf eine Dame? Damit hatte er garnicht gerech­net. Doch, dann fiel ihm der Krieg ein, dieser alle Kräfte for­dernde Krreg ja, ja, da suchte wohl fast jede derttscl)e Frau oder Mädchen cm wenrg zu verdienen fehlte doch in so vielen Fcvi untren der Verdiener und Ernährer.

,Nun, Herr Professor, soll ich sie denn heremlassen?" Tie alte p^ederrke mußte ihren zerstreuten Herrn, rnal wieder ein bißchen m dre Wirklichkeit zurückbringen. ,

Ja, ja, ich lasse bftten."

Und dann starrte Professor Cnrtius auf das schlanke jung« Mädchen, das m fernem ernsten dnnllen .Gelehttenzimmer wie em leuchtend warmer goldner Sonnenstrahl wirkte.

.?omme ^ der Stelle wegen, die imTageblatt" ausge­schrieben pt. Bescheiden, doch ohne Schm trat sie ihm entgegen. ,-Lch hertze Hüde Märtens: nicht rvahr, Herr Professor, Sie keil-, nen mich doch noch? Tie Hilde bin ich, Ihres alten Schulkame­raden Friedrich Märtens Tochter gelt, Sie kennen mich noch?" Ber rmserer letzten Begegnung wir ich allerdings «rft sechs Jahre aoer ich habe den grtten ,/Onkel" nicht vergessen. Nun gehts uns schlecht, Mütterchen hatte nach Vaters Tode ein Pew, swnat durch den Krieg aber ist alles ausemandergenssen. Wrr zogen deshalb hierher. In der großen Stadt hofften unr eher etwas Enverbsmöglichkeit zu haben uird da las ich denn gestern .ihr Inserat imTageblatt", Ich schreibe recht schnell.