haltet aus.
Voll Gerth Schreiner.
WieErich Lesse an der Zlota-Lipa starb.
Wie die Lichter der Mittagssonne in dem Filigran des Dstwerks der Kastanie spielen. Ich schließe die Augen und lehne den Kops in die Kissen zurück, so stark empfinde ich die gleiterrden Schalten tn: der sonnenbesästenenen Wand. Ich liege zum erstenmal auf der Veranda des Krankenhauses.
Und wie ich so in den Kissen liege, muß ich an Erich Lesses denken, wie er im Schloßpark von Buzykow ganz dort hinten in Galizien singend starb, und waS Erich Lesse die Nacht vor seinem Tod mir sagte, als wir auf Wacht gegen die Russen standen.
Ich hatte ihn schon oft gesehen, den langen Lesse mit dev großen Lornbrille. Er war ein schweigsamer Mensch, wie die meisten von dem Ersaß, die aus Schleswig und Pommern gekommen waren. Tas Leben im Feld fiel ihm gar schwer. Er hatte Rheumatismus bekommen, aber nie meldete er sich krank. Wir lagen manches Mal zusamnlen im Unterstand; aber immer lag er in einer Ecke und rauchte seine Mußpfeife, wenn die anderen Witze erzählten, oder der Karrenbauer Landbarmonika spielte. Tie Verfolgungskämpfe waren an der Zlota-Lipa zum Stellungskampf Übergegangen. Stellungskampf ist schön, wenns Wetter schön ist; da räkelt man sich in der Sonne herum, >venn der Dienst vorbei ist und nachts zieht man auf Lorckiposten oder Unteroffizierposten. Aber wenns regnet, daß ein kleiner Bach langsam die Unterstände unterspült, und wenn die Armauflagen ab- oröckeln, dann ists anders. Wenn es nachts regnet, so ganz fein regnet und rieselt, und du mußt dastehen an deinem Geniehr Uno nach dem Festst» spähen und in die Nacht horck)en, u:st> hörst Nur den traurigen Regengesang, dann kommt etivas Ausgebranntes ln dein Blut. Wenn du fühlst, wie der Regen durch den Mantel in den Waffenrock und langsam durchs Leuch auf die Laut dringt, »vie der Schumtz an dir klebt .. . Und du horchst, und immer nur der Regen, höchstens dazwischen eine Salve der Russen oder ein bißchen Maschinen^ewebrseuer . . . Tas sind dis Nächte, Wo es manchmal eine Sekunde in dir aufflammt: „Wenn du bloß zu Lause wärst." Und so eine Nacht war es vor dem Tage, an dem Erich Lesse singend starb.
Tie Musketiere standen an den Gewehren, so wie die Hühner an den Läufern stehen, wenn ein Landregen das Torf in Melancholie singt, und sie plusterten sich und schütteltet: die Regentropfen aus dem Mantel wie die Hühner und sanken wieder in diese Melancholie uird starrten über der: Sumpf nach Voloczcysno, wo die Russen in den Häusern und hintevm Bahistmmm lagen.
Auf einmal fing ein alter Ha:nburger Landwehrmann an, ganz gottsjämmerlich zu fluchen.
Da sprach Erich Hesse. Zum erstenmal, daß er mehr als einen Satz sprach. '
„Mensch, glaubst du, irgend einer wäre gern hier draußen? Zu Hause ist es weiß Gott schöner. Mer da wir einmal hier sind, müssen wir unsere Pflicht tun, auch wenn wir sie nicht lieben, weil die Pflicht manchmal nichts Schönes ist. Und deshalb Halts Maul und nrach einem es nicht noch smiverer." . . .
Es war lang still . . .
Mit Mühe brachten wir unsere Mutzpfeise an unterm durchnäßten Mantel . . . Erich Hesse schüttelte das Wasser aus dem Mantel und kam auf mich los . . .
„Ein Vergnüge:: ist es ja weiß Gott nicht. Zu Hause, da kann das Regenwetter einem Spaß mache,:. Weißt du, wenn ein paar Nelken auf dem Tisch stechen und der Mgen umsingt das Haus und du stehst am Fenster und siehst über den Garten au s Meer. . ."
Junge, Junge, unser Gärtchen, tvenn so die S'oiu:e aus den Nelke» und Aster,: und Reseden liegt Und du sitzt unter der Kastanie und Mutter bringt de,: Kaffee, und du hast das unbe,vußte glück- nche Gefühl, „rch Hab ein weißes Hemd an und einen schwarzen Schlchs drauf und gekämmte Haare". Ich glaub, das Gefühl hat Man letzt erst, wo man tagelang ungeroaschen und verlaust ist.
Ist Es d:r nicht auch ausgefallen, wie man hier das Leben lieben lernt. Ich. meine, wie man den Pulsschlag des feinen Lebend hier Mel mtenswer fühlt? Hast du schon einnml, wenn wir in Reserve uegen, auf dem Bauch gelegen drüben im Schloßpark und einer Biene zutschen, wie sie in ein Löwen,,:cml kroch und sich die Flügel n::t den Hinterbeinen strich? Hast du nicht den Atem an- gehalten, wem: ein Trauermantel aus einer Aster sich niederlieh Und d:c Flügel breitete und 'trunken war vor Som:e und Licht, und w:e er s:e zusammenklapvte, die samtenen Flügel. Hörst du da nulst den Blutlaus des Lebens und haben wir nicht ein feineres Gettcht bekommen? Ist es, weil wir den: Tod immer so nahe, such? Sahst du einmal durch die Fichten am Parkrand über die Wiesen nach der Zlota-Lipa, ivenndie Nebel durchs Tal zogen und die Sonne gerade durchbrach? . . . \
Verflucht und trotzdem! Weim man so in: Unterstand sitzt uird freut sich. über eure Wurst von zu Hause, schneckt sie noch besser', wenn unsere Artillerie anfängt -zu funken auf die russische Hegen ^ ^ ^ gemeine Sache, in, Artilleriefeuer zu
Ach überhaupt! Es ist doch eine blöde Sack)e. Von unseren: Graben starren die Gewehre hinüber. Hast du das einmal gefühlt,
> Denn du nwrgens von Patrouille vder Lorchposten kamst, wie o,ese Tausende Gewehre h:n überstarren trotzig und erbarmungslos über die Brüstung? Denk, drüben starren die Gewehre nach uns. Und hübe,: wie drüben ist Lausel-en und Spähen nach dein Feind und :n den langen Nächten Heimgedenken und Gottahnen. Und so ern Ossip Grabilowitsch oder so ein anderer Kerl liegt auch bei Tage drüben in einem Bauerngärtchen und sieht einem Trauermantel zu oder freut sich über die Onuunentir der Linie einer Blume.
Und wenn Befehl kommt zum Stürmen, laufen wir nach vorne und brülle» Hurra und sie schießen uns ab wie Hasen und we,m> w:r rankommen, durchspießen wir sie wie ein Bauer eine Maus rmt der Heugabel, oder die Russen stürmen und es ist umaekehrt.
Das will einen: gar nicht in den Schädel, manchmal, diese ganze Sinnlosigkeit . . .
Glaubst du nicht, daß die drüben sich ebenso freue,: wie wir, wenn es einmal heißt: Die Kompagnien entladen?
Urst» ist es nicht wieder großartig, dieses blinde Vertraue:: auf d:e obersten Führer? Da kommt Befehl: 11/223 feldmarschmäßig antreten. Gewehre umhängen, erste Grrcppe grade aus mit Gruppen rechtsschwenkt ohne Tritt marsch Marschordnung. Und d:e Kompagnie marschiert. „Man loird uns irgendwo braucl-en Kiicher." sagt der Kompagnieführer. „Also Kops hoch und drauf." 10 Krlometer. Tas Lederzeug zankt und die Spaten schlagen in alenhem ewigen Tritt wider die Scl-enkel. 15 Kilvnieter, der Tornister reißt, aber der Gleichschritt der Kompagnie hält dich.
20 Kilometer-25 Kilometer, du schiebst dich förmlich weiter
zur nächsten Wegkrümnrung, es surrt vor den Ohren, 30 Kilometer, nn langes endloses Torf, du hoffst auf Wasser, aber überall das entsetzlnkie Schild „Cholera". 40 Kilon,eter. Tu glaubst, du kannst nicht mehr, aber es klingt in den Ohren: „Man wird uns :rge,chwo brauchen, Kinder." Endlich: „Kompagnie halt, Gelvehr ab. Setzt die Geivehre zusammen, Bei den Getvehren tvegtreten." Eine Ordonnanz bringt eine Meldung. U:st> nach einer Stunde Rast geht es wieder zürck. Hier fluchts mal und dort. Gott, dn kennst ia den Krampf. Aber 'sein ist das doch, das Gefühl: du bist auch einer unter den Tausenden, die jetzt durch Polen und« Galizien marschiere,: ...
Auf den laugen Märschen da Hab ich innner seltsame Gesichte.
Unser Fischerdorf an der Ostsee, wo Vater Lehrer ist, seh ich liege,:, wie ich es tausendmal sah, ,oenn ich mit meinem Segelboot von draußen kam . . . Das Meer, wenn es nach einer stürmischen Nacht getigert ist, und ein Segelboot über die Wellenkämme tanzt . . . So ein Mittag in: Sommer, wenn die gelben Kornfelder im elvigei: Rhythnnrs sich wiegen, und dazwischen auf ernem Hügel eine Windmühle, die gleichsam auf das reife Korn wartet . . .
Du liegst an: Strand und hörst im Korn den Strich der Sense und siehst im gelben Aehrenfeld,d:e weiße:: Kopftücher der Mägde leuchten und siehst die weitausholenden porwärtsschreiteuden Mä- her . und der Wind schläft langsam ein, daß das Meer ganz sttlle :st :n:d die Möven sich treiben lassen und träumen . . . Ein Abend: Karmosinrot liegt die letzte Sonne auf dem Meer und in den seinen Nebeln. ' Dazwischen ein letztes braunes Segel w:e eine stille sichere Hoffnung, und die Kastanie breitet sich über unfkr Haus . . . das Dorf liegt da, weißt du, so wie man vorm Enstchlafen l:egt, man liegt und stihlt, daß man einschläft und freut sich und will noch sticht schlafen, nur um das feine Gefühl zu haben, und von fern 'die traurige Weise der Handharnwnik« e:nes Fstchers . . .
Auf den Märsche,: ist die Heimat in so ganz seinen Bilder,: in me:nem Blut, aber nicht, daß ich mich danach sehne. Nein, so wie Blasen hochsteigen und verplatzen und neue hochsteigen, ohne Sehnen, ohne Wunsch sind die Bilder da.
Und auf so einem Marsch, 'als wir durch ein zerschossenes, abgebranntes Dorf marschierten, in dem eine schnrutzige Panjefran nach ihren letzten Habseligkeiten unter der Asche suchte, ist es mir blitzartig klar geworden: Dafür stehen die jungen und alten, die ganze Wehrmacht in Polen und Galizien, in den Vogesen und in Flandern, daß dieser Friede in der Heimat im lieben Deutschland fortbesteht, daß kein Kosak die stillen Tage der Saat und des Reifens und der Ernte mit Schreien und Nag«nka- sch,vingen stört, daß unsere Frauen und Mädchen still ihrer Arbeit nachgehen können, dafür leiden :vir alle Müh und Hunger und Durst . . . Hast du schon mal mit rmch innen gerichteten Augen so ein verwüstetes 'Dorf gesehen; in Frankreich :oar es ja noch schlimmer. O diese Tausend Gefühlswerte, die der Krieg zerstört. Ja, viel mehr Gefühlswerte, als wirkliche Werte. Das ist viel, viel schlimmer. Denk nur so eine alte holzgeschnitzte Truhe, die schon vom Urgroßvater sich vererbte, aus der Mutter Sonntags den Spitzenkragen kramte, wenn sie zur Kirche ging, das ist für uns Hblz für den Unterstand. Die alten Schränke, in denen die alteiTasse stand, die Grvßvater zur Silberhochzeit geschenkt bekam, kaput, alles kaput. D diese ausgcbraimten Fenster, wie anklagende leere Angenhöhlen, diese verbrannten ansgebrannten Katen, die wie verprügelte Hunde Sagend gegen den Himmel heulen, die verreckten Kühe und Gaule, u:st» dazwischen die armen Bauern, die das 'klcnd verblödet hat. Kranipft sich nicht dein Herz, wenn du emsdenkst, das könnte auch bei uns in Deutschland sein?
Aushalten, dann aelingts. Istst» das tröstet einen, daß so viele Edle fallen I In der Heimat, für die wir hier stehen, find Frauen


