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beständigem Fluß rann das weiße Bohrmehl aus der Oessnung. —
Bertsch griff eine .Handvoll davon aus und betrachtete sie prüfend.
„Gut geht's, was?" scherzte er dann nach einer Ruhepause. „Da lacht euch wohl ordentlich das Herz im Leibe?"
„Herz im Leibe lachen? Ena —, dafür haben wir doch auch bat Gedinge gemacht."
„Was verdient ihr denn hier?"
„An hnnnertdreißig Mark dat Monat. Dat is doch meiner Schau nit viel."
„Na, doch aber auch nicht gerade wenig, hierzulande. Und es könnten gern noch ein paar Taler mehr werden, wenn ihr selber nur wolltet. Doch ihr macht's euch zu gemütlich, Herrschaften — so nach altem, gutem Brauch. Ihr vergeht aber, es sind andere Zeiten geworden. Wer heutzutage vorwärts kommen will in der Welt, der muß fester zupacken, als Vater und Großvater es getan haben."
„Ja, ja, Herr Bertsch, sollen wir Ihnen denn die neuen Schornsteine dg oben gleich ans einmal bezahlen?"
Und der Sprecher lachte dem Leiter der Grube frei ins Gesicht. Auch Bertsch lachte. Das war hier noch so der alte Ton, von den Zeiten her, wo Gewerke und Bergmann auf Du und Du standen. Aber er wandte sich nun doch zum Gehen.
„Na, nur weiter so, Leute! Und ihr werdet schon noch auf eure Kosten kommen."
Wieder an Ckes Seite ging er dahin. Sie kamen noch an mehreren Betriebspunkten vorüber. An einem blieb er stehen. Er kannte den Alten, der dort mit ein paar andern arbeitete, persönlich. Der lag hier schon in der Grube, als Berlschs Vater noch Vergverwalter war. Er trat heran und klopfte dem Alten auf die Schulter. Dieser sah herum und gab ihm treuherzig die Hand.
„Na, Vatter Brinkmann — Leben noch frisch?"
„Oh, dat is ein Kompel! Der springt noch gut," gab ein Kamerad launig für den Alten Auskunft.
Bertsch nickte lächelnd dem Sprecher zu und wandte sich dann wieder an Brinkmann.
>,Und wie geht's mit der Arbeit, seid ihr zufrieden hrer?"
„Oh ia, dat gerät schon. Dat is ein schönes Gangstück hier Lauter noble Ware." Und als der Alte nun das fremde Geftchl neben denk Bergherrn, eine Dame gar, bemerkte, winkte er sie zutraulich heran. „Hier, da können Sie mal wat Feuies sehen." Er deutete auf eine frisch angehauene Kluft, in der es von Quarzkristallen blitzte und funkelte im Schein der erhobenen Lampe. „Dat sin Nester, nit? Wunderschön! Wke dat Strahlen schießt, als wären dat lauter Diamanten und Ordenssterne. Aber so schön wie früher findt man sie doch nicht mehr. Als mein Vater selig noch bergte, da bracht er niich knal als Jungen eine Druse heim. Da waren lauter Figuren drin, alles was auf der Erde vor- komnkt — alles Getier und alle Pflanzen."
nV?* 0 !®“; nidjt sagen," nickte Eke dem Alten freundlich zu. Aber Bertsch kannte seine Redseligkeit. Es war ihm inzwischen auch etwas ausgefallen. So mischte er sich denn wleder ins Gespräch. —
das?"^bid denn bloß drei Mann hier? Wie kommt
„Ja, der Audres-Philipp is heut' nit gekommen." „Warum nicht?"
wird wohl nit Laune gehabt haben."
& a ? ,e B nb ne f es wieder jener andere herüber. Doch de alte Brinkmann erklärte:
„Er ist im Heu. Aber dafür will er morgen doppeln! Y». hoppeln — zwei Schichten hintereinander, sechzeh ?.™ e " l 5j|J r Grube — auch so ein .alter, guter Braucht Leute, macht s euch doch einmal klar: das geht über di Knochen und verschleißt vor der Zeit. Nein — wer sein Ruhe" ^brsahren hat, der hat ein ehrlich Anrecht au
J8r<iuxff" # ^ ^ ^in. Aber dat is doch mal s,
k presch schüttelte nur den Kops und wollte weiter. Doc 5? büeb fern Auge an der Firste des Ortsstoßes hängen Gei ade oberhalb der Stelle, wo Eke stand.
fA{u v '^i e sK/int hier, nicht recht geheuer. Der Steil M'l'-b.tte, - Und er bedeutete sie. beiseite zu treten
stetnÄck in der'ÄnV " nb fofort fin Ge
„Pack mir mal das Dings!"
Er reichte seine Lampe dem Nächststehenden, nahm seinen Fahrstock und stieß' damit kräftig gegen das Deckgebirge. Im nächsten Augenblick ein Prasseln und Krachen.
„Baus — Här o! Da kommt 'ne Last. Gleich 'ne ganze Wagenladung voll!"
Vatter Brinkmann sagte es ganz gemütlich, auf seine Schaufel gestützt.
Eke von Grund schrak zusamnten. Von den niedergebrochenen Trümmern sah sie nach oben in das schwarze Loch in der Decke. Und gerade darunter hatte sie gestanden! Mit stummem Dank suchte ihr Auge Bertsch. Aber der hatte sich schon wieder an Brinkmann gewandt.
„Ihr müßt gut acht geben hier. Das Gebirge ist faul. Holt doch mal gleich noch das ganze übrige Zeug da öden runter!"
Der Alte nickte, indem er zur Decke ausschaute.
„Ja, dal sollen wir wohl stracks tun."
„Na, daun Glückauf!"
Und Bertsch ging mit Eke weiter.
„Es sind doch gute Leute," nieinte sie, außer Hörweite.
„Ohne Frage — aber es ist schwer arbeiten mit ihnen in einem modernen Betriebe."
„Sie meinen wegen des Wegbleibens zur Heuzeit?"
„Ja, und wenn es ihnen auch sonst einmal nicht paßt. Wie soll ich meine Förderung innehalten, wenn niir alle Augenblicke soundso viel Leute von der Arbeit wegbleiben? Nein — das kann nicht so weitergeh'n!"
!,,Aber wann sollen denn die Leute ihr Feld oder ihren Hauberg besorgen?"
„In ihrer freien Zeit. Oder ihre Angehörigen ulögen's tun — wenn sich's wirklich noch lohnt."
„Sie sähen am liebsten überhaupt nichts mehr davon?"
„Es paßt nicht mehr in unsere Zeit. Das ist auch so ein Rückstand von früher. Ehe wir nicht damit ausräumen, kommen wir hier niemals richtig voran."
Sie fühlte, er hatte wohl recht. Aber sie wollte es ihm nicht zugeben. Es lehnte sich überhaupt etwas in ihr aus gegen seine bestimmte Art, die keinen Widerspruch duldete. Und sie besann sich: so war das von jeher gewesen zkvischen chnen. Diesen Kamps um ihre Persönlichkeit. Schon als Kinder hatten sie ihn geführt.
Aber ging es denn wirklich darum? Schärfer prüfte sie sich. War es bei ihr nicht vielleicht mehr als ein ei.gen- williger Stolz, der sich nichts vergeben wollte? Vor feinem, wer es auch war.
Aber war das, im Gruiide genommen, ihrer würdig?
Eke wurde nachdenklich. Sie war nicht ganz zufrieden mit sich.
Weiter setzten sie ihren Weg dabei fort und gelangten abermals zu einem Betriebspunkt. Jedoch die Arbeit stockte hier. Die Männer umringten einen in ihrer Mitte, der sich den vorgestreckten Arm hielt. Rasch war Bertsch bet ihnen.
„Was ist passiert?"
„Ach — nichts weiter," girb der Verletzte Auskunft. „Ein scharfer Stein ist mir auf den Arin gespruirgen."
Doch unter dem pressenden Daumen auoll heftig ein rotes Rinnsal hervor. Auch Eke, die jetzt selber heranaekom- men war, gewahrte es.
„Geben Sie tnir den Arm," forderte sie, und mit kundigem Griff komprimierte sie die getroffene Ader, bis die Blutung stand. Dann zog sie aus der Tasche ihres' Grubenanzugs chr Batisttüchlein und legte es über die Wunde.
„Und nun —< Ihr eigenes Tuck.!"
Der Mann reichte es ihr, und sie machte damit einen festsitzenden Verband.
„So — jetzt ist keine Gefahr mehr. Mer Sie taten doch gut, mit der Arbeit aufzuhören."
. „Ja, fahren Sie nur ans und gehen Sie Nach Hause," tnnmte Bertsch zu. Dann aber wandte er sich im Weitem gehen an Eke.
.. r "ft e zachen mich staunen. Woher kommen Jynm denn diese Künste'?"
(Fortsetzung folgt.)


