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ctne§ Gesellschastshotels Tee trinken, ihre mehr oder weniger rostspreligen und mehr oder Weniger überflüssigen Einkäufe besorgen. Um diese Zeit ereignete sich die Geschichte, die ich kurz und sachlich berichten will, schmucklos, einfach und ohne Kommentar, so wie sie sich in Wirklichkeit Mgetragen hat. Tie Handlung setzt an einer Ecke der dreiunddreißigsten Straße ein, gehemmt mcrch eme dicht rollende Wugenreihe, die erst vorbeiziehen muß, brs der Schutzmann den Arm hebt unb eine Lücke schafft, die wcr zum Ueberschreiten des Fahrdammes benützen können. Nach Ueberwindung dieses geräuschvollen Hindernisses eilt der Lauf der Begebenheiten einen Häuserblock der dreiunddreißigsten Straße entlang, um sich vor der nächsten großen Kreuzung in einen Prunkvollen Juwelenladen zu begeben, woselbst die kleine Ko- mbdre zu Ende rollt.
Die Heldin ist jung, hübsch und reich, sie heißt Frau Taisy Gnfsrns und besitzt zur Zeit unserer Begebenheit den Vorzug, oaß ihr lebe Möglichkeit ungestörten Kokettierens freisteht, da, soviel fie anzunehnien berechtigt ist, ihr Mann um diese Stiinde in^seinem Bureau in der Wallstreet zwischen einem mit Papieren bemckteii Schreibtisch um einen dickbäuchigen, eisenbeschlagenen Geidschrank sicher verstaut ist.
r - Held ist ein junger und eleganter Mann, der... Mer hier hreße zu Ende sprecheir soviel wie die Lösung auftischen, bevor der KUoteil überhaupt geknüpft ist. Der elegante junge ck'cann wird also zum Schluß seine Vorstellung beenden.
Während Frau Griffins sich mit graziösen, elastischen Schritten rem Ziele ihrer Sehnsucht, nämlich dem Juwelenladen, nähert (daß nichts anderes ihr Ziel ist, beweisen ihr entschlossener Gang einer Mit Geld versehenen Käuferin sowie die sorgsani emporgehobene goldene Geldtasche), währeiid sie sich also der von Diamanten, Perl eil und Rubinen blitzenden und glitzernden Schau- sensterreihe nähert folgt der elegante junge Mann in sehr auf- merkiamer interessierter, ja sogar eine gewisse Spannung nicht völlig verbergender Weise. Da Frau Griffins sich weder umwendet, rwch auffällig ihren Gang beschleunigt oder zurückhält, tanu Man seitstelleu, daß sie den galanten Verfolger nicht bemerkt hat, überhaupt seine Gegenwart nicht ahnt. Vor dem Laden angelangt, laßt Frau Griffins einen uumteren Blick über die Fülle der ausgestellten Jtiwelen streifen, woraus sie ihren kleinen Fuß aus eine Drahtgeflechitmcttte vor dem Eingang setzt und mit einem entschlossenen Griff der weißbehandschuhten Rechten die Glaslure aufküngt.
. HZster dem Ladentisch erhebt sich ein alter feiner Herr, äugen scheinlich der Inhaber des Geschäftes, um sofort zu einer liebens- würdigen Verben gulig zusammenzuklappen. Frau Griffins trippelt zu der verführerisch ausgestatteten Tischplatte und verlangt lächelnd und zwttscher^ ein bestimmtes fünfreihiges Perlenhalsband zu sehen. Der alte Herr macht ein breites, sonniges Gesicht uud bringt ein Lederetui herbei, von dessen türkischblauem SamMetgrund das fragliche Schmuckstück milchweiß und seuer- spruhend deu Aiigen der Käuferin entgegenbliukt. Frau Griffins betrachtet das nt mehr als einer Woche so heiß begehrte Juwel, legt ihre Goldtasche vor sich aus den Ladentisch und stößt einen " ÄESn .kleinen Seufzer aus. „Ja," sagte sie dann, „das ist s. Ich fürchtete schon, es sei bereits verkauft." Sie nimmt dav Halsband ans dem Kästen, streickch mit den behandschuhten Fängern über die leise knisternden Perlenreihen und meint dami, den Kops ern wenig aus die Seite legend: „achttausend Dollar, Nicht wahr?"
Ter alte Herr nickt, nimuit das Schmuckstück behutsam aus ihren Handln, hält es gegen das durch die Straßentüre einfallende Sonnenlicht und erwidert: „Ja, gnädige Frau. Es wird ganz wunderbar zu ihrem Teint Pässen."
™ ©'efdö'äft mirb abgeschlossen. Frau Griffins öffnet ihr
Geldtaschcheu und beginnt die Tausenddollar-Scheinc aus die Tisch- platte zu zahlen. In diesem Augenblick aber öffnet sich geräuschvoll die Ture und herein stürzt, — das Gesicht gerötet, dm Hut aus dem glatten Scheitel verschoben, entrüstete Zornesfalten auf der Stirn, mit blitzenden Augen, — der junge Mann. Mit wenigen schnellen Schritts eilt er an den Ladentisch. Und während ^^..alte Herr erschrocken einen Schritt zurückweicht und Frau J?? r u ^ r überraschende Hereiustürzeu sprachlos dasteht, wirft der elegante Herr sich in die Brust und schreit wütend, y? l P e ^l/eiid, lmt bem ganzen Stimmaufwand ehrlicher" Entrüstung: „Ha, Elends, habe ich dich endlich er- also verschwendest du das Geld, das dein Gatte in harten Monaten der Arbeit verdient!"
Sprichts Und versetzt, von der schnierzlichen Wut eines ties ?na!?a ; ?+ Ehemann esmi tfortg er i s sen, Frau Griffins einen Schlag ins Gesicht, der die hübsche junge Frau, einer Ohnmacht mehr als nahe über die Brüstung des Ladentisches sinken läßt. Hieraus er- greift der Gatte wutschnaubend die acht Tausenddollar-Scheine und verlaßt nnt eiligen Schritten den Laden, dessen Türe er sich ins Schloß wirft, so daß, die vielen Glas- Klirren von fick/gchen"^^ ^aume ein erschrecktes und klagendes
Ä C "?^ in Ä e -J >err[c % in dem Laden eine ebenso peiu- ^ Stille, wahrend der letzten Sekunden durch
das entsetzt nnsetzerche Sckstuchzen der jungen Fran unterbrochen „Oh, gnädige Fran, gnädige Frau , , nlst der alte Herr,
M sich plusternd und prustend von der Aufregung dieser ehe- .?rhvlt .hat, „um Gotteswillen, ich bringe Ihnen ein Glas Wasser!!!"
Frau Griffins richtete ihre zusammengesunkene, von immer heftiger werdenden nervösen. Schluchzen geschüttelte Gestalt ruck- weise auf, Zieht umständlich mit bebend suchenden Fingern ein winzig kleines, seidenbesticktes Taschentüchlcin hervor und drückt es abwechselnd gegen die gerötete Backe und die vom Weinen nassen, ach so hübsch in Träneil schwimmenden Mgcn.
?Wch!^n ist der alte Herr eilfertig und besorgt mit dem Glas Wasser zuruckgekehrt, das Frau Grifseus ergreift, um müh- lam, ihre Erregung bekämpfend, einige Tropfen zu nippen. Tann herricht wieder das nur von dem Schluchzen der jungen Frau unterbrochene Schweigen, bis der alte Juwelier, sich wie ein Vater über die reizende, so schinerzvoll überraschte Frau beugend, mit gütiger, zugleich aber infolge der getäuschten Berkaufsaussicht dunkel gefärbter Stimme sagt: „Mein Gott, gnädige Frau, wie konnten ^ie auch ohne Wissen und Willen Ihres Herrn Gemahls ein so teures Objekt erstehen wollen! ..."
cf™ ^^tissiino gesteigertes Msschlnchzen ist die Antwort, ^^lfius, mühsanl ihr Sprachvermögen wiedergewinnend, endlich in die Worte ausbricht: „Ach, ach ... ich, ich... Ein erneuter Wemkrampf läßt dm Satz unvollendet . . .
Vor einer verdächttg ausseheiiden Whiskykneipe, aus einem rleineu, schmutzigen Platz inmitten des Bowery genannten Armen- und Verorecherviei-tels: Ratternd hält eine Autodroschke vor der Kneipenture, und heraus springt der elegante Herr, der vor zwanzig Minuten das Unglück in dem Juwelenladen angerichtet: Mi. entlohnte Chauffeur fährt davon, der junge Mann
stellt sich brettbemig vor die Türe, klopft gegen die Holzwand und ruft halblaut und dringlich: „Jimmy, Jimmy!..."
Türe öffnet sich, und Jimmy, ein auf den ersten Blick ? - gefährlicher Großstadtgauner kenntliches Jndividium, tritt auf das Pflaster. „Hallo, Vom," ruft er leise, „ist's gelungen?"
Ter junge Mann, dessen Rainen wir aus diese Weise erfahren haben, nimmt vUmmt) unter den Arm, geht mit ihm einige Schritte, drückt ihn in einen dunklen Häuserdurchgang und erwidert mit einer rauhen, aber nicht humorlosen Stimme: „Und ob! Ich sagte dcr ja, daß der Vrick nicht fehlschlagen kann' . . . Hier," diö Vollarscheme aus der Hosentasche ziehend, „achttansend!" Ein ebenso heiseres Lachen ist die Antwort, und der dunkle Gang, m dessen Tiefe die Beiden sich verlieren, verschlingt jedes weitere Gespräch.
In dem prächtigen, vornehm-halbdunklcn J'uwelenladen ist der seme alte Geschäftsinhaber noch immer über die uiiglückselig schluchzende Frau Griffins gebeugt. Endlich, nachdem das letzte heftige Weinen in dem seidenen Taschentüchlein ersttckt ist, richtet sich Frau Grissins zur ganzen Größe ihres zierlichen Persönchens aus und schreit: „Mein Gott! ... Mer... ach ... ich kenne diesen Mann ja gar nicht! . . ."
. Gin Aufschlag und ein lautes Klirren. Ter Ladenbesitzer hat r" der Bestürzung des Staunens mib Verstehens das noch halb- gesullte Wasserglas auf den Boden geworfen, wo es in zahllose Scherben zerbricht. _
vermischtes.
cv * Das „Fahrende Volk" zur Kriegszeit in F ran k r e i ch. Vas folgende Stimmungsbild über das Leben der französischen Jahrmarktsleute und Schaubudeubesitzer wäbrerid des Krieges findet sich im „Jourmal": „Hinter den Befesttgiings'- gebitten, im nickwärtigsten Bereich der militärischen Zone stehen elende Hütten, aus Holzbrettern und ärmlichem Material hergestellt, von armseligeir Gärtchen umgeben. Zerzauste Kinder balgen sich zlmschen Hunden, Katzen und Gänsen. Manchmal klappert ein müdes, verhungertes Pferd nnt einem Karren vorüber. Zerrissene Wäschestücke flattern an Sckinüren, als Zeugen rmgswni herrschenden Annut. Hierher hat sich das fahrende Volk der Jahrmärkte zurückgezogen, das ehemals durch Fraiikeeich zog, durch den Krieg aber seiner Tätigkeit beraubt wurde. Ihre Gerate, die tut Verlaufe vieler Jahre mit harter Mühe erworbeir wurden, ruhen in -Lchuppeitt ivo sie langsam durch Wind und Feuchtigkeit zerfallen. Tenn die jungen und kräfttgen Leute, die sich sonst ihrer bedieuteii, sind au der Front. Uud die Frauen blieben zurück, allein mit deii Greisen uiid Kindern. Sie sind blaß und verängstigt unter der Last des Kummers und der Sorgen. Wenn man mit ihnen spricht, hört mau fast nichts anderes, als Klagen. „Ach, mein Wann!" . . . „Meine di-ei Söhne stehen im Feuer!" . . . Sie senken die Stimnie, wenn sie von deii Gefallenen sprechen, damit ihre weinenden Nachbarinneil nichts vernehmen. Und immer tvieder dieselbe traurige Feststellung: der Jahrniarktsberuf ist erledigt, vollkounnen erledigt. Es ist vorbei Mit dem farbigen Tumult der Manege und dem Lärmen der Leierkästen. Eine Greisin, an deren Rock ein kleines Kind sich ängstlich klammert, erzählt, daß sie sich von Bordeaux ans bis
hierher durchbetteln mußte. Und nach dem Kriege, so meint sie wird es noch schlimmer lverden. W lvird zuviel Verluste, zuviel Geldsorgen und zuviel Trauer geben, als daß die Jahrmärkte An- Uaug finden könnten. Außerdem sind bis dahin alle Gerätschaften zerstört oder billig verkauft, uni den Kindern etivos zu essen aeberi zu können und sich selbst lvenigsteus vor dem Verhungern zu bc-


