Drei Tage später waren die beiden Männer wieder zn Besuche. Schwer ging die Lust an diesen: letzten Julitage, und die Schwüle wollte nicht weichen.
An diesem Abend traten die beiden jungen Liebesleute vor den Vater hin und baten: „Wir wollen uns trauen lassen mitsammen, che der Krieg kommt, Vater-"
Da nickte der Alte und streckte ihnen beide Hände hin.
Die beiden lvurden kriegsgetraut, und die beiden Schwäger zogen noch in den Stunden der Mobilmachung hinaus. Die blonde Anna Mahn, die nun Anna Mertens hieß, hatte kein langes Verweilen mehr im Elternhause, wiewohl sie noch kein eigen Heim und Bett das ihre nannte; es kam Befiehl vom Landrat: Die Dörfer müssen bis zuip Abend geräumt werden, weil Gefahr ist, daß die Russen über die Grenze brechen!
Das war ein wildes Hasten. Die Frauen packten, was ihnen nötig und nützlich, was ihnen lieb und unersetzlich schien, in Eile und Angst auf den langen Bauernwagcn, der Vater trieb das Vieh zusammen, verscharrte und verschloß, was er geborgen wissen wollte. Noch einen letzten Blick rundum nach dein Hause, das sie alle geboren hatte und gehegt die langen, lieben Jahre, nach dem; trauten Heimatdorfe, ein letzter weher Blick — und dann ging es hinaus in langem, hastendem, buntem Zuge Frauen und Kinder, .Greise, Gesinde, Vieh und die ärmliche, kärgliche Habe aus den ratternden Wagen. Tie Flüchtlinge hasteten die ganze Nacht hindurch, in den neuen Morgen; an allen Wegen schlosse,: sich neues Scharen an, unübersehbar war die Karawane, die aus der masurischen Heimat westwärts und nordwärts drängte, vor den Kosaken zu fliehen. Der Wald nahn: sie auf, bot den Erschöpften erste Rast. Bald drängten sie weiter.
Und an den Grenzen deckten ihnen die Jäger den Rücken, boten dem Feinde die Brust und wehrten den wilden Ränbergeschwaderu, solange sie es vermochten; Hunderte tapfere deutsche Jäger gegen aber Tausende mörderische Kosaken. Weichen mußten sie, mußten mit knirschenden Zähnen sich von: Feinde lösen und in den heimischen Wäldern neue, feste Stellungen einnehmen, gegen den Anprall der Russenwogen, die das masurische Land überschwemmten. Traurig zogen Bär und Mertens in dunkler Nacht an dem Hause vorüber, das ihr Glück gesehen hatte. Nun lag es-verlassen und vergessen.
Einen harten und heißen, blutigen Tag gab es an der Waldsenke bei Orlau, schon ein gut Stück landein. Stellung muß gehalten werden, hieß es. Die Jäger und Füsiliere besiegelten es mit ihrem Blute. Viele, viele sanken dahin.
Dann ging der Marsch auf Hohenstein, im weiten Bogen um die Stadt herum. Ein neuer Feldherr saß im Regimente und schob die schwachen Truppenkörper, die paar Divisionen, immer hin und her, daß die Russen sich Riesenkräften gegenüber wähnten. Er schickte seine Divisionen ins Feuer, in ein heißes Feuer, das tagelang nicht nachließ, immer heißer und höher unter dem brütenden Himmel flammte und dröhnte. Im weiten Umkreise von Ortelsburg bis Gilgenberg und Tannenberg, auf altem Schlachtenboden stand die Schlacht und riß neben jahrhundertalten Kampfes- wunden neue klaffende Narben ins meilenweite Blachfeld. Die, Hölle samt allen Fegefeuern war schier um Waplitz auf die Erde niedergeschmettert. Das war die große Russenschlacht.
Ob Hohenstein an der blinkenden Chaussee, wo in zwei langen, laugen Reihen die Ebereschen von den Zweigen glühen, stand die Schlacht eine Stunde lang. Aus einen: kleine,: Gehöft feuerte e:n russisches Maschinengewehr unentwegt in die Flanke der Jäger. Eine Schar Tapferer raffte sich auf und wollte das Wespennest ausnehmen. Mertens war unter ihnen, war ihnen allen voran. Jini vollen Lauf sank er tot hin. ,
Bär ist zum, Abend mit den andern weitergezogen, hat den treuen und .tapferen Schwager nicht einmal mehr mitbeerdigen können. Lag int Schatten des StadtlvUlds, die Büchse in: Arm, siedende Rachegedanken in Herz, und Hirn. Ein Schuß traf ihn Witten in die Brust. Me schlafend lag er unter den hohe,: Bäumen, den Kopf auf die Ha,ch gesenkt. Er wUrd mit 58 tapferen toten) Mehrmännern an dieser Stätte beigesetzt.
Aus dein weiten Schlachtfelde, das den unsterblichen Ruhm eines Hiiidenbm'g gebar, war längst der Choral von Leuthcn verklungen, war ein Tag Uw den andern verwiche:: und die Trümmer eines riesenhaften, geschlagenen Russenheeres starrten gen Himmel. Wochenlang lag die kleine Stadt im Tal zerschossen und still, bis von ihre,: Bewohnern einzelne zaghaft wiederkehrten und die Schrecken erblickten. Manche fanden nur die rauchenden, verkohlten Trümwer ihres Hauses, ihres einst blühenden Anwesens. Die Aecker zerstampft, die Giehöste leergeraubt, verwaistet, Kadaver, .Trümwer auf allen Gassen und Wegen.
Die Herzen verhärtet, die Gesichter v ersteint, standen die Menschien zwischen Gräber,: und Gerölle, und der Hauch der Verwesung wehte um sie.
' Aufrecht schritt der alte Mahn dem Stellwagen voraus, der semeiHcwe, seine cTöchter heimbrachte. Noch hatte sie keine Nachricht iuick) keine Verlustliste erreicht auf ihrer Irrfahrt in fernen Gegenden. Mit undurchdringlichen Mienen schritt der Alte dem Wenigen vorauf,, das er noch sein nannte. Und fanb die Heimat wieder.
Wie eine verglommene Brandfackel sperrte der Giebelbalken des Hauses in den weichen Abendwind. Hof und Scheune, das Haus waren ein einziger Schutthaufen wie alle die Höfe ringsum.
Da stand der Alte wie ein starres, erzenes Bild. Pfeifend ging
:hinr der Atem aus der Brust, die es fast zersprengen wollte. Die Frauen im Wagen schrien auf und bargen ihre tränenüberströmten! Gesichter in den Händen.
Langsam lenkten sie UM und fuhren aus den:' Dorfe, das einmal :hre Heimat gewesen war. In der Stadt zwischen fremden Sot-, daten und lauter Soldaten gab es ein langes Fragen hin und her. Rings um den Markt ragten die Trümmer einst stattlicher Häuser; im irrenden Fackelschein wie Gespenster aus.
Endlich fand der alte Mahn einen Beamten, der ihn kannte^ und der ihm Auskunft gab.
„Wo sind Sie denn gewesen all die Zeit, daß Sie es nicht erfahren konnten? Der Kreis ist der Rückwanderung noch lange Zeit versperrt, die Heimkehr ist ja verboten vorerst . .
„Fragen Sie mich nicht mehr, wo ich gewesen bin. Im Elend."
Und geht ins Elend ! dachte der Beamte bei sich, iiberlegte> wie er es dem Alten dennoch beibringen soUte, was alles ge-, schehen war.
„Haben nichts erfahren von den Jägern, vott Ihren . . Schwiegersöhnen . . .!?"
„Nichts, als daß es viel Opfer gekostet hat. Und das wußte wder im voraus."
Da streckte ihm-der andere die Hand hin.
„Sie sind ein alter Soldat. Sie werden es verwinden, Vater Mahn. Ja, Ihre beiden Schwiegersöhne sind damals in der großen Schlacht auch gefallen."
„Auch gefallen."
Gesenkten Hauptes schritt der Alte hina:^, suchte seinen Wagen auf dem trümmerumstandenen Markte und ftihr mit seinen Töchtern, seiner letzten Habe, wieder landein. Ihm !var, als ständen zwei Särge hinten ans dem Wagen, als geisterten die Schatten von abertausend Toten in der Mondscheinnacht.
Weit draußen im westpreußischen Lande, bei guten, gastfreundlichen Leuten, hat er seinen Töchtern die furchtbare Kunde nach Tagen und Wochen beigebracht, hat durch den langen, wehen Winter ihr Klagen und Weinen geduldig ertragen und sie beide getröstet, so gut die weichmütige, wortkarge Art der Masuren es vermag.
Auf einen Tag im neuen Lenz wurden ihm die beiden Enkel geboren, die er nun wie seine späten Söhne hegt. Ist ihnen ein zweiter Vater geworden und hat un: ihretwillen bloß eine Bitte an den lieben Gott: „Laß mich ihnen noch eine gute Weile leben!"
Die beiden Töchter begehrten immer mehr an die Gräber ihrer Männer zu treten als vor die Wiege der Kinder. So ist er denn mit den: Mai aufs neue ostwärts gewallfahrtet, ihre letzte Stätte zu suchen.
Wo ob Hohenstein an der langen, hellen Chaussee in: August die Ebereschen so blutrot von den Zweigen rechts und links der Straße prangen, wo auf einem Grabe ein vom Regen zerweichter Jägertschako bei den: niederen Kteuze steht und die Inschrift weiß anfleuchtet: „Hier ruht ein tapferer deutscher Jäger!" da wenige Schritte fern schachten jetzt gefangene Russen den Grund ans und richten wackere Bauleute ein schlichtes Haus auf. Hier; ruht Peter Mertens. Und hier hat sich der alte Mahn mit seinen verwitweten Töchtern und den verwaisten Enkeln eine neue Heimat gegründet. Er kann sich schon des guten Ackerbodens wieder freuen, unb es ist nur noch ein leiser, weher Groll, der ihn beschleicht, tueim er beim Ackern ein Rüst engewehr aufgräbt. Ev ist alt und weiß, daß alles auf Erden vergänglich ist. Mutter uud Kftrd, sie sind ja nun beide geborgen, sind dent Totenhügel des Vaters so nahe! >— Und nahe am Stadtwalde, unter den hochragenden Bäumen, die ganz leise in: Winde rauschen, schläft mit vielen Kameraden der andere Schwiegersohn, der wackere Bär. Es ist eine feierliche Stille um das deutsche Massengrab. Mit losen Fingeri: raschelt der Wind im welken Laube der Eichenkränze an den schlichten/ schwarzen Pfosten der Grab- einfassung, streichelt die verblichenen^.von viele:: Regentropfen, von vielen Tränen verwischten Worte ans den Schleifen der Kränze, die Grüße unwandelbarer Liebe, die um diesen Hügel
webt.r ( , -
Fest und mutig will ich tragen, was das Schicksal mir beschieden, nriU es N:einen: Kinde sagen, wo der Vater ist geblieben.
Wenn leise der Wind weht über deir: Grab,
schicken wir Heimatgrüße hinab,
rufen wir dir noch zu; V '
„Schi-ls wM, r
mein Guter! !
Sanft sei deine Ruh!"
vermischtes.
* DaS Geld, oder die zahlungsfähige Münze, wurde von aliersher in allen Länden: aus Gold, Silber oder Kupfer her» gestellt. Erst neuerdings ist als weiterer Münzstoff Nickel dazu- gekommen. Vor etlva 60 Jahren allerdings hat der rufstfche Staat einen Versuch gemacht, Geldstücke aus Vlatlna anfertigen zu lassen, doch hat sich diese Art Münze nicht durchgesetzt. Richtig ist, daß man z. B. zur Römerzeit ein Gemisch von Kupfer und Messing zur


