Weh hatte das der Reusch-Mutter getan; denn in ihren Adern floß noch echtes Bauernblut. Das Blut freier Männer, die auf ihrer Scholle saßen, soweit die Urkunden und Erinnerungen zurückreichten. Aber sie hatte dazu geschwiegen; der Sohn war ja der Herr im Haus. Doch als nun auch das Rumoren auf dem Hof selber anhub, da litt es sie nicht länger.
.„Das bringt keinen Segen, Hannes," — hatte sie zu dem Sohn gesprochen, genau wie eben der Pfarrer —, „das Geld, das dir aus diesem Born fließen soll. Es ist ein trübes Rinnsal, laß die Hand davon. Ich rate dir gut, Hannes — hör' auf mich alte Frau, dies eine Mal wenigstens!"
Aber er hatte gelacht.
„Was du nicht alles redest, Mutter! Laß den Born sein, wie er will — das Geld, das daraus sließt, ist schön blank. Jeder nimmt's gern. Zudem — tu' ich's nicht, tut's ein anderer. Sollt' ich so dumm sein und dem das Geschäft lassen? — Nein, Mutter!"
Da hatte sie geschwiegen, und er nichts mehr gehört von ihr seitdem. Doch jetzt sielen ihm ihre Worte wieder ein. Nachdenklich sann er da einen Augenblick vor sich hin. Keinen Segen — hin, wenn's wirklich so käme?
. Aber gleich wieder hatten die Blicke des kleinen, beweglichen Mannes ihren gewohnten, munteren Ausdruck. Ach, Unsinn! Sich eins pfeifend, ging er hinaus zu dem Neubau, ob auch alles flott vorankam. Zu Ostern mußte der Saal fix und fertig sein. Die Feiertage sollten schon ein gutes Geschäft abwerfen.
Auch Reuschs Kinder sprachen einmal über den Neubau. Marga war einfach entrüstet. Bisher war der „Hirsch," als ein altpatriarchalisches, weithin im Land angesehenes Gasthaus doch immerhin noch ein Geschäft gewesen, dessen man sich nicht gerade zu schämen brauchte. Doch nun, wo hier allsonntäglich der Spektakel angehen und ganz gewöhnliches Volk sein Wesen treiben sollte, lvar das vorbei.
„Einfach unerträglich!" klagte sie zu dem Bruder. „Ich verstehe den Vater nicht mehr? Kannst du das fassen?"
Hermann Reusch zuckte die Achseln, die Hände in den Hosentaschen.
„Wozu sich aufregen? Mir ist überhaupt der ganze Rummel hier längst zum Halse heraus. Aber wo's eben einstweilen noch sein muß — in Gottesnamen! Der Sonntagsklimbim wird schon was abwerfen, der Alte verrechnet sich ja nie. Und verkaufen wir mal nach seinem Tode das ganze Hubittchen, dann können wir für den Kasten da draußen eine dicke Stange Gold mehr verlangen. Also — mir ist's recht."
Marga sah den Bruder tun: groß an. Aber stärker denn je ward da wieder einmal ihr Sehnen: Heraus aus all dem! Und ihre Gedanken gingen zu dem, der allein ihr dazu verhelfen konnte.
Trotzdem Gerhard Bertsch nun den Sieg errungen, war :r ihr noch immer nicht näher gekommen. Es war alles wie rüher, ja eher, noch schlimmer. Sie bekam ihn überhaupt! ast nicht mehr zu Gesicht. Ten ganzen Tag über war er auf einem Bureau oder drangen bei den Bauten, bis in bcu Päten Abend hinein.
Marga kam oft ein heißer Zorn auf ihn, daß er für luchts anderes Gedanken hatte. Ja, wenn er ein Mensch ohne ledes Temperament gegenüber den Frauen gewesen wäre. Aber sie wußte es doch besser. Aber daß er nun so tagtäglich an ihr vorübergehen konnte, ohne überhaupt einen Blick für sce zu haben — ihr Ehrgeiz krankte schwer darunter. Aber immer mehr nur stachelte das ihren Willen an: Er sollte, er mußte sie begehren! Als eine Schmach würde sie es empfinden, wenn es anders käme.
Allerlei Pläne entwarf sie in ihrer Ungeduld, wie sie sich ihrem Ziele nähern könnte. Unmögliche, unkluge Ideen, die cm kühleres Nachprüfen sofort wieder verwarf. So blieb alles, wie es war, bis ihr eiiies Tages der Zufall zu Hilfe kam. Karl Steinsiefen lud sie ein, ihn auf der ersten Fahrt mit seinem neuen Auto zu begleiten. Auch Bertsch würde mit von der Partie sein, denn sie rooji'it gemeinsam den Basaltbruch droben besuchen.
Steinsiefen und sein Unternehmen waren von deni gewaltigen Umschwung der Dinge gleichfalls nicht unberührt geblieben. Bertsch hatte den beabsichtigten Vertrag mit ihm geschlossen, der ihn zu einer Tageslieferung von fünfzig Waggons verpflichtete, vom kommenden Sommer an. Da hatte er droben in dem Basaltbruch alles darauf einrichten müssen. Ein ganz moderner Betrieb großen Stils entstand
über den Winter dort oben und war vor seiner Vollendung. Voller Stolz wollte daher Steinsiefen jetzt dies sein Werk Bertsch vorstellen, und auch Marga Reusch. Er hatte sein stilles Werben um sie ja nicht eingestellt, und der Aufschwung seines Unternehmens gab ihm neues Hoffen. Er würde glänzend verdienen. Das, was er ihr nun bieten konnte — da kam kein einziger mehr mit im ganzen Rauhen Grund!
Wie, um das jedem sichtbar darzutun, hatte er jetzt das Auto angeschasst, nachdem er drunten in Köln sich im stillen im Fahren ausgebildet hatte. Und selber hatte er die Maschine von dort hierher gefahren.
Voller Stolz hielt er daher jetzt mit dem funkelnagelneuen Wagen vor dem „Hirschen". Sein dröhnendes Hupensignal, das Marga und Bertsch benachrichtigen sollte, ließ alles in der.Nachbarschaft zaisammenschrecken. Aus allen Fenstern fuhren Köpfe, Kinder kamen herbeigelaufen und umstanden in dichtem Kreis den Wagen. Scheu horchten sie auf das unheimliche Rattern des Motors und bewunderten doch zugleich den spiegelblanken Lack der Karosserie wie die goldig blitzenden Messingbeschläge. Es war ja das erste Auto, das sich in die Weltabgeschiedenheit dieses stillen Waldtals verirrt hatte.
Dann kam Marga. Eilends sprang Steinsiefen ihr entgegen und öffnete dienstbeflissen den Schlag. Erwartungsvoll sah er ihr dabei in die Augen mit dem Stolz des Beisitzers.
Marga Reusch konnte sich eines leisen Zuckens um ihre Mundwinkel nicht erwehren.
_ Gar zu neu, ganz wie der Wagen, war auch der Fahrerdreß Steinsiesens von hellbraunem Leder. Das roch ja förmlich alles noch nach dem Ansstellungsmagazin. Aber trotzdem — es war doch etwas Nettes, so ein Auto. Und er würde sich sicherlich jederzeit ein Vergnügen daraus machen, sie auszufahren. Da nickte ihm Marga Reusch mit freundlichem Lächeln zu und schwang sich dann leicht in den Wagen.
Das Blut schoß Steinsiefen in die Wangen. Noch nie bisher war ihm das von ihr geschehen!
Gleich darauf erschien Bertsch. Auch sein erster Blick galt dem Auto. Doch dann streifte er das elegante Fahrerkostüm Steinsiefens. Und er sagte sarkastisch:
l„Ja, alles wunderschön — aber können wir uns dir auch mit gutem Gewissen anvertrauen?"
„Oho — ich habe mein Fahrerdiplom!"
„Na, dann freilich. Also, auf Hals- und Beinbruch!"
Während Steinsiefen, begierig, seine Künste zu zeigen, rasch auf den Führersitz stieg, ließ sich Bertsch drinnen im Hmterwagen bei Marga Reusch nieder.
„Guten Tag, Fräulein Reusch!" Und er .hielt ihr grüßend die Hand hin. „Lange nicht mehr das Vergnügen gehabt." ,
(Fortsetzung folgt.) ,
Tapferer deutscher Jäger.
Skizze aus den ostpreußischen Nottagen. Von Paul Burg. '
Sie waren sich ja so lange schon gut gewesen, der breitschultrige! Zrtelsburger Jäger Peter Mertens und die fröhliche, blonde Anna Mahn. Auf dem Wochenmarkte hatte er das frische Masuren-; Mädchen zuerst gesehen. Ihre rote Jacke leuchtete in der Morgensonne, und ihr helles Kopftuch wehte wie eine Fahne im Winde., Seitdem war er immer zuerst an ihren Stand getreten, wenn er für die Kantine einkaufen ging. Sie sprachen zusammen und> wurden gewahr, daß die Schwester der blonden Masurin die Frau seines alten Unteroffiziers war, der freilich letztes Frühjahr abging, um Schutzmann zu werden. Und in der Maienzeit haben sich die beiden heimlich verlobt. Als dann im Sommer die Wetter aufzogen im Balkanwinkel, als es drüben hinter den Grenzen in Rußland bei Tag verdächtig still und des Nachts ungewöhnlich. emsig wurde, kam der Schutzmann Bär wieder in die Stadt und in die Kaserne, -fragte nach dem Jäger Peter Mertens.
„Steine tfrau yar nur von der Anna und Dir erzähltu Komm auf den Mend mit mir inS Dorf, wirst schon ein Nacht- zeichen kriegen." 1
Sie fuhren auf flinken Rädern nach deni kleinen Bauerngehöfte, und kwr alte Mahn empfing die Männer bedächtig imd schweigsam, wie es Masurenart ist.
„Das geht los gegen uns, glaubt's. Uiid wir hier draußen, wir kriegen cs hart' Er hatte Siebzig mitgemacht und fühlte das alte preußische Kraftbewußtsein in den Knochen.
* .. "JA werdet es zuerst spüren." Er blickte ernsthaft auf bid beiden Ortelsburger Jäger mrd ließ es gewähren, daß seine Anna spazierte Mertens bis zum Turrkeln im Baumgarten herum-


