Ausgabe 
16.10.1915
 
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Ueberspannen Sie den Bogen nicht, Herr Bertsch. Ich warne Sie!"

Gerhard- Bertsch hob nur gelassen die Hand. Aber wie nun der Pfarrer gegangen war, trat doch ein schwerer Ernst auf seine Züge.

(Fortsetzung folgt.)

Lmanuel Geibel.

(Zu seinem 100. Geburtstag, 17. Oktober.)

Von Peter H a m e ch e r.

Im Wcinmonde des Jahres, da man achtzeh:chund,r!uttt- sünfzehn schrieb, und des Leipziger Si.'gs Feier zum andern be­ging, in der Mitternacht vom 17. zum 18. Ok.ooer, ward' tat' Pfarrer der reformierten Gemeinde zu Lübeck, Geibel, ein Sohn geboren, dem der Vater den Namen Emanuel gab. Jener Ge­denktag steht wie ein Sinnbild an Geibels Wiege. Es ist, als ob der Geist jener Stunde ihn gesegnet und ihn geweiht hätte zu jenem hehren Amte, das seinen Namen durch alle deutschen Zeiten unvergeßlich macht. Ter Herold des Reiches zu werden, war Geibels Beruf. Er war auserkoren, den deutschen Geist, der bei Leipzig Tat^geworden, in unvergänglichen Liedern wach zu halten bis zur Stunde glorreicher Erfüllung und ihn nniterzn- gcben an die Zukunft. Wenn eines Dichters Name mit Den sch- lands Werden im letzten Jahrhundert unzertrennlich verknüpft ist, so ist es der seinige. Er mar der lyrische Bannerträger des Gedankens, der durch sechs Jahrzehnte die besten Herzen erfüllte, bis er bei Sedan Wirklichkeit wurde. Wie ein Prophet steht ec vor seinem Volke, wie ein Seher, und selbst in den Tagen der Verzweiflung und Mutlosigkeit läßt er nicht von seinem Glauben.

In seiner politischen Lyrik liegt für uns Heutige die Be­deutung Geibels. Das Wort, das er beim Tode Uhlands schrieb, faßt zusammen, was er selber für uns ist:Das ist an uns sein groß Vermächtnis, so treu und deutsch zu sein wie er." Das Vaterland, der Gedanke des Reiches, war Geibels stärkstes Erlebnis, und hier, einzig hier wurde sein Dichtertum so grob, daß es noch heute als Flamme und Schwert vor uns steht. Hier wuchs der Backfischdichter", dessen gepflegte Anthologienpoesie dem Geschlecht von heute nur wenig sagt, über sich empor zu einer Männlichkeit, die seiner Gestalt eine eherne Dauer und zündende Kraft gibt. Zu einer Männlichkeit, die seinem Wesen sonst allzu fremd ist.

. Man hat Geißel den Backfischdichter genannt. Dies Urteil ist freilich ungerecht. Halten läßt es sich nur, wenn man sein erstes Gedichtbuch in Betracht zieht, mit seiner süßlichen Empfindsamkeit. Aber er hat die Versübnngen, die ihm freilich den größten äußeren Erfolg eintragen, später selbst hart verurteilt und bitter darüber geklagt, daß durch sie ein Wesensbild von ihm festgelegt worden sei, an dem alle Fortschritte an Kraft und Können nichts zu ändern vermocht. In der Tat hat Geibel in seinem späteren Schaffen jene Töne seiner Jugend überwunden und durch vollere und kräf- ttgere ersetzt. Seine ersten Verse waren zu schön, zu harmonisch, zu temporiert, und zur erlebnisarm. Es fehlte die Glut eines wahrhaften Ergriffeuseins, und alles Persönliche, alles wirklich Erlebnishaste war wie ausgewischt, allzusehr ins Allgemeine cm- porgcläutert. Seine Gedichte sind vollerrdete und bis ins Feinste ausgefüllte Ktrnstgebilde; aber keine Kunst im großen Sinne. Er ist Artist, bewußter Kunstschöpfer, der einem! klassizistischen Schönheitsideal nachstrebt; gewissermaßen eine letzte Znsammen- drängnng alles dessen, was die Epochen vor ihm' an ästhetischen Werken geschaffen. Aber es fehlt, »vie er intBildhauer des Ha­drian" klagt,der große Puls". Welch ein Dichter Geibel aber war, wenn das echte Erlebnis in ihm drängte, zeigt seine politische Lyrik. Nur in seiner persönlickien Lyrik sucht man diese Töne vergebens.

Weun Geibel zu bewundern ist, so ist er's wesentlich als For­malist. Sein künstlerisches Ideal spricht er in denDistichen ans Griechenland" aus:

Auch dein beschwerlichsten Stoff noch abzugewinnen ein Lächeln Durch vollendete Form strebe der wahre Poet.

Kummer und Grant sei'n schön, vom erhabenen Rythmus besänftigt. Selber der Brust Angstschrei werde dem Ohr zur Musik.

Und der versehcen.de Pfeil des Gespötts, in die Woge der Anmut Sei er getaucht, klairgvvll werd' er vo»t Bogen geschnellt."

Solche Kunstanschauung ist uu3 ein wenig fremd geworden. Aber die Höhe der Vollendung, die Geibel im Formalen innchatte, kann urrd darf nicht verkannt werden. Geibel ist sozusagen für Uns ein Sonntagsdichter. Er ist in der Form so vollendet, daß es keiil Darüberhinaus gibt. Zugleich aber ist er: das Ende einer Dichterperiode. Er hat es selbst geipußt uird auch ait^. gesprochen:Goethe stand als bahnbrechender Genius am Anfang einer glänzenden Epoche, in frischester Ursprünglichkeit und die verschiedensten Tonarten lediglich aus eigener Fülle schöpfend: ich bin der letzte einer langen Reihe bedeutender Lyriker, der, wenn ailch bei eigentümlich gefärbter Individualität, doch nur dre Töne seiner Vorgänger noch eininal in gediegenster und durch- gebildetster Form zusammeufaßt. Zu unfern großen Meistern

verhalte ich mich nicht ailders, wie etwa Mendelssohn zu Mozart und Beethoven und darf daher zufrieden sein, wenn mir gleich! jenem nur dies und das gelungen ist, was auch neben und nach den Werken der Herven ein unbefangenes Gemüt noch anzusprechen vermag."

Das Unglück für den Dichter war das unerhörte Glück, das dein Menschen von Anfang an zuteil wurde. Das Leben Geibels verlief in schöner Harmonie. Kampf und Widerstand, an denen die Persönlichkeit sich zu reiben und zu entzünden pflegt, fehlen fast vollständig. 1834 verließ er als Primus das Gymnasium, und er ift immerPrimus" geblieben. Er wurde geradezu vom Glück verfolgt. Dem jungen Stttdenten öffnet sich Chamissos Musenalmanach und bereitet ihm den Weg in die Oeffeutlichkcit, ihm gleichzeitig eine Verbindung mit den bedeutendsten Männern der Zeit schaffend. 1838 verschafft ihm Bettina Armin eine Haus­lehrerstelle bei deni russischen Botschafter in Athen, die zwar nicht durchaus angenehm war, ihm aber doch starke künstlerische und menschliche Bereicherung brachte. 1840 erschienen seine ersten Gedichte. Wenn sie auch anfangs wenig beachtet wurden, so machten sie doch, sobald sie sich durchgesetzt hatten, einen solchen Erfolgsweg wie wenige andere Gedichtwerke. Dem Heimgekehrten nahm dann eine Pension des Königs von Preußen die Sorge für die Zukunft ab, und seine Verbindungen ermöglichten ihm ein langes Wanderleben, das ihn durch ganz Deutschland führte. 1852 berief ihn dann König Maximilian von Bayern nach Münck>en in jenen Künstlerkreis, durch den dieser Fürst seine Hauptstadt zu einem geistigen Zentrum Deutschlands machen wollte. Als Geibel dann 1868 durch ein Gedicht, das er zum Einzug König Wilhelms in Lübeck geschrieben, beim bayerischen Hofe Anstoß erregte urrd ein Bruch unvermeidlich war, erhöhte der König von Preußen seinen Ehrensold und ermöglichte ihm ein sorgen-^ loses Alter bis zu seinem Tode, am 6. April 1884.

In Geibels Leben ist alles Ersülümg und Gleichklang. Das von ewig lächelnder Sonne beschienene Wohllautmeer seiner Poesie konnte in solchem Dasein sich in harnionischer Schönheit aus- breiten, deren Spiegel ungetrübt blieb. Diese vollkommene Vollen­dung ist es, die man aus jeden Fall in ihrer Art bewundern muß.

Gerade da Geißel selbst keine besonders großen Erlebnisse ausznweisen hatte, ist umso mehr zu bewundern, wie er die Be­deutsamkeit der Zeit in sich aufnahm, und wie er an: Erlaben seines Volkes sich sichtlich zur Größe steigerte. Die Lieder, die Geibel in Deutschlands ernsten und heiteren Stunden sang, werden leben, solange ein deutsches Herz schlägt.

Zur Geschichte -er vutter.

Wir sind gar keine starken Butteresser, wie man vielleicht glauben sollte, wenn man täglich darüber klagen hört, daß die Butterpreise in die Höhe gehen und damit dem Volke ein unent­behrliches Nahrimgsmittel versagt wird. Nach fachmännischer Schätzung ist der Verbrauch in Deutschland auf 18 Gramm für den Kopf und Tag berechnet, was 13y 2 Pfund im Jahr, also etwas über ein Pfund im Monat ausmachen würde. Die Tatsache mag richtig esin, man muß aber im Zusammenhang damit den Ver­brauch an anderen Speisefetten, Margarine und Schweineschmalz, berechnen und bedenken, daß diese beiden nicht mehr wie vor den: Kriege zu den billigen Nährstoffen gehören, ja überhaupt nur noch schwer zu haben sind. Nun die erfreuliche Aussicht, daß aus .Hefe Fett geivonnen werden kann und vielleicht binnen kurzem dieser Prozeß in größtem Maßstab ausgeführt werden nnrd, darf uns hoffen lassen, daß die augenblickliche Knappheit an Speisefett schnell behoben ist. Seit wann die Naturbutter zu den menschlichen Nah­rungsmitteln gehört, ist sehr schwer festznstellen. Unsere ältesten Literaturdenkmäler berichten nichts darüber. Selbst Homer, in bcften Umwelt die Viehzucht eine so große Rolle spielt, weiß nur von Käse und immer wieder Käse zu erzählen. Käse und Brot und saftiges fettes Fleisch vertilgen seine Helden genug; aber niemand oenkt ans Buttern. Gelehrte wollen wissen, daß auch die Römer noch nicht ^gebuttert haben, und daß diese Kunst erst von ihnen in Germanien gelernt sei. 9lber auch hiev gibt die Literatur feinen Anhalt. Tacius erwähnt wohl das Bier und die Wildbraten der alten Deutschen, aber von Butter weiß er auch nichts.

In den ersten Jahrhurtderten des Mittelalters muß es mit der Butter noch schwach bestellt gewesen sein, denn nichts nnrd zu ihrem Ruhme verkündet. Nur läßt sich mit Bestimmtheit vor­aussetzen, daß sie zahlreiche Liebhaber hinter den Klostermanerir gefunden hat. Nichtsdestoweniger haben die geistlichen Herren auch in ihren inhaltsreichen Folianten die Butter nicht erwähnt. Be­zeichnend ist auch, daß in den mittelalterlichen Städten unter den Namen der Plätze zunächst derMlchmarkt" und erst später der Buttermarkt" cutstaucht: nicht minder, daß in ben Rechnungen für die großen Gastereien, die der Rat zu Nürnberg während des Karnevals 1496 dem Markgrafen Friedrich von Ansbach und anderen Fürstlichkeiten gab, die Ausgabe für Butter fehlt, obwohl alle gelieferten Nahruugs- und Genußmittel genau sfx'ztfiziertz sind, darunter auch 1002 Pfund Schmalz, das Pfund zu acht Pfennig. Möglich, daß ein Teil dieses Schmalzes mit Butter identisch ist, denn in spätmittelalterlichcit Polizeiverordnnngern ist oster vonMilchschmalz" die Rede. Später, ttt der zweiten Hälfte des 16. Jährhunderts, spricht der edle Hans von Schweb-