Ausgabe 
16.10.1915
 
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,Abbaue und brachte sie vielfach zu Bruch. Immer weiter mußte man zurückweichen vor dem andringenden Wasser. Es trieb die Menschen schließlich aus der Grube ganz heraus die Arbeit mußte eingestellt werden auf dem Erbstollen.

Es war eine Angelegenheit, die bald nicht nur den Ort, nein, den ganzen Rauhen Grund in Mitleidenschaft zog und in Aufregung versetzte. Ueberall waren ja ein paar Familien davon betroffen, wo die Männer nun notgedrun­gen feiern mußten. Ter ausfallende Lohn fehlte da bald im Haus, wie in seinem weiteren Umlaufsgebiet: Krämer, Schlächter, Bäcker und Gewerbetreibende klagten.

Da erhob sich ein Murren, und eine Erbitterung wuchs heran gegen den Urheber dieser Sorgen Gerhard Bertsch, denAmerikaner", wie sie ihn alle hier nannten im Land. Und trieb er's nicht auch recht wie so einer von da drüben? Kalt und rücksichtslos schritt er über andere hinweg. Was fragte er nach Hunger und Not!

Freilich hatten die von der gegnerischen Partei es nicht an Schritten fehlen lassen. Sie hatten sich an das Ober- bergamt gewandt. Dies aber hatte die Anordnung des Revierbeamten für richtig befunden und sah sich im übrigen außerstande, hier einzugreisen. Damit war die Sache auf den Gerichtsweg verwiesen. Doch der konnte Jahre, unter Umständen lange Jahre in Anspruch nehmen, bis zum end­gültigen Entscheid. Bis dahin würde aber der Erbstollen völliger Verwüstung und dem wirtschaftlichen Zusamnien- bruch verfallen sein.

Sv gingen nicht nur die arbeitslosen Bergleute, sondern auch die Gewerken des Erbstvllens mit ernsten Gesichtern umher. Bis auf Henner von Grund und Hannes Reusch waren es ja meist kleinere Besitzer, die die Kuxe üt Händen hatten. Hier wurde eine Bermögensschädigung und der Fort­fall der gewohnten Dividende schmerzlich empfunden.

Aber auch dem Hannes Reusch kamen allerlei Gedanken. War es klug, die Sache so auf die Spitze zu treiben? Man riskierte alles und gewann, selbst wenn es wirklich gut ging, nicht allzuviel. Dagegen boten sich, wenn man gescheit war und seinen Vorteil wahrnahm in diesem kritischen Zeitpunkt, vielleicht große Aussichten gerade ihm persön­lich. Und der Hannes Reusch ward sehr nachdenklich Denn er war ein kluger Mann gewesen, Zeit seines Lebens.

Auch Magri hörte in diesen Wochen von Vater und Bruder, wenn sie im Familienzimmer vertraulich sprachen, mancherlei. Aber sie achtete nur wenig darauf. Für Ge­schäfte hatte sie kein Interesse. Darauf verstand sich der Baker ja wie nur einer. Was sie von dem allen anging, das war etwas anderes. Nur wenn Gerhard Bertschs Name genannt wurde, dann horchte sie auf und lauschte. Mit einem seltsamen Doppelgefühl.

Blieb er Sieger in diesem Kampf der beiden Gruben, dann hatte er offenbar eine große, sehr große Zukunft und wurde der erste Mann hier im Lande. Der Frau, die er einmal in sein Haus führen würde, bot sich eine glänzende Aussicht.

Aber es tvar nicht das allein. Wenn sie so die ge­heime Furcht der beiden Männer heraussühlte vor Bertschs Ueberlegenheit, dann stieg es leise in ihr auf. Ein eigenes Gefühl, das sie wohlig überrieselte. Wie damals bei dem Gedanken, daß seine Hand sie berührte mit herrisch fordern­dem Griff.

Selten nur bekam sie ihn in dieser Zeit zu sehen. Seine Arbeit nahm ihn offenbar ganz in Anspruch. Das machte sie bisweilen ungeduldig. Hatte er denn niemals Zeit übrig für anderes? War das erwachende Interesse für sie etwa wieder vorübergegangen bei ihm?

. Vergebens suchte ihr Auge mit dunkeln, Fragen in seinen Zugen, wenn er ihr einmal im Hause begegnete. Immer nur ein kühler Gruß, ein Blick, fluchtig und fremd, als wäre jene Stunde neulief) nie gewesen.

Da Zeigte auch Marga Keusch ihm ihre Prinzessinnen­miene. Kaum, daß sich ihr Kopf überhaupt zum Gegen­gruß neigte. Doch ihr Stolz begehrte im Innern leidenschaft- "ch auf. Sollte ihr das geschehen, daß nur die Laune einer nnißigen Stunde ein Spiel mit ihr getrieben?

Ganz blaß wurde das schöne Mädchen bei diesem Ge­danken. Alles an ihr zitterte. Aber nur der Sturm eines Augenblicks war's; eines unbedachten Augenblicks, wo sie der klare Blick ihrer Klugheit verließ. Schnell kehrte ihr die wieder zurück und sagte ihr: sie mußte ihrn Ruhtz lasseii. Er stand ja mitten im Entscheid ungskanrpfe. §Da schwieg alles andere in ihm. Däs. kvar so Mannesart. Aber

dann, nachher! Wenn ihm alle Sinne noch fieberten vom Kampfrausch und doch schon die lachende Sorglosigkeit des Siegers ihn einlullte dann würde ihre Stunde kommen. Die Stunde, wo der Starke, indem er die zarte Beutel spielend an sich zu reißen wähnte, sich selber die Fesseln überstreiferi ließ leise, leise.

*

In diesen Tagen, Ivo die Spannung einer Entscheidung laftenb in der Luft lag, sah man Pfarrer Burgmann oft im Adligen Hause. Der streitbare Gottesmann war nicht ganz frei von einem gewissen Schuldgefühl. Hatte er doch den Kampf heraufbeschworen, der den Seinen nun diese Wunden schlug. Und endlich rang er sich einen Entschluß ab. Trotz Henner von Grunds störrischem Einspruch erschien er eines Tages droben auf ZecheChristiansglück". Der Gang war dem knorrigen Alten wahrlich nicht leicht, und tief hingen ihm die Brauen über die finster blickenden Augen, als er ins feindliche Lager kam. Widerwärtig zwang er sich nun das erste Wort ab.

Sie werden sich wundern, mich hier zu sehen."

Im Gegenteil ich habe Sie erwartet. Sie oder irgend sonst jemanden von Ihrer Seite."

Mit überlegener Ruhe gab Bertsch es zurück. Da schoß es heiß unter den weißen Brauenbüschen hervor.

Sind Sie Ihres Sieges schon so sicher?"

Meine Zeit ist zu wertvoll für Wortklaubereien, also, was wünschen Sie?"

Burgmann ballte sich ingrimmig die Fäuste; aber es mußte sein. So sprach er denn nun:

Ich komme, ^rm Ihnen ins Gewissen zu reden. Wollen Sie wirklich die Folgen dieses Kampfes verantworten, der so viel Not über unser Tal bringt?"

Die Frage, Herr Pfarrer, sollten sich lieber die vor­legen, die diesen Kampf vom Zaune gebrochen haben."

Das frischfarbige Gesicht färbte sich noch tiefer.

Sie sind in unseren Frieden eingebrochen und be­drohen dies Land mit verderblicher Neuerung war's da nicht unfere Pflicht, Ihnen entgegenzutreten?"

Kam ich wirklich als Verderber? Nicht vielleicht als ein Helfer?" Hell leuchtete es aus Bvrtschs grauen Augen. Doch dann machte er eine Bewegung mit der Hand.Was soll das alles? ^Nun die Sache einmal so lveit ist, ist ja doch nichts mehr daran zu ändern."

Sie wollen also wirklich ruhig mit ansehen, daß so viel Familienväter brotlos sind durch Sie und Not leiden mit ihren unschuldigen Frauen und Kindern?"

Das brauchen sie ja nicht. Mögen sie doch zu uns kommen! Ich habe Arbeit genug für sie."

Ein heftiges Kopfschütteln.

Sie kennen doch unsere Leute. Ehe sie sich dazu ent-, schließen"

Ja, weil sie verhetzt sind, durch Sie, Herr Pfarrer! Sie baden mich ja bei den Leuten hier förmlich, in AchS und Bann getan, mich als ihren Todfeind hingestellt. Nun natürlich" er zuckte die Achseln.Aber ist das meine Schuld?"

Durchdringend sah Bertsch den Pfarrer an, dessen Hal­tung unsicher wurde, Und dann sagte er mit Nachdruck:

Uebrigens der Erbstollen hat es doch ganz in der Hand, den Leuten zu helfen." (

Ein erstaunt frageirder Blick.

Nun ja er braucht sich nur mit mir zu vergleichen, und. alles hört von selber auf."

Burgmann antwortete nicht gleich,. Starr blickte er vor sich hin. Nun aber zwang er sich, noch die Frage ab:

Und Ihre Bedingungen?"

Der Erbstollen verzichtet aus seine vermeintlichen Rechtsansprüche auf unsern Eingang und ersetzt uns allen bisher durch sein Verhalten entstandenen Schaden "

Der alte Pfarrer zog finster die Stirn zusammen. Dann aber erklärte er:

Ich bin nicht befugt, Ihnen hieraus eine Erklärung abzugeben, doch werde ich Ihre Forderung .Herrn von Grund unterbreiten."

Tun Sie das, aber fügen Sie auch hinzu er möchte srch beecken mit seinem Entschluß. Ich könnte sonst noch» ganz andere Bedingungen stellen. Sie müssen den Frieden haben ich kann's aushvlten."

In Bürgmanu zuckte es auf, doch er bezwang sich un-j richtete srch empor zu einer kvürdigeu Haltung.