Tie gewahren konnte. Da ließ sie sich nieder und streckte sich im Schatten des tief üb ergangenen Blätterdachs im weichen Grase aus. Die Arme unterm Kops verschränkt, lauschte sie auf das leise Gluckern des Wassers und die Stimmen des Waldes drüben am Berghang. Das dunkle Gurren der Holztauben und den miauenden Iagdsä-rei eines kreisenden Bussards. Dazu wehte der verlorene Duft eines reifen Kornfeldes herirber, von weit drunten im Talgrund. Non fernher kamen ihr auch, Erinnerungen und spannen sie traumhaft ein.

Wie oft hatte sie hier auch als Kind gelegen oder ausgelassen ihr Wesen getrieben. Der Siefen barg, so klein er war, reichlich Forellen. Drum hatten die Kinder manch­mal heimlich gefischt. Die behenden Tiere standen mit Vorliebe unter den unterwaschenen Raieimfern. Ein behut­samer Griff mit kundiger Hand, und oie zappelnde Beute war erwischt. Gar manchmal ivar's auch ihr geglückt, und kein köstlicheres Gefühl, als die Wonne solch verbotener Jagd. Gerade das heimliche Grauen vor dem Erwischt-, werden hatte solch wundervollen Reiz! Und man hatte ja auch immer Glück.

Nur einmal nicht. Mit einem Lächeln mußte sie heut' daran denken. Ganz hier in der Nähe war es gewesen, in den Sommerferien, und der Bertsch-Gerhard bei ihr als ge­treuer Kumpan, um die erbeuteten Fische nachher rasch ab­zutun mit blitzschnell knickendem Griff im Nacken. Ein Ge­schäft, das ihren Mädchenhänden doch widerstrebte. Aber den Fang besorgte sie selber in Heller Leidenschaft.

Doch mitten im besten Gange schon drei gefangene Forellen hingen am Sperrholz an der schmiegsamen Hasel­rute im Wasser hatte es plötzlich hinter ihnen im Busch­werk gerauscht. Des Oheims Hühnerhund! Und nun stand er selber vor den beiden ertappten Sündern, denen das Herz laut an die Nippen pochte. Denn Henner von Grunds Jäh­zorn war gefürchtet weithin im Rauhen Grund. Erst un­längst hatte er einen Mann, den er in seinem Revier beim Wildern mit der Nehschlinge ertappt, in blinder Wut zu Boden geschlagen, daß er wochenlang darniedergelegen hatte.

Schreckensstarr blickten daher die betbeit auf den Ge­fürchteten, dessen scharfes Auge sofort die gefangenen Tiere im Wasser entdeckt hatte. Mit einem Rucke hatte er die Hasel­rute herausgerissen.

Wer von euch war's?"

Noch heute erschauerte sie, wie ihm dabei die Schläfen­ader dick angelaufen war, und seine Rechte nach dem Gürtel fuhr, nach der schweren Dressurpeitsche. Wie eine Ohnmacht hatte es über sie kommen wollen. Im selben Augenblicke war's an ihr Ohr geklungen:

Ich!"

Der neue Schreck riß ihr die Augen wieder auf. Da sah sie den Gerhard vor dem Rasenden stehen, totenblaß, aber mit zusammengebissenen Zähnen, und die furchtbare Peitsche schon über seinem Kopse. Doch im nächsten Moment hlng sie dein Oheim an dem erhobenen Arm.

Es ist nicht wahr ich war's!"

Eine schreckliche Ewigkeit war's ihr gewesen, bis dann endlich dröhnend die Antwort gekommen war:

So scher' dich weg, du Lümmel. Aber daß ich dich nie wieder hier am Siefen sehe! Und du? Na, wir sprechen uns nachher. Jetzt marsch nach Haus!"

Vierundzwanzig Stunden hatte sie damals dann ein­gesperrt gesessen drunten im tiefsten Keller des Adligen Hauses, mit seinen feuchten Mauern, an denen die Natten entlang huschten. Fast gestorben war sie vor Ekel. Aber sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als dem Oheim em gutes Wort gegeben mit Bitten und Betteln, trotzdem die alte Marthe ein paarmal sich heimlich zu ihr geschlichen und sie dazu flehentlich gemahnt hatte. Ja, so war sie damals gewesen.

Lächeln mußte Eke von Grund, wie sie heute an all das dachte. Jugendwüdheiten und Torheiten, ohne Bedeutung für die Gegenwart. Nur das eine mit dem Gerhard Bertsch!

Es kam ihr jetzt, nach rund fünfzehn Jahren, erst eigent­lich recht zum Bewußtsein, wie leicht sie sein ritterliches Ein­springen damals hingenommen hatte. Nicht einmal ein Wort des Dankes hernach, als sie sich dann wiedersahen. Nur ein Lachen, ein Gedenken an das gemeinsame böse Abenteuer. W:e eben Kinder sind.

Heute dagegen erst seinem wahren Werte. §r,

schätzte sie sein Verhalten nach der Fünfzehnjährige, Sekundaner

damals schon, hatte ein hochentwickeltes Ehrgefühl gehabt'. Wäre es zu der Züchtigung gekommen, es hätte ihn vielleicht ins Wasser getrieben bet seiner Leidenschaftlichkeit. An einen: seidenen Faden hatte es so a:n Ende gehangen, daß aus der Kindertorheit nicht eine Tragödie geworden war.

Ernster wurde da Eke von Grunds Sinnen. Ihre Ge­danken weilten weiter bei Gerhard Bertsch, aber bei dem Mattne, der er heute war, und suchten an dessen Bild ver­traute Züge aus der Jugendzeit. Doch fanden sie nicht. Seltsatn, wie ein ganz Fremder erschien er ihr. Woran das wohl lag? War er ihr nur durch die Jahre so fern gerückt, oder war er wirklich ein aitderer geworden?

Endlich kam sie zu dem Schlüsse: Es lag doch wohl an ihm. An der Beherrschtheit, um nicht zu sagen, Ver­schlossenheit seines Wesens, die jedes Näherkommen abwehrtg wie ein stählerner Schild. Aber wie mochte es dahinter ans- sehen?

Lange gingen diese Gedankeit in Eke von Grund nm. Doch als sie sich dessen endlich bewußt wurde, kau: es ihr fast wie ein Unwille über sich selber. Gerhard Bertschs Person war denn doch nicht von solchem Gewicht für sie. Und sie erhob sich aus ihrem stillen Winkel. Es war ja auch Zeit, daß sie nach Hause ging. Bald würde der Oheim zunr Frühstück heimkommen; da durfte sie nicht auf sich warten lassen.

Henner von Grund war vom Piirschgang zurück. Nun saß er behaglich bei Tisch und ließ sich von Eke versorgen. Es war das ein gewichtiges Geschäft für ihn, diese Stärkung nach dem Weidwerke, und sie fiel nach guter Westfalenart nicht zu gering ans. Die Tafel war besetzt mit allem, was Keller, Küche und Räucherkammer des Adligen Hauses be­herbergten, und es war nicht wohlgetan, den Hausherrit bei dieser Beschäftigung zu stören. So zogen sich denn die buschi­gen, grauen Brauen Henners sofort bedenklich hoch, als Anne-Marie, das Hausmädchen, jetzt eintrat mit der Meldung, Steiger Hattnschmidt sei da. Und kurz ward ihr Bescheid:

Soll warten."

Aber es wäre eilig meint er."

Hab' ich nach seiner Meinung gefragt? Raus!"

Schnell zog sich das Mädchen zurück. Doch nach einer Weile erschien es wieder in der Tür. Es wagte indessen nicht, näherzutreten, sondern blickte hilfesucheitd zu dem Fräulein hin.

Eke perstand, und ruhig wandte sie sich an den Oheint, der so saß, daß er dem Mädchen den breiten Rücken zukehrte.

Hannschmidt scheint doch eine recht dringliche Mit­teilung für dich zu haben."

Ihrem Blick folgend, fuhr der Hausherr herum.

Bist du schon wieder da?"

Entschuldigen der gttädige Herr nur vielmals dock) Herr Hannschmidt wollte absolut"

So soll er reinkommen, in Dreideubels Namen! Mer daß man nicht mal diese halbe Stunde seine Ruhe haben kann!"

Sein Zornblick schoß jetzt zu der Nichte hinüber, als machte er sie verantwortlich dafür. Eke aber sah ihnr fest ins Gesicht, und als das Mädchen eilends wieder zur Tür hinaus war, sagte sie mit ihrer ruhigen Bestimmtheit:

Du wirst mir die Anne-Marie auch bald wieder hinaus­gegrault haben, Onkel; das arme Ding zittert ja vor dir."

Dumme Gans! So soll sie sich eben scheren."

Und ich kann sehen, wie ich ein neues Mädchen be­komme. Hier im Dorf doch wirklich nicht so einfach. Außer­dem will schon gar keine mehr erst her zu uns. Das Adlige Haus ist verschrien im ganzett Rauhen Grund."

Weiberkram! Laß mich in Ruh' damit. Ist deine Sache."

Das Eintreten Hannschmidts enthob Eke der Antwort. Stirnrunzelnd empfing Herr von Grund den Steiger.

Na, wo brennl's denn?"

(Fortsetzung folgt.)

Da; jüngste Stieffinö der Armee.

Ein Aufflärungsversuch vom Fcldtoebel d. L. M. Häser, . z. Zt. in: Felde.

Wir Deicksche wissen am besten, daß der Weg zu holM Zielen nicht von Ruhmestat zu Ruhmestat führt. NnendlickM au stiller Arbeit muß bewältigt werden, Verdienste, die im Schalten