Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabetn.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Da betrachtete Marga ihn mit einem verwunderten Blick und sagte dann:
„Wie anders nruß, das doch in einem Manne aussehen."
„Inwiefern?"
„Daß Ihnen die Arbeit so alles andere ersetzen konnte!"
„Alles?"
Bertsch sah sie plötzlich an mit einem eigenen Ausdruck, doch dann zuckte er die Achseln.
Marga aber forschte weiter.
„Haben Sie denn wirklich niemals ein Bedürfnis nach Menschen gehabt da droben?"
„Kaum. Zudem — bau: mau wirklich mal zusammen, so gab's ein Saufen ohne Ende. Pardon, aber es war so. Und das ist nicht nach meinem Geschmack."
„Rinn ja, die Männer. Aber entbehren Sie denn nie einen gesellschaftlichen Umgang verfeinerter Art? Auch mit Frauen?"
„Frauen? Ja — " Es war, als löste das Wort in ihm Erinnernilgen aus von ganz besonderer Art. Und wieder streifte seiil Auge über sie hin mit jenem seltsamen Ausdruck. Wie ein Dehnen und Recken ging es dabei durch seine starken Glieder. „Freilich — die fehlten einem wohl manchrual."
Marga Reusch fühlte diesen Blick über sich hingleiten, und heiße Quellen schossen unter ihm auf in ihrem jungen Blut. Sie senkte die dunkeln Wimpern, aber das tiefe Atemholen konnte sie doch nicht vor ihm verbergen. Er gewahrte es. Da lenchtete es langsam auf in seinen Allgen. Aber er sprach nichts.
Dies Schweigen hatte etwas Verwirrendes für Marga. So brach sie denn die Stille mit irgendeinem schnell hin- geworfenen Wort:
„Nun, jetzt haben Sie das alles ja hinter sich. Jetzt können Sie das Versäumte doch nachholen."
„Das will ich ailch!"
Wie sonderbar er das sagte! Ihre 'Finger fattctcu schneller au dem Spitzentuch in ihrem Schoß. Dann hörte sie ihll wieder einschenken. (Einmal — zweimal, auch ihr Glas. Und nun klallg es her zu ihr, mit einem seltsam schwingenden Unterton.
„Ich habe in der Tat mauHks-uachzuholen, Und Sie sollen mir dabei helfen."
„Ich?"
Rasch sah sie zu ihm auf.
Lächelnd saß er da, ein wenig zu ihr vorgeneigt; seine Rechte schob ihr den Sektkelch hin.
„Ja, Sie — oder sollten Sie nicht eilt ganz gutep Führer sein zu diesem Ziele?"
„Zu welchem?"
„Nun — wieder den Weg zu heit Menschen zu' finden. Zum frohen, leichten Genießen des Augenblicks."
„Warum gerade ich?"
„Ich habe da eine Stunde in gllter Erneuerung — es ist freilich schon ein Weilchen her."
Sein Auge suchte sie bedeutungsvoll mit einem dunkeln Anfglühn. Sie wich ihm aus, immer stärker beunruhigt.
„Ich weiß nicht, wie Sie das meinen."
„Besinnen Sie sich wirklich nicht mehr? Damals !—i bei unserem letzten Beisammensein —auf der Kirmes!"
Ein leises Aufrascheln ihres Kleides. Aber keine Antwort. Da beugte er sich noch näher 511 ihr hin.
„Es war das so seltsam. damals. — Ich Hab' noch manchmal daran denken müssen, Fräulein Marga!"
Doch nun lehnte sie sich zurück, mit kurzer Bewegung. Kalt traf ihn ihr Blick.
„Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen."
„Wirklich nicht?" Er lächelte. „Soll ich Ihre Erinne-- ruugeu vielleicht ein wenig ausfrischeir? Wie —f‘
„Ich lege keinen Wert auf Erinnerungen. Im übrigen — Sie sind mir vollkommen unverständlich!"
Und sie erhob sich.
„Oh — Sie wollen mich schon verlassen?"
„Es ist Zeit. Gut' Nacht."
Bertsch sah ihr nach, wie sie so ging. Ganz Uuuahbar- keit. Als ob sie nie au seiner Brust gelegen, mit wildeitz Küssen — eine kleine Bacchantin?
Ein wissendes Lächeln umspielte seinen Mund: Ko- nrödie — nur, um ihn noch mehr zu reizen! Und er fühlte es heißer durch sein Blut rinnen. Da griff er nach seinem Glase und schlürfte den Sekt; langsam, die Augen geschlossen. Lockend tauchte es vor ihm auf. Viele Jahre hatte er verzichtet auf das, was anderen höchstes Genießen war, auf den süßen, heimlichen Rausch. Aber nun —!
Doch mitten im Zuge brach er ab. Hart setzte seine Rechte das Glas auf den Tisch zurück.
Weibergeschichten? Unsinn! Er hatte nnchr hastig an anderes zu denken. Und wie weggefegt ivar alles. Seilte Miene zeigte wieder den gewohnten Ausdruck gespannter Energie. Er sah nach der Uhr. Gleich zehn — er konnte sich allmählich immer fertignrachen zu seinem Gang. Nun, so hatte ja das Tete-a-Tete eben seinen Zweck erfüllt — ihm über die Stunde der Spannung hinweggeholfen. Und Bertsch lächelte kühl und überlegen, wie auch er jetzt hinausgittg.
Marga Reusch lag in dieser Nacht noch lauge «ohne Schlaf auf ihrem Lager. Also solchen Eindruck hatte jener flüchtige Moment des Jngendrausches damals bei ihm hinterlassen, daß es heute in ihm, dem zum Warnte ^Gereiften, wieder answachte mit dieser Gewalt!
Doch lv as war es? Nur ein Begehren, das sie erniedrigte, .oder —?


