Ausgabe 
11.10.1915
 
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Das Medaillon.

Won Max Krell.

& - . Welch merfmürbitf Manen Don diese MmiÄur hat, Mte die Gräfin und wies mit dem Fächer nach einem kleiner Bildoval, das inseleinsam an der Wand hing.

Doktor Werner nahnr es für sich herab.

Wirklich seltsam, und je näher man eS betrachtet, desto intensiver wrrkt dre blaue Farbe. Selbst die Wimpern und dre Mhen dieses männlichen Porträtkopfes sind von stählerner Bläue überschminkt. 'Ich habe das Gefühl, diese Farbe saugt sich in vlichhrnem. Spürten Sie es ähnlich?"

. Werner lächelte.Gewiß, Frau Gräfin, vdy würde das Me­daillon sonst Nicht besitzen."

_ _ßß ist Ihnen also gewisserinaßen suggeriert worden?" Sie betrachtete den Besitzer des Bildnisses aufmerksam durchs Lorgnon. Lassen Sie hören, Doktor, die Geschichte scheint amüsant zu sein."

Amüsant," versetzte er müde und ernst.Das wohl nicht, aber ein Rätsel, unlösbar und unerklärlich und von einen: Zauber/ der bis heute nicht erloschen ist... Das Medaillon stammt ckns dem Besitz des preußische Grafen Randers. Ich hatte als junger Arzt Gelegenheit gehabt, seinen: Sohn einen Gefallen zu erweisen. W:r befreundeten uns, und die Folge war, daß ich viel im Hause Randers verkehrte. Schon bein: ersten Besuch war mir die selt­same blaue Miniatur ausgefallen. Als ich den: General hinreiäiend vertraut war, daß ich ungescheut> eine Frage wagen zu können glaubte, forschte ich nach ihrem Ursprung. Graf Randers, der Noch unter Friedrich Wilhelm III. Vortänzer bei Hofe gewesen und in einer ehrenvollen militärischen Laufbahn znm General avanciert war, faßte mich mit seinen hellen, weisumbuschten Angen scharf in seinen Blick, gleich als wolle er prüfen, ob ich einer Mit­teilung wert sei. Rach einer kurzen Stille sagte er:

Es ist eine Elfenbeinnnniatur^aus dem niedergehenden Ro- habe sie curs der Hinterlassenschaft meines Oheims, WapUste Marie de Vinreur, erhalten, obwohl er sie einem' Dritten tzjugedacht hatte..."

Er wollte noch ettvas hinKusügen, besann sich aber und schwieg.

_,?1.u:ge Woche,: nach diesem kurzen Gespräch übersiedelte die gräfliche Familie zum Sommeraufenthalt nach den bayerischen Bergen, wo jte ein entzückerst) gelegenes Gut besaß. Unaufhörlich verfolgte Mich während diel er Zeit der Gedanke an die sonderbare Mruratur: alles bei mir drehte sich einzig um das Bild, das einen geradezu dämonischen Zauber auf mich auszuüben schien. Mir war die er Einfluß unerklärlich. Daß es die intensive blaue

orrrH ^ wohl, obschon ich auch darrit

eine Absoriderlichkett fand. Aber» der Profilschnitt konnte es sein: L"-^anz merkwürdig gezeichneter Nasenrücken. Sehen Sie, Doktor Werner deutete auf das ovale Porträt was für ein Merkwürdig gezeichneter Nasenrücken! Der Typus scheint der der wealen griechischen Form zu sein. Aber dann diese abnorm ver­tieften Wurzelansätze, die der hohen Stirn etwas ungemein Steiles geben. Und weiter: dieses eigenartige Auge, das da zu sprechen scheint, nur weiß man nicht, spricht es mit Ernst, mit Spott, mit Ironie oder Bescheidenheit. Es ist ein Bündel von Ansdrncks- formen.

Also dieses Gesicht verfolgte mich Tag mrd Nacht, ohne daß ich Rat oder gar Befreiung von ihn:' gesunden hätte. Ich sann schließ­lich aus einen Vorwand, unter dem ich die gräfliche Wohnung, wahrend tue Randers im Süden weilten, betreten könnte.' U,st> ich fand hundert für einen. Doch sie wirren wertlos. Ich ver­mochte wich nur *u überzeugen, daß das Medaillon nicht an seinem Platz hing.. Ans eine unverfänglich hingeworfene Frage sagte mir der Diener: der Herr Graf pflegte das Bild stets mit aus Reisen zu nehn:en.

In Mir lebte jetzt nur der eine Wunsch: ich mußte das Porträt unter allen Umstanden Wiedersehen. Tie Zeit k>is zur Rückkehr des Grafen dünkte mir viel zu lang ich forcierte eine Einladiing

Und richtig das blaugetönte Medaillon hing über dem Schreib- M des allen Herrn Ich glaubte jetzt nur noch Hohn in den Zügen des ftertfert Kopf^ zu leien. Mer nach kurzen Augenblicken wechselte auch dieser Elndrnck tvieder. Ich verwirrte mich im Anblick. Oft traf mich der General vor dem Bild, und ein halb vulleidiger, halb besorgter Blick streifte inich.

Eidlich rref nnch meine Praxis wieder nach Berlin, und auch der Anstand gebot, den Aufenthalt abzubrechen. Ich sollte Übrigens den alten Grasen nicht Wiedersehen. Ec starb in den ersten Herbsttagen und wurde auf dem Schlosse zu R. beiaesetzt. Eine schwere Erkrankung ließ mich nicht an der Bestattung teil- nehmen. Er|t nach Monate,:,. als ich notdürftig genesen war, imi ^ W en r m Berlin meinen Kondolenzbesuch erste Wah^iehmüng im Hause war: daß das Wild nicht an strneiiiPlatz hing. Ich fragte unverhohlen danach, ^^"^^edaülonbild?^ mernte Edgar Randers.Ich kann

Ä ÄfiELu Toch halt, ja TN hast recht/ Es hmg über Papas SchrMtlsch. Ich konnte bas Ding nicht ansstehen blau getönt Jetzt fällt mir auch ein, daß ich!

d^lls Tode bereits veriNißte. Ich legte den:

% Brelleicht hat er es selbst zerstört. Er hatte zuletzt dergleichen VernickstungsaiNvandlungen."

^.?"and her mir fest, das Bild existiere noch irgendivo. Ich kalkulierte. wenn Gras Randers die Miniatur so hoch schätzt,

Ctt so hat et es auch nM

üdrrs Her; gebracht, fte Ku zerstSreii, lediglich aus Furcht, sic könnt« in andere Hände fallen. Mas n,a» liebt, sucht man bis in den Tod KN' behalten.

Mit Ungeduld erwartete ich den komMendeii SomMer. Und Mld es schicklich war, besuchte ich den juiigen Grafei: in R. Ich stöberte mit fteberhafter Unruhe. Demi der Zauber des Por- trats nahnr mich Stunde um Stunde mehr gefangen. Vergebens, das blaue Medaillon blieb verschwUiiden.

. Eines Monds trat Graf Edgar bei mir ein und überreichte mir erneu mäßig großen Holzkasten, mit der Bemerkung, es sei eine Erinnerung mf seinen Vater. Ich öffnete und fand die Totenmaske des alten Generals, die weißleuchtend auf schwarz- samtnem Futteral lag. Ich hob sie heraus und betrachtete sie amrnerkiam von allen Seiten, hier uiid da einen besonderen Ge- Ahtszug. konstatierend, der niir aus irgend einem' Grunde ins Gedächtnis gearaben war. Plötzlich stutzte ich... Ich hielt die .ocasre gegen das gelbe Mendlicht und verfolgte urit Wachsendem Entsetzen die Profillinien: es War das Profil der Miniatur* oec Miniatur, von der mir Randers selbst gesagt hatte, sie stamine gns dem späten Rokoko. Tie Nase in der idealen "Form antiker Bildwerke die Wurzelansätze tief, so daß die Sttrn sehr steil! ßbftel, nur me Augen waren tot. Aber was kümmerten mich jetzt die Angen. Ich war beiioniMen vor Schrecken über die Entdeckung, we mir umso bedeutungsvoNer wurde, als ich an: nächsten Tage zufällig dre versckiwundene Miniatur wittierfand. Meine Ahnung batte nicht getrogen: er hatte sie Misbewahrt, sehr sorgfältig sehr geheimnisvoll ,md geraden, als wünsche er, daß sie nie auf­gefunden würde. Eine unabsichtliche Berührung ließ mich an ein verborgenes Fach jenes alten Scl-reibtisch-es stoßen, den Gras Edgar mir hatte ins Zimmer stellen lassen. Ein Deckel schlug herab: ich fand einen in Seide gehüllten Gegeristand, und als ich die Umhüllung abgestreift hatte, lag mir die blaue Miniatur :n der Hand. Zitternd vor Aufregung verinochte ich zunächst nach keiner Richtung hin einen klaren Gedanken zu fassen oder gar ettvas zu tun. Mechanisch betrachtete ich das elfenbeinerne Kunst-' Werk, bis mir einfiel, es doch einer näheren Untersuchung KU Witter!Versen. Die Rückendecke löste sich leicht. Ich fand ein schma­les vergilbtes Blättchen, aus den: von wenig gelenker Hand ge­schrieben stand:

Alexandre Cagliostro, 27. 9. 1785."

Ich betrachtete das Bild aufmerksam von neuem. Mso den alten verfehmten Giftniischer Balsamo hatte ich vor mir! Und einen merkwürdigen Gesichtszügen war der Schlaf meiner Nächte, )ie Ruhe vieler Monate zum Opfer gefallen. Wie sonderbar, daß uefer Mann mit den: rätselhaften Leber: noch durch eia Abbild ; uggcftfben Einfluß anszuüben vermochte. Ich mußte daran den­ken, daß die Sage geht, er sei nicht gestorben, und der Gefangene! in San Leone, der im August 1795 starb, sei jeder andere, nur nicht Giuseppe Balsamo alias Alexander Cagliostro gewesen... Mer ich las noch Mehr ans dein gelben Blättchen. Bon anderer Hand war hinter dem Namen Cagliostro ein Fragezeichen ge­setzt; und darunter stand geschrieben:

Baptiste Marie de Vimeur, f 11. 11. 1829."

De Vimeur? Hatte der alte General nicht gesagt: de Vimeur sei feilt Oheim gewesen?... .Ich Mußte kaum, was ich lat, als ich auch nebei: diesen: Namen ein Fragezeichen stellte und dar­unter schrieb:

Ferdinand Graf Raiiders, f 19. 9. 1873."

Und wie ich diese drei Datei: überlas, fiel cs niir auf, daß sie einen auf ein Jahr genauei: Mstand von einander lullten. Eine furchtbare Ahnung dämmerte in mir auf. Lebte der Dämon Cagliostro wirklich in diesem Bilde weiter und löschte er seinem Besitzer, wie so oft in seinem Leben, durch! Suggestion die Daseins- flamme ans? Oder war Cagliostro überhaupt nur der Begriff absurder Ketzereien, der in genau gemessenen Zeitabständen Ge­stalt annahm? Ich wollte das Bild voi: mir werfen ich konnte es einfach Nicht. Ja, ich bat hen Freund, dem ich die Auffindung Mitteilte, es mir ganz zu überlassen. Er war es herzlich zufrieden.

Und riun, Frau Gräfin, beobachte ich sell vierzig Jahren, wie mein Gesicht sich! allinählich 'umformt. Ich beobachte, daß ineiu Nasenrücken schlank und schmal wie die griechische Idealform wird, daß Nieine Stirn: steiler sich ins Gesicht hineingräbt und eine tiefere Grube der Nasenwurzel sich bildet. Und ich be­merke, daß der Ausdruck meiner Angen von Tag zu Tag iiidiffd- renter wird. Ich wehre mich nicht. Ich köniite das Bild wohl vernichten, wenn ich es vermöchte. Mer die Sache Lnteresserk mich. Und mit Spannung ettvarte ich das Jahr 1917, wenn die Metamorphose von Viktor Werner zu Mexander Cagliostro voll­zogen sein wird. Oder zweifeln Sie noch, daß ich 1917 sterbsr: werde?

vermischtes.

* T a m i t e r seine Feinde a n f e s s e. DieDaily Mail" veröffentlicht den nachstehendeii Brief eines Kamernii-Fürsten an beit Stellvertreter des Königs voi: England, der aut ein herz­liches Einvernehmen der beiden Poteiitaten schließen läßt:Im Namen Gottes des Bann herzigen, des Gütigen. Lob sei Gott/ Friede seinem Prophetn:. Dieser Brief ist gesandt durch den Skla-