Ausgabe 
11.10.1915
 
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Moniaa. den N. Gitober

Die vom Rauhen Grund.

Roman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Im Hans und -auf dein Hof trieb indessen ihr Vater sein Wesen. Er ließ noch anspannen, trotz der späten Stunde, um auch nach Siegeil zu fahren, zu dem Kriegerfest, wo der Sohn bereits seit dein Nachmittag tveilte. Hannes Reusch wollte seinen Aerger dort vergessen bei einer guten Flasche und im Kreise seiner Freunde. Daß er die ganze Weiber­wirtschaft hier mal gründlich quitt wurde!

Als der Wagen fort war, wurde es endlich still im Hanse. Marga Reusch erhob sich und trat ans offene Fenster. Gedankenvoll sah sie in das abendliche Dunkel hinaus. Undurchdringlich war es, wie der Schleier vor ihrer Zukunft. Wer doch klar sähe über kommende Dinge und über sich selber!

Ein leises Tasten an ihrer Zimmertür ließ sie dann aufhorchen. Sie kannte den Lallt. So ging die alte, blinde Frau durchs Haus. Wollte sie etwa zu ihr?

Es war so. Nun trat die Blinde ein. Ungewiß hob sie den Kopf.

Magri bu bist doch hier?"

Gewiß, Großmutter."

Da kani die alte Frau langsam näher.

Ich hörte den.Vater vorhin er hat einen Zorn auf dich."

Ja, weil ich den Steinsiesen fortgeschickt, ehe er noch seinen Antrag anbringen konnte."

Die Reusch Mutter fühlte sich zu einem Stuhle hin.'

7,Komm einmal her, Kind."

Ihre Hand streckte sich nach der Richtung, von wo die Stimme der Enkelin gekommen war. Langsam näherte sich diese und überließ ihre Rechte den suchenden Fingern.

Du liebst den Karl Steinsiesen nicht?"

Wie sollt' ich? Er ist doch kein Mann."

Still nickte die Blinde vor sich hin. Doch dann sagte sie:

Aber es sind schon ihrer viele hier gewesen, und nie war einer der Rechte."

Kann ich dafür.? Du weißt ja doch, Großmutter, was an allem schuld ist."

Gewiß, ich weiß. Aber trotz allem Magri, ich fürchte: der Rechte wird nie kommen. Du wirft nie einen Manu lieb haben so wirklich von Herzen."

Lieb? Ja so wie du meinst, allerdings wohl kaum. Das war früher einmal. Zu deiner Zeit, Großmutter. v Wir empfinden eben anders heute. Wir sind sehend ge­worden und wissend. Ueber beit Mann wie über die Ehe. Das ist ein Kampf, wer der Sieger bleiben wird. Entweder der Mann ist wie der Steinsiesen oder der Doktor Herling, dann siegelt wir und können unser Leben nach "nsereiü

Wünschen gestalten. Mer es fehlt der Reiz. Es ist langweilig, bloß immer einen Sklaven um sich zu haben."

Magri, Magri!" _

Oder aber der Mann ist anders. Etwa wie sprach den Namen nicht aus, der ihr mit einem Male, sre wußte selbst nicht warum, auf die Lippen kommen wollte. Mer Gerhard Bertsch stand ihr plötzlich vor Augen; auch als sie nun weiter sprach:Ja ' dann ist eben er dev Sieger ilnd beherrscht lrns. Das kam: ja wohl eine Zeitlang nral ganz nett sein; aber doch eben nur, solange man ver­liebt ist. Nachher wird's doch recht unbequem."

Wie redest du schrecklich, Magri! Wer so deitkt, der wird ja niemals glücklich werden."

Gibt's denn das überhaupt, Großmutter?" Mit eurem leeren Blick sah Marga Reusch vor sich hin.Glück ist das am Ende nicht auch bloß Illusion, wie alles andere, woran wir als Kinder einmal geglaubt haben?"

Die alte Frau schüttelte ünr mit schmerzlichem Aus­druck ihr graues .Haupt. Wie arm war doch diese Jugendi einer neuen Zeit! Aber die Enkelin, deren Hand ihre welken Finger noch inrmer hielten, machte sich jetzt mit einer ent­schlossenen Bewegung los.

Man muß lernen, auch damit fertig zu werden. Und je eher, je besser. Sein Leben genießen, mit gutem Geschmack und Klugheit das 'ist das Erreichbare!"

Genießen, das also Jväre das Höchste, Magri, ist das denn dein Ernst?"

Vollkommen, Großmutter. Was hätr' ich auch davon, wollt' ich anders denken? Etwa wie dn oder die Mutter. Siehst du, die kannte nichts, als sich opfern für Mann und Kinder. Und die Folge? Sie liegt auf dem Kirchhof. Nun, und du, Großmutter? Dn hast es mir ja selber oft genug erzählt, wie schwer dn es gehabt tmst mit dem Großvater, der ein solcher Starrkopf war, und dann mit deinen Kindern, Jute sie groß wurden. Sorgen nichts als Sorgen, Arbeit und Plage. War denn das etwa nun ein Glück?"

Gewiß umr es das." (Sin verklärender Schimmer flog über die welken Züge der Greisin.Das Beste lvar es an meinem ganzen Leben."

Ja, dann freilichmit einem Achselzucken wandte sich Marga Reusch ab und trat langsam wieder znni offenen Fenster.Aber ich sagte es dir ja schon vorhin: Die Welt ist anders geworden. Ihr und wir wir verstehen einander nicht mefyi\"

Das mag wohl sein."

Still sagte es die Blinde-und dachte schweigend inerter. Wozu war sie eigentlich hier in: Hause? Wo sie doch nie-' mandem mehr nutz.en konnte. Weder mit ihrer Hände Arbeit, noch mit ihrer altgewordenen Weisheit.

In dieser Stunde kam zum ersten Male über die ReusckpMntter das Gefühl, daß sie überflüssig und ihr Leben nur eine Bürde war. Da erhob sie sich und tastete sich leise aus dem Zimmer.