Ausgabe 
9.10.1915
 
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Samstag, den 9 . <mw* cr

Die vom Rauhen Grund.

Roman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Allein trat Steinsiefen über die Schwelte und klinkte hinter sich zu. Mit Rücksicht auf die Musizierende so behut­sam, daß sie auch jetzt noch nichts vernahm, sondern ruhig weiterspielte. Ohne sich zu rühren, blieb er bei der Tür stehen. Nur in seinen Augen war Bewegung. Die umfingen in heimlichem Aufflammen das schöne Mädchen, das da ahnungslos am Piano saß. Streiften von dem zarten Pfirsichhauch der Wangen mit ihrem brünetten Ton über den feinen Nacken hin, der sich blendend weiß von dem dunkeln Haargelock abhob, und blieben an der schmiegsamen Linie der Büste haften, die leise aus und nieder wogte in selbstvergessenen Träumen.

Aber plötzlich brach das Spiel jäh ab, und Marga Reusch fuhr herum, wie wenn sie den heißen Blick durch den duft- zarten Batist hindurch wahrgenommen hätte: So sah sie Karl Steittfiefen hinter sich stehen. Ganz verwirrt jetzt, wie ein ertappter Schulbube.

Was machen Sie hier?"

Unwillig herrschte sie ihn an.

Ich ich hörte nur zu. Ich wollte nicht stören."

Es klang demütig. Da schwand der Zorn aus ihren Augen; aber etwas Geringschätziges trat an seine Stelle, wie sie nun erwiderte:

Ich habe Sie gar nicht ein treten hören. Daher war ich im Moment verwundert."

Und sie wandte sich wieder ihrem Klavier zu, als wäre er gar nicht da. Aber ihr Spiel war jetzt zerstreut und unlustig. Seine Anwesenheit hatte den Zauberbaun dieser lockenden Weisen gebrochen. Und nun stockten die Töne ganz. Sie blätterte unentschlossen in ihren Noten. Da wagte es Steinsiefen, näherzukommen.

Was war das doch gleich, was Sie eben spielten?"

Die neue Revue aus dem Vöetropoltheater."

Ach richtig, ja! Eine famose Musik. Und erst das Stück selbst, die Ausstattung wirklich erstklassig."

Haben Sie es denn gesehen?"

Natürlich doch! Als ich im April in Berlin war."

Sie schenkte ihm einen Seitenblick. Halb Ironie, halb Neid.

Dem da war es vergönnt, dort hinzukommen, zu trinken von den Quellen, nach'denen sie dürstete! Dem, der nichts damit anzufangen wußte dieser Halbmann ohne jeden Funken von Temperament. Und ihr Auge glitt wieder von ihm ab; aber ihre Brust hob sich in einem aufbegehrenden Verlangen.

Karl Steinsiefen gewahrte es, und plötzlich überkam '** ihn: Ja, hier mußte er einhaken l So fragte er denn:

Sie möchten gern einmal nach Berlin, Fräulein Marga?"

Sie nickte nur kurz.

Nun, da sollten Sie doch einmal hinfahren."

Damit würde mein Bater wohl sehr einverstanden sein !"

Haben Sie denn keine Freundin dort, aus Ihrer Pensionszeit, die Sie mal einladen könnte?"

Wieder nur ein stummes Verneinen.

Ja dann freilich!" Und nach einer Pause wa^te er den Scherz, in den er noch einen ernsteren Klang hinern- legte:So müssen Sie eben schon warten, bis Sie ver­heiratet sind. Eine Hochzeitsreise nach Berlin das war' doch gar nicht übel!"

Aber sie zuckte nur die Schultern was sollte sie auf einen so geschmacklosen Scherz auch erwidern? und ifyte Hände griffen mechanisch wieder einige Akkorde.

Steinsiefen jedoch ließ nicht ab. Langsam kam er noch naher zu ihr heran.

Ich fände die Idee famos erstklassig. Wenn ich mal heirate, mache ich's sicher so."

Marga würdigte ihn auch diesmal keiner Antwort. Er aber stand jetzt ganz dicht hinter ihr.

Ich würde überhaupt meine Frau öfter mal mit auf die Reise nehmen, daß sie rauskäme hier aus dem Nest. Es ist ja wahr: Es ist doch ein richtiges Kaff hier nicht wahr, Fräulein Marga?"

Es kam noch immer keine andere Erwiderung als nur die leisen, hallenden Akkorde, die ihre weißen Finger dem Instrument entlockten, wie in Gedanken verloren. Da ward er noch kühner und beugte sich zu ihr nieder. Seine Stimme dämpfte sich dabei zu einem vertraulicher: Ton.

Daß Sie das so ausbalten können, Fräulein Marga! Sie passen doch gar nicht hierher, in solcher: Wirtshaus- betrieb! Wirklich Sie sollten heiraten! Wüßten Sie denn keinen hier keinen einzigen mit dem Sie sich das ganz gut vorstellen könnten?"

Sie hörte das Zittern der Errvartuna in seiner Stimme, und jetzt traf sie beim Sprechen Ider heiße Hauch seines Atems arn Nacken. Da stand sie auf, so plötzlich, daß er kaum zurückrveichen konnte.

Sie werden doch wohl nicht im Ernst eine Antworü auf diese eigenartige Frage erwarten?"

Groß uüd mit eirrem kalten Blick sah sie ihn an; dann verlieh sie das Zimmer.

' Bestürzt blieb Steinsiefen stehen. Darin begann er nachzuderrken. War es denn wirklich so schlinrm, was er eben vorgebracht hatte? Er meinte, es doch gerade recht geschickt angefangen zu haben nicht gleich so mit der Tür ins Haus. Aber freilich, für ihr Empfinden. Urrd nun begann er sich zu schämen. Still rnachte auch er sich davon.

Draußen im Flur traf er Hannes Reusch, der offenbar hier auf ihn gewartet hatte und nun vertraulich lächelnd gufl ilrn zutrat mit einem erwartungsvollen:Vda?"