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Die Geigerin.
MN? von Mix Freiherr von St Vn gl in.
Die Kaffeetafel war unter den Obstbämnen auf dein Rasen gedeckt. Ein warmer Herbsttag — der zlveite Kriegsherbst. Wir hatten das Enkeltöchterchen der Gastgeber mir Taufe gebracht. Der junge Schwiegersohlt war beurlaubt und konnte daheim sein. Am Nächsten Tage sollte er wieder hinausgeben. Reich waren die Bäume behängen mit den schönsten Früchten. Es lvar ein gesegnetes Jahr. Ein Jahr hohen Stolzes, tiefen Leides. Angehörige von fast allen Gästen »oaren fürs Vaterland gefallen oder verionndet. So war die Stimmung von gedarnUfter Heiterkeit. Es klagte niemiand, aber alle schm.evzte eine Ecke der Erinnerung in ihren Herzen. 1
Da kam noch eine jugendliche, lichte Gestalt in den Garten, begrüßte das junge Paar, die Eltern und Verwandten. Ich hatte sie gesehen, als sie Kind war, und nachher nichts toieder von ihr gehört. Sie lvar eine Gespielin der jungen Frau gewesen. Ich hörte, daß sie eine hervorragende Künstlerin geworden sei. Kürzlich erst war sie von einer Kunstreise nach dem Westen zurück- gekehrt. Zwischendurch hatte sie in Lazaretten gespielt; auch in dem Vorort, wo lvir uns aufhielten, und wo ihre Eltern wohnten, hatte sie die Verwundeten durch ihr Geigenspiel erfreut. Man erzählte daß ein leidenschaftliches Temperament in ihrem Spiel zum Ausdruck komme, das jeden fortreiße. Ich sah hinüber, eine liebreizende Erscheinung, wenn auch keine blendende Schönheit. Ich stellte sie mir vor, tote sie auf dem Podium! stand und t mit kühnem Bogenstrich ihrem Instrument jene Töne entlockte, die so manchen entzückt hatten. Gewiß sah sie da schön aus mit ihrer jugendlich kräftigen, mittelgroßen Gestalt, dein schönen, dunkelblonden Haar, den nicht großen, aber ausdrucksvollen Augen, der kräftigen energischen Nase, deren Flügel, wenn sie lebhaft wurde, leise zitterten. Und lvenn sie lachte, lag eine Welt von Sonne in ihren Zügen. Ich sah sie im Geiste spielen, ich hörte ihr Klagen, Schluchzen, Flüstern, Jubeln.
Die Tafel hatte sich bereits etivas geleert. Ich saß mit dem Hausherrn am Ende des Tisches. Wir plauderten. Die Geigerin laß ein paar Stühle davon, man redete von gewissen Briefen, die sie erhalten hatte. Es drangen nur einige Gesprächsbrockeni zu mir her. Dann sprack>en wir zu ihr hinüber. Ein paar Stühle wurden frei, sie rückte nahe zu uns. Nun konute ich sie genauer betrachten. Wir kamen naturgemäß auf Kunstfragen. -Ob sie Fampenfieber habe? fragte ich. Ja, stets, antwortete sie. Ob es ihr auch so gehe, daß sie in der Erregung besser spiele? Das gab sie nur in gewissem Sinne zu. Wenn sie körperlich ganz frisch sei, spiele sie nicht so gut wie in einer leichten äußeren Abspannung. Dann gerade erhöhe sich ihr inneres Leben. Alles außer ihr müsse versinken, ihr gleichgültig werden, damit sie sich ganz vertiefen und zu ihren besten Leistungen sammeln könne. Eine Dame tat wieder eine Frage nach den Briefen, von denen vorher die Rede gewesen war. Nun merkte ich aus und erfuhr einiges über das Erlebnis, das mit dem Spiel der Geigerin im Lazarett zusammenhing. Später Hab' ich auch einmal die Briese gesehen, trotzdem die Künstlerin sic eifersüchtig und voller Takt hütete; aber als ich sie sab, hatten die Verhältnisse sich geänderte Aus den Briefen sprach die glühendste Verehrung, sie schienen einen stärkeren Eindruck als alle arideren Huldigungen auf das junge -Mädchen gemacht zu haben. Der erste gleich lvar eine Bitte, die das Herz eigentümlich bewegte.
„Verehrtes Fräulein! Sie verzeihen — ich kann nicht anders, ich muß Jhneii schreiben, muß Ihnen danken. Ich war unter deneii, die Sie imj Lazarett durch ihr Spiel beglückt haben. Was ich da empfand, kann ich nicht sagen. Mir ist eine ganz neue Welt ausgetan. Ihre Geige \vav die Zauberin. O, noch einmal! Nur einmal noch! Kommen Sie! Spielen Sie rwch einmal! Schenken Sie mir dies Glück! Sie werden nrich nicht kennen, aber ich lverde Sie sehen, Sie höreir dürfen. Wenn ich sterben müßte, ich möchte mir nur eines ausbitten: daß Sie vorher mir ein Lied spielen. Doch ich lverde nicht sterben. Wer ich bin? Ein Kriegsfreiwilliger vom Regiment Graf I."
Mit einein BlnMenstränßchen hatte der Brief im Briefkasten gesteckt.
Stach dem Konzert kain der zlveite. Die Geigerin hatte der Bitte nicht widerstehen können und noch einmal gespielt. Am Tage darauf hatte eine Hausbewohnerin eine verschleierte Dame am Briefkasten gesehen. Sie war so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen war. Die Geigerin öffnete und fand einen über- schiwmglichen und mänches crtläxenbeu Tank.
Sie werden nrich nicht verspotten, \mm ich Ihnen sage, daß ich gestern geweint habe. Ach, und dabei must teil Sie mich kerinen! Ja, was sprach! da u'itt aus Ihrem Spiel? Sehnsucht? Ich glaube, Und ein Herz voll nnendlicher Güte. Verzeihen Sie, wenn das etwas gekünstelt klingt, id)\ drücke mich sonst anders aus. Zn Hause sagten sie iiNmer, ich sei nicht zu bändigen, und das Leben lverde mir noch einmal tüchtig Zusehen. Ich habe so in dumpfen Trieben hingelebt, es ging mir äußerlich gut, habe genossen, was sich bot, aber das Lebeir nie sehr geachtet, wenig aelenrt, über zarte Regungen gespottet. Da kam' der Ktieg. Mit Begeisterungging ich hinaus; diese Zeit der Unruhe — das lvar rttvas für wich. Drun aber bin zch Msannuengerüttett worden.
rrr der Sch'lackst. bei Entbehrungen und Schrecken und durch wattige Empsrndmigen, die mich packten und nicht kosließeir. Ich sah, daß es Mächte gab-, die über mir standen. Da verlor tdfi all mein Selbstbewnßtsein, lvar wie erstarrt... Hier hat man nnr ivvhlgetan, ich empfand es dankbar, aber ich war Mld blieb' Me zersckMettert. Verlangen hatt' ich eigentlich nach nichts. Gesund werden und zu ineinen Kameraden heraus — das war alles, was ich wünschen konnte. Nun haben Sie etivas in mir geweckt, ich ahne Großes und Schönes in der Welt, ich möchte leben, tvirklich leben. Ich höre das Rauschen des Meeres in memen Phantasien und möchte niederknien, ich bin im Wald, und es trillert um mich her von tausend Jubelstimmen, eine Quelle macht die Bgeleitung dazu. Warnre Sonne hüllt mich ganzem. Und dann sehe ich eilt paar Augen aus mich gerichtet, muß die meinen Niederschlagen, und höre leisen Orgelton... Eine Schwester geht vorüber, es schnürt mir die Kehle zu, ich sah einen Heiligenschein über ihrem Haar. Nehmen Sie mein Geplauder nick)t übel, ich bin nämlich noch sehr jung. Sonst weint'- ich nur 'mal im Zorir. Wie kam das mir neulich? Wvr'S Schwäche? Ich bin vielleicht sehr krank. Aber es ist schön, krank zu sein. Aus Ihrem Spiel klang Sehnsucht, und in mir iveckte es Frieden. Walküren trugen die toten Helden nach Walhall. Es gibt Menschen, die höher stehen, als die anderen. Diese sind die Führer, niemand kennt sie. Das sind die Engel in dieser Welt voll Grauen und Haß. Mir war ein solcher Engel gnädig. Ich glaube, heut' Hab' ich Fieber. Vielleicht war's zuviel für mich, aber ^ich wüßte es Ihnen sagen, wie köstlich es war."
Sie paßten auf... .Ta kam an einem Nachmittag die verschleierte Frau wieder, war abermals so schnell fort, daß man nichts fragen konnte. Duftende rote Rosen steckten aut Briefkasten, ein Briefchen lag darin. Diesmal nur wenige Zeiten.
„... Morgen werde ich operiert. Einen Gruß noch vorher. Antwort iverd' ich ja nie bekommen, Und.doch — wenn es sein könnte... KomMe ich durch, so lasse ich von mir hören, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie mich äuslachen. O, der warme Sommer! Tie Fl'ut von Licht! Morgen muß es nun sein, wtb ich schreibe, sobald ich kann. Wenn ich nicht schreibe-
So segne Sie Gott! Und wandeln Sie durch die Welt wie einer seiner Engel. Und denken Sie mein..."
Tie Handschrift war unleserlicher als sonst.
Nun lvar es Herbst. Tie letzten Rosen. Tie letzten Früchte. Erinnerung und Verheißung.
Wir saßen unter dem großen Apfelbaum. Dort hinter jenem Fenster schlummerte der Täufling dem Leben entgegen. Wir plauderten. Ich kannte den Inhalt der Briese damals noch nicht, wußte nur, daß der Verwundete auf geheimnisvolle Weise ein paar ergreifende Briefe mit Blumen geschickt habe und dann verstummt sei. ,
„Vielleicht ganz gut," sagte ich da. „An solcher Bekanntschaft aus der Ferne ist die Ferne manchmal das Beste. Eine Wolke von schönen Illusionen — vielleicht ganz gut so."
Ta schlüg die Geigerin die Augen nieder und- wurde sehr ernst.
„Ach, nein," erwiderte sie leise. „Er schrieb ja, daß er operiert lverde, und wenn es gut ginge, wollte er von sich hören! lassen. Und mm —"
„Wie lange ist es her?" >
„Drei Monate."
„Der arme-ocr glückliche Junge!"
Es wurde kl'ihl unter den Biürnien. Der Herbst abend kam. Das junge Mädchen.ging nach Hanse, und auch wir brack-en auf. Ein eigener Duft von Glück und Weh lag über dieser Welt, dko unter Schluchzen jubelt wie ehte von Meisterhand gestrichene Geige. _,_
vermochte».
* Hindenburg särr gutte Vorgesetzter. Ein hübsches Hindenburggeschichtchen berichtet die in Kattbwitz erscheinende Monatsschrift „Oberschlesien". Saßen da im Garten des ersten Gasthofcs einer bedeutenden Stadt Oberschlesiens ein Geschäftsreisender mit einem Geschäftsfreunde und dessen bildhübscher Frau im Gespräche beisammen, als sich die Nachricht verbreitete, Hindenburg sei angelanat und nehme inr Speisesaale des Gasthofes das Abendessen em. Natürlich begab sich das Kleeblatt gleich hinein, und in der Tat bestätigten bratentragende Ordonnanzen, daß die Mitteilung ihre Richtigkeit habe; noch mehr: durch die halb offenstehende Tür des Speisesaales lvar der große Feldherr und sein Generalstab deutlich zu beobachten. Begeistert zog der Geschäftsreisende eine Ansichtskarte, die er als Muster in der Brieftasche führte, heraus und verglich das darauf gedruckte Bildnis des Befreiers von Ostpreußen mit dem Originale. Da blitzte ein genialer Gedanke durch den Kopf der schönen Frau: „Da müßte Hindenburg seinen Namen drunter schreiben!" platzte sie heraus. Eine vorübereikmde Ordonnanz hört das und ruft, der Generaloberst (das »rmr Hindenburg damals noch) werde das sicher tun; sei er doch ^,,ein särr gntte Vorgesetzter". Zlvci in der Nähe stehend Damen, die junge Tochter des Wirts und eine reiferen VterS, treten näher, und als die -Ordonnanz wieder- kehrt und, den Bratenteller auf den Anrichtetisch an der Tür stellend, herülbenust: „Wo. Madam, wo soll sich der Herr Ge-


