Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Wie in einem Kerker — dachte Eke. So war ihr ganzes Leben hier gewesen, so würde es weiter sein. Wer wußte, wie lange noch. Und wenn wirklich einmal die Freiheit kam, fern fremder Wille sie mehr hier in Gefangenschaft hielt, daun wxxt es zu spät.
Eke von Grund schloß die Augen. Wie um dieser trostlosen Umgebung zu entfliehen. Aber erregt hämmerten die Pulse in ihren Schläfen, jagten sich Bilder durch ihr Hirn.
Es war ihr, als stände sie an eines Schiffes Bord, das eilends dahintrieb, unaufhaltsam. Und schwindendes Land lag dahinten vor ihrem.Blick — weit, weit in der Ferne. Immer blasser, immer nebelhafter ward es im Hintreiben. Bald würde es ganz verloren sein — für immer.
Mit einem Ruck stieß Eke non Grund den schweren Sessel zurück und sprang auf. Weg — hinaus! Und sie riß das Fenster auf.
„Kallmann!"
Drüben aus dem Stallgebäude kam der Pferdeknecht.
„Den Wotan satteln!"
„Tut mir leid, Fräulein, den hat heut' der Herr mit eiugeipanut im Pürschwagen."
Ein Zorn brannte in Eke aus. Konnte man ihr selbst dies Vergnügen nicht einmal lassen? Das einzige, das sie noch hatte!
Sie warf klirrend das Fenster zu. So blieb ihr denn nur daS andere noch. Und sie ging zum Klingelzug, drüben neben der Tür. Die Anne-Marie sollte ihr den Lodenmantel bringen und derbes Schuhwerk. Aber auf halbem Wege blieb sie stehen. Ein dumpfes Pochen dröhnte durch die dämmrige Stille. Der eiserne Klopfer draußen am Portal — Besuch. Eine Seltenheit hier im Adligen Hause.
Es dauerte geraume Zeit, bis die Anne-Marie erschien, ein einfaches Mädchen drunten ans dem Dorf, das sie sich allmählich für ihren persönlichen Dienst herangezogen hatte. Eke sah ihr ohne Erwartung entgegen. Wer würde da auch gekommen sein? Vielleicht der Steiger Hannschmidt von der Grube oder jemand aus dem Ort, der den Amtsvorstand sprechen wollte. Sonst empfing der Oheim ja keine Besuche werter. Doch da sah sie in der Hand des Mädchens eine Schale mit einer Visitenkarte. Mso wirklich ein Fremder. .Verwundert griff sie nach dem weißen Blättchen. Gerhard Bertsch — sein Antrittsbesuch.
Da kam ihr ein leises Lächeln, trotz ihrer Stimmung. Hatte der eine Ahnung von dem Gefellschastsbedürfnis hier im Adligen Hanse! Und von den Empfindungen, die man ihm entgegen brachte im besondereil!
Aber dann winkte sie dem Mädchen zu, ihn eintreten &u lassen. Und sie ging zur Nische zurück, wo sie vochov
gesessen. Mit ruhigen Bewegungen ordnete sie den Tisch ein tvenig, ohne jedes Uebereilen. So schichtete sie noch <m einem Stoß Rechnungen, als der Besucher eintrat. Langsam drehte sie sichda lmch ihm imt, doch blieb sie am Disch' stehen.
Ihr erster Eiicdrnck war ein gewisses Verwunderir, Er kam im einfachen Straßenanzuge — sollte das betonte amerikanische Art sein? Absichtliches Vernachlässigen der gesellschaftlichen Formen?
Bertsch schien ihre Gedanken zu erraten, denn indem er sich leicht verneigte, erklärte er:
„Mein Besuch gilt Herrn von Grund als Re Präsens tantell des Erbstollen. Ich komme in geschäftlicher Stit* gelegenheit."
„Dann kommen Sie vergeblich — mein Onkel ist nichk anwesend."
„Das hörte ich schon draußen, afcefc mir lag daran, zu erfahren, wann er zurückkommt. Ich muß ihn sprechen."
„Er ist zur Jagd gefahren, fd>ou mit Tagesanbruch. Möglicherweise ist er also zum Frühstück wieder da."
Eill kurzes Schwanken, dann sagte Bertsch entschlossen:
„Da meine Angelegenheit, wie gesagt, sehr dringlich ist —, würden Sie mir wohl erlauben, Ihren Herrn Onkel zu erwarten?"
„Bitte," iuib sie wies auf eine Sitzgelegenheit in der Mihe, wo er stand.
Mit stummem Danke nahm, er Platz. Eke wandte sick- halb wieder ihrem Tische zu, legte die Wirtschastsbelege in eine Masche und verschloß sie? Dann erst ließ anch sie sich in ihrem Sessel in der dUsche nieder.
Eine Weile saßen sie so schweigend in dem großen dämmrigen Gemach. Die Entfernung, die auch räumlich zwischen ihnen lag, bvachte etwas Hemmendes, Fremdes zwischen sie. Und beide empfanden sie es, und Eke wartete auf das erste Wort von ihm. Doch es kam nicht. Da cufc schloß sie sich: Wenn er die gesellschaftlichen Formen nun einmal nicht beherrschte, so wollte sie cs wenigstens nicht daran fehlen lassen. Und sie brach die Stille:
„Sie waren lange draußen?"
„Volle zehn Jahre."
„In Südamerika, Un'e ich hörte?"
„Ja — in ChUe."
„Sie waren auch dort bergmännisch tätig?"
„Ich war Leiter einer Kichfer grübe."
„Aber es zog.Sie mm dock- wieder nach der Heimat'?"
,Ha." ' i
Es lag wie ein Ausweichen in dem kurzen Bescheide.
Eke von Grund blickte eine Weile twr sich hin. Dann sagte sie langsam:
„Die Zeit drüben war Ihnen osseuliar nur die nötige Vorbereitung für Ihre Aufgaben hier."
Er faßte sie zum ersten Male fester ins Auge.
„Woher wissen Sie das?"
„Es liegt doch sehr nahe, wenn man Sch) fciaii.";


