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in OberHessen aMehalten wurden, er'ne üefondcre Ausgabe zu: er sÄbrte den Vorsitz in der Kurie der Städte. Gießen war m diesem Falle die sog. ausschreibende Stadt. Sie lud auf Erfordern der Regierung zum Landtage ein, sammelte und prüfte nach dem Zu- sammentritt des Landtags die Vollmachten der Vertreter der übrigen Städte und besorgte den Verkehr mit der anderen Kurte, dev der Prälaten und Ritter, luud mit der Regierung. Als Ehrenrecht gebührte ihr dafür der.Vorrritt. ^ „ , .
Mit der neuen Verfassung, nur cm Jahrzehnt nach der Schleifung der FestungÄvälle, schwand auch die polttrsrhe Sonderstellung, die die "Stadt bis dahin innegchabt hatte. Eine neue Zert kam herauf, für das Land wie für die Stadt. Eine neue Zert, aber für die Vaterlandsfreuude, die sich durch die deutsche Vundesakte nur die erhofften Früchte der Befreiungskriege betrogen sahen, ut politischer Beziehung so trostlos wie möglich! Ter deutsche Gedanke, die Sehnsucht nach politischer Einheit aller deutschen Stämme, fand in unseren Mauern unter der Studentenschaft eine erste Stätte, und von hier aus, aus dem Schoße der Burschenschaft, ging die erste Werbung zur Mitarbeit an der Umgestaltung der politischen Verhältnisse Deutschlands an die anderen Hochschulen. Fast ausschließlich in akademischen Kreisen verfolgen wir das Weiterleben und Wachsen desselben Gedankens über die Jahre der Demagogen^ Verfolgungen bis in die deutsche Revolution, deren Wogenschlag hier in Gießen wohl am stärksten in ganz Hessen gespürt wurde.
So war es die Universität, die die Geister m Bewegung setzte, die Hohe Schule, die seit ihrer Begrüirdung durch Landgraf Ludwig V. den Getreuen das gesamte geistige Leben des Landes beeinflußte und ihm Richtung gab. Sie ist es auch gewesen, die den Namen unserer Stadt über die Grenzen Hesterts und Deutschlands getragen bat und noch trägt. Durch die Ausbildung der hessrscgen Lehrer, Pfarrer und Beamten übt sw die tiefstgehende Wirkung auf unser gesamtes Staatsleben. Darüber hinaus ist sie eine Stätte und ein Hort geistiger Freiheit, loissenschaftlichen Schaffens. Heute blüht sie, gestützt und gefördert von dem verständnisvollen Zusammenwirken des Staates und der Stadt, eine Bürgschaft der dauernden Wohlfahrt des Landes.
Darf sich die Stadt Gießen glltcklich schätzen, daß ihr auf drese Weise ihre alte bevorzugte Stellung gewahrt bleibt, so kann sie doch zugleich stolz bekennen, daß es der Tüchtigkeit ihrer Bürger und ihres Gemeinwesens gelungen ist, sie auch aus eigener Kraft neben den anderen Städten des Latches zu behaupten. Heute, da tvir eine so seltene Feier begehen, dürfen wir dem herzlichen Wunsche Ausdruck geben: möge es für alle Zeiten so bleiben, möge unserem Lande und unserer Stadt eine ruhige Weiterentwicklung beschieden sein unter der weisen Regierung der Nachfahren unseres ersten Landgrafen Heinrichs I., des Kindes von Hessen, aus bem Hause Brabant. _
Vermischtes.
' Heiteres von der Westfront. Ein helmgekehrtcr Leiltnan t berichtet mir folgende Anekdote: Auf einem Spazier» gange unten an einer hohen Waldböschnnq hatte von Haeseter unverhofft Gelegenheit, dem Zwiegeivräch einiger Landwehrlente zu lauschen. die oben, ohne ihn zu gewahren, im Dickicht liegen. Da sagt der eine: „Ja, aber „Gottlieb" hat kein Kommando, er looll bloß so mitten mang!« — „Watt," erwidert voller Entrüstung der andere, „Gottlieb keen Kommando? Ter hat 'n ganzen Gene- ralstab mitsamt dem Kronprinzen an der Strippe!* Der Feld- marschall soll später den beiden ein Stückchen Seil und eine Handvoll Zigarren geschickt haben. An dein Stückchen Seil befand sich ein Zettel: „Zum Andenken ein Ende Strippe, woran mich der Graf Haeseler hat. W il helin, Kronprinz." — ^Manchmal nach schweren Tagen genießt inan wohl ein Plauderstündchen, und da geben sie ihre Erlebnisse zum besten. Hin unö ivjeder mag etwa- darunter sein, was ein Patrologe der Nachwelt als apokryph bezeichnen wird, und Münchhausen ist ja nicht tot zu kriegen, aber das nreiste stinnnt. So wird rnir da ein köstliches Vorkommnis erzählt Tatort: nördlich Arras. Zeit: gegen Mitternacht. Eine Patrouille hat einen Seneqalneger eingelaugen. Da man ihn im Augenblick nicht weitertranSportieren konnte, stoppte man ihn in ein Heiligenhänschen, dessen Sieinfliesen man mit einer Strohschütte bedeckte, denn so'n „Kaffer" liegt auch lieber iveich a!S hart. Der Kunde war früher zudein Kirmeskellner in Belgien und Holland gewesen und radebrechte infolgedessen allerhand Sprachen. Das trug ihm ein großes Stück K Brot ein, und nachdem er dieses verschlungen, grub er sich in das Stroh ein zu einem tiefen Schlaf. Eine Siunde später wurde aber auch ein blutjunger Lordsohn gefangen cingebracht. Sicher hätte man Se. Lord- schall kommentinäßig behandelt, wenn er nicht gar so ruppig ausgetreten iväre. So aber sperrte inan ihn zu seinem schwarzen BnndeSbruder in das Häuschen. Trotz seiner Entrüstung schlief er doch bald ein krall seines guten Gewissens und der ansgestandenen Strapazen. Daß der Mitschläker ein Sieger war. wußte er mcht. Ais er nun in der Nacht erwachte und der helle Mondschein aus das zähnefletschende Gesicht des Senegalmannes fiel, schrie der tap'ere Engländer aus Leibeskrällen tim Hille. Aber trotz der Bundcsbrüderschall nützte der Schtvarze die Situation meisterhait aus, schnappte ein paarmal nach Sr. Lordschall und drobte ihm
in drei Sprachen: „^'aneere you ulet, have tonte de enite silence, moi you 9 chlyk binnen!“ (Wenn du nicht aus der Stelle still bist schluck ist dich soiort heruuler I" Unsere Feldgrauen hatten große Mühe, die beiden wenigstens bis zum TageSgrauen vor einan ec zu sichern. Der Neger benutzte nämlich die billige Gelegenheit, seinem gepreßten Herzen über dtesen gneox (Lügner)'Lmt zu machen: „Die Engländer,* so beteuerte er, „Eri ponnent tont le monde . (begaunern die ganze Welt), „ila faut les enterrer viyementl“ (sie müssen lebendig begraben werden).
* Preußische Disziplin. Unser Kaiser erinnert, wenn einmal die Unterhaltung auf die militärische Disziplin zu komnten pflegt, gern an ein Geschichtchen auS dem Leben seines großen Borstahren, des alten Fritzen. Nach dem Siebenjährigen Kriege wollte manchen Soldaten die strenge tnilitärische Zucht nicht ittehr recht behagen. Sie meinlen, in der Friedenszeit könne nian sich gehen lassen. Auch in den Reihen der Potsdamer Garde machte sich diese Gohrung bemerkbar, und einige besonders mtruhige Gei-ster ntachien sich aus den Weg ttach Sanssouci, tun den» obersten Kriegsherrn selbst ihre Wünsche vorzutrageu, ungeachtet der strengen Bestrafung, der sie sich durch solche Handlungsweise aussegten. Der König hörte, daß sie gekontmen seien, ging ihnen aus der Terrasse entgegen, und kontmandierte, bevor noch der Führer ein Wort sprechen konnie: „Halt! — Ricbt' Ettch I — Links ttm Kehrt! — Marsch!" Pünktlichst befolgte die Rotte die Kommandos und marschierte ab. Tie Macht der gewohnteit Disziplin war stärker als die Regung der ungewohnten Tiszipliitiosigkeit.
vüchertisch.
— Ueber die Leistn n g e u der Eisenbahn im Verlause des Weltkrieges belehrt uns ein reich illustrierter, aus sachverständiger Feder stammender Beitrag «Unsere Eisenbahner im Kriege* in der neuesten Kriegsntnnmer 61 iNr. 3770) der Leipziger «Illustrierten Zeitung* 1 Verlag J. J- Weber). Auch sonst bietet die Nummer sowohl textlich ivie bildlich eine Menge des Interessanten.
— U e b e r Land und Meer. In ihrem 58. Jahrgang ist diese illustrierte Zeitschrift (Herausgeber Tr. Rudolf Precwer, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart) soeben mit der ersten Nummer eingetreten, die atu der ersten Seite ein schönes Originalagnarcll von Proleffor Attton Hoffmann trägt, darstellend die Beschicßmtg eines teiublicheu Fliegers int Osten. Mit diesem Bilde beutet das Blatt schon voit vornhereiit cm, daß es auch weiterhin bestrebt sein will, lieber Land und Meer gattz dent großett Inhalt der Zeit und detn Jdeenkreis jedes Detitschen aitztipassett- Das soll isicht nur durch zttsatttmeithängeitde packende Schilderungen der Schlahb ereignisie aus der Feder des mit den militärischen Verhältnissen ebenfo vertrauteit tuie als Schrillsteller wohlbekannten Ma'.or Joses von Laufs gescbeheit, sonderit atich durch mannigfaltige, zunt Teil illustrierte Beiträge, die alle mit dent Krieg zusammenhängenden tntd nufer Volk bewegenden Fragen behattdelit. Die Leitung tvill mehr noch als seither die Gebiete der Kriegstechnik, Strategie und Taktik int Thementreis berücksichtigen und dent Wirtfchallslebcn erhöhte Ausmerksamkeit fcheitken. Danebett sollett iesselnde Kriegs- scbtlderungen bekannter Atltoreu sotvie eine Fülle großer tmd kleiner, schwarzer und farbiger Bilder von Kriegszeichnern, sorgfältig geächtet ans der Unntenge vvn Darstettnitgeit, erscheinen. Tie erste Numtner zeigt ints bereits, mit welch glücklicher Hand in dieser Beziehtmg geschafft worden ist. Gattz besondere Fretide wird den Lesetn die Veröffentlichung eines neuen 9io>ttanes von Olga Wohlbrück: „Bor der Tat" bereiten. Die Verfasserin schildert die Geivitterschivüle der letzte,t Jahre vor dent Ausbruch des große« Krieges. Wir erleben mit dem Ausstieg eines klemeit Schneidermeisters zunt ersten toitaitgebeitdett Kleiderküttstler der RerchS- hanptstadt noch eiitmal jene Zeit tmd begrüßen atifatutend ihre Gesundung atn nencrivachten VaterlandSgedankeit.
Rätsel.
Wenn an schönen Sommertagen Dich die Pflicht gesangeit Hali,
Wüttfchst btt wohl, ich könnt' dich tragen,
Jlt die tveite, weite Welt.
Doch tvenn meine beibetx Enden Tu mir abgeschuilten hast,
Wirst du ivohl dich von mir wendett.
Denn nun bin ich dir verhaßt.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung M Geographischen Verschiebrätsels tu vlonger Nr.r # Hachsen
Berlin Leitrneritz Troppau Weis Posen Ma unheim S i nt p l o n.
Kchristleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitälZ-Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen


