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mußte das Handwerk gelegt werden. Kein Augenblick mehr zu verlieren! Sofort wollte er aufs Bergamt.
Er gab nur in Eile noch die nötigen Anweisungen für Manskop-f, dann fuhr er zutage, warf sich droben in einen Wagen und jagte hinüber in die Stadt. Doch der Revierbeamte war über Land. Am Abend erst kam er. Da war es zu spät. Aber er sagte seinen Besuch für den anderen Vormittag zu.
Er hielt Wort, und, wie verabredet, war auch Bertsch zur Stelle. Zusammen traten sie so ins Steigerbureau des Erbstollen ein. Ein breitschultriger, rotbärtiger Mann trat' ihnen entgegen. Der Bergrat sah ihn fragend an.
„Steiger Hannschmidt?"
„Der bin ich."
„So. Nun hier, Herr Direktor Bertsch von Zeche Christiansglück führt Beschwerde gegen Sie. Sie haben sich grobe Ungehörigkelten zuschulden kommen lassen, sogar einen Mann von Grube Christiansglück gefangen genommen. Wie kommen Sie dazu? Das ist doch Freiheitsberaubung!"
„Ob dat Freiheitsberaubung ist, dat weiß ich nit. Ich Hab' den Mann ja gleich wieder über Tag schaffen und laufen lassen. Aber dat weiß ich —" trotzig sah der Mann dem Bergrat ins Gesicht — „da urrten, bei mir im Berg, da hat kein Fremder wat zu suchen!"
„Und das Feuer, das Sie angemacht haben, um die aus dem Nachbarfeld zu vertreiben?"
„Ich kann doch in meiner Grube Feuer anmachen, soviel als ich Laune Hab'! Wenn's die da —," er blickte geringschätzig auf Bertsch hin —, „nit vertragen können, so geht dat mich nichts an."
„Ich denke, Herr Bergrat, es ist genug nun. Alle Worte sind hier nutzlos. Sie sehen ja, mit wem Sie es zu tun haben." 0
„Jawohl," nickte der Revierbeamte und wandte sich dem Steiger wieder zu. „Also halten Sie sich bereit. Wrr wollen emfahren."
^5Üchg zur Tür, die zu dem Umkleideraum und weiter zunl Schacht führte. Bertsch wollte ihm folgen, doch da trat ihm Hannschmidt in den Weg. '
„Halt — was wollen Sie hier?"
Der Bergrat blickte zurück.
„Herr Direktor Bertsch wird mich begleiten."
Hannschmidt wich nicht zur Seite.
„Fahren Sie ein, soviel dat Sie wollen, Herr Revierbeamter. Ich kann's nit hindern. Aber der hat nichts zu suchen bei uns in der Grube!"
Bertschs Geduld war nun zu Ende.
„Genug der Narrenspossen!"
Und seine Hand schob mit einen: Ruck den stämmigen Mann beiseite. . ö
Doch jäh brach es da aus Hannschmidts Augen. Ein Sprung zur Wand, wo allerlei Arbeitsgerät lehnte, und er schwang eine Axt empor — gegen Bertsch.
„Zuruck, oder —!" ' '
„Mensch, Sie machen sich unglücklich!"
rief es der Bergrat. Doch die kalte Wut schillerte rn Hannschmidts Blick.
Schwellt ^ <Xber ^ er ^ fommt mir "it über die
vor dem Jähzornigen, jede Muskel gespannt, den Blick iii den des andern gebohrt. Das Blut ^chts kochte auch in ihm aus. Sollte er zurück- n^hinrL ? öS ” C r Nicht schon Mit ganz anderen Leuten fertig ^nben in Chile, unter dem gefährlichen ©tS srndel aus aller Herren Länder! '
^bvrerbeamte sah, was in ihm vorging, und er V^Ee zum Fenster, Hilfe berbeirufen. Doch da überflog Plötzlich em Lächeln Bertschs Züge. uoergtog
^./?^tvviinöten, Herr Bergrat. Wir werden schon allein fertig werden miteinander — wir beide hier." Sein Auge
N^u dem Gegner hin, „Wir sind ja doch Landsleute Das ist so alter Brauch im Rauhen Grund: Man schlägt sich den Schädel em, aber schätzt sich doch." Und er faf*
in ^ glicht. „Also Mann, es ist Ihr Ernst: Sie verweigern mir die Einfahrt?" * ^
„xja — keinen Schritt weiter laß ich Sie!"
„Und warum nicht?"
„Sie sind unser Feind."
Dem Bergrat riß die Geduld.
„Aber wenn ich Ihnen nun den strikten Befehl gebe?"
„Mir hat hier keiner was zu befehlen, als nur meini Grubenvorstand. Und wenn's mich Kopf und Kragen kostet!"
Der Revierbeamte zuckte die Schultern. Unschlüssig sah er zu Bertsch bin. Dessen Auge ruhte auf dem finster Entschlossenen, und plötzlich sagte er:
„Der Mann hat recht, von seinem Standpunkt. War er mein Beamter, ich erwartete es nicht anders von ihm. Unter diesen Umständen bleibt mir nichts weiter übrig, als erst die Erlaubnis des Grubenreprüsentanten einzuholen."
„Das ist doch der Herr von Grunds'
„Ganz recht, und ich will sofort zu ihm."
„Gut, also gehen Sie. Ich erwarte Sie hier. In einer Stunde können Sie ja wohl längstens wieder da sein."
*
Lastend wuchtete der Himmel über dem Rauhen Grund. Mit finsterem Grau und drückend, daß die Brust nur schwer atmete.
An solchen Tagen drang nur ein spärlicher Lichtschein durch die tiefen Fensternischen des Adligen Hauses. Und in der einsamen Dämmerung drinnen in dem alten Gemäuer ging es um mit Geisterschritten. Aechzte seitsam droben im' Sparrenwerk des Dachs, schlich über die knarrenden Treppen und Dielen der Flure und seufzte dunkel im Windfang der alten Kamine. Eke von Grund fühlte init leisem Erschauern: Das galt ihr!
Nach ihr griff es aus dem trostlosen Dunkel mit Geisterhänden, ihr die Brust ganz einzuschnüren in einer erstickenden Angst. Einer Angst, daß ihr, die keines Menschen Auge je anders als fest und aufrecht sah, in solchen Sturr- den zumute war, wie einer Ertrinkenden — daß sie umher- irrte in dem düsteren Gemäuer von Raum zu Raum,' bis sie irgendwo zusammensank in einem wurmstichigen Stuhl mit wundersam verschnörkelten Knäufen. Aber aus dem Moderdust des verblichenen Gobelinbezugs, gegen den sich ihre Stirn wie schutzsuchend preßte, schlich sich alsbald dieselbe Angst an sie heran.
Da rann ihr nun Jahr um Jahr hin in solcher Verlassenheit, an der Seite dieses starrköpfigen alten Sonderlings. Draußen rief das Leben zu kraftvoll freudigem Wett- lauf alles, was jung und stark war. Aber sie stand hier/ tfeiiehi an den Händen, die doch so gern zugegrisien hätten. Stand abseits, unnütz sich und der Welt.
Und doch pulsten in ihr so starke Quellen des Lebens, der Weibesnatur, daß sie hätte geben mögen mit verschwenderischen Händen — sich geben, rückhaltlos, und doch im Geben empfangend mit sehnenden Fibern. So stürmisch ward dies ungestüme Begehren in solchen Stunden, daß es sie dann jedesmal auftrieb in verzehrender Unrast. In den Sattel, zu wildem Hinjagen durch die Talgründe, oder ^um Umherschweifen in den Waldbergen. Und wenn dann droben der Wind als rauher Weggesell ihr das .Haar zauste, mit ihr rang auf kahler Höhe, daß sie Schritt für Schritt gegen ihn ankampfen mußte, dann fühlte sie es mit heimlichem Jauchzen drinnen in der schnell atmenden, aber kraftvoll schwellenden Brust — noch war die Jugend ihr! Und nie war Eke von Grund schöner, als wenn sie von solch wildem Gange heimkehrte mit heißen Wangen und blitzenden Angen. Aber niemand war da, dem dieser Anblick das Herz freudiger schlagen gemacht hätte.
Auch heute war wieder einmal solch ein Tag gewesen, wo es umhergeisterte in dem alten Gemäuer mit grauen Fledermausflügeln. — Henner von Grund war wie immer draußen in seinem Wald. Verlassen saß sie so in dem Wohnzimmer. Sie hatte die Wirtschaftsbücher vor sich liegen aber ihre Augen irrten ab von den Posten und Zahlen in den trüben Dämmerschiein um sie herum. Die Schwert? dieses Raumes mit seinen wuchtigen Mauern und tief eingeschnit- tenen Fensternischen, dem massigen Deckengebälk und der schwarzbraiinen Wandtäfelung drohte sie zu erdrücken
(Fortsetzung folgt.)
Aus Hessens vergangenen Tagen.
Vortrag, gehalten von Stadtv. Dr. Ebel in der Festsitzung der Stadtverordneten vom 29. September (Schluß.)
r. Henrich I sein Ziel erreichen konnte, verdankte er nächst snner Mutter, die chm festen Bvdcn unter den Fichen geschaW w a ii et, i l°Er wnen Tüchtigkeit. Mit eisernem Willen jxit er an der Mrundung semes Gebietes und der Mestiguna


