Ausgabe 
4.10.1915
 
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Frühling erblühen lieh. Mer dieses Werk, dieser einmalige, glüäliclse Wurf, wurde sein Verhängnis. Er blieb der Dichter der Jngend. Und als er's nicht bleiben wollte, als er neuen Zielen znstrebte, stürzte das Publikum den, den es nach gestern erhoben. Tie Jugend ist für Halbe eine Hemmung geworden, die aut seine Entwicklung drückte. Etwas wurde in ihm dnrch diese Dinge ge­brochen, das nie mehr heilen wollte. Seine Kraft rang mit jenem En folg. Aber er war der Tochter derJ'ugend" und blieb es. Halbes gerade nnd freie Entwicklung ist ein Opfer seines ersten Erfolges geworden, nnd zugleich ein Opfer der Zeit, in der er lebte. Prof. Litzmani: sagt in seinem Buche über das moderne Drama von der naturalistischen Bewegung der neunziger Jahre: Sie hat auch das nrit dem Sturm und Drang gemein, da & sre ihre Wortführer schnell verbraucht uud verschlingt. Es ist ein atem- loses .Hasten vorwärts, und wer eben die Avantgarde, führte, ist nwrgen im Gros, übermorgen im Hinterttessen." In seinerInsel der Seligen" läßt Halbe seinen Dr. Wiegand sagen und dieses Wort klingt wie ein Bekenntnis:Lieber Dubsky, wir alle von unserer Generation, wir sind grenzenlose Verschwender ge­wesen! Wir sind als Revolutionäre nnd Weltverbesserer auf den Plan getreten! Jedes Geschlecht hat seine Aufgabe zu erfüllen! Unsere lvar es, Sturm zu laufe,: und Bresche zu legen: daß wir dabei am eigenen Glücke zu kurz gekommen sind, daß wir uns vielleicht vor der Zeit verbraucht haben... kein Wunder!"

Es war Max Halbes Erkenntnis, daß er in eine Atmosphäre gestellt wurde, die seinem natürlichen Wesen nicht entsprach Er geriet in ein Tempo, in eine Ueberhitzung, die seine Kraft über­spannte nnd schnell verbrauchte. Peter Hille hat ihn einmal auf die Formel gebracht:dramatisch geheiztes Idyll". Er ist eine im Grunde gestrige Natur mit stillen Tränmerzügen, zart und lyrisch, den die Zeit aus sich berausgezwungen und mit sich selber in Widerstreit gebracht. Er hat Gegen war tprobleme in sein Be­wußtsein ausgenommen. Aber sein Bestes ist nicht feine Moder­nität. Was an ihm fesselt und bestrickt, sind Elemente, die eigent­lich unmodern sind. Den Erfolg seinerJugend" bedingte nicht der Konflikt in seinein An klingen an zeitliche Probleme. Er wurde hervorgerufen durch das eigentlich Poetische des Werkes: durch die Stimmung, die um das tragische Liebesidyll webt. Und ivo .Halbe reiner Stimmwrgsdichter ist, Lyriker, Idylliker, ist er wun­derbar und von bezauberndem Reiz. Seine besten Dramen leben von diesem Clement. Schon imEisgang", der soziale und psyäw- logische Konflikte mit einer Naturkatastrophe in symbolische Be­ziehung bringt, ist dies zu spüret:.Mutter Erde' ist ganz ein­getaucht in den Dust der Scholle, der den Hei,Ehrenden betört und betäubt. ImSttom" singt das Wasser seinen brausenden Sang in das Leben der Menschen hinein. Das Beste in Halb« sind dies« lyrischen Elemente, imd er ist stark, wo die Heimat in ihnr spricht. Er ist im Grunde ein Mensch der Scholle, den das moderne Leben entwurzelt hat, und der nun keine neue Verwur­zelung findet.

Ties zeigt sich auch in der Wahl seiner Konflikte und in ferner Vdcnschengestalttmg. Immer lviederholt sich der Konflikt zwischen Heimat und Fre>nde, zwischen Altem und Neuem. ImEisgang" ist es die Loslösung von der Scholle. InMutter Erde" zieht der Bodeck den heimatlichen Flüchtling wieder an sich. In den Heimatlosen" spricht der Dichter Gericht über die von ihren: Boden in die grundlose Großstadt Verschlagener:. ImHaus Rosenhagen" zeigt er das Erwachen des Besitzgefühls und den Kamps um die Scholle. Seine Menschen aber sind fest kontnriert, plastisch und lebendig, soweit sie Menschen ihrer Erde sind; wo sie fest aus den: Boden stehen, in einer Luft, die mit ihnen ems ist, während seine modernen Menschen schemenhaft bleiben. Sie sind wurzellos, nick) so vernrag er sie in ihrem innerster: Wesen nicht m fassen. ,

Zwei Bestandteil« seiner Seele schaffen in Halbe die Pro­blematik seiner Erscheinung: die Heimat, die das Gestern ist uiw die moderne Großstadt, bie^ das Heute bedeutet. Sie geb^r seiner Erscheinung das Schwankende, Tastende. Aber sie geben ihr auch den .eigenen, schmerzlichen, schwermütiger: Reiz, der über seinen, besten Sachen liegt; sic geben ihr den Ton, die Stimmung.

Vermischte-.

V etter: aus Zettl, ngspapier. Der Krieg hat schon so manchen gute» Gedanken entstehen lassen, auf den mau im Frieden nie gekommen rväre. Es ist eine (Großtat deutschen Wesens, daß an seiner praktischen Anpassungsfähigkeit und nie versagender Erfindungsgabe alle schändlichen Pläne unserer Feinde zerschellten. Das ist im Kleinen so wie im Großen. Das Neueste irr dieser Hin­sicht sindBetten aus Zeitungspapier". Freilich, nicht um rveiche Daunen für verwöhnte Reiche handelt es sich dabei, sondern um einen Ers«tz für den not,vendigsten Bestandteil des Coldatenbeltes das Stroh. W« Stroh fehlte, hat man sich bisher, mn den müden Gliedern unserer Krieger eine halbwegs weiche Lagerstatt zu bieten, mit Holzwolle behslien: aber auch diese ist nicht immer zu haben und tut aubeewärtS gut« Dienste. In der nächsten Zeit mirb nun das Stroh weniger reichlich als bisher zur Verfügung flehen. Wir haben eine verhältnismäßig stroharme Ernte gehabt. Der Roggen

stand nicht hoch und die Gerste gibt noch weniger an Stroh auS. Was da ist, wird zum größten Teil als Futter Verwendung finden. Nun beißt es, sich bet Zeiten nach einem guten, gesunden und in großer Masse vorbandenen Ersatz umsehen, damit die Bettsäcke unserer Soldaten nicht immer magerer und dünner werden und schließlich an Schwindsucht ganz dahinsiechen. Und da bietet sich als ganz vorzüglicher Ersatz ein von und trotz aller im Kriege er­lernten Sparsamkeit noch nicht genügend geivürdigteS Hilfsmittel tar: das ZeitungSpapier. Tie Engländer haben den praktischen Wert dieser gemaltiaen Menge mit Druckerschwärze bedeckter Blätter, die wir achtlos beiseite werfen, schon lange erkannt. An der Spitze vieler englischer Zeitungen liest man die dringendeAuf- forderung, das Papier sorgfältig auszuheben und da und dort ab- zulicsern. Das Gleiche soll nun auch bei un8 geschehen, damit unsere Soldaten in diesem Winter weicher gebettet werden können. Durch eine kriegSininisierielle Berfügmig ist, wie wir hören, die Anregung gegeben, alles Zeitungspapier, soweit es in den Hans- haltungen entbehrlich ist, zu sammeln und den Garnisonverwaltungen der einzelnen Städte und Bezirke zu übergeben. TaS ZeitungS- Papier dient dann, in Schnitzel zerschnitten, als Ersatz für Lager­stroh; mit den Schnitzeln werden die Bettsäcke gestopft. Unsere Krieger erbalten dadurch eine weniger harte- nnd vor allein gesunde Lagerstätte, denn das lästige Ungeziefer, das im Stroh gern Unter­schlupf sucht, meidet ja glücklicherweise das Papier. Also: Ihr Hausfrauen, und alle, die ihr ein warmes Herz für unsere Soldaten habt hebt jedes Stückchen Zeitungspapier aus und liefert eS an die Garnisoiwerwaltungen ab! Ihr helft dadurch mit, daß unsere Krieger nach den Mühen und Anstrengungen deS TageS eine hygienisch einwandfreie und gute Lagerstatt finden, um auSzuruhen und neue Kräfte für die heilige Sache des Vaterlandes zu sammeln!

* A m u l e t t e bei den Türken. Diese werden ziemlich allgemein als Schutzlnittel gegen den bösen Blick getragen,, dessen Wirkungen in südlichen Ländern gefürchtet finb. Kinde?» ins­besondere soll der böse Blick schädlich, ja rötlich sein können. Keine Mutter bringt ihr Kind inS Freie ohne Schlitz hiergegen, d. h. obiie Talisinail oder Tie türkische Legende führt de«:

Talisiiiail auf die Zeit Mohammeds zurück. Die Talisrnane sind von verschiedener Größe. In der Regel sind es abgerlmdete, vier­eckige Plättchen von hartem Stein, Achat, Carneol, Jaspis usw. mit einem Bannspruch, der meistens auf Allahs Macht, Güte nnd Hilis- bercttschast sich bezieht. Die besondere Wirkung eines Talisman hängt von der Heiligkeit der Inschrist ab, oder er n: einem heiligen Scheich gehört haben oder a»§ Mekka gekommen und dort an den: schwarzen Stein der Kaaba gerieben sein. Ein wirksames Dtittel gegen den bösen Blick soll der Alaun abgeben, und gar oft wird ein kleines, glattes Stück, mit Oiiaslen verziert, obelr an der Mütze des Kindes befestigt. Alls dieselbe Weise und zu demselben Zweck wird eine Quaste mit kleinen Muscheln und Kügelchen ge­braucht. Kamele und Pferde tragen stets eine Schnur »nit Glas­kügelchen, Muscheln oder Steinche>: um den Hals als Schutz gegen das böse Auge. Dergleichen Zieraten sollen offenbar den Blick auf sich lenken und ans diese Weise beivirken, daß der Gegenstand, den sie zu schützen bestimmt sind, der Beobachtung lind dem Neide entgeht. Jedenfalls hält die türkische Mutter ihr Kind, das sie mit Amuletten geschmückt hat, geleit gegen alles Unheil. Der Fremde täte nicht gut daran, ein hübsches Türkenkind aus nächster Nähe freundlich anzuschauen oder zu bewnitdern. Entschlüpst ihm gar der unvorsichtige Ausruf:Ne Gtizel tschodschuh 1 (Welch süßes Kind!), so muß er, um das angestistete Unheil zu mildern, ent­weder das Kind anspucken oder mindestens ein Maschallah (wie Gott will) ansrllfen. Nimmt der Türke das Kind eines anderen uf den Arin, so sagt er: »Im Namen GosteS des Allbarm- ^rzigen, des Erbariners". Hiermit sind alle bösen Einwirkungen ^schworen.

viichertisch.

Kürschners Bücherschatz. Der neueste, soeben er- schienerle 1027. Baiid der Sammlung bringt einen überaus iesseln- bett und spannenden Roman von Wilhelm BergerEbbe nnd Flut", der mit vollem Recht unter die besten Schöpfungen des bekarmtei: Erzählers einzureihen ist. Bei dem bittigel: Preise von 20 Psg. wird sich auch dieser Band vonKürschners Bncherschatz" viele Freunde errverben und namerltlich viel an unsere in: Fetndeä- lande kämpfenden Truppen gesandt werden.

Geographischer verschredrätsel.

Sachsen Berlin Leitnieritz Troppau Wels Pose,: Mannheim.

Vorstehende Namen sollen derart u,:tereinal:der geschoben werden, daß eine Bnchstabenreihe, von oben nach unten gelesen, de» Namen eines Alpenpasses ergibt.

.Auflösung in nächster Nummer.

.Auslösung des Versteckrätsels in voriger Nummer.:

Bei guten: Wind ist leicht segeln.

SLristleitung: Aug. Goetz. - RotatioilSdruck und Verlag der Briihl'schen UntversitätS-Buch-- und Etelndruckerei, R. Lgnge, Gießen