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Aber vor zwei Fahren, wie er da mal oben im Wald rumbummelt und von gottweißwas träumt, stolpert ec über einen Stein, und toie er sich den Schaden besieht, ist's der schönste Basalt. Hat der Glückspilz einen kolossalen Steinbruch entdeckt, von dem kein Mensch eine Ahnung gehabt, in allernächster Nähe des Orts!"
„Wo?" Und Bertsch blieb stehen.
„Droben aus dem Jägerkopf."
„Und der Bruch ist wirklich ergiebig?"
,Mlonn, er kann ihn nur nicht genügend ausnnhen. Zu wenig Abnehmer hier in der Gegend. Aber er könnte Pinszig Waggons dem Tag und mehr liefern."
„Ausgezeichnet!" In Bertschs hellen Augen blitzte es auf, überlegen. „So werde ich also ein gutes Geschäft machen mit dem Schlummerkopf — sobald's so weit ist."
Und sein Technikerblick lag prüfend drüben auf dem Haitg, schätzte Distanzen und Gefälle ab, berechnete und konstruierte, und sah bereits die künftige Drahtseilbahn zur Grube hin mit den hoch durch die Luft schwebenden Mrderkörben — in unermüdlichem Kreisen.
„Was sagst du übrigens zu der Magri?" klang es jetzt Von seinem Begleiter herüber. „Hat sich rausgemacht, das Mädel — was?"
Irgend eine zustimmende Bewegung bei Bertsch; seine Gedanken waren noch immer bei drin Basaltbruch.
. c Ober ste weiß auch, was sie wert ist. Der Steinfliesen wird keine Seide bei ihr spinnen."
Bertschs Blick kehrte langsam von der Höhe drüben zurück.
„Steinsliesen — so? Hat der Absichten mit ihr?"
„Na, das hätt'st du doch schon merken können!"
„Und sie?"
"Es wird ihr schließlich wohl nichts anderes übrigbleiben. Sie hat sa keine Wahl hier. Der Alte hat ihr im Grunde einen recht schlechten Dienst erwiesen, als er sie nach Wiesbaden ins Pensionat geschickt hat. Nun ist sie zu schade für die Bauern hier."
* Irisch nickte. Dann fragte er nach einer Weile gerade heraus: „Warum heiratest du sie nicht?"
„Ich — daß mich Gott bewahre!"
„So bange?"
heirate^^ hoch meine Ruhe haben, wenn ich mal
-c/3“ Vilich!" spottete Bertsch. „Die Zipfelmütze über die Ohren ziehen und schnarchen! Philister du!"
„Es kann doch nicht jeder ein Heros sein. Uebrigens, wer weiß, ob du selber noch fertig werden würdest mit einem Frauenzimmerchen wie der Magri!"
,Gerhard Bertsch lachte nur, aber es ging wie ein Straffen durch seine starken Glieder. Eine spielende Lust am Kampf und Kräftemessen. '
m einem leisen Seufzer gewahrte es der Arzt; halb Neid halb Bewunderung. Danu schob er die goldene Brille zurecht.
"5? r7E angelangt bei meiner keuschen Jung gesellen klau se/ Und er öffnete die Haustür. „Tritt em, Heraklide, über die Philisterschwelle!"
Gerhard Bertsch schritt unten auf der zehnten Sole durch das Dunkel der Strecke. Die schweigende Nacht der Tiefe umfmg rhn. Nur das spärliche Licht der Gruben-
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Bertschs Schritt, der sonst stets vorwärts drängte in ^lberider Tatkraft, hatte heute etwas Zögerndes, und der Kopf hatte sich ihin gesenkt. In Gedanken wenig ftoher Art.
Die Reise nach Köln, von der er soeben heimgekom- immer nicht die Entscheidung ge- bracht. Wohl hatte auf der Landesbank das Gutachten des Sachverständigen über das von ihm festgestellte Erzvorkommen befriedigt. Man war unten auf der zehnten Sole hinter emer Ueberschiebung im Gebirge, vor der bisher stets halt gemacht worden war, auf sein Betreiben weiter vorgedrungen und hatte einen ungewöhnlich mächtigen Erzgang angefahren, der offenbar identisch war mit dem wertvollsten und ergiebigsten des ulten Abbaufeldes. Aber man hegte trotzdem auf der Bank Bedenken, deun dieser Gang
markscheidete mit der Nachbargrube, dem Erbstollen. Rcchts- schwierigkeiten waren vo?i dort zu befürchten. „Sobald die Sache auch nach dieser Richtung einwanosfrei geklärt ist, sind wir für Sie zu haben, vorher aber — nichts zu machen!" Mit diesem Bescheide des Bankleiters hatte Bertsch abreisen müssen. Das war das ganze Ergebnis der vier Tage in Köln gewesen, aus die er so gebaut hatte. Volle Verwirklichung seiner Pläne hatten sie 'ihm bringen füllen, und nun das!
Diese traurigen Bankmenschen! Kälte Rechenmaschinen. Wenn er ihnen doch von seinem verzehrenden Drang zur Tat, von seinem unerschütterlichen Vertrauen zur Sache etwas in die verschrumpsten Lidern hätte gießen: können. Nur frisch zupacken, und man hatte gewonnen Spiel hier. Aber fing man's so an, wie die in Köln, kam man vor lauter Uebervorsicht und Rückendeckung erst gar nicht zum Angriff, dann ließ man ja den andern Zeit, einem vorzukommen. Es wurde gerade schon genug geredet im Grunde von seinem Vorhaben. Da mußten ja selbst Schlafmützen! die Augen einmal uufgehen!
(Fortsetzung folgt.)
Aus Hessens vergangenen Tagen.
Vortrag, gehalten von Stadtv. Dr. Ebel in der Festsitzung der Stadtverordneten vom 29. September.
Der gegenwärtige Augenblick, in dem unsere ganze Aufmerk- >Ekert, unsere ganze Seele gefangen genommen ist von den Geschehnissen des Tages, scheint wenig geeignet, uns rückschauend zu versenken in vergangene Zeiten. Wenn wir niitten in einem Kampfe von unerhörter Ausdehnung und unerhörten Opfern, wie ihn me Geschichte noch nicht ausgezeichnet hat, in einem Kampfe, m dem alle fünf Weltteile Streiter ohne Zahl urrd gewaltiges Aft^Osgerat aussenden, um ein einziges Volk zu vernichten, unsere Blicke lenken in die Tage, deren Gedächtnis wir heute erneuern, dann wollen uns diese Ereignisse, so blutig und bedeutungsvoll tut unsere engere Heimat sie waren, vielleicht klein und unbe- deutend erscheinen, kaum wert, daß man sich ihrer erinnert. Und demwch wird uns eine solche Betrachtung auch in dieser schweren Zeit Befriedigung gewähren können. Sie wird uns mit Stolz erfüllen auf die Tüchtigkeit unseres Hessenvolkes, das in Treue zu fernem Fürstenhause ihm mit Leib und Leben geholfen! hat, eine die Jahrhunderte überdauernde dem Lande Glück und Segen gewährleistende Herrschaft aufzurichten, mit Stolz auf die Tüchtigkeit unseres Stammes, der allen Wechseln des Geschickes znm Trotz sich auch aus den Zeiten tiefster Not immer wieder mit zäher ungebrochener Kraft erhob, um inmitten des deutsckien Kulturvolkes einen Staat zu bilden, den heilte als wertvolles Glied des Reiches niemand missen mag. Und mit Genugtuung dürfen wir den Wechsel der Verhältnisse empfinden. Damals das 2and von Parteiungen zerrissen, fast fortwährend vom Lärm de, Waffen erfüllt, der Bürger nicht sicher seines Gutes und seines Lebens. Heute kämpft Deutschlands geeinte Macht gegen die Heere der ganzen Welt, und dennoch leben wir in der Heimat nicht mel anders als im tiefsten Frieden.
Fäden verknüpften für uns Hessen das Einst uiid Jetzt. Dav Fürstenhaus, das den bestächen Staat schuf und heute noch Husens Thron ziert, hat seinen Ausgang genommen vom Lande Brabant. Lange dem Reich entftemdet ist diese Grenzmark heute durch deutsches Blut erobert, und hessische Landesküider halten die Wacht rm Stammland ihres Fürsten. W^den hier Hoffnnngm wach daß sich auf's neue binde, was einst gelöst ward? Noch ist es zu frühe, davon zu sprechen! >
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Wenn wir die Bedeutung des Ereignisses, dessen Andenken wir heute feiern, richtig verstehen wollen, müssen wir die Entstehung der Landgrafschaft Hessen in der zweiten Hälfte des 13. Zahrhunderts ein wenig genauer betrachten, ft* r? 1 ! ^l anQ eigentlichen hessischen Geschichte steht ein Fürst, der brs zum Auftreten Philipps des Großmütigen der iikfe hgfte jmb zugleich der volkstümlichste Herrscher geblieben ist« Heinrich I„ das Kind, von Brabant. 1 *
SBet war der Fürst und welches war das Gebiet, das er -um Staate zusammenzufasscn unternahm? Beginnen wir mit dem Land! ,
. * 3™ Anfänge des 12. Jahrhunderts finden wir große Teile des Oberlahngaues, der sich am Oberlauf der Lahn bis in unsere Gegend erstreckte, und des fränkischen Hessengaues, des Gebietes an Eder, Schwalm und r^ulda, rm Besitz zweier mächtiger Grasen-, des .Wernerstchen und des der Gisonen. Graf Giso IV., dessen Güter hauptsächlich rm Oberlahngau lagen, erbte 1121 die im Hessengau gelegenen Besitzungen des letzten Grafen Werner, starb aber rm folgenden. Jahre selbst als der letzte seines Hauses^ Seme gesamte Hinterlassenschaft ging auf den Gemahl seiner ein- Ligen Tochter, Ludwig III. von Thüringen, den späteren ersten


