Montag, den 4. Gktobrr
Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
-„Danke ’—i es ist mir wirklich ganz gleich, wo Sie mich Unterbringen, Fräulein Magri — aber Sie hören sich wohl lieber Fräulein Marga nennen? Die altväterliche Rnfsorm ist Ahnen offenbar nicht genehm'?"
Sie hörte den Spott aus seinen Worten, da sagte sie schroff:
„Sie brauchten sich den Kopf hierüber überhaupt nicht zu zerbrechen, wenn Sie mich nennen würden, wie es mir zükäme."
„Gnädiges Fräulein also!"
„Das wäre wohl in der Tat das passendste --> wäre nicht diese Umgebung hier."
Es zitterte aus ihrem kalt ablehnende Ton doch leise etwas Wundes. Forschend sah er auf das verfeinerte, schöne Geschöpf und begriff plötzlich: ihr Stolz litt schwer unter dieser ihr anfgezwungenen Rolle der Wirtstochter. Da erwiderte er ernster:
„Sagen wir denn: Fräulein Reusch. Das trifft Nzohl das Richtige."
Sie trat indessen zum Fenster und ließ frische Lust hinein.
„Es war lange geschlossen," sagte sie wie zur Entschuldigung. Er aber antwortete nichts, sondern verfolgte nur ihre Bewegungen, wie sie jetzt mit erhobenem Arm oie verschobenen Gardinen wieder ordnete. Schön war sie geworden — ganz ohne Frage. Und dieses Rassige, Stolze cur ihr! Wck hatte sie das nur her genommen?
Er stellte sich das halbwüchsige, schmale Ding vor, als das er sie gesehen — damals, als er vor zehn Jahren das letztenral hier gewesen in den Ferien, noch als Student. Freilich, ein paar Augen hatte sie schon damals gehabt. Augen, in denen tausend Tenfelchen ihr Wesen trieben. Und plötzlich schoß ihm eine Erinnerung auf. Herrgott ja — daß ihm das erst jetzt wieder ein fiel.
Damals am letzten Tag auf der Kirmes! Es war lustig zugegangen -- so die richtige Bowlenstimmung — ba hatte er auch sie, den Backfisch noch im halblangen Kleidchen, in einer ausgelassenen Laune zum Tanz geführt. Weil ihn diese dunkeln Augen aus der Ecke der Halbflüggen her aar zu begehrlich verfolgten ihn, den flotten Studio, der oer beliebteste und vornehmste Tänzer gewesen auf dem ganzen Fest. Und das klein» Ding hatte getanzt, sich in seinen Arm geschmiegt —' ganz warm war's ihm dabei geworden. Da war's denn geschehen: Aie er sie wieder zurückführte ans dein Tanzzelt zu ihrem Platz, da hatte er sie auf dem Wege im Dunkeln plötzlich an sich gezogen, ihren Mund gesucht. Und sie hatte sich nicht sonderlich gesträubt. Im nächsten Moment aber war Lie ihn entschlüpft, " '
Dies kleine Abenteuer stand ihm jetzt wieder so lebeirdia vor der Seele, wie er sie so sah am Feilsten mit den schlanken, geschmeidigen Gliedern.
Ob auch sie wohl noch an jenes Erlebnis denken mochte? Und wenn — mit welchen Empfindungen? Berleugnete jetzt die kühl beherrschte Dame den wilden Backfisch von damals?
Sein Auge hing an ihr, auch Nun, wo sie sich unerwartet umwandte. Jetzt trafen sich ihre Blicke, und — war es ihm nur so, oder kam da in ihr Auge unter seinem Forschen plötzlich ein unsicheres Flirret! — wie erinnerrmgsbewntzt.
Aber doch Wohl nur eine Täuschung, denn Marga Reusch fragte wieder ganz mit ihrem selbstsicheren, zurückhaltenden Tone:
„Also, Sie nehmen die Zimmer?"
Er bejahte mit einem Kopfnicken und folgte ihr dann wieder hinab ins Gastzimmer.
Doch man blieb dort nicht mehr lange zusammerr. Doktor Herling zog seine Uhr und erhob sich.
„Gleich eins — da muß ich heim. Aber weißt du wandte er sich an Bertsch: „Komm mit zu Tisch."
„Wie — du bist verheiratet?"
„Nein, nur eigene Wirtschaft."
„Gott sei Dank — ich but nämlich als Tafeldekoration nicht sonderlich zu gebrauchen."
„So verwildert da drüben? Also höchste Zeit, daß du wieder in gute Hände kolnmst. Nun kannst du hier ja auch Umschau halten unter den Töchtern des Landes, als wohlbestallter Herr Direktor."
Bertsch lachte.
„Ich glaube, da habe ich Wichtigeres zu tun."
Marga Reusch, die rnit ihrem Britder und Steinsiefen abseits am Fenster stand und wie von ungefähr hernber- gesehen, ließ den Blick langsam wieder abgleiten —. ganz Gleichgültigkeit.
„Stolz lieb ich den Spanier!" zitierte Doktor Herling und griff nach seinein Hut. „Na, wir können das Thema ja zu Hanse weiterspinuen."
„Ich weiß noch nicht —" Bertsch warf einen Blick zum Fenster —, „ich hatte mir das Essen bereits hier bestellt."
„Ach, das läßt sich schon noch rückgängig machen, nicht wahr, Fräulein Marga?"
Das Mädchen nickte nachlässig zurück,
„Selbstverständlich."
„Also komm!"
Ein kurzer Llbschied, namentlich kühl von Steinsiesens Seite, dann waren die Freunde draußen. Da wandte sich Bertsch an den Doktor.
„Du —, was ist das eigenllich mit dem Steinsiefen, Der tut ja wahrhaftig, als war' er jemand."
„Ja, dem ist das Glück in den Schoß gefallen M wirklich sozusagen int Schlaf. Weißt ja, er war immer ein Schlttuunerkovf, Hat's daher nie ah was Rechtem gebracht.


