— 611
Der Amokläufer.
Bon Alfred B r a t t.
Suddhoo war indischer Soldat, dreißig "Jahre alt und Flügelmann in der elften Spahidivision, die in Bombay stationiert ist. Da Suddhoo kein Opium oder ähnliches Giftzeug rauchte, da er weder Bethel kaute oder sonst etwas Schmutziges ans dem Exer- ^ierplatz vor die Füße spie, noch nachts darauf ausging, einem' Weißen anszulauern, der sich in die labyrinthischen Gassen der Emgeborenenviertel verirrt hat, da er mit einem Wort das Muster eines indischere Soldaten war, wurde ihm des Aftern die Ehre zuteil, vor der großer: Kaserne im Westen der Stadt Wache zu stehen. Hochaufgerichtet stand er da, gravctätisch wie eine Pagode, in der prunkvollen Uniform, die Se. Erzellenz- der Bizekönig' den indischen Truppen zu verleihen geruht. Der Laus von Suddhoo s Gewehr blitzte in der Sonne, und um Bauch und Hüften hatte er den Ledergürtel.mit -zwei Reihen schöner Patronen geschnallt. Suddhoo war besonders stolz auf diesen Gürtel: denn er wußte nicht, daß der Vizekonig, der ein großer .Herr, zugleich aber ein schlauer Mann ist, durch einen Geheimbefehl dafür gesorgt hat, daß die Patronenhülsen der indischen Soldaten leer sind — leer wie taube Nüsse. Nicht, daß Man jemals einen indi- ichen Aufstand befürchtete, keineswegs; nur — Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, wie ein altes, auch in Indien bekanntes Sprichwort sagt. Einmal aber kam der Tag, an dem Suddhoo sich mit Recht seines Gürtels freuen durfte. Das war im Herbst des vorigen Jahres, als die elfte Spa hidi Vision mit vielen anderen indischen Truppen iiach Europa eingeschifft wurde, um an dem großen Krieg teilzunehmen. Von diesem Tage ab waren die Patronen der Inder gut gefüllt, und nlan sorgte dafür, daß sie es auch blieben.
Es war ein gewaltiger Transportdampfer, ans dem Suddhoo reiste, und die Offiziere warm sehr freundlich während der Ueber- fahrt. Tie Musik spielte jeden Tag, das Essen war gut, es war wirklich eine angenehme Zeit. Trotzdem m'an ja das alte indische Land weit hinter sich ließ und nicht so recht wußte, wohin nran ging und was nun kommen sollte.
Nach vielen, vielen Tagen legte der Dampfer in Port Said an, und Suddhoo ging an Laud. Er staunte sehr, als er Port Said näher in Augenschein nahm. Ein Mann, der die Welt kennt, hat einmal gesagt: Wenn es auf Erden eine Hölle gibt, so ist Port Said das Eingangstor. Vielleicht hat dies seinen Grund darin, daß Port Said an der Schwelle zwischen zwei Erdteilen liegt und den Leidenschasten beider Erdhälften Durchgang bietet: vielleicht weil... Doch was immer der Grund sein mag: Port Said ist eine Stadt von Schmutz, Schwindlern und Halsabschneidern, und cs war kein besonders guter Eindruck für Siiddhoo, daß dies sozusagen die Schwelle war, über die er in Europa ein treten sollte.
Suddhoo bezog im Hinterland Quartier und blieb dort drei Wochen. So hatte er genügend Zeit zum Nachdenken, und er kam zu dem Ergebnis, daß dies.ja nicht Europa war, daß Europa doch nu Norden lag mrd kalt war, aber voll weißer Menschen, die gut und gerecht genug sind, um ausnahmslos selbst vor dem Höchsten iit Reinheit zu bestehen.
Nach Ablauf von drei Wochen führte man Suddhoo und seine Kameraden wieder auf ein Schiff; und als ein Stück Zeit vergangen war, wurdem sie in Boulogne gelandet.
*
Ter Abend dämmerte, als die Inder über den Landungssteg nackn dem Bowlogner Hafenkai hinabstiegen. Der große Schwall des englisch-französischen Truppenlagers nahm sie auf. Sie kamen in ein Gewühl von Automobilen, die ratterten und fauchten: alle Wagen waren grau gestrichen, und aus vielen war ein rotes Kreuz gemalt. Schwere Batterien waren im Karree aufgefahren: große, ungeheuerliche Geschütze, mit denen die Kanonen daheim in den indischen Garnisonen garnicht zu vergleichen waren. Und dazwischen wimmelte es von. weißen Soldaten, Engländern und Frauzo,eu. Und zahllose Oftiziere waren da, die das Alisschiffen übernachten. Weit rückwärts dehnte sich das feste Lager. Die Zelte leuchteten weißlich-grau in der cinbrechenden Dämmerung Die indischen Truppen ließen die Stadt hinter sich — mit ihren gedampften, im Nessel glasenden Lichtern — die Stille nahm sie auf, ^jie marscküerten in die Nacht hinaus.
Suddhoo blickte zum Him'mel empor, in dessen schiveigendeM Gewölbe die Sterne kalt strahlteil, wie kleine, glänzende Eis- knstalle. Eine seltsame Beklemmung befiel ihn, und er senkte den Blick wieder zur Erde.
. ^oann ein Mann in tanggezogenen Tönen ein
Uidisches Lied; em zweiter iiahm die Melodie auf, ein dritter folgte, und büld sangen alle int Takt ihrer schleifenden Schritte. Ganz seltsam fremd tönte das Lied auf europäischem Böden, ergreifend und unsagbar traurig.
.. frwn, wie kann, ach, wie kanil der Mond der Lotosblume
0*6 gesteheii, wenn das Tor des Himmels verschlossen ist,
und die Wolken zum Regen sich sammeln? . . ."
. w'.'r e We- unter die ich mein Herz gelegt, sind schwer rn Eisen gekettet ..." ,
„Rufe den Schützen, daß er den Bogen bereit hält — . "
SV’S tausendfältige Klage war es, von taufenb. Seelen in btc Nacht gesandt. Manchmal blitzte längs des Weges ein Schein
werfer auf: ein Automobil sprang schnaubend aus dem Duiikel, wie ein Blitz flog es vorbei und mar eine Sekunde später wieder knatternd in der Finsternis verschwuiiden. Der Mond verkroch sich hinter den Wolken, die Sterne erloschen hinter Schleiern, und ein kalter Regenschauer fiel auf die Erde herab. Einmal brauste und surrte etwas gespenstisch in der Lust; die indischen ' Loldaten duckten sich im Schritt vor dem dämonischen Vogel, der über ihnen dahinstrich. Aber et» Offizier erklärte ihnen, daß dies nur eine Luftmaschine sei; weder eine böse Gottheit, noch sonst etwas Uebernatürliches.
Spät nachts hielt der lange Zug einmal an, um eine Saniräts- kolonne vorbeizulassen: Planwagen hinter Planwagen, aus denen die Beine der Verletzten im wandernden Licht der Laternen herabbaumelten.
Weiter ging der Marsch. Ein kühler Wind hatte sich ausgemacht und zerrte an den Turbanen. Der Regen nahm zu. Ter Gesang war längst verstummt. Schweigend schritten die Inder oahln, mit fröstelnd einporgezogenen Schultern und gesenkten Köpfen.
D-as war also Europa . . ,
*
— — — Nachts. Auf lehmigem Grund zwischen verkümmerten Büschen, hinter der Feuerlinie im flandrischen Gebiet. Hier war das Feldlager aufgeschlagen, in dem Suddhoo und und seine Genossen rasteten, in den kurzen Pausen, die man ihnen zwischen den Kämpfen gönnte. Die Jiider fochten mit Mut. Auch sonst ging alles so ziemlich in Ordnung. Doch nachts, wenn die indischen Mannschaften, nach wochenlangem zäheni Ausharren in der Feuchtigkeit der Schützeiigräben, um die Feuer zwischen den Zelten kauerten, ging es manchmal wie ein Raunen in den Lunten der Heimatsprache von Mund zu Mund. Die älteren Männer wiegten unruhig die Köpfe, und die Jüngeren starrten verdrossen in die Flammen. Unb mancher Fluch wurde unterdriickt, in manchem Auge glomm ein Funke, Manche Stirn neigte sich düster dem Erdboden zu. Das war das von Mann zu Mann gernurmelte Urteil, das die Inder über die Weißen sprachen; das war die Aufwallung gegen das Mutterland, gegen große ferne Mutter", wie man in Indien sagt, — gegen me Regierung, die, während sie selbst auf ihrer Insel saß, sie hierher geschleppt hatte, unl zu kämpfen. Wofür?... warum?...
Die Inder empörten sich nicht; die Müdigkeit ihrer alten Rasse war noch gedrückter, noch dumpfer gelvorden unter dem heulenden Dröhnen der Geschosse, unter dem Entsetzen der modernen Schlach- ten, unter dem strengen Kommando der englischen Offiziere. Doch ein heißes Gefühl stieg langsam in ihwen auf; und dieses Gefühl wächst und breitet sich aus in der Brust der indischen Loldaten, bis es eines Tages — an einem Tage, den niemand * ain t — vielleicht zur Flamme ausschlagen Mag.
Düster saß auch Suddhoo am Lagerfeuer, die Augen glanzlos aus me knisternden, sprühenden Ajeste gerichtet. Auch er gehorchte \—
Ae seine Kameraden; doch eine tiefe Bitterkeit, die sich wie ein Gift in ihm gesammelt hatte, machte ihn sich selbst fremd, umnebelte ihn in eine unheimliche Verschlossenheit.
Plötzlich kam Unruhe in das stille Lager; ein Gewirr von Geräuschen — Räderknarren, Klappern von Pferdehufen, laute Muuweu. Es war ein Transport aus der Feuer'linie, der in- discke Verwundete einbrachte. Die Tragbahren wurderi abaesetzt, in langeil Reihen standen sie zwischen den Feuern, die hoch aufloderten, wie OpferflamMen. Und im zuckenden Spiel der roten Lichter und tiefen, schwankenden Schatten, die der Wind aus dem er !ti über den Platz tteiben ließ, erschienen die
gelblichen Gesichtszüge der Schwerverwundeten doppelt eingefallen, doppelt knochig und bleich. Frisches Blut sickerte aus den eilig aufgelegten Notverbänden, mancher Turban war rot von schweren Blutstropfen, die über schweißige, ohnmächtige Stirnen herab- traufelten.
Suddhoo hockte an seinem Feuer, die Knie emporgezogen, den Kopf gestreckt. Er blickte in die von Qualen und Bildeni des Schrecks gezeichneten Gesichter seiner Brüder, in weit anfgerissene oder matt verschleierter Augen. Und in der nngeivissen, beweg- »uastung des nächtlichen Lagers schien alles — Erde und Gewänder, Gebüsche und Uniformen, Blut und entblößte, zerlchmetterte Glieder — mit aufgelösten Farben ineinander zu wogen. Ein Bild von roten, braunen, Weißen und schwarzen: Tönen glühte vor Suddhoo's Blick empor. Er sah den ganzen Summen Jammer seiner stummen Brüder, er hörte Tritte, Stöhnen und Ae halblauten Stimmen der Sanitätssoldaten, er sah einen englischen Arzt zwischen den Bahren umhergehen, und einen Leutnant der etwas abseits stand, eine brennende Zigarette im Munde. Suddhoo streckte den Kopf noch weiter vor, aus dem Bild vor seinen Augen fachte eine schwelende, kreisende Hitze, die sich ihm lodernd m Herz und Hirn einfraß. Er reckte die Anne, stieß ein gedehntes „A—t" aus — und sprang empor.
Ja — und in diesem Augenblick, der aus dem stillen, schwermütigen Inder ein Wesen der Hölle machte, begann Suddhoo» Amok zu laufen. >
Jedermann lveiß, was der Amoklauf bedeutet: ein plötzlich ausbrechendes Fieber, eine Art temporären Wahnsinn, der den Befallenen so elementar und mit solck>er Muckst ergriff, daß man glauben könnte, das Fegefeuer selbst l)abe einen verhexten Glut strahl m ihn geschlendert. Diese seltsame Ersckwinnng. oie man nur


