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weilten sie ferne der Heimat und nun sehen sie diese zum erstenmal wieder, nach einer langen und schweren Zeit. Die Schmerzen lassen nach und die Augen glänzen, ivenn die deutschen Fluren -u den Fenstern des Lazarcttzuges hereinarüßen. Sie hören deutsche X.aute. deutsche Frauen und Mädchen winken ihnen zu — deutsch, Autsch tft alles, was sie hören und sehen. Da zieht ein heiliges Beivnßtsein in ihre Herzen: Deutsch und Heiniat — wie txißt ihr zusammen. —
lageil wir läiigs einer französischen Heeresstlaße im Schützengraben.Es war die Nacht über ein warnier Regen gefallen und als der Morgen graute iahen wir, daß die Knospen gesprungen lvaren und wie ein endloses Band zog sich die Bauin- rerhe oer Landstraße im hellgrünen Frühlingsschmuck durch das ä^and Es war Frühlmg geworden über Nacht. Als dann die Strahlen der Morgensonne die jungen grünen Blättckien vergoldeten, schlich sich einer nach dem andern nach dem Ausguck, den nur uns gebaut l-atten, und spähte vorsichtig über die Deckung dem ersten Gruß des Frühlings. Frühling in Feindesland — 100 Meter vor den todspeienden Gewehren der Franzosen Ta wurde m aller Herzen die Sehnsucht nach dem Vaterlande lvach, und wie ein heißes, stilles Gebet stieg es zum Himmel auf: §E^6vtt, schenke uns auch in Deutschland lvieder einmal einen Frühling. —
i , Feldgottesdienst. Die Kompagnie ivar angetreten, über uns lachte cm blauer wolkenloser Himmel uud erwartungsvoll standen wir im Halbkreis um den Feldgeistlichen, einen echten markigen Sohn unserer Heunat, geschmückt mit dem schlickten Kreuze aus Eisen. Und markige Worte waren es, die er zu uns sprach. Er war vor kurzem in der Heimat geivesen und führte uns nun) tn die Predigt cingeslochten, heimatliche Bilder vor Augen. Wir standen und lauschten, sogen begierig jedes Wort in uns ein und Porten aus jedem einen Gruß vom ferne» Daheim. Wir hörten das Rauschen der deutschen Wälder, das der GeisUick)e unA schilderte, wlr gingen mit ihm am Ufer des murnielnden Baches dahin und
horten init ihm das Schlagen der Amsel im Gebüsch. Ach _
Ddö Herz wurde uns so weit, uiid wohl nie ist das schönste Lied der Deutsche,i Mit mehr Begeisterung und Jmbrunst gesungen worden als damals, da nach beeiidigter Feier die Kapelle: „Deutsch- rkrud, Deutschland über alles" anstimmte. —
Unsere Kapelle! Wer sie von den Friedenszeiten her noch kannte, wußte was sie leisten kann, aber ihre schönsten Lorbeereil hat Ue sich doch erworben, als sie den deutschen Kriegern fern der Hermat ihre Stücklcin blies. Zerbeult und verwettert sahen die Instrumente zwar aus, nichts mehr erinnerte an die Tage des Glanzes und der Triumphe, aber die Töne ivaren noch rein.
v ""r zu gern lauschten wir dem Konzert unserer/
braven Musiker. Spielten sie gar Volkstveisen, nicht das blöde LU^mander moderirer Gasseuljauer, sondern Weisen, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt hatten uiid uns allen wohl- bekannt waren, dann kannte die Freude und Begeisterung keine Grenzen mehr. Erst einzelne, dann mehrere und schließlich alle sangen die lieben trauten Lieder mit. Und siehe, auch hier grüßte uns die Heimat wieder! — .
. ^ anim Ihr,.die Ihr in der Heimat bleiben mußtet, seid Nicht nur freiurdlich zu denen, die vom Felde kommen, die mit all die Schönheiten ihres Vaterlandes neuer
? ftch,aufleben lassen, sondern zeigt ihnen, daß auch Ihr gelernt habt m diesen Tagen der Not Euer Vaterland zu sre wieder hinausziehen, wissen, daß die dghnm das zu s ch a tz e n verstehen, für das sie kämpfeii und bluten vre Heimat!
<. Dorm dies e s Wissen gibt unseren Tapferen in Ost und West die Kraft zu kämpfen und zu sterben. — 1
Adolf Oberländer.
Zu seinem 70. Geburtstage, 1. Oktober.
Lldolf Oberländer — bcn Nanren nennen heißt eine ganze Welt
f heraufbeschworen, deren jeder Deutsck-e mit lächelnder Dankbarkeit denkt. Eine Welt von überspannten Dichterlingen, bärbeißigen hilistern, schwärmerischen Backfischen, gezierten Weltdamen, von chwiegermittterii und Svniitagsjägern, von behäbigen Rentnern und listigen Schulbuben, denen sich daun noch eine ganze Arche Noä von allerlei Tieren ziigesellt Die Menschen dieser Welt tragen jenen Anslug fröhlicher Uebertrelbung, die dem Humoristen gestattet ist, aber ihrem inneren Wesen nach sind sie loalyr, daß wir ihre Vor- bil^r in unserer nächten Nachbar,ck-ast und Bekanntsck-ast zu entdecken meinen. Und wre sie menschlich wahr sind, so sind sie es Elck) küuirlerisch. Mit Wilhelm Busch teilt Meister Oberländer deil treien kunlUer-iscyen Ernst, die Gediegenheit des Studiums und r auf der seme künstierische Ueberlegenheit und Schlag- h SZ\ mb rc b cl^ bie Fähigkeit dankt, das Typische und Kcnii- zeichnende der Erscheinungen in wenigen Linien zusammenfassend S^/erne'n Jahrzehiite etwa ist ia neben Oberländer dem ^ Maler zur Geltung gekommen: seine
^ ^ tvcrdeii nicht mehr überseljen, sondern
L^^oisseii jetzt, daß in ibnen eine Feinheit der Farbe und eine Frische und Unmittelbarkett der Natiirbeobachtung niedergelegt ist
^ ^bibl, Trübner und des früheren Thoma ritckt. Schon vor mehr als 25 Jahren übrigens hat ein
so ausgezeichneter Keiiner, ,vie Mols Bayersdorfer, das gewußt, der es nicht verschmäht hat. Oberländers erster Biograph zii werden.
Regensburg,ist Oberleders Vaterstadt, und an seiner Wiege hat die Kunst gcltandc'n, aber nicht die Malerei, sondern die Musik denn sem Vater war Organist. Mein er lstitte den Sohn liebc'r im kaufmännischen als in einem künstlensckjeii Benife gesehen und erst nach manckwi'lei Schiineri<stkeiten und Weiteniiigen durfte der junge Oberländer — er war damals 16 Jahre alt — die Münchener Akademie beziehen. Zwei.Jahre später knüpfte er die Verbindung mit den „Fliegenden Blättern" an, die bekanntlich dann jahrzehnte- lang me klassische Stätte der Ober tän berschen Kunst gebildet haben. Inzwischen studierte er an der Madenne ruhig weiter und erlangte schließlich Zutritt bei Piloty, der den echten Talenten der Münchener ?llademie bekanntlich damals den letzten Schliff und die letzte Reise gab. Daß Oberländer zu diesen Talenten gehörte, das merkte Piloty wohl, aber in die bei ihm damals übliche große Geschichts- malerei paßte der Regensbikrger Organistensohn allerdings wenig hinein, und eines Tages entschloß er sich kurz, diesem ganzen/ Wesen deil Rucken zu kehreil und nur zu machen, lvozu er sich selbjt gedrängt fühlte. Das rvaren jene kleinen Bilder. Das waren jeneii kleinen Bilder, die frntt so geschätzt und — so gut bezahlt u>cr- den, während man damals für sie gar kein Auge s>atte. Der Hängen ausschuß machte diese kleinen Stücke denn auch regelmäßig tot, und Oberländer selbst r>at einniat in einer seiner Zeichnungen mimorvoll geschildert, wie maii es anfangeii nrüsse, um ein Ober- lau der-B st d zu sehen: indem man drei lxmdseste Packträger einander auf den schultern stehen läßt uud den obersten erklettert — dann befindet man sich dem gewünschten Bilde gegenüber. Schließe lich hatte Oberländer genug davon, Bilder zu nialen, die niemand sah und die, ctit paar englische Kunstliebhaber ausgenommen, auch niemand kaufte, und er warf sich ganz auf die Zeichnung. Ta wuikte ihul denn freilich der Erfolg ziemlich schnell. Jahrzehnto- laug war Oberländer mit seinen Zeichnungen der große Trumpf der Fliegenden Blätter, und immer von neuem setzte er seine Bewunderer durch den Reichtum seiner Motive, die Originalität seiner Emfälle und den ßeistvolleii Schivung der Ausführung in Entzücken. Dabei saß ibM der Schalk immer gründlich hinteü den Ohren, und Une er Art ktnd Unart der Kunst seiner Zeit in semer glanzenden Zeichnnngsrerhe „Der .Kuß" schlagend zil 7enn- zeichneil verstand, so wugte er in den unsterblichen Bubenzeich- Nuugen des kleinen Moritz so manche kleine soziale Idylle des Ed- Mid ^>chullebens mit prächtiger Ironie zu beleuchteir. Schließlich aber fehlt seinem Werke doch jener etwas bitter-« llche Beigeschmack, den Büschs Zeichnungen kaum je verleugnen. Busch war rm Grimde eiu Menschenverächter (vielleicht ein Mensch enverächter aus Menschenliebe, aber für Oberländer, den großen Tierfreund, ist die liebe Menschheit, scheints, eine Art zoologischer Zarten, deren Insassen er sich mit immer neuer, immer wacher Neugier- aufmerksam, zuweilen kopfschüttelnd und oft lächelnd 5c* trackstet. Darum werden auch seine Tiere so oft meiischlich lind dafür die Mnischlein erschecneil mehr als eininal m Tiergestalt. Meister Oberländer ist so respektlos zir finden, daß die Grenze zwischen Mensch und Tier gar nicht so fest und unverrückbar besteh^ wie es das Selbstbewilßtsein der meisten Angehörigen der Gattiina Homo sapieiis gern Wort haben möchte.
vermischte-.
* Die Stadt der Armut und der Trauer. Eine interessante, weil fur die in Serbien herrschenden Zustände be- zeichnende Schilderung von Risch, da« für die Kriegsdauer an- stelle Belgrads zur serbischen Reichshauptstadt erhoben wurde, ieudet ein Berichterstatter des seme», Blatte: „Risch ist wahr
haftig eine sehr traiirige Hallptstadt. Tie wenigen Stenbanten die man erblickt, sind-prtmitiv. billig und schlecht allsgesnhrt. Auch die Einrichtungen der Hätiser sind mehr als bescheiden. Selbst die königliche Residenz macht einen kläglichen Eindriick. Es erscheint unbegreiflich, wie die Regiernilg sich ui einer so armen Stadt ein- znrichten vermochte. Ich habe nur das Kriegsministertnm besuchtes beseht aus sechs Zimmern l Infolge des Raummangels wurden viele Bureaus in anderen Srtschaften und im Hauptquartier unter-. gebracht. Es versteht sich, daß dies nicht geeignet ist, die Er- ledignng der StaatÄgeschäfte zu erleichtern. Bei einem Spaziergänge durch die dnsleren Straßen erblickte ich eine Ta^el mit ter Auischrist: Frauzöstscher Klub. Ich kletterte die Treppen empor, fand aber nur einen Diener in dlimp er Verlassenheit. Ich konnte nur erfahren, daß die tn Serbien lebenden französischen Unternehmer. die gleichzeitig mit der 9tegternng nach Risch nbergesiedelt waren, diesen „Klub" gegründet hatteik. Tie Kaffee- und Gasthäuser in Risch sind erbärmlich. Ebenso ist es mit den Hotels bestellt. Ich beklage jeden Menschen, der gezwungen ist, länger als einen Tag darin zu wohnen. Als ich den Bürgermeister der Stadt über die Gründe dieser trostlosen Zustände befragte, erwiderte er: »Seit 5iriegSansbruch batten »vir uns um andere, ditnglichere Dinge zu kümmern. Zuerst galt es, die Regierung unterzubrtngen; dann mußte das Verteidigungsivesen in Stand gesetzt werden; und schließlich trat die Sorge für die Verivimdeten und Kranken m den Vordergrunds Aber all bicie Kn^gssorgen sind nichts im Vergleich mit den schiveren Prüfungen, mit denen die entsetzliche TyphnSepidemie die Bewohner von Risch heimgesucht hat. Ganz Serbien war verseucht und es mangelte überall an BekämpfungSmilteln. Es gab


