Ausgabe 
30.9.1915
 
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weder genügend Aerzte noch Pflegerinnen. Die von der Krank- heit Ergriffenen stürzten zu Hunderten in den Straßen nieder und lagen so oft viele Stunden lang, bevor ihnen Hilse gebraut werden konnte. In ganz i) lisch ist wohl kein einziges Gebäude verschont geblieben, manches HauS beherbergte allein zwanzig Kranke. Die Züge fuhren mit Wagen voller Totkranker ein. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Auch der Bahn os war bald belegt. Tie Sterb­lichkeit war ungeheuerlich; es gab.390 und mehr Todesfälle an einem Tage. 30 Prozent der Aerzte fielen der Epidemie zum vpier. Dabei gab eS anfangs tm ganzen Königreich Serbien 315 verfügbare Aerzte iür eine Bevölkerung von o Millionen 1 Erst fra :zösifche, englische und Hilfsaktionen des neutralen Noten Kreuzes vern,schien eine allmähliche Verminderung der Epidemie herbei- zilsühren. Auch heute ist der Typhus noch nicht ganz verschwunden. . . . lleberall in Nifch hat man den Krieg vor Augen. Di: Gaste in den Kaffeehäusern haben fast alle ihre Gewehre neben sich ge- stellt Allenthalben zeigt sich die pri,nitive Art dieser Volks­organisation. Alles ist tm Kriege und der Krieg ist überall."

* Wie derZar den T a >n p s h a m in e r n l cl) t sah... Nachdem Zar Nikolaus II. höchstselbst das Kommando feiner Heeresreste mit derRückwärts, rückwärts, Don Rodrigo-Taktik" übernommen hat, wird er sich auch etwas um militärische Tinge fftmmem müssen. Vielleicht geht er aurf) einmal nach England, ui« sich über Geschütz- und Munitionsfabrikation zu unterrichten. Da könnte es freilich sein, daß er trotz der gegenwärtigen Bundes- gemeinschait ähnlich bittere Erfahrungen machte, luie sie sein Vor­gänger gleichen Namens auf den, Throne, Nikolaus I., dein der Krnntrieg das Herz brach, anno 1844 dort erproben mußte. Die folgende kleine Geschichte, für deren Wahrheit der große Eisen- bah-iingenieur Max Maria von Weber in seinen SkizzenVon, rollende,, Flngelrade" sich verbürgt, illustriert deutlich, wie jeden­falls damals noch im stolzen Britenlande der Wunsch des ..Herrschers aller Reußen" nicht zum obersten Gefrtz erhoben wurde: Ia,nes Nasinyth, der es liebte, sich denersten Schinied der Welt* nennen zu hören, hatte die gewaltigen Werke zu Patrt- crost begründet, wo neben dem Kruppschen der erste Dampfhammer in Tätigkeit >var. Der galt als eine Art Weltwunder, und er ist in der Tat nach Weber derVater der großen Geschütze", in letzter Linie auch unserer Rlesenmörser von beute. So wollte drnn auch Nikolaus I-, als er 1844 England bereiste, diese berühmte Sch,niede besichtigen. Annes Nasinyth aber war ein eisenköpfiger, freier Mann alten Schlages, der vomBedientendienst beim moskowiti- fchen Tyrannen" zu sprechen liebte, wenn ans den Zarenbesnch die Rede kam. Und er traute seinen Gingen und Ohren nicht, als eines Sonntags inorgens ein Adjutant des Kaisers vor die in tiefster englischer Sonntagsruhe liegende Fabrik und sein Wohn­haus fuhr, sich durch einen vorausgesctuckten Jäger laut als Fürst K. amnelden ließ, sporenklirrend zu ihm en,porslieg, von einen, Diener gefolgt zu ihn, inS Zimmer trat und den Besuch des Kaisers für den Nachmittag ankündigte. Der Meister, schon über dies Benehmen empört, antwortete mit mühsam behaupteter Ruhe, »daß es ihm leid tue. wenn der Kaiser ,venig Beine kenswerteS sehen werde, denn die Fabrik stehe des Sonntags wegen fttll." Der Adjutant hatte mit seinem sardonischen Lächeln erwidert,es müsse doch ein Leichtes sein, sie für ein paar Stunden in Gang zu setzen. Die Gnade seines Herrn, des Kaisers, sei dem Meister für diese Gefälligkeit gewiß." Während dieser Aenßerung hatte der vornehine Russe aus einer ihrn von dem hinter ihm flehenden Diener vräsentierten Bonboniere genascht, und bte Absätze zn- san,me,'schlagend, mit den Sporen geklirrt. Da war den, Meister die Galle übergelanfen.Herr," schrie er ihn an,die Gnade meines Herrgotts ist nur lieber als die Ihres Kaisers! Und wenn ich auch ein solcher Lump sein wollte, für ihn am Sonntag arbeiten zu lassen, so würden meine Leute keine solchen Lumpen sein I" Totenbleich war der Höfling vor den dröhnenden Worten und funkelnden Augen de« freien Mannes zurnckgepra'ill und hotte nur noch die schüchtern die Frage gewagt:Würden Cie und Ihre Leute denn auch für Ihre Königin nicht Sonntags arbeiten?" Worauf Nasinyth, bei den, angesichts des entsetzten Schranzen der Humor schon wieder das Uebergewicht gewann, erwiderte:Viel­leicht, weil sie eine hübsche, junge Frau ist, und Gon will, wie der Franzose sagt, was das Weib will. Aber ich bin gewiß, sie wird es niinmerinebr wollen l" . . Und der Kaiser von Rußland hat die Riesenbammer von Patricrost nie gesehen. . .

' E i n E ß b e st e ck für Einhändige. Zu den technischen Hilfsmitteln, die den einhändigen Menschen über den Mangel der ziveiten Hand hinweghelsen sollen, gehört ein neu konstruiertes Gabelinesser, da« Dr. W. Francke nach Versuchen in einem Rcserve- lcnarett in den Medizinisch-technischen Mitteilungen für ärztliche Fortbildung warn, en,vfiehlt Das Gabelinesser besteht ans einem gäbet- und messerförinigen Teil, die wie die Branchen einer Schere ineinander greifen. Bein, Schließen des Instruments gleitet das Messer zwischen die Zinken der Gabel und zeZchneidet n,it Leichtig­keit die Sveisen. Sind diese zerkleinert, so kann von den, Ein­armigen mit einen, Griff das Gabel,nesser in zwei Teile allsein­ander genommell und die Gabel benutzt lverden, um die Speisen zun, Ainu de 511 führen. Ebenso kann das Besteck mit einer Hand wieder zusammengefügt werden.

vüchertisch.

DerDölkerkriegE cherausgegeben von Dr. E. H. Baer, Verlag Julius Hoffinanu in Stuttgart) weildet sich in Heit 43 zur Darstellung der Kämpfe zwischen Maas und Mosel von Mitte Januar bis zu jener großen Offensive, mit welcher die Fran­zosen in der ersten Halite des April die Zange ausetztei,, um die bei St. Mthiel bis über die Maas vorgetriebenen Stellungen der Telltfchen auf den Flügeln bei Marcheville lind Flirey zu knicken und von den rückwärtigen Verbindungen abzutrenneu. Heit 41, das sich mit den Kämpfen in Lothringen, in den Vogesen und im Sundgau belaßt, bringt außer ivertvollen Einzelheiten an- der deutschen Offensive bei Badanviller im Februar und der ersten Er- stürinung des Hartmaunsweilerkopies ganz besonders wieder zwei jener glänzenden Aufsätze, durch die derVölkerkrieg" seine An- zielnmgskrast mit jeder Nu>nn,er neu bewährt und die gespannte Erwartung seiner Leser zu befriedchen iveiß. Der eine, ..Die Wacht an, Rhein", von dem bekannten Schlveizer Dichter Hermann Kurz ist die mit sprühenden Farben belebte Schilderung der Abwehr eines feindlichen Fliegergeschwaders an den Ufern des Rheins. Der andere ist die ausführliche Darstellung der Kämpfe bei 'Dh'mfter, besonders der Erstürmung ulld Behauptung des ReichsnckerkopsS, dlirch de,, Schweizer Oberfteil Karl Müller, ein Musterstück der Knegsberichterslattung an votlkomniener Sachkenntnis. Ordnung, Uebersicht und Klarheit bis ins einzelne. Sämtliche behandelten Kampfgebiete sind durch Uebersichtskärtchen verauschalilicht. Unter de»» zahlreichen Bildern sinden ,vir ein solches des Ge»,eralobersten Freiherr,, v. Falkenhaiisen.

Die junge Exzellenz. Ron,an von Paul Oskar Höcker. (Verlag Ullstein & So, Berlin-Wien. - Dieses Werk Paiil Oskar Höckers ist ein Roman ans Deutschlands politischer Welt, mit leinen, liebenswürdigen Anspielungen, gesättigt von den Stimmungen der leijteu Jahre vor dem Kriege. An große Namen der nelleren Reichschronik erinnert manche der Gestalten, die in diskret abgetönten Bildern hier sichtbar iverden; und schon da- Ausnngskapitel. das eine Traliimg in der Berliner Kaiser Wilhelm- Gedächtniskirche schildert, im Hellen Licht eines OktobertagS. mit einer bunten Versammlung von hohen Würdeiiträgern mid ihren Damen,- Offizieren in Gala. Mitgliedern des brandenburgifchen Adels hat den Reiz einer zeitgeschichtliche!, Momentaufnahme. Heiter und noch inäßig bewegt setzt dieImige Exzellenz" ein. Mit lebensvoller Anmut erzählt sie von einer schönen, »rüh ver­witweten Frau; vorn Suchen eines Herzens, das, e>nein schweren Pflichtenkonflikt überantwortet, in leidens cha'tlichem Drange da- lliechte will, von schinerzlicheni Aufbegehren und von dem nach vielen Känlpsei, eroberten Glück einer freien Wahl. Scheinbar nur plaudernd stellt Höcker ein Schicksal dar. Aus Berlin führt sein Roman nach der sonnenbeglänzten llckviera, nach den bevorzugten Orteii des internationalen Reiseverkehrs, und auf der malerischen 'Insel Wight endet die Handlung. Aber eil, preußisches Idyll ist eingeschaltet, das von der zersplitternden Hast der Freinde die starke Ruhe der märkischen Heimat, die ernste stille Landschaft ihrer Wälder und Seen sich abheben läßt.

I ' a c c u s e". AuS den Aiüzcichnungen eines seldgraiien Akademikers in, Verlag von Georg Stilke-Berlin NW. 7. erschien zum Preise von 30 Pfg. eine kleine Schrift mit den, obigen Titel. Sie richtet sich gegen das bekannte Buch »J'aceuse" von jenem anonyinen Deutsche!,, der voi, der neutralen Schiveiz aus mit dem Wahnsilin des unbelehrbare» Ideologen sein eigenes Volk in einem Augenblick angriff, da es von allen Seiten angesallen den größten und schwersten Kamps feiner Geschichte känipst. Der Verfasser, ein feldgrauer Akademiker, zerpflückt mit der ganzen logischen Schärfe und n,it der Unerbittlichkeit des gelehrten Historikers alle Phrase» und die ganze internationale Schlagivörtersophlstik. mit der der anonyme Deutsche in der Schiveiz die Taten der Feinde seines Vaterlandes zu entschuldigei,, ihre Schuld den, Lande, das ihn ge­boren, aufzubnrden silcht.

In K. F. Köhlers Verlag, Leipzig, erschienen folgende Schriften: Frankfurter Historische Forschungen. N. F. Heft 1:

F r a n k s l> r t e r H 0 ch s ch u l v l ä u e 1384 -1868, von Professor Dr. Rud. Jung; R. H a u f e: Der d e u t s ch e N a t i 0 n a l st a a t in ben Flugschriften von 1848 49; G. Hasse: Theodor von Schön und die Stein'sche Wirtfchasts- r e f 0 r m. _

Ureuzrätsel.

1-2 weiblicher Vorname.

1 2 3_4 kleines nützliches Instrument.

_24 Kritik.

b 4 42 Flußmündung.

31 Bezeichnung.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des KönigsMg-s in voriger Nummer:

Liegt dir geflern klar und offen,

Wirkst du heute kräftig frei:

Kannst auch ans ein »,orgen hoffen,

TaS nicht minder glücklich se,.

Schriktleltlmg: Aua. Goek. - Rot» tionsdrnck und V-rlag der Brühl'schcn Unwersitärs-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange. Gieße»