Lustreiben. Unser Landl werd nit verwelscht, in alle Ewigkeit nit. Da fahlt sie nix." .
Me üorigen Anwesenden gaben in lebl-aft bekrästt^endett Ausdrücke,: ihren Beifall zu erkennen. Ein alter Bauer mit eisgrauem Bart über dem ledernen Brustschild schlug mit seinem Maßkrug nachdrücklich auf den Tisch und die bcrgblauen Auaen in dem kantigen Schädel blitzten schier jugendlich vor vaterländischer «-Begeisterung.
„Wir lassen uns nit verwelschen, und wann Bluet rinnen müßt, so hoch und wild wie d' Bcrgwasser im Frühjahr und so roat wic's Zuckerhütl in der Abendglüh. Seil sag i. Und müßt aa der letzte Ahnl und der jüngste Bua ausrucken. I geh aa mit die Schüben mit. Ob i aa bereits an d' siebzg bin, wo mei Kugele hinschnöllt, da isch dir aa schon a ivelscher Fack hin und verreckt."
„Nachher giahn wir nntnand, Nagillcrahnl," rief der Wirt und klopfte sich den Wanst, „dös bissele Wampen tut mi nit ab- halten, dieweil 's Kriagslcben eh d' beschte Elttfettungskur isch. Muß halt d' Wabi dettveil 's Gschäjt führen, gell Alte?"
Die Wirtin, eine gleichfalls gutgespickte, behäbige Person mit einem klleinen Kröpfe! unter dem schwarzsamtenen Halsband nickte zustimmmd.
„Freila mußt aiahn, Alter. Tat mi ja frei schämen, wann von unserm Haus koans nit mitgiahn tat, unsere Buben sein ja lang,to z' jung."
„Meinst lei, i bleib -ruck, Muetter," sch-rie's da unerwartet »um Fenster herein, und gleich darauf sprang ein ungefähr sechzehnjähriger Bub frisch nne ein sprudelnder Gletsck>erbach, in die rauchige Stube. „I und 's Schneidertonele und 's Binderniichele und 's Schiilnroasterwaschtl und no a Haufen Buben, wir^ giahn uns alle zum silbernen Adler melden. Laßt's uns nit freiwillig mit, so giahn wir enk durch. Hellauf!"
Der Bub klatschte sich ausgelassen die lederbehosten Schenkel und die eisenbcschlagenen Schuhsohlen.
Der alte Postinger fuhr sich gerührt mit der schwarzbraunen Tatze über die buschigen Wimpern.
„Wann dös nur unser gueter Kaiser sechen könnt, dö helle Kriagsluscht von seine Tirolerbuben, sell tat a lichte Freud sein für sein sorgenschwars Herz."
„Und dö von uns Tirolerahnln dazua," fügte der Nagiller- ahnl bei.
Der Postinger seufzte plötzlich.
„I Han hält soviel an Angst, daß i am End koan find, der statt meiner 'n Postinger machen tat, auf daß i aa mit die Standsckützen ausrucken kunnt!"
Der andere nickte und schmunzelte Wohlgefällig in seinen eis- övoiten Bart.
„Sell werd freila schwär halten, Null a jeds selber giahn."
„Wann der Führerjörgele wiauigstens d' Rösser z' regieren vermocht." Der Postinger lenkte seine kleinen Aeuglein mit kummervollen Blicken aus den zusammengekauerten, an Armen und Beinen arg verkrüppelten Mann, der als hartnäckig stummer Zuhörer in dem lebhaft erregten Kreise saß.
Jetzt hob er den Kopf, ein scharfgeschnittenes, kühnnasiges Gesicht, aber mit tiefen schmerzlichen Furchen um den blondbärtigen Mund. In den umschatteten hellblauen Augen wetterleuchtete es.
„Meints, i bliebet dahoctm, wann i Hand und Fuß nur halbwegs brauchen kunnt," fuhr er auf. „Sakradibüx, nachher müßt i mir was gscheitcrs als entere Rösser kutschier,,." Eine Flut von Verwünschungen brach mit Elementarer Gewalt aus der verbitterten Brust des ehemaligen Bergführers. „Versluacht söllen jie sein die Doktor, dösell mi zu eim Krüppel kuriert 'haben! dazumal vor neun Jahr, wie i vom Zuckerhütl oerkugelt bin. Hätten sie mi decht in Fried versterben lassen, nachher braucl)et i jetz nit in meim Elend dahocken, wo unser Landl in Not und Gefahr isch."
Er Warf die Zeche hin und hinkte zur Tür hinaus — es duldete ihn nicht länger unter den beneidenswert Glücklichen, die ausziehen durften, für Kaiser und Heimat zu kämpfen. Unter chweren Seufzern klapperte er mit dem Stützstock über die Land- traße, seiner schräg gegenüberliegenden Behausung zu. Eine Bäuerin mit einem Korbe Grünfutter aus dem Rücken kam ihm entgegen und schaute ihn aus ihrer gebückten Haltung mit klugen Augen forschend an.
„Guaten Namittag, Jörgele, tut lei der Franzl, dei Schwesterkind, einrucken? Schleichst ja daher mit eim Armcnsündergesicht, völlig zum Derbarmen?"
Der Bergführer knurrte etwas Unverständliches.
„So tröst di halt unser Herrgott," bemerkte die Bäuerin, mißverstehend. „Und mi aa. Hab sechs Buben und mein Alten rm Kriag, und der siebente Bua, der Seppl, lascht mit jetz aa koan Fried mehr, i sollt'n ziachen lassen." Sie seufzte. ,,S' isch wolltcr hart für a Muetterherz, soviel lebfrische Buben! Aber was willscht toan? Mußt 's halt in Gottsnam ziachen lassen, 'm Heimatland derf oans nix verwehren."
Mit weher Seele trat der Führerjörgele in das Gemeindehaus ein, wo er bei freiem Quartier mit einer kleinen Pension sein erbärmliches Krüppel Vas ein fristete. Langsam klomm er die dlmkle Treppe zu seiner Giebelkammcr empor. Ans der offenen Tür der verräucherten Küche unten klang das lebhaft vergnügte „Tisch- putieren" der Armenhäusler an sein Ohr.
„Und i tu unserm Landl mei silberne Uhr opfern, weil i decku nit mittoan kann. Bislang Hab i lieber Hunger und Durst gelitten, als daß i sie verkauft hätt, aber jetz gilts d' Rettung, von unsenn Landl. — Mei letzt Stündl werd i aa ohni dösell nit verpassen," rief eben eine dünne Greisenstimine begeistert. Eine zweite fiel ibr jauchzenden Tones ins Wort.
„Und i gib d' silbernen Trachthalsketten von meiner Alten selig!"
Mühselig lappte der Jörg weiter und seine Blicke bohrten! sich in müder Verzweiflung in das Dämmerdunkel des Treppcn- ganges.
„Alls hat sein Scherflein z' opfern. D' oan Kraft und Leben, d' andern ihre Buben und sogar d' Armenhäusler toan ihr Bisl ans 'n Opferaltar legen. Alle toan jetz grad nur geben und yeben, bis aus nri. Grad nur i Hab nix zun opfern. Mei Uhrl isch Ü Loa zivei Gulden wert und bleibt obendrein alle paar Stund skiahn. Uiid was hätt i fischt z' geben? Der einzig sein, der nix pergeit?"
Da hielt er mit einem Ruck an, denn wie ein Blitzstrahl war cs durch das trostlose Diinkel seiner Seele gefahren.
Das Perspektivl!
Das Herz begann ihm Plötzlich ungestüm, schmerzhaft, gegen die Nippen -il pochen. Eine heiße Blutwelle kroch ihm in die ausgehöhlteu Wangen, der Atem versagte ihm schier.
„Freila geb i 's her, mei Perspektivl," sagte er laut zu sich selbst, klar und bestimmt, als wollte er mögliche Gegenerreg ungern im vornhiilein ersticken.
Dann stieg er hastig vollends hinan. Schweratmend trat er in die dumpfe Kammer mrd lehnte den Stock in den Tünvinkel, Hierauf' holte er auö der verschwärzten Truhe ein Fernrohr hervor und streichelte das blanke Ding fieberhaft zärtlich mit der unbeholfenen dickgeäderten Hand. Das „Perspektivl" ivar das liebste, was der Führerjörgele hatte. Die Erinnerung, ja mehr noch, ein Stück der fernen, seligschönen Führerzeit. Mit der scharfen Linse ging er tagtäglich die schimmerndwcißen Felsens steige und die jähen Eiswäude 'ab, die er seinerzeit besttegen, und war wehmütig glücklich, wenn er ein oder mehrere Krabbele Wesen in dem Gewände entdeckte. Mit gespanntester Aufmerk^ samkeit und halblauten Ausrufen der Zustimniung oder Miß^ billigung verfolgte er mit angehaltenem Atem jede Bewegung der Netterer da oben und lebte sich so in sie hinein, daß «3
ihm nachher schier vorkam, als sei er tatsächlich selber droben
gewesen. An einenr solchen Tage lvar er dann ganz heiter und aufgeräumt. Das Perspektivl war noch der einzige Trost in
seinem armseligen Krüppeldasein. Auch jetzt richtete er das gei liebte Glas aus'das Zuckerhütl, das seine eisbläuliche Pyramide in kristallener Klarheit aus dem Zackengcwioge der Nachbarferner in den strahlendblauen Himmel hineinschob. Haarscharf trat jede Aenderuiig des Gesteins, jede Wandfalte und eine Menge blau- klüftiger Gletscherschluchten hinter der Linse zutage.
Ja, sein Perspektivl, das war halt ein Glasl! Wer das
bekam, der konnte sich billig ins Fäustchen lack-en. So einen seinen Ferngncker haben nicht alle Offiziere, die Goldkrageten vielleicht, die Minderen aber gewiß nicht. Und wenn er nun sein Perspektivl einem solchen zukommen ließ, da war's leicht möglich, daß der damit eines Tages den lauernden Feind entdeckte, den er ohne das Perspektivl nicht bemerkt hätte, und das wäre dann sein, des krüppelhaften Führerjörgele, Verdienst. Es wurde ihm ganz gehoben zumute bei dieser Vorstellung. Gleich heute abend noch wollte er mit dem Perspektivl zum Gemeindevorsteher gehen. Eine wehmütige Abschiedsstimmung begann sich seiner zu bemächtigen. Nie mehr würde er also in liebgewordener, altgewohnter Weise da oben auf den schwindelnden Pfaden umher wandern können! Mit freiem Auge war's nicht das rkchtigc, da sah man alles nur ganz im Groben, und überdies hatte sein Sehvermögen unter dem Absturz damals gelitten. Lange, lange währte der letzte Ausflug, den der ehemalige Bergführer mit dem Fernrohr abschiednehmend in die wohlbekanntee, vielgeliebte Bergwelt unternahm. Es schien ihm, sie habe nie so wunderbar, zum Greifen nahe, vor seinen Augen gelegen, schier jedes Steinchen konnte man heute unterscheiden; er vermochte sich gar nicht von ihr loszureißen, bis ihm mit einem Male die Glaslinse trüb wurde und alles in einem schmutzignassen Grau durcheinander schwamm . . .
Mit sich selbst zürnend, rieb er das Glas sorgsam mit dem Hirschlederlappen.
„Scham di, Jörg, als ob d' nit z' tot froh warst, daß du decht ebbs zum Niederlegen auf 'm Vaterlandsaltar hast."
Als er das Fernrohr einschraubte, überkam ihn ein heftiger, fast unwiderstehlicher Trieb, noch einen allerletzten Ausguck auf die Berge zu halten. Aber er schüttelte hasttg den Kops.
„Na Zeit isch 's, daß i zum Vorsteher geh, jetzt werd er grad beim Melken sein. Spater isch er leicht nit mehr dahoam."
Er zog seine Sonntagsjoppe an und steckte das Perspektivl resolut in die Tasche. Bevor er die Stube verließ, trat er nochmals ans Fenster, legte die hohlgewölbtcn Hände in Fernrohrfonir übereinander und guckte eine geraume Weile prüfend durch dieses Perspektivl. Dann nickte er grimmig tapfer.
„Jetz muß si 's halt aa aso toan!"
Daraus nahm der Führerjörgele den Stützstock aus dem Tür- winkel und hinkte im Hochgefühl seines Gebertums nach dem! Gemeindeamt,


