Die vom Rauhen Grund.

Roman von Paul G r a b e i n.

(Nachdruck verboten.)

Hebet' dem Rauhen Grund brütete noch die Nacht. Hockte im Tal, dunkel und schweigend wie das Schicksal. Bis es droben vom Berge pfiff, schneidend kalt. Der Morgenwind. Da reckte sie sich fröstelnd, raffte den schwarzen Mantel und flog davon. Nur hier und dort flatterten noch die letzten Fetzen ihres Gewandes; schwere, graue Wolkensäume, die sie langsam nach sich zog.

Droben über den Bergkamm kam der junge Tag ge­gangen. Vor ihm kroch die verflogene Eule auf der Mal­eiche grämlich tiefer hinein ins Geäst. Verdrossen über das Gezwitscher ringsum, das nun fröhlich den Morgen grüßte.

Aber der war nicht der einzige Frühgänger hier oben im Hauberg. Da wunderte schon ein anderer des Wegs, vor Tau und Tag, wanderte mit weit ausgreifenden Schritten und sog tief in die Brust den herbstfrischen Hauch der jungen Eichen und Birken ein. Den Dust der Heimat. Wie hatte er sich nach ihm gesehnt in zehn langen Jahren, drunten im Sonnenbrand, in den Felsöden der Kordilleren, zwischen den ausgeblichenen, sengenden Bergzinnen, über denen, im Aether verloren, der Kondor kreiste.

Nini war er wieder daheim und schritt durch den Wald. Den Wald seiner Jugend. Auf den alten, kaum mannsbreiten Schleichwegen,die sich kreuz und quer durch dasDickicht stahlen, durch Ginstergestrüpp und .Heidekraut. Gänge, so niedrig nur, daß der Wanderer sich oft bücken mußte. Wie wenn man auf Heimlichkeiten ausging, war's hierinnen, und es waren doch nur die alten Bergmannssteige, die die Leute auf ihren Wegen zur Grube und zum Hochofen getreten schon seit Ur­väter Zeiten.

Wald der Heimat, Wald der Jugend! Jur Herzen des einsamen Wanderers, der so stark und fest dahinschritt, be- gann es heirrrlich zu klingen, und die breite Brust hob sich.

Doch klang da rricht noch etwas anderes durch den Wald? .Ein dunkelfeines Läuten, von fern noch, aber kam nun näher.

Da stand der. Morgengänger still, lauschte und girrg daun dem Schall der abgestimmten Glöcklein nach. Talab etwas, dorthin, wo der Eichwald sich öffnete zu einer Wiesen­mulde von saftigem Grün, über die noch die letzten Morgen­nebel strichen. Wie er hier ins Freie trat, war dort schon der Vortrab der Herde. Dunkel schoben sich die schweren Trer- leiber-durch den Duft. Seitwärts stand der Hirt, ihm ab­gekehrt. Uebergroß erschien im Nebel die hagere Gestalt im schwarzen Schlapphut und Pelerinenmantel, aus den langen Stab gestützt. Düster und voll starrer Unbeweglich- keit. Der Wanderer trat schnellen Schritts aus ihn zu. Also der war's, der ihm den ersten Gruß der Heimat entbieten würde! Aber ob ihn der Tillmann wohl noch kennen würde? Wollte es docb mal darauf ankommen lassen.

Guten Morgen, Hirt schon früh hier oben.?

Der im schwarzen Mantel drehte sich langsam um. Aus dem graustoppligen Antlitz glühten zwei dunkle Augen mit heimlichem Feuer den Fremdling an, aber ohne jede Ueber- raschung, und nur ein leichtes Nicken war die Antwort.

Der Frager trat näher.

Sind das all' Eure Tiere?"

Es sind noch acht Stück drunten in der Delle."

Das ist nicht viel."

Ja, die Herde ist nimmer groß. War früher anders. Aber die Zeiten sind vorbei für Vieh und Hirt."

Nun, da habt Ihr wenigstens hinreichend Weide für Euere Tiere."

Wohl. Da ist Futter am Berge, satt Futter."

Doch dann wandte der Alte den Kopf zur Seite, wo drunten aus der Talmulde her das Geläute der noch im Nebel versteckten Nachzügler herklang. Uber das düsterernste Gesicht flog ein hellerer Schein, wie er so schweigend lauschte, die knochigen Hände um den Stock gefaltet. Dann nickte er und sprach vor sich hin:

Eine feine Harmonie. So lang ich die noch höre, ist mein Leben noch zu etwas nutz."

Ihr seid gern Hirt, Alter?"

Wieder ein Nicken. Doch dann nach einer Weile ein Zusatz voll steifer Würde.

Obschon ich's nicht nötig hätte."

Nicht nötig?"

Wie verwundert forschte es der Fremde, aber um seine Mundwinkel zuckte es heimlich.

Ja. Ich könnt' als Herr leben, so gut wie andere.?

Was Ihr nicht sagt!"

Der Alte hörte den leichten Spott heraus. Das Glühen in seinen seltsamen, nach innen gekehrten Blicken bekam etwas Feindliches, wie er jetzt den Fremden ansah, und seine hagere Gestalt reckte sich empor.

Wenn Sie nach drunten kommen, in den Grund, zu dem adligen Hause da dorthin gehört' ich, wenn's nach Recht und Gesetz ging! Aber nun hüt' ich die Kühe ja, so geht's zu in der Welt."

Der Alte sank wieder in sich zusammen. Wie müde all der Torheit dieses Lebens. Und in seine Augen trat plötzlich ein ganz aiibcret* Ausdruck. Das Feuer in ihnen, erlosch. Leer wurde der Ausdruck und bekam etwas Wirres. Halb im Selbstgespräch murmelten dabei die welken Lippen:

Ist ihnen zwar ein Dorn im Auge, den noblen Ver­wandten. Sie dort im Schloß, und ich der Gemeindehirt."

Der Alte lachte höhnisch in sich hinein.

Haben mir ja auch lange genug zugesetzt, daß ich's dran gäb' wollten mir eine Rente aussetzen, Zeit meines Lebens, wenn ich in die Stadt zög und mich nie wieder blicken ließ, hier im Rauhen Grund."

Nun brannte die versteckte Glut in seinen Augen wieder auf.

Aber ich laß mir mein gutes Recht nicht abfcuifeir, für ein Linsengericht. Herr will ich sein, dort drunten, wie