Mt einem jubelnden Aufschrei sank Susi an die Brust des Geliebten. Sie fanden kein Wort in ihrem seligen Mitck.
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Mit militärischen Ehren wurde Alexander von Rothkirch zur Gruft seiner Väter gebracht. Als die schweren Bronzeneren des Erbbegräbnisses sich schlossen und der Strom der Leidtrageirden durch den Park zurückflutete, lösten Susanne und Erich sich zur Seite in einer: stillen Gang und sprachen von den vergangenen Tagen. Und da kam die Frage, vor der Erich gezittert hatte:
„Liebster, warum gingst du von mir? Was hat dir der blaue Anker getan?"
„Mein Liebling — heute nicht. Wenn einmal eine stille Stunde kommt zwischen unfern Glückstagen, dann werde ich es dir sagen. Onkel Eberhards Seemannszeichen soll uns ein ewiges Symbol sein: Unsere Herzen fest verankert, eins im andern! Und über uns die Sterne der andern Welten, die Hoffnung auf ein Glück bis ins Grab."
Im rechten Augenblick.
Ein Kriegserlebnis irr Livland von Lothar Wende.
Die geschlagenen Russen wurden scharf verfolgt. Das Bataillon zog als Spitze der Seitendeckung mit umgehängtem Gewehr ohne Tritt durch Livland. Seit dem frühen Morgen waren die Feldgrauen auf den Beinen. Der Regen kam aus dem grauen Himmel, bald stärker, bald schwächer. Das Wasser plätscherte an den. Mänteln herunter. Die schweren Tornister drückten, die Riemen gruben sich tief in die Schaltern der Soldaten ein, und so stapften sie müde, hungrig durch die weiche, breiige Erde, die sich an den Stiefeln festzusaugen schien.
Die Mittagspause ist vorüber. Der Regen hat aufgehört.
Windzug zerreißt die grauen Wolkcuschichten, jagt die Fetzen am Himmel hin lind her und trocknet die Kleider der Soldaten. Endlich das Signal: Das Ganze halt! Alles atmet erleichtert auf. Neue Kommandos. Die Kompagnien marschieren auf, ziehen sick in Zügen auseinander und setzen die Gewehre zusammen. Die Tornister fliegen herunter, Zeltbahnerl und Mäntel werden ausgebreitet und jeder packt aus, was er noch Genießbares hat, denn daß die Feldküche noch rechtzeitig yerankommt, ist ganz ausgeschlossen. Das weiß jeder und richtet sich ein.
Die Ruhe dauert nicht lange. Ein Dragoner prescht über das Feld heran und bringt dem Bataillonsfübrer einen Befehl von ber Brigade. Der liest, bescheinigt der Oroonnanz den Empfang des Befehls und ruft dann laut über die lagernde Truppe: ,,Die Herren Offiziere!" Was sick) nicht schon in der Umgebung des Bataillonskommandeurs befand, eilt im Laufschritt herbei. „Merne Herren! Wir haben einen anderen Auftrag. Wir schwenken vor dein nächsten Dorf Jauischki nach Westen, nach dem Torf und Gut Sattkunny ab und begeben uns dort für heute ins Quartier — wenn das Dorf frei vom Feinde ist. Sattkunny ist nach der Karte 15 Kilometer entfernt. Bei den Wegen werden wir wohl vor Einbruch der Dunkelheit nicht dort sein können. In einer halben Stunde brechen wir auf." „Fertig machen!" Das Kommando läuft durch die Reihen. Die Mäntel werden gerollt und ausgeschnallt, das Gepäck umgehängt, und weiter geht's.
Eines jener riesengroßen Kruzifixe, an denen die Litauer früher nm Brot, Gesundheit und Frieden beteten, ragt au einer Straßenkreuzung weit ins Land hinein. Hier geht der Weg rechts ab auf einer ziemlich guten Straße dem Dorfe Sattkunny zu. Vorbei aeht s an blumigen Wiesen, an Feldern in goldener Fülle, über dre niemand erntend schreitet, vorbei an einzelnen Gehöften, von den Bewohnern verlassen und von der wilden russischen Soldateska geplündert und niedergesenat. Scheues Vieh treibt sich auf herrenloser Weide herum und ragt beim Nahen der deutschen Soldaten in wilder Flucht davon.
Ein Waldstreifen taucht auf. Die Spitzenpatrouillen schwärmen aus und nähern sich vorsichtig dem Gehölz. „Bataillon h—a—lt! Dritte Kompagnie, erster Zug, in der Richtung auf den Wald vor uns schwärmen!" Das Gewehr in der Hand, zieht die Schwarmlinie auf den Wald *u und hindurch. Weit und breit nichts Verdächtiges. Nur das Knistern unter den Tritten brechender Zweige unterbricht die Stille. „Wald vom Feinde frei" und »Dorf rn Sicht" wird nach rückwärts gemeldet. Das Bataillon hat den Wald durchschritten und macht einen Kilometer weiter vor erner Erdwelle Rast. Die Spitze wird zurückgepfiffen und «ne Gruppe der Spitzenkompagme zur Aufklärung nach vorn gesandt, ob das Dorf vom Feinde besetzt ist.
Die neun Mann legen ihre Gepäck ab und marschieren los, das Gewehr schußbereit in der Hand und au fdeni Wege jede natürliche Deckung benutzend. Das Dunkel schleicht langsam und Mvelgend herbei und hüllt die Gegend in grauschwarze Schleier. Kmcksch ft m te0t b e IeÖte @trecFe Dor ben Gebäuden vor den
/'® 0 ' 0 * Heißt es drauf los!" sagt der führende Unter- osnSler. „Sie, Schröter, der Radfahrer Dahms und ich nehmen me Mitte, drei Mann halten sich auf zwanzig Meter Abstand rechts und drei links von uns." Geräuschlos nähern sich die ® r J*W>en ben Gebäuden. Rauch strömt aus dem Schornstein de^, Wohnhauses — also sind Menschen dort. Doch kein Lebenszeichen regt sich Ein typischer Litauerhof mit seinen vielen einzelnen Wirtschaftsgebäuden liegt vor ihnen. Die rechte Gruppe hat das etwa fünfzig Meter weit von den eigentlichen Wirtschaftsgebäuden abgebaute Dörrhaus erreicht und durchsucht. Keine Seele ^Vohnhau^ Mittelgruppe betritt den Hof und geht auf das
Flüsterte da nicht jemand, knackten da nicht Gewehrschlösser? Die drei Soldaten bleiben stehen und lauschen in das Halbdunkel. Nein! Tie Kameraden sind's, die soeben den Hof rechts und links betreten. Der Unteroffizier knipst seine Taschenlampe an und laßt den Schein über den Hof leuchten ... da blitzt's und kracht's von allen Seiten. Ein Schnellfeuerhagel prasselt über die neun deutschen Soldaten, und eine Anzahl Russen stürzt aus den Gebäuden auf sie zu. Der Unteroffizier und ein Mann ■ e 5rx l ?^^ em ^uer zusammen. Der Radfahrer springt auf lerne Maschine und ist blitzschnell verschwunden. Dem Musketier Schroter hat eine Kugel das Gervehr aus der Hand geschlagen, und ec ist, ehe er sich's versieht, und ehe er noch daran denken, kann, sich zu wehren, gefangen. Der Rest der Patrouille flüchtet m großen Sprüngen in die Dunkelheit, und ein Hagel von Blei strebt hinter ihnen her.
Die Wohnhaustür wird aufgestoßen, ein breiter Lichtkegel quillt über den Hof, und Schröter sieht an den „roten Blitzen" aus Wolle auf den linken Aermeln der einige zwanzig Mann starken Russen, daß er einem Fernsprechkommando in die Hände gefallen ist.
In wilder Flucht sauste der Radfahrer Dahms auf seinem Rade die Strecke zurück, die er vor einer halben Stunde zu Fuß, sein Rad führend, gekommen war. Je schneller er Meldung von dem Ueberfall bringen kann, um so eher winkt seinen verwundeten oder gefangenen Kameraden Rettung. Wenige Minuten verstrichen nur, und doch dünkte ihm endlos die Zeit, bis ihm vom Vorposten seines Bataillons ein „Halt, wer da?" zugerufen wird. Hier hatte man die Schüsse gehört, der Kommandeur schon seine Anordnungen getroffen, das Dorf zu umzingeln und anzugreifen.
Inzwischen war der gefangene Schröter in das Haus geführt worden, wo ihm ein Feldwebel das Koppel abnahm, ihm die Daschen ausleerte und damit verschwand. Zwisck)en russischen Soldaten neben semeu beiden schwer verwundeten Kameraden liegend,^ hät er genug Zeit, nachzudenken.. Viertelstunde auf Viertelstunde verrinnt, dann hört er einige russische Kommandos,, uiid nunZchiebt man ihn die Treppe hinauf in das Obergeschoß in ein großes Zimmer, wo eine ganze Reihe russischer Offiziere vor Karten und Fernsprechapparaten sitzt. Alle paar Minuten schnarrt em Apparat und wird von einem der Offiziere bedient. Vor dem Ranghöchsten liegt der Tascheninhalt des Gefangenen. Er blättert in den Briefen und im Taschenbuch und schiebt dann alles mit ein paar Worten einem anderen Offizier zu, der ebenfalls zuerst darin blättert und sich dann in gutem Deutsch in gemütlichem Tone an Schröter wendet: „Na, Freundchen, wo kommen Sie denn her?"
Dem Gefangenen fährt es blitzschnell durch die Sinne; nur nnerHfyrotfen einen Bären aufbinden und die Russen hinters Licht führen, denn lange kann die Rettung durch die Kameraden nicht ausbleiben.
„Wir waren eine versprengte Patrouille, Herr Leutnant, mehr kann und darf ich nicht sagen."
„Das glaubt Ihnen kein Mensch, nur raus mit der Sprache! — Ihr Schade soll es nicht sein!"
„Herr Leutnant, mein Fahneneid — nnd tvenn Sie mich totschießen lassen, ick darf Ihnen nichts sagen."
„Nur nicht so heftig, Freundchen! Also, wo war Ihr Bataillon heute früh?"
„Herr Leutnant, ich. . ."
„Schon gut. schon gut! Hier haben Sie einen Schnaps. Setzen Sre sich da in die Ecke und stecken Sie sich eine Zigarette! an. Das bringt Sie auf andere Gedanken."
Der Russe klopfte dem Gefangenen vertraulich auf die Schulter, befahl ein großes Glas Schnaps für den „Memiez" und reichte ihm eine Zigarette.
Behaglich sog Schröter den aromatischen Duft des Rauches ein, während der Offizier weiter in seinen Papieren blätterte.
„Wie heißt doch gleich Ihr Divisionsgeneral?" fragt er plötzlich und unvermerkt nach minutenlanger Pause. Llber ehe Schröter noch den Minid aufmachen kann zu einer Antwort^ da krachm Geivehrschüsse — Waffenklirren, Fluchen und Schreien auf russisch urck deutsch dringt ganz aus der Nähe, und alles über- tönt das brausende „Hurra!" stürmender deutscher Soldaten.
Baff von dem plötzlichen Ueberfall springeii die Offiziere auf und stttrzm die Treppe hinunter, um die Abwehr zu leiten, bis auf einen, der ans Fenster tritt, die dichten Hüllen fortschiebtj und, die Augen nahe an die Scheiben pressend, hinausspüht- Seinen Revolver hat er auf dem Tische liegen. Da envacht in dem gefangenen Schröter die Unternehmungslust. Er sieht auf den Tischen die Haufen russischer Karten und Papiere, sieht die


