„Mutting, wie immer die letzten Tage, ganz gut, wenn das hier," sie zeigte nach den Schläfen, „dies Hämmern und Dröhnen nicht wäre. Und hier — über dem Herzen — ach, das war alles zu viel für mich!"
Sie sah zur Decke, um die eine seine Rosengirlande lief, und sann.
„Du grübelst immer, Kind. Nun komme einmal her, so ganz nahe mit deinem müden Köpfchen. Nein, nein, du brauchst mich nicht anzusehen. Jetzt will eine Mutter mit ihrem Kinde sprechen, so, als wenn du noch vier Jahre alt Wärst, wo man vor der Mutter noch keine Geheimnisse hat, wo das ganze Kinderberz noch der Mutter gehört, durch- ichtig wie ein schöner Kristall. Und wo es, wenn die Mutter ragt, nur eins gibt: ein klares Ja oder ein klares Nein. Und nichts dazwischen, was die Großen so dazwischenzulegen gewohnt sind. Kind, sage mir offen, gibt es etwas auf dieser Welt, was dich wieder gesund und froh machen könnte?"
Sie nahm leise ihre Hand.
Da fühlte Susanne die wahre Mutterliebe, und es strömte beseligend nach ihrem Herzen. Ein seines Not flog über ihre Wangen wie ein Windhauch. Die Lippen öffneten sich ein wenig. Das junge Mädchen richtete sich etwas hoch und verbarg das Gesicht im Schoß der Mutter und schluchzte leise:
„Susi?"
Sie hob die Augen zur Mutter und flüsterte:
„Mutting — ja!"
„Ist es Erich Wölflin, Susi?"
„Mutting!"
Sie umklammerte ihren Arm und preßte ihre Hand.
„Susi — er wird kornmen. Onkel Lothar führt noch heute abend nach Berlin und wird ihm sagen, daß jemand hier auf ihn wartet. Er wird kommen."
Da fuhr eine stille Kraft durch ihre zitternden Glieder. Sre siel der Mutter um den Hals und küßte ihr die Tränen aus den Augen.
„Mutting — Mutting — ich sterbe vor Freude!"
_ Kind, halte dich fest zusammen. Rege dich nicht
aus. Sreh, das Auge deines Vaters schaut jetzt auf uns her- rneder, und ich sehe fein Lächeln, und wie er dich segnet. Ich schicke dir jetzt Waldemar. Ich muß gehen."
„Mutting!"
. Die Lippen weit offen, mit brennenden Augen sah sie der Mutter nach, die sich in der Tür noch einmal umdrehte und ihr zulachelte.
„Erich — du kommst! Mein Gott, ich sterbe vor Glück!"
33. Kapitel.
Wölflins waren nach Charlottenburg zurückgekehrt. Lottes heißer Wunsch, in Dietrichs Nähe bleiben zu Kursen, hatte dem unerbittlichen Befehl des Stabsarztes: „Absolute Ruhe und Schouung" weichen müssen. Sie hatten ihre alte Wohnung wieder bezogen.
_ «* »« om 23. September. Die Heldentat des „II 9" vvr Hoek van Holland durchbrauste die deutschen Lande
. Tage stand Lothar v. Rothkirch vor der Tür Wölflins und schrieb unter den Namen seiner Visitenkarte: „Professor Nermann." Aber dann zerriß er die Karte und nahm eine andere.
„Nein — Lotte Wölfliu könnte da sein."
A drückte am Kliugelkuopf. Ein Mädchen öffnete. ,^ch mochte Herrn Wölfliu sprechen."
Sie führte den fremden Herrn in Erichs Arbeitszimmer.
Die beiden Männer standen sich gegenüber.
„Ich hatte noch nie die Ehre, Exzellenz. Bitte." IT? bmen Sessel vor. Sie nahmen Platz. Der .Nmisterialdirektor zog langsam die Handschuhe aus und legte sie auf den Tisch.
ns il • l e ^.hen, Herr Wölslin, ich mache einige Umstände.
bin ganz offen — es wird mir nicht leicht, für das, was mich zu Ihnen führt, das richtige Wort zu ftuden. Ich komine, uiu den letzten Wunsch eines Gestorbenen M erfüllen, meines Bruders, des Rittmeisters Alexander v. Rothkrrch" '
Erich war aufgestandeu.
>, '-Ach sehe es aus Ihren Augen, Herr Wölfliu, daß ich ch^VAch-cht- ubergehen darf^ Ich spreche zu einem
die Hand Sterte, Er erhob sich und reichte Erich
„Vorzeitig, mit einer schmerzenden Wunde sind zwei
Väter in das Grab gegangen. Ihr Vater, Herr Wölflin, und der Vater Susannes, meiner Nichte. Mein armer Bruder hat das Unglück seines Lebens schwer getragen und hat es mit seinem Tode auszugleichen gesucht. Er wird Ruhe im Grabe finden, wenn der Sohn des stilleu, vortrefflichen Mannes, den seine.Hand traf, ihm das Größte gewährt, was ein Menschenherz in einem solchen Falle gewähren kann, die Verzeihung. Wenn Sie dem, der an seiner Stelle hier steht, das schwere Wort in die Hand geben: „Seine Schuld ist gesühnt!""
Mit schmerzlicher Bewegung, kaum eines Wortes fähig, nahm der innge Mann die Rechte des alten Herrn in seine beiden Hände.
„Es ist schwer gesühnt. Sie ruhen beide in Frieden."
„Als ich vorhin von meinem Bruder sprach, nannte ich ihn den Vater Susannes. Herr Wölslin, auf Bronin wartet jemand auf Sie, uiid ich handle im Aufträge meiner Schwägerin, wenn ich Sie bitte. Sie dringend bitte — ach, bedarf es noch eines Wortes? — Wer wollte sich dev Schickung in den Weg stellen?"
Fassungslos fafo Erich den alten Herrn an.
„Exzellenz — Verzeihung, ich muß mich erst sammeln."
„Wann kommen Sie? Darf ich ein Telegramm senden i—j morgen ¥'
„Exzellenz!"
„Der Krieg hat auf Bronin schwere Wunden geschlagen^ Herr Wölslin. Sie werden vernarben in den: Glück dev Kinder. Ich bin aus dem Gleichgewicht gekommen seit dem Tage, an dem ich meinem Bruder das letztemal — ich wußte, daß es das letztemal sein sollte— ins Auge sah. Der heutige Tag gibt mir meinen Frieden wieder."
Sie sahen beide still vor sich hin.
„Herr Wölslin — Sie sagtest bei meinem Eintritt: „Ich hatte noch nie die Ehre." Ich, muß das berichtigen. Sie sahen mich in Niederwiesenthal und dann noch einmal > es war in Görlitz — Professor Reimann."
Erich maß ihn von oben bis unten und erschrak.
„Ja damals in Görlitz, als Sie mich anriefen — das war ich wirklich. Und dann, jedes Jahr habe ich Sie einmal gesehen, und ich war glücklich, dann jedesmal meinem Bruder berichten zu können: „Erich Wölslin ist wohlauf, und Schwester Lotte blüht wie eine Rose." Das hat ihn in den langen Jahren aufrechterhalten."
„Exzellenz — heute fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Meine dunklen Ahnungen bestätigen sich. Wie oft ftaate ich mich: „In wessen Hand ist mein Lebensfaden?" — Jetzt weiß ich es. Wieviel Dank schulde ich Ihnen, tvieviel Dank!"
Der Ministerialdirektor wehrte ab.
„Verzeihung, Herr Wölslin — Ihre Fräulein Schwester? Ist Ftaulem Lotte hier? Ich möchte ihr die Hand driicken und ihr meine Mückwünsche aussprechen. Dietrich hat mir sein Glück gemeldet. Warum durftest du das nicht erleben, Bruder?" *
Erich eilte hinaus und brachte Lotte mit.
„An meines Bruders Stelle wird mein Auge wie das eines Vaters Sie schützen, mein Kind. Werden Sie glücklich!"
„Doktorchen, aber heute kann ich aufstehen?"
„Nein, Kind, Sie dürfen noch nicht. Sie würden vor dem Bett in die Knie fallen. Sie sind stoch nicht stark genug"
„Ich bin ja gesund, Doktorchen, ich fühle mich wieder, wie rch war." '
,,©te müssen noch ein wenig wartest, es hilft nichts."
„Nur ein halbes Stündchen, lieber Doktor, Sie müssen es erlauben."
L>te durste ausstehen. Mümmri-KIathrin half ihr die Treppe hinunter auf die Veranda, die in der herbstlichen Sonne lag. Der Duft der roten Rosen, der letzten desj Jahres, die Mümmri-Kathrin dem Gärtner abgepreßt hatte, drang süß betäubend herüber. Waldemar stand neben ihr. Er sah die Schwester zärtlich an, die ans jedes Geräusch lauschte. ' ß
„Wenn unser Schloßbau eingeweiht wird, Susi, heißt es „Herr Professor Erich Wölflin". Onkel Lothar Hut es mrr verraten. Und natürlich auch „Frau Professor"."
Susi lächelte.
„Ach, Waldi, ich bin ja so glücklich. Wem: ich nur ihn habe." '
P . . ® a stürmte Evi herein. Susannes Wannest färbten sich fieberhaft rot. ß
„Sie kommen."


