Ausgabe 
25.9.1915
 
Einzelbild herunterladen

Samstag, den 25. September

v: :^sSm Im

SfitlöBar ll

Der blaue Anker.

Roman von E l f r i e d e Schulz.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Lothar v. Rothkirch hatte das Grab seines Bruders ge­funden. Für die Ueberführung, die erst in einigen Wochen möglich war, hatte er alles vorbereitet. Er kam nach Bronin zurück.

Acht Tage nach meinem Tode spätestens!" lautete sein Eid.

Er saß im Salon der Schwägerin bei Frau Nataly. Sie hatte den Brief des Gatten gefaßt in die Hand ge­nommen und erbrach ihn mit zusammengepreßten Lippen. Die Blicke Lothars hingen an ihren Zitgen.

Sie las, und die Tränen fielen aus das Papier. Sie las ruhig und unbeweglich bis zum Ende, sah vor sich hin und gab Lothar die Hand. Er war über das feste Wesen der kleinen Frau erstaunt.

Du wie er, Nataly ihr seid beide Helden gewesen euer Leben lang, im kleinen wie im großen. Helden"

Ich habe geahnt, Lothar. Es ist ja so furchtbar. Das jahrelang in sich tragen zu nrüssen! Ganz auf sich allein angewiesen niemand, der tragen hilft es ist furchtbar. Aermster, du hast es mit deinem Leben gesühnt."

Ihre Stimme zitterte. Dann brach die Freifrau in ein langes Schluchzen aus und las den Brief noch einmal.

Meine Teure, mein treuer Lebenskamerad! Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, bin ich nicht mehr. Bei Gott, ich habe.den Tod nicht mit Gewalt gesucht. Ich bin einer uw- erbittlicheit Schicksalspflicht gefolgt. Aber wäre ich zurück­gekehrt, es wäre ein Leben gewesen, nicht weiter zu ertragen. So war mir der Tod eine Erlösung. Ich werde gestorben sein im Schmerz um Dich, die ich zurücklassen mußte.

So soll dies die Beichte meines Gewissens sein.

Ich habe neben und unter Euch ein Leben der Lüge geführt, ein Leben voller Schuld. Damals, als mich in Schlesien das Unselige traf, das mein Dasein fortan ver­finstern sollte, glaubte ich nicht eine Stunde mehr leben zu dürfen. Lothar hat mich aufrechterhalten. Teuerste da­mals, das war kein Ueberfall durch eine räuberische Hand, lvie ich Euch bis zuletzt glauben machte, das mich niederwarf. Nein ich fuhr zur Konfirmation von Lothars Lncie. Bei Niederwiesenthal warf ich eine geleerte Weinflasche aus dem Bahnsenster, wie man das so oft tut. Das Unglück wollte es sie traf ein Menschenleben voller Pläne und Hofsf- nungen und zerschmetterte es. Es war kein anderer als der Vater der beiden Wölflins. Der blaue Anker meiner Uhr und meiner Knöpfe, Onkel Eberhards Seemcrnnsvermächtnis, sollten mich kennzeichnen. Zu meinem Glück, muß ich heute sagen. Sonst hätte meine unselige Tat noch mehr zerbrochen, und nichts hätte ich gutmachen können. Wenn wir, Lothar und ich, auch die Ankerstücke in die Oder versenkten und wenn

ich auch alles übrige hier im Hause, das den Anker Eber­hards trug, vernichtete, meine Tat wurde wachgehalten. Ge­wiß ich bin einen Augenblick feige gewesen. Ich hätte nuf- stehen, öffentlich bekennen und offen büßen sollen. Ich hätte vielleicht die halbe Last gehabt. Aber ich habe das nicht getan. Ich habe die Zukunft dem Schicksal anheimgestellt. Mit Lothar habe ich unmerklich für die beiden Waisen gesorgt. Ich habe ihnen den Lebenspfad geglättet, wo es nur ging. Und das gütige Schicksal hat es mich erleben lassen, daß es mir zuletzt noch gelungen ist, sie in mein Haus zu führen. Das übrige hast Du miterlebt, und heute wird Dir vieles verständlich werden, was Dir ein Rätsel war.

Nun ich das geschrieben habe, wird mir mein Herz leicht. In mir wird es hell wie ein Sommertag, und der Gedanke soll Dich trösten: ein Glücklicher ist gefallen, nur mit einem bitteren Schmerz um Dich in der Brust.

Vollende nun das Werk der Sühne, Du, meine Teure und Unvergeßliche. Ich bin nicht blind durch Bronin ge­gangen. Ich habe es gefühlt, daß das sühende Schicksal ein Band zu schlingen begann, das unsere Kinder an die jungen Wölflins binden wird. Tue dies letzte und tritt der Schickung, was sie auch bestimmt, nicht in den Weg. Ich weiß, daß wir auch hier eines Sinnes sein werden, wie immer in unserem reichen, schönen Leben.

Noch einen Druck Deiner treuen Halld, noch einen Blick in Deine treuen Augen. Mein letzter Gedanke bist Du.

« Dein Alexander."

Es folgte noch eine Nachschrift:

Ich überlasse es Deinem Ermessen, das Geheimnis des blauen Ankers unseren Kindern mitzuteilen. Erich Wölslin soll es von Lothar erfahren. Alex."

Frau Nataly stand auf und sagte zu ihrem Schwager:

Und du hast ihm tragen helfen ich muß dir danken."

Dann suchte sie Waldemar und sprach lange mit ihm über Susanne und Dietrich und lenkte über auf Wölflins.

Jetzt sah sie alles klar. In ihrem bedrückten Geiste malte sich eine neue Welt.

In ihrem Turmzimmer, drei Fenster in den Park hin­aus, lag Susanne. Das Leiden stand ihr auf der Stirn ge­schrieben. Jedesmal, wenn jemand eintrat, heftete sie fragend den Blick auf den Mund des Kommenden, als müßte von dort ein erlösendes Wort fallen. So matt sie war, sie schlief mit Hoffnung ein und erwachte mit neuer Erwartung. Diese Zähigkeit war bewundernswert.

Er mußte ja kommen, er konnte sie hier nicht liegen und verdorren lassen. Was hatte sie ihm getan? Das un­bekannte Verhängnis, das Geheimnis des blauen Ankers mit den vier Sternen auf dein Medaillon des Onkels Eberhard es mußte der Tag kommen, wo sich diese entsetzliche Dunkel­heit aufhellte.

Die Mutter trat ein und setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie streichelte ihrem Kind Haar und Stirn.

..Wie füblü du dich. Susi?"