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und wieder geschah es doch, daß 'ein vorlauter Beuget in der Schule «nein der Finkschen Sühne etwas Böses und Gehässiges über den im Gefängnis gestorbenen Vater sagte, und so kam es, daß Frau Hannas Wunde trotz aller Achtung, die man ihr im Dor : entgegenbrachte, nie ganz vernarbte.
„Die Kinder eines Diebes!" fmrrmÄte sie oft auf ihren Gängen vor sich hin und ckft hatte sie gegen eine böse Verzweiflung', die ,n ihrem Herzen tobte, anzukämpfen. In mancher Nacht, wenn die Erinnerungen wach wurden, wenn einer ihrer Jungen vielleicht eine Unart begangen hatte oder in der Schule getadelt tvorden war, dann lag die Hukunft schwarz und trostlos vor ihr ^ dann sah sie im Geist, wie auch ihre Söhne auf bösen Wegen gingen, wie sre denr Vater ähnlich imrrden und in Schmach und Schande endeten.
Und in solchen Nächten kämpfte sie gegen furchtbare, dunkle Gewalten an- in solchen Nächten geschah eS oft, daß sie sich mit aller Macht dagegen wehren mußte, ein Verbrechen an sich selbst und an den Kindern, deren Vater im Gefängnis gestorben war, s-n begehen. — Die Knaben ahnten nicht, in welcher Gefahr sie lebten: sie ahnten nicht, daß irgendeine Dummheit vielleicht genügt hätte, um die Mutter zu furchtbaren Dingen hinzureißen.
„Verachtet fiub wir ja doch!" sagte sie sich immer »nieder und vielleicht gerade, weil sie ihre Söhne mit einer starken Lrebe liebte, betete fte oft in leidenschaftlicher Inbrunst: „Laß fte sterben, Herr, ehe die Versuchungen des Lebens an sie herantreten!" —
Einmal, in einer weicben Stunde, sprach-sie sich beim Pfarrer aus — erzählte ihm von der Angst, die beständig in ihr zitterte. Aber aller Trost, alles gute Zureden von seiten des warmherzigen Mannes half nicht.
Wo Mißtrauen und Verzagtheit so tiefe Wurzel geschlagen haben, da können auch die bester rmd treuesten Worte nicht mehr helfen.
Gerade zu der Zeit, da Hannes ältester Sohn aus der Lehre entlassen wurde und da auch der jüngere schon der- Selbständigkeit -ustrebte, zu dieser Zeit, da,die Angst im gequälten Herzen der Frau aufs höchste gestiegen war, kam der Sturm über Deutschland dahergebraust: Krieg gegen halb Europa!
Hanne Finks Gehirn war zu eng und müde geworden- um etwas von der überwältigenden Begeisterung, die die Welt ergriffen hatte, zu fühlen. Sie wußte nur das eine: „Diesen Krieg hat Gott für Sich gesandt! Durch diesen Krieg will Gott deine Söhne vor Leichtsinn und Schlechtigkeit bewahren!" Sie weinte nicht, wie andere Mütter das taten, als ihre Jungen hinaus- zogen; sie zitterte nicht und stellte nicht die bange Frage ans Schicksal: „Werden sie heimkehren? Werde ich sie lviederseheu?" —
Liebte sic ihre Söhne nicht? War sie eine entartete Mutter?
Jnr Dorf hatte es sich herumgesprochen, daß Hanne Fink sich mcht um ihre Söhne gräme. Viel von der guten Stimmung, die bislang für sie geherrscht, ging verloren. Man sah sie mit sorscherrden und feindseligen Blicken an.
, Eine jede Mutter bebte jetzt um die, die inr Felde standen; ecne jede Mutter zitterte um das Kind, das sie dereinst unter ihrem Herzen getragen hatte und das mm in Not und bitterster Gefahr war.
Hanne Fink aber liehte ihre Söhne doch. Keiner im ganzen Dor^e U'äre jedoch fähig gelvesen, diese Liebe zu verstehen. Keiner im Dorfe hätte begreifen können, wie es im Herzen dieses schwergeprüften Weibes aussah.
- Sie liebte ihre Söhne, und in langem dunklen Nächten war fte mit ihnen draußen auf der: -Schlachtfeldern, lebte alle .Greuel nnt ihnen durch. Und wie jede andere Mutter, so bebte auch sie, wenn sie von dein Entsetzlichen, was im belgischen Nachbarland vor sich ging, hörte und las. Und oft, oft wollten dann ihre Hände sich falten, oft wollten sich »die stehenden Worte aus ihre Lippen drängen: „Herr, laß sie wohlbehalten uücderkehrerr!", bis das Furchtbare in ihrer Seele wieder wach wurde, bis sie sich vorstellte, daß die Söhne ruhmgekrönt heimkehren könnten, daß sie stolz und leichtfertig Iwerden könnten, daß die Mädchen vom Dorf, die zum Teil eitel und liederlich waren, sich an sie heranwarfen, fte umgarnten — wtb dann — dann--
Nein, sie konnte nicht um das Leben ihrer Söhne beten — fte konnte es nicht! Sie konnte nicht füll und vertrauensvoll wie andere Mütter für die glückliche Heinikehr ihrer Kinder stehen.
Der Pfarrer hatte viel zu tun in dieser Zeit. Trauerkunde war m den kleinen Ort gezogen. Frauen hatten ihre Männer verloren: Mütter weinten um ihre Söhne.
Das gute Gesicht des Seelsorgers war tiefernst in dieser Zeit.
„Nun, Hanne," redete er die Botengängerin eines Tages an. „Wie geht s? Was hören Sie von Ihren Söhnen?" und nahm, während er so sprach, ihre .Hand mrd führte sie in den 'Torweg eiue£ Hauses und sah ihr traurig rrud sorgenvoll ins Gesicht.
Und. Hanne murmelte — halb verschämt, halb trotzig:
„Wie,soll es gehen?" und machte ihre Hand aus der des Pfarrers frei. Der- aber legte ihr chie Hand auf die Schulter
„Haben Sie Mut, Hanne?"
Das Gesicht der Frau wurde bleich.
„Siub sic gefallen?" rief sie mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht.
„Der Jüngste ist hot, Hanne! Mit ihn, hat Gort gnädig ge-
wattet. Der Aelkere aber — nein, nicht verzagen- Hanne — denn «s gibt auch für das Allerditterste noch einen Trost!"
nie sah ihn starr an.
„Er hat das Augenlicht verloren, Hanne? Sehen Sie, Hanne, Dre haben mir einmal m eurer vertraulichen Stunde gesagt, Jmren fet bange vor der Zeit, wenn Ihre Söhne ins Leben eftr- ttaten, wenn sie Versuchungen und Gefahreil ausgesevt seien, -^avor hat^nun der gnädige Gott tthre beiden Söhne bewahrt. J “ m , tun Sie das Ihre, um dem armen Lebendell das Dasein erttaglich zu machen!"
. rauher Ton kam aus ihrer Kehle. Die Last, die sie auf
dem Nucken triig, wollte sie zu Boden ziehen.
Hstune war nicht die Frau, die sich selbst und ihrer Schwache nachgab. Sie legte ihren Weg wie sonst zurück und sprach zu niemandenl voll dem, was sie «betroffen hatte.
Ihr Herz war erschüttert und war doch voll der alten, quälenden Angst befrett.
u'? nn f ö m el1 Menschen, der das Licht des Tages nicht mehr erblrckeu sollte, wollte sie das Leben schon gut und lobenswert machen. O, fte fühlte plötzlich eine Riesenftaft in sich. Jahrzehntelang noch würde sie ihre schweren Gange gehen können — lahrzehntelang noch für frenide Leute die Waren hin- und herschleppen.
.„Gott — wein Gott ■— du hast meine Söhne hart geprüft und doch danke ich dir, denn du hast sie vor Sünde und Schande bewahrt!
_.,Dib Ante im Dorf sprachen ulid klatschten viel über den uw erhörten Glerchmut, über die Härte dieser Mutter und selbst der Pfarrer war erstaunt und verstimmt. /
Aber als der Tag kam, an dem der arme Krüppel ins Zrmmerchen der Mutter gebracht wurde, begleitet von: Pfarrer
und gefolgt von Weibern und Kindern-als der arme Mensch
sich zur Mutter hiutastete und als daun ein furchtbarer Schrei aus wehestem Herzen kam uild die Frau, der ncail Gleichgültigkeit uachgesacft hatte, den: unglücklichen L>ohn zu Füßen fiel, da zogeir sich die, die hier so hart geurteilt hatten, kleininütig zuruck.
„Mein Sohn, mein Jungchen!" flMerte die harte Hanne mit unendlich weicher Stimme, rrnd der L-ohn lehnte den Kopf an das Herz der Mutter. *
Die Verluste der Tierwelt durch den Weltkrieg.
Wie werden sich die Tierbestände der Kriegsschauplätze aus dem allgemeinen schrecken und Elend retten? Auf diese interessante Frage gibt, besonders auf Grund seiner Beobachtungen aus dem östlichen Kriegsschauplätze, Hans Sommermeyer in der jüngsten NumnM der bei Theodor Thomas in Leipzig erscheinenden Halbmonatsschrift „Natur" nähere Auskunft. Er meint, daß lvir llns nn allgemeinen keiner besonderen ^Besorgnis hinzugeben brauchen, wenn auch einzelne Tierbestände freilich sehr stark leiden werden. Am allerwenigsten ist selbstverständlich die Kl ei n ti e rw e l t betroffen worden, denn sie hatte gegenüber den mehr ins Große gehenden Bernichtungsfalloren des Krieges ausreichenden Schutz in ihrer Kleinheit, llebrigens gibt es zwei Tievgatttingen, die durch den Zkrieg sogar offensichtlich Vorteil gehabt haben, so wie manche Fabriken für Kriegsausrüstung gegenüber der anderen Industrie. Daß es Nager sind, ist leicht zu erraten. Es sind vorerst die Feldmäuse, die sich aus dem östlichen Kriegsschauplätze ganz erschreckend vermehrt haben, da ihnen kein Abbruch getan wurde, indem dis^Kräheir infolge des leckeren Mahles an den Kadavern auf die ungleich Mühseligere Mäusejagd verzichten koitnteu. Dazu kommt noch, daß diese Nage-: oft reichlich Nahrung auf den oft abgeerntete u Feldern Hab eil. Auch eilt anderes Nagetier hat durch den Krieg entschieden gewonnen. Es wurde — vergessen; größere Dinge, größere Gefahren beschäftigen die Menscl)- hcit und der kleine Feind konnte fctueir Sieges zu g unbeobachtet und vielfach unbekämpft ausdehnen. Es ist die B i s a m r a t t e, dies Danaergeschenk Amerikas. Ihr Auftreten, für das Flußgebiet der Donau und der Elbe lvar eine drohende Gefahr für Teichlvirtschaft, Fischerei, Wasscrjagd und Dammbauteu dieser Flußsysteme. Nun ist die Aufmerksamkeit von b-iefeu Nagern bedenklich abgelenkt tvorden. Er konnte seine unheimliche Tätigkeit aus denr Herzen Böhmens in die benachbarten Länder Sachsen, Bayern, Mähren, Ober- und Niederösterreich arrsdehncn — und damit scheint — um im Rahmen der jetzigen Zeit zu sprechen — die erste Verteidigungslinie gegen diese,: Mgemeiirschädliug durch- brochen zu sein.
Diesen keineswegs erwünschten Tiervermehrungcn stehen einige arge Schädigungen des Tierreiches durch die Kriegshandlungen entgegen. Die Fasanerien und gehegten Rehjagden Galiziens rmd Polens sind völlig vernichtet, rvährend die sonstig« Mederjagd nicht so sehr gelitten zu haben scheint. Mer eines der schönsten Tiere hat dlrrch de,: Krieg arg glitten: der berühmte Karpathenhirsch. Zweiural sind die Russen durch die Karpathen gezogen, zweimal nach loochenlaugeir erbitterter! Kämpfen znrückgeworfen worden. Das hat eine schwere Schädigung der kapitalsten aller mitteleuropäischen Hirscharten mit sich gerächt, deren Größe sich heute allerdings noch nickst iiberbücken '.aßt, und die leider mich rroch nickst abgeschlossen erscheint. Nack) Sommer-, meyers Beobachtungen ist der Stand au Karpatheubechwild durch


