Ausgabe 
23.9.1915
 
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goldenem Grunde vor ihm auf und hüllte alles ln ein fahles blaues Licht.

Nein bei Gott es darf nicht sein!"

Er sah die Katastrophe vor sich, wenn er ja sagen würde ein Ende mit Schrecken. Uitb er blieb fest, wie es auch in ihm stürmte. Er sprach zu sich selber mie geistes­abwesend:

Erich laß das Schicksal seinen Gang gehen!"

Nur au Waldemar sandte er eine Abschrift unter Weg­lassung der ersten Zeilen, die ihm persönlich und Lotte­galten.

32. Kapitel.

An demselben Morgen, an deni Erich den Brief aus Frankreich erhielt es war Mitte September ließ Ober­inspektor Tschammer die stolze Fahne auf der Broniner Schloßkuppel aus Halbmast ziehen.

Rittmeister Freiherr Alexander v. Rothkirch war im Westen an der Spitze seiner Schwadron gefallen.

_ Sein Bruder Lothar, der am Abend aus Berlin ein- tt'af, fand die Familie vollständig zusammengebrochen. Der niedergeschmetterten Frau und den Kindern, die in Tränen aufgelöst waren, gegenüber erstickten ihm die Trost­worte in der Kehle.

Arme Frau! Und das Schwerste komntt noch. Und ich muß es sein, der dir das antut, der dir das überbringt. Es wäre vielleicht nicht mehr nötig. Aber den Eid will ich Nicht brechen."

Es war das Vermächtnis des Brrrders, das er bei sich trug.

Ani nächsten Vormittag brach ein kleiner, Heller Strahl durch das düstere Gewölk über Bronin, als Waldemar Erichs Brief erhielt.

Dietrich lebt! Er ist in F'eindeshand!"

Lothckr v. Rothkirch ging einsam durch den Park, in Lern schon gelbe und rote Blätter fielen. Ihm brannte der Gedanke im Kopf, wie er die Schwägerin auf den Ab chieds- brief des Bruders, den er chr allein übergeben sollte, vorbereitete. Er wollte es hinausschieben, denn er fürchtete tn diesen Tagen um den Verstand der treuen Frau, deren Leben so ganz ht dem ihres Gatten aufgegangen war und die heute nur noch einem Schatten glich. Aber er mußte fort, die sterblichen Reste des Bruders zu suchen und sie, wenn möglich, in das alte Rothkirchsche Erbbegräbnis über- znführen.

Doch die Hand, die zu dem schweren Schlage ausholen sollte, zitterte. So schob er es doch auf und fuhr am dritten Tage nach der Grenze im Westen.

Wölslins hatten den Heldentod des Freiherrn in den Blättern gelesen. Die Nachricht preßte Lotte bittere Tränen aus den Augen. Der alte Herr tvar ihr ein Vater gewesen Viel verheerender wirkte der Tod des Schloßherrn von Bronm auf Erich. Die Schwester sah ihn voll Angst an

Was ist dir, Erich?"

Er blickte ihr wie ein Trunkener in die Augen und stanunelte verworrene Worte. Dann umschlang er die Schwester und schluchzte:

Es ist furchtbar, dies Ende der Rothkirchs!"

, . verstand diesen Ausbruch verzweifelten Schmerzes der Erich nicht. Als er sich gefaßt hatte, wanderten sie in stummen: binnen in das Bodetal, wohin sie schon manchen getragen hatten, und fairden in der stillen Natur die Ruhe wieder.

. Den Tag darauf erhielt Erich, gerade als Lotte bei ihm nngetreten war, über Berlin einen Brief Dietrichs ans dem fd;rccfct/ asrtre ^^ Magdeburg. Das Unerwartete machte ihn

.."AX^brden einem Schwerverwundeten diesen Wunsch Sa? Ich bitte Sie dringend und herzlich um

Z^bn Besuch und um den Besuch Ihrer Fräulein Schwester. Ihr ergebener Dietrich von Rothkirch."

Koste lag an seinem Halse und weinte.

E dem nächsten Zuge fuhren sie nach Magdeburg.

danken i/der Seese^°" äHtM ' Egende Ge-

"Geh' du allein, Lotte, und sprecht euch aus."

x ac ^ m , er qualvollen Spanne Zeit bat ihn ein Gehilfe -u dem Oberleutnant v. Rothkirch. ; T

Er fand Dietrich und Lotte Hand in Hand. Mit einer

hir a ^ f Ö i r abgezehrte Gesicht des jungen

Offiziers, der chm zwanzig Jahre älter erschien. Aber ans seinen Augen glänzte ein reiches Glück.

Dein Vater, Liebste, kann uns seinen Segen nicht geben. Der an seiner Stelle steht, wird ihn uns nicht ver­sagen."

Mühsam hob er den lahmen rechten Arm und suchte ^V^^.^and. Erschüttert beugte sich Erich über ihn mtb lüßte ihn. Die Vergangenheit'fiel in Scherben.

Das war unser Bruderkuß, Erich."

Jchl/fasse es noch nicht. Es ist alles so schwer, so. furchtbar."

nicht wahr? Wie ichi hierherkomme? Mich hat unseres Kronprinzen Armee gerettet. Bei dem Sturiu auf Longwy ging alles drunter und drliber. Die sranzösisch-en Korps flohen und ließen nrein Lazarett zurück. Ich war wieder in der Hand der Landsleute. Aber nun nun muß e ? mit mir rasch vorwärts gehen. Und es geht. Jeden Tag einen kleinen Schritt. Weihnachten soll ja der letzte Verband gefallen sein."

Er wandte sich zu Lotte:

Dann bist du ganz mein, du Liebste," sagte er leise, und du wirst mit mir noch viele Umstände haben, bis die Gelenke wieder so weit sind, daß sie das Segel führen können. Mein liebes Boot wird Lotte heißen."

Lotte standen die Tränen in den Augen, wie sie ihn so elend und hilflos liegen sah.

Nebenan lagen zwei Kameraden. Der jüngere, Edgard ^b^mbr, ein blauäugiger Pionrerteutnant, hatte einen schwe­ren Beckenschuß und lag gewöhnlich bewegungslos. Er ver- suchte letzt unter Schmerzen, sich ein wenig aufzurichten.

Rothkirch, Glücklicher, gratuliere von Herzen!"

"Hud ich nicht weniger herzlich!" rief der dritte herüber uni) hob dre verbundene verstümmelte Rechte wie zu einem Händedruck.

Ueberwältigl von Schmerz und Glück trat Lotte zu ihnen und druckte ihnen dankbar die Hand.

Mögen Sie alle bald wieder in der Heimat bei Ihren Lieben fern!"

(Schluß folgt.)

Mutterliebe.

Skizze von H. v. Mühlenfels (Berlin).

Hanne Fink, die Botengängerin im kleinen thüringer Badeort, war eine Frau m den besten Jahren. Sie zählte vielleicht gerade vierzig. Aber ihrem Aussehen nach glich sie eher einer Sea^igjahrigen. Die Haare, die unter dem Kopftuch hervorsahcn, Fatteii 0t<m im ^ au ^ ^ er ®^ ni 1!n ^ 11,11 ^ c,t Mnitd tagen tiefey

Sie führte ein hartes,, arbeitsreiches Leben, doch ihr schwerer Bnuf war es nicht, der sie niederdrücktc. Aber HaiUie, die ans anständigem und wohlhabendeni Hause stammte, hatte in ihrer rurjeit Ehe Furchtbares erlebt. Der Mann, den sie über alles geliebt, war ein liederlicher Kumpan gewesen.

Hannes'Eltern hatten sie genüg eich vor der Ehe gewarnt: aber das Mädchen hatte ein heißes Herz gehabt unb der Mann oeftel ihr nun einmal. Sie hatte sich auch wirklich die Kraft zn- getraut, ans einem arbeitsscheuen Menschen einen braven Familien­vater machen zu können.

Aber der leichtsinnige .Fink war glatt ilnd geschmeidig wie X ;^al gewesen. Nie hatte er sich bös und offen der starken, etwav herrschsnchttgen Frau. entgegengesetzt. Er hatte versprochen, was ffe verlangte, war ihr aber immer wieder entglitten, hatte sie hmtergangen ruid schließlich, um Geld zu schaffen, war er auf\c Wege gekonimen, war immer tiefer hinabgeglitten, bis eines Tages sein Schicksal ihn erreichte, bis im ganzen Dorf von Nichts anderem gesprochen wurde, als von: Gärtner Fink, der rm Gesangms saß, weil er betrogen und gestohlen hirrtt^

Um diese Zeit war Hanne Fink in ein päar kurzen Lachen grau und alt geworden: um diese Zeit war ans der stolzen Fran ein gedrücktes zerkmrlchtes Geschöpf geworden, und wiewohl sie so gut wie mcküs für sich und ihre beiden Knaben besaß, bauerte es Zne geraunie Zeit, bis sie so weit war, daß sie sich au irgendeine Arbeit besann. ' ,

Eigentlich fand sie ihr Berantwortüngsgcsühl de» Heid«!« «sohneri gegenüber erst dann wwder, als der Pfarrer eines Tages zu ehr gekommen war, um ihr mitjutcilen, das; Fink sich int Ge- genommen habe.

. ^s 111 Seufzer der Erleichterung entfuhr ihr, denn entsetzlich

^ö^^br Gedanke, ihn eines Tages ivieder im Hans und am Tisch dulden zu musseil, ffe gequält. f

b M e Zettleqte die Botcngiiugerin Fronuuel wegen Alters­schwache rhr Amt nieder und der Pfarrer, der ein gutes .Herz.

Antt zu^bewerbe» ^ >»» die Nachfolgerschast in diesem

Die beiden Söhne glichen der Mutter; sie ivare» stramme Jungen und taten m Schule und KauS ihre Pflicht. Aber hin