Donnerstag, den 25. September
Der blaue flnker.
Roman von Elf riebe Schulz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Lotte Wölflin hatte früher nur wenig Interesse an den Zeitungen gehabt. Sie las den Roman, die kleinen Feuilletons, die literarische Beilage. Jetzt saß sie stundenlang im Lesezimmer des Hotels und verfolgte mit Leidenschaft die Kriegs nach richten. Erich erklärte ihr, wenn sie manchen milü tärischen Ausdruck nicht verstand. Ihr sensibles Wesen las zwischen den schwarzen Zeilen den schweren blutigen Ernst der Kriegsvorgänge, von dem sich nicht alle Menschen die nötige Rechenschaft geben. Was der soldatisch geschulte Verstand als selbstverständlich hinnahm, löste bei ihr oft Grauen und Entsetzen ans. Sie war mitten unter den Truppen auf freut Felde und erlebte .mit ihnen alle Strapazen und die unmenschlichen Entbehrungen. Aus bcu Feldpostbriefen in achte sie sich ein scharfes Bild von der heroischen Größe jedes einzelnen der Tapsereil, von der Furchtbarkeit eines Artilleriegefechts, von dem wahnsinnigen, höllischen Chaos eines Nahkampfes, wo der Mensch zum Tier wird. Sie hörte den erschütternden Aufschrei der Getroffenen, ihr Wirnmern im vergossenen Blute und schloß die Augen vor den Bildern der zuckenden Leiber am Boden.
Und immer wieder sah sie sein Antlitz, Dietrichs bleiche Stirn, das blutig-e braune Haar. Diese Schrecken verfolgten sie bis in die Nacht. Dann fuhr sie inr Traume jäh auf und vergrub angstvoll das brennelide Gesicht in beit Kissen.
Die Spalte „Opfer des Krieges" las sie immer zuerst. Da war aus einer Familie nach den beiden ersten Brüdern der dritte auf denr Feld dev Ehre gefallen. Dem einzigen Sohn folgte der Vater. Sie dachte, an die Verzweiflung der vereinsarnten Mutter und Gattin und hatte eine grenzenlose Bewunderung für den Heldenmut, mit dem diese deutschen Fr allen nach dem Sturm des ersten .Schinerzes ihren Seelenjammer ertrugen. Dem Opfer der Männer reihte sich' wahrlich ebenbürtig das Opfer des znrückgelasseilen Weibes, der Vtntter, der Liebsten Ml.
Und sie saßen hier im beschaulichen Frieden imfr konnten das alles nur von weitem nachsühlen. Me klein und erbärmlich kalnen sie sich dann vor. Dann sagte Erich:
„Wie tief sind wir alle, die zurückgeblieben, in der Schuld lulserer unvergleichlichen Brüder da draußen! Wie sollen wir diese Schuld einmal bezahlen? Und wird sie einmal bezahlt werden? Wehe dem, der das vergißt!"
Eines Tages erhielt Erich einen Brief mit der Adresse: Monsieur Erich Wölflin. Allemagne. Brollin, Bez. Brom- berg.
Er war mit der Feldpost befördert und ihm nachgesandt.
Erich öffnete nellgierig. Eine ungelenke französische Handschrift. Er suchte nach der Unterschrift,
„Dietrich Rothkirch."
Den Namen hatte dieselbe ungelenke Hand geschrieben.
Langsam entzifferte er den französischen Text.
„Französisches Feldlazarett Nr. 8. Bu'dry-ChannierS hinter Longwh. Geehrter Herr Wölflin? Der Krieg, der teure Bande zerrissen hat, zerriß auch manchen konventw' netten Schleier und zwingt, Geheimnisse zu offenbaren, die nur im Frieden einen Sinn haben. Hier in der Fremde weiß ich nicht, wie sich die Verhältnisse meiner Lieben ht der Heimat gestaltet haben. Ich kenne auch nicht den Grad Ihres Wissens um mein Verhältnis zu Ihrer Fräulein: Schwester. In jedem Falle werben Sie nicht überrascht sein, wenn Sie nun hörest, dgß ich Mt dem Frühling dieM Jahres das unermeßliche Glück hatte, mit Gewißheit Ihre Fräulein Schwester als mein zukünftiges Weib betrachten zu dürfen. Mit der ganzen Leidenschaft meines Wesens habe ich dieser Liebe gelebt. Ein unseliger Tag trieb Ihre Fräulein Schwester fort. Auf dein Schlachtfelde habe ich, soweit ich eine Schuld daran trage, zu führten gesucht. Rechts und liitks wurden meine Kameraden hin tveg gemäht. Ich blieb unversehrt. Die Kugeln wichen mir ans. Tag und Nacht lag ich im Patronittendienst am Feinde, oft gentkg mitten unter ihm. Ich erntete beide Eiserne Kreuze. An dem Tage, an dem mir mein Divisionskommandeur selber die erste Klasse auf die Brust heftete, ließ mich der Schmerz um mein verlorenes Glück den kleinert Rest von Besonnenheit, den ich für ein leises Zuttmstshoffen inrmer noch aufgespart hatte, verlieren. Es ging um die Erkundung einer feirrdlichen Batterie, die rursern Stellungen verhängnisvoll war. Ich übernahm die Aufgabe. Man -entdeckte mich und schoß mich schwer zusammen. In fvaai- zösischer Gefartgenschaft wachte ich ans. Mein Sanitäts' Unteroffizier hier tut Lazarett, ein vortrefflicher Mann, dem ich diesen Brief in der Sprache seines Laiches diktiere, weil meine beiden Arme in Verbänden stecken, will Mittel und Wege finden, meine Zeilen an einen deutschen Vor' rosten zu bringen. Er starnmt arts dieser Gegend. Kornrnen ie in Ihre Hand, dann ist es ihm gegtiickt, unb er hat einen Lohn ehrlich verdient. Was ans mir nun wird, weiß ich nicht. Auch Bntft und Hüfte haben sie mir gekenn - zeichnet. So bitte ich Sie, allen denen, die mir nahe stehen, von meinein Schicksal Kenntnis geben Alt wollen. Ob Ihre Fräulein Schwester in diesen Kreis mit eingerechnet wird, diese Entschidnng, .Herr Wölslin, lege ich in Ihre Hände Ich bin Ihr ergebener Dietrich Rothkirch."
Erich blieb das Blut fast im Herzen stehen Ans dem Satze: „Diese Entscheidung lege ich in Ihre Hände?" schlugen ihm gelbe Flammen versengend entgegen.
Das Schicksal der Schwester sollte hier in seine Hand gelegt werdet!?
Er verbarg das Schreiben ängstlich in der Brusttasche und kämpfte einen furchtbaren Kampf um J?a oder Nein
Wie eine Fata Morgana stieg der blaue Anker auf


