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fordern. Jetzt nahm ihm die KriegSsurie dies traurige Amt ab.
„Was haben sie dir getan, Lotte?"
In dieser Nacht machte er kein Auge zu. Erst als über den Bergen das Frührot des Morgens aufschimmerte, schliß er mit fernem wunden Herzen ein.
. 31. Kapitel.
„Darf ich an Susanne ein paar Zeilen schreiben?"
Es lag eure große Zaghaftigkeit in Lottes Frage. Hun dertmal schon hatte es auf ihren Lippen gelegen: „Was has du mit Bronin?" Aber sie hatte es immer wieder unterdrückt. In ihrem Mädchenherzen flammten Ahnungen auf, d e sic beunruhigten. Erich hatte jedes Wort der Aufklärung bisher vermieden. Das schreckte sie ab.
Sie sah, wie sein Blick weltverloren in die Ferne ging. Sie wiederholte leise ihre Frage. Da wachte er aus seinen Traumen auf.
„Ich kann es dir nicht verbieten."
ES klang schroff und sollte eine Mtehnung sein. Ai-er es lag ein Ton darin, der Lotte ergriff.
„Ich danke dir. Ich werde schreiben."
.Am nächsten Tage kam Erich vom Rathaus.
„Ich habe einen Schreiber angestellt, schön neulich, der mir die Verlustlisten auf unsere bekannten Namen nach- sieht. Von selbst schreibt keiner. Den Schmerz will jeder dernleiden. Es ist bitter. Gerhard liegt in Aachen, verwundet. Und — Dietrich —"
Da schrie Lotte auf. Mit weit geöffneten Augen sah sie den Bruder an. Das kam so unvermittelt, daß Erich sich erst fassen mußte. 1 ' 7
„Er wird vermißt."
Erich mußte die Schwester halten. Sie wäre zu Boden gesunken.
Kopfschüttelnd führte er sie auf das Sofa.
„Lotte — faß dich!"
Sie saß regungslos, den Kopf an die Lehne gedrückt, die Augen geschlossen, die Hände, starr von sich gestreckt.
. Ä * nb L“" bedeutet ja noch lange nicht
etwas ^chlumnes. Er kann sogar gesund und guter Dinge sein. Vermißt, das soll nur heißen verirrt oder gefangen Er tft ein verwegener Soldat, er wird sich schon durchschlagen." Tür — 6 '^"elte kaum merklich den Kops und ging zur
„Laß mich, bitte, allein, Erich! Verzeih!"
In tränenlosem Schmerz saß sie auf ihrem Zimmer, die Seele zerrissen.
„Der Tod ist ihm nichts!"
Immer wieder sagte sie das vor sich hin. Sie fand reinen klaren Gedanken. Nur das eine fühlte sie zwischen allem hindurch: sie glaubte Dietrich veraessen zu haben, und das war nu Trug:. Vergebens wehrte sie sich dagegen.
* an . Bwmn kam in diesen Tagen ein Brief. Aber kurze Zeilen" ^ n,,b ' Frau Nataly schrieb ein paar
, -Mein liebes Kind, liebe Lotte! Nach so langer Seit ^ber ein Lebenszeichen. Es war uns allen eine Freude. Zu .EEi Schmelz kann Ihnen Susanne nicht selber aut- S.?it i r l t 'E recht schwer erkrankt und liegt oft in U ! n: H?i et 'st leer geworden, totenstill.
Da wünschen wir Ihnen' alles Gute'. SeleH'ie"be»lich r Nataly v. Rothkirch."
gegrüßt von Ihrer _ ^
.SchrM aeseht: in il^cr steilen, eigensinnigen
lein Lotte?'Eva " """" &rui >' liebes Frön-
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&ie dachte zuerst an Dietrich und sein Schicksal, das aus ffiwTVsT mi . ,r v Dan» lief ihr Gedankenfaden zu
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te noch einmal um, nahm den Brief von Bronin und leate chn Erich aus den Tisch. Dann rannte sie in das Städtchen Sic mußte Menschen sehen. Es war ihr zum Sterben jumutc!
w llb den Brief mit der wohlbekannten Lenste? * fnl}/ wanbte er sich kurz ab und trat an das
Warum legte Lotte das Papier dorthin?
War nicht Bronin für ihn tot?
Mußte nicht der Schleier ewigen Bergessens über das alles gebreitet werden?
Das Entsetzen, daH ihn damals fort getrieben harte, faßte lhn von neuem. Gab es denn kein Vergessen?
Er wußte nicht, wie ihm war. Mit einem Male hatte er den Brief doch in der Hand und faltete das Blättchen auseinander. Ihm verschwommen die Buchstaben vor den Augen.
Es klopfte. Lotte kam zurück.
„Du hast das gelesen?"
Erich sah seine Schwester ernst an und nickte.
. „Ich möchte einen Tag nach Bronin und komme gleich wieder. Darf ich, Erich? Geht es?"
Der Bruder nahm ihre Hand.
„Setz' dich, Lotte."
„Erich — was hast du mit Bronin?"
Er sah sie ruhig an und rieb sich die Stirn, als wollte er die Gedanken bort verscheuchen.
c obste Lotte — es ist so, ich bin mit den Broninerii zerfallen Mem Fuß betritt die Rothkirchsche Schwelle nie mehr m diesem Leben. Ich kaiin es dir nicht sagen. Erspare mir uunütze Worte. Kurz — ich kann dich nicht zwingen. Du c.!? P en berner Entschlüsse. Wenn du nicht nach Bronin fährst — so schwer es dir fällt, es wäre doch das Richtige. Du vermagst dort nichts zu änderii." a sagte das alles mir einer finsteren Bestimmtheit, stand auf und ging unruhig hin und her. Er blieb wieder vor Lotte stehen.
„Noch eiiis — gegen die Damen habe ich nichts. Es geht um den Freiberrn. Darum laß das, was zwischen uns Män- nern ist, auch zwischen uns bleiben unb ruhen."
„Mein Gott —i das kann nüfjit so etwas' Ungeheures! sein, etwas, lvas so schwer aus allen liegen must! Ser nicht hartt, Erich, und eigensinnig. Laß mich."
Aber er trat noch einmal dicht an sie heran und sah ihr merkwürdig und verbittert in die Augen.
„Es kommt vielleicht einmal die Zeit — nein, nein — sie wird me kommen — halte mich nicht für ein Kind oder einen Menschen mit Schrullen, Lotte. Laß es sein — tu mir die Liebe, bleibe!"
Sie blieb. Es war ganz gegen ihren Willen. Und sie hatte sich gegen den Bruder gewehrt, wenn sie ihn nicht so bcbnd an Leib und Seele vor sich gesehen hätte.
Aber |te fühlte babci das Beste ihres Wesens zerbröckeln, mu’ ern kurzes Wort schrieb sie nach Bronin ilud goß ihren ganzen Schmerz um Susanne hinein.
Von diesem Tage an war etwas Fremdes zwischen sie und ihren Bruder getreten. Sie bezwang sich. Mit der vollen weiblichen Treue tat sie ihre Pflicht und führte ihn auf den langsamen Weg der Genesung mit fester Hand vorwärts. Eine leise Hofsilung glühte in ihr sort.
Neber die Zukunft sprachen sie nie miteinander. Sie lebten nur den Ausgaben des Augenblicks und sahen nickt den nächsten Tag. Es war alles anders geworden als früher, gemessen, still, als waren sie über die erste Jugend längst hinaus.
(Fortsetzung folgt.)
Dis vier Eidgenossen.
Von HansLaßbiegler. -
^ Gradllikosf verstand es ausgezeichnet mit dem Feld- d«M «tmuifwiifo. Er ivar bereits m seinem zweiten Diensl? ahr Kompagmeschreiber. Ein unerhörter Fall in der (beschichte des Regiments. In tzotor Gradnifaff mußte etivas besonderes stecken. Sein Gesicht verriet es schon. Die kleinen Schlitzaugeil standen eng. & m Ä r - f 1 \ n \VV a ^' kein Merkmal besonderer Schlauheit ^.^^radmkoff hatte sehr verschnntzte.Lippeu. Der gL
Murg, ein M enschenfreund, ohne es zu wolle!!. Die Buchstaben S'cmK* 1 ** l ,ub ^^uche malte er aus den verschoMn au deii i_cken ningebogenen dlttcnbogen mit Schwung, dazu nrit Ge- tauigfeit und Bedäckstigkeit. JDie beide,: letztgenannten Eigcn- Maften wußte der Feldwebel Stowüagenko besonders zu schätzen Sie ließen ihm Zeit für seine Geflügel- und KaninchenzuM- er war ein Liebhaber erlesener Braten. Darum hätte er den ^'^osNzieren seiner Kopagnie, ivenn sie sich bei ihm ungeduldig nach dem Erfolg ihrer Eingaben erkundigten ebensogut sagen können: „Ihr müßt lvarterr. bis Potor GraduKoss soweit


