Der blaue Unber.
Roman von E l f r i'e d e. Schulz-.
(Nachdruck verboten.)
.(Fortsetzung.)
„Sieh mich nickt so eindringlich an!" wehrte Lotte ihn ab.
Aber er tonnte ebenso erwidern:
„Du tust das, Lotte. Aber was ist heute an mir zu sehen? Fa — ich bin ein recht schlappet Mensch geworden. Hier —- hier sitzt es mir immer noch."
Er zeigte auf das Herz und die Lungen uub atmete schwer.
„Armes, armes Kerlchen!"
Sie legte den Kopf an seine schmal gewordene Brust und starrte vor sich hin. ’
Dann gingen sie ins Tal. Wie sie so dahin w ände rt en, waren sie plötzlich hoch oben, den Zickzack der Schnrre hinauf, auf der wilden Roßtrappe.
„Himmel — hier habe ich mich noch niemals hin- getraut. Ich bin ia stärker, als ich dachte."
Seine Augen leuchteten auf, als ec in das romantische Tal sah, das tief unten mit der silbernen Bode entlang zog und seinesgleichen iu deutschen Landen nicht hat.
Es war totenstill hier oben. Sie waren ganz allein.
„Nun sitzen wir hier im Frieden, im Sonnenschein, hoch über aller Welt. Und unsere Brüder draußen im Feld, die Braven, bluten und opfern sich für das Vaterland. Das ftttb doch nur."
Er erzählte, wo die alle waren, die sie kannten, Gerhard Ladenbnrg und Saar, der alte Rothkirch und Dietrich. Er hatte ihre Hand in der feilten und fühlte, wie sie zuckte, als er den letzten Namen nannte.
„Du denkst an Dietrich?"
Sie preßte beide Hände vor das Gesicht. Die Schultern sanken herab. Erich faßte sie leise um und drückte sie an sich.
„Vögelchen-, kleines — "
Dann richtete er sich hoch und nahm sie fest an der Hand.
„Hat er dir etwas angetan?"
Jedes Wort klang schwer lvie Metall.'
Lotte wußte, daß diese Frage einmal falten mußte. Sie hatte sich tausendmal diesen Fall vorgelegt und nie klar beantwortet. Sie bedeckte mit ihrer freien Hand die Au-gen und blieb stumm.
Plötzlich wandte sie sich um, lvie aus einer Vergessenheit erwachend.
„Mein Schweigen soll keine Antwort sein, Erich. Du sollst mich nicht mißverstehen. Aber jetzt nicht, Erich."
Sie sagte das einfach und gefaßt. Da ging ein Zug der Befriedignna über Wölflins Gesicht.
„Nein, Kind. Ich lvill nichts lvissen. Ich werde warte», bis du —"
Da fiel ihm Lotte ins Worck.
„Doch, das eine sollst du lvissen. Erich ich habe unrecht an dir gehandelt, vor dem ich nie ein Geheimnis hatte. Ich habe dir unser Glück verschwiegen. Ich habe dich lange hintergangen. Ich konnte nicht von ihm lassen. Bis das —"
„Und jetzt, Lotte — du bist jetzt ruhig darüber? — Es ist ausgelöscht?"
Langsam, zuerst zaudernd, dann mit einer offenen Bestimmtheit flüsterte sie:
„Es ist — ausgelöscht!"
„Ich danke dir für dieses Wort, Lotte. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Dil bist ein vernünftiges Mädchen. Es ginge auch nicht. Es wäre unmöglich."
Lotte sprang auf und sah den Bruder verständnislos an. Man sah es rhr an, lvie seine Worte ihr Blut in Wallung brachten.
„Es wäre unmöglich? — Erich, warum sagst du das?"
Sein Gesicht verfinsterte sich.
„Es entfuhr mir so, dies Wort, dies.Unmöglich. Es — wenn man — ich sehe —"
Er kam in eine Verwirrung hinein, weit er etwas ungeschehen machen wollte, was nun doch geschehen war. Daint sagte er- kurz:
„Sieh, all die Unterschiede — es sind doch vermiedene Welten, und das gibt immer» Unglück."
Ihre Hand wieder erfassend-, sagte er mild :
„Ich werde nie mehr daran rühren."
Nach einer Pause hob er noch einmal an:
„Doch — noch ein einziges Mal — das darf ich dir doch nicht vorenthalten. Dietrich hat gebüßt. Er hat den Tod gesucht auf dem blutigen Felde. Beide Eiserne Kreuze sind sein. Er muß furchtbar dranflosgegangen sein» Auf meine Bitte hat mir Frau v. Rothkirch die Feldpostkarte geschenkt, auf der ein Kamerad schrieb: „Der Tod ist ihm nichts!" m W illst bii sie haben?"
Sie nickte still. Ihre Wangen waren bseich geworden.
„Wollen wir- gehen?"
Si etanmelte förmlich den steilen Pfad hinab, daß Erich sie halten mußte.
„Du bist doch sehr müde."
Als Lotte zur Ruhe gegangen war, hielt es ihn nicht im Hause. Er nahm den Mantel und ging in die Dämmerung hinaus. Unter ihm schäumte und rannte die Bode. Gespenstisch stiegen 51t beiden Seiten, die steilen Felswände zum dunkelblauen Himmel hoch. Wüste Gedanken gingen Erich durch den Kopf. An der Teufelsbrücke setzte er sich auf das Geländer und stierte in den schwarzen Strudel. Schlver stöhnte er ans.
„Lotte — das Hans Rothkirch hat nun zweimal Unglück über uns gebracht. Und ist es das letzte? — Der Himmel sei uns allen gnädig."
Dann irrten seine Gedanken zu Dietrich. Wäre er im *Lande, würde Erich von ihm Rechenschaft für seine Schwester


