Der blaue Unker.

Roman von El fr rede Schulz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Aus Hamburg und Berlin kamen schreckliche Nachrichten von erlogenen, aber fest geglaubten Revolutionen, Feuers­brünsten und Hungersnöten. Auf einem Bürgersteig stand ccn verkommener Lnnnnel und las unter dem wiehernden .Gelächter eine angebliche Rede des Kaisers WilhelmAn das deutsche Heer" vor, die von Unsinnigkeiten strotzte. Mit widerlichen Grimassen und schändlichen Randbemerkungen wurde jeder Satz begleitet, und aus denl grölenden Pu- blikunt hagelte es höhnische Zwischenrufe. Bei der Stelle Von Gott bin ich berufen, die andern Völker zu züchtigen", brach die edle Korona in ein tobendes Gelächter aus. Nicht wiederzugebende Schmähungen folgten.

Uuwürdigkeit, wohin man sah, Widerwärtigkeiten und Zynismen eines schlecht erzogenen Volkes!

Darüber der drückende Nebel, Londons berüchtigtes Wahrzeichen. Ganz krank kehrte Lotte and) diesmal zurück.

Am andern Tage berichtete Harry, was er auf den Straßen gehört und gesehen, ja gedruckt gelesen hatte.

Die Russen in Berlin!"

Das Schloß Sanssouci dem Erdboden gleichgemacht!"

Metz von den Franzosen erobert!"

Die Deutschen auf der Flucht aus Belgien!"

Die deutsche Flotte bei Helgoland vernichtet!"

Lotte bestürmte Herrn Porten, sie abreisen zu lassen. Sie sterbe vor Augst und Unruhe.

Er lehnte höflich und bestimmt ab.

Es wäre ein Verbrechen, mein Fräulein. Ich trage die Verantwortung Ihrem Herrn Bruder gegenüber. Sie können drüben doch nichts helfen."

Da fügte sie sich und wartete weiter ab.

Endlich fing der .Horizont an, hell zu werden. Die deutschen Siege waren unmöglich weiter zu verheimlichen. Der Fall Lüttichs, die Erstürmung Namurs durchdrang wie eiir Blitz die schwüle Atmosphäre. Was drüben deutsch war, atmete auf.

Mitte August kam Herr Porten früher als sonst nach Hause.

Rüsten Sie sich zur Abreise, mein Fräulein! 'Sie können mit einer guten holländischen Familie, treu wie Gold, nach Blissiugen."

Lotte wußte nicht, wie ihr war. Mit innigen Dankes­worten verabschiedete sie sich aus dem Hause, das ihr in der schwersten Zeit ihres Lebens eine sichere Burg gewesen war.

Aber Ruhe fand sie erst, als die.Reede von Blissingen in Sicht kam.

Hier bekam sie auch ein Bild von den wirklichen Ber- hältmssen. Ihr Jubel kannte keine Grenzen. Aber alles er­

fuhr sic selbst in dieser holländischen Stadt noch nicht. Denn Blissingen war mit den geflüchteten belgischen Frauen und Kindern überschwemmt. Wehe dem deutschen Wort! Die Wut dieser verelendeten, durch Kriegsnot, Brand und Hunger fast vertierten Weiber war grenzenlos und zu allem fähig.

Mit Mühe fand sie ihren Weg durch Holland und atmete wie nach einem schweren Traum auf, als sie wieder deutsche Soldaten und Beamte an der Grenze des Vaterlandes sah.

30. Kapitel.

Der Anhalter Bahnhof, aus dein Lotte nach dreitägiger iuühseliger Fahrt in Berliit ankam, war ein Bienensck)warm.

Ein Zug Lalidwehrleute fuhr eben mit brausendem Ge­sang unter dem Tücherschwenken nub Hurrarufen der dicht gedrängten Menge ab. Auf dein Bahnhofsplatz schrien die Zeitnngsverkäuser ihre Extrablätter aus. Die Armee des deutschen Kronprinzen hatte bei Lougwy einen heldenmüti- gen Sieg errungen. Ein Wagen war nicht zu bekonimen. Die kleine Tasche und den Sonnenschirm in den Händeir, lies; sich Lotte voll der Menschenflut die Wniggrätzer Straße entlang nach dem Potsdamer Platz treiben. Da herrschte ein lebensgefährliches Gedränge. Es war Sonntag abend und gaiiz Berlin wieder einmal, wie so oft in dieser Zeit, auf den Beiilen.

Als das junge Mädchen das so wohlbekannte Straßen- bild sah, drüben das Kaffee Josty, ivo sie mit Erich' und Ladenburgs oft gefeffeu, die kleinen Torhäuschen am Ein gang zum Leipziger Platz, alle Fronteil der Häuser mit zahl- iofeit Fahnen in allen Landesfarben bedeckt, brach zum erstenmal seit langen Wochen die rauhe Wirklichkeit über sie herein.

Allein, mutterseelenallein in der Heimat! Bis hier, bis heute war sie in einem Traum gegangen, wie eine Schlaf-, maublertu, die sich von ihrem Zustand keine Rechensck-afl zu geben vermag. Nur ein Gedanke hatte sie beherrscht; Fort! Weit weg in die Welt, wo dich niemand femit, Uw niemand mit Fingern ans dich zeigen hum!

Es war ein jähes Erwachen, als sie sich über den Platz in die Beltevnestraße drängte.

Wohin wollte sie eigentlich? Was hatte sie vor?, Sie wußte sich keine klare Antwort darauf zu geben. Es zu*ang sie mit stiller Gelvalt zum Bruder, aber Furcht und Scham hemmten ihren Schritt. Da kam ein leeres Automobil. Sie winkte es heran.

Nach Ehartottenburg. Technische Hochschule!"

Nicht locit davon lag das Ladenburgsclu' Haus und ihre Wohnung.

Sie fuhr m«t geschlossenen Augen.

Als sie ausstieg, lag es lpie Blei in den Fußen, ©tue Rotte Jungen kam entgegen, alle graue Feldmützen guss Täbel und Holzflinte in der Hand, etioas Mantelärtiges, zusammengerollt über dem Rücken. Wie kleine Soldaten, mit demselben Ernst im Gesicht. Man sah es ihnen an, daß sich ein jeder als ein lebendiges Stuck des Avoßeu ßZanzen flthlte, als ein durchaus notwendiges Glied tm Vaterland